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Und führe uns nicht in Versuchung

Wenn uns Gott begraben ist

Uns allen ist es schon ergangen: Aus einem normalen Leben der Absturz in Mühsal und Qual und Erschöpfung und schier endlos die Überforderung und der Schmerz und der Abfluss aller Kraft und völlige Ohnmacht. Und dann vergehende Zeit, Stille und langes Wachen, dann Schlafen und Abklingen und Morgengrauen, zwielichtige Dämmerung, Nachlassen von Schmerz und ein erster Gedanke, es könnte einmal noch ganz anders werden. Und dann so was wie abnehmende Last; du noch ganz gebeugt, noch voll das Gewicht auf dir drückend, aber dir geschieht Aufgerichtetwerden bei abgenommener Last. Und du trittst ins Freie.

Etty Hillesum, eine Holländerin, die in Auschwitz ermordet wurde, schrieb: “Es gibt in mir einen ganz tiefen Brunnen, und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar, aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen, dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.”

Gott, mir begraben - doch, das haben wir erfahren. Wo Lebensgetrostheit war, glühendes Lebenkönnen, ist jetzt nur Kälte und zitternde Angst. Stechender Schmerz brennt uns den Geist aus, und zerschlagen unter Gewalt werden wir in einen blinden Glauben gezwungen. Ganz Schmerz, werde ich reduziert auf ein Stück Natur, ohne das geringste Stück Freiheit, auch anders sein zu können. Hören und Sehen - vergangen, hoffnungslos, gedankenlos, blicklos; nur fixiert auf diese Gier, dass das aufhöre, sind wir entwürdigt zu einem ausgelieferten Stück Natur. Uns ist auch Gott geraubt. Du, ich, in Fels eingeschlossen. Dann muss mein Selbst und Gott mir wieder ausgegraben werden.

Die Bibel bewahrt zum Glück eine Fülle von Lichtblicken und Finsternissen des Zusammenseins mit Gott. Zeugnisse von Menschen, die den Himmel offen sahen, wechseln mit Klage und Geheul und Flüchen. Die Bibel lässt uns in diesen ganz tiefen Brunnen schauen, darin Gott ist, und bezeugt, wie Gott manchmal erreichbar ist für uns bedürftige und oft so dürftige Menschenkinder. Und dann geht uns die Sonne auf. Das Gutsein und das Gutwerden von Leben klingt jubelnd in Lieben und Danken und Friedenstiften. Jesus in Person ist der Glücksgriff Gottes nach dem Menschen, uns aufrichtend, herrichtend, versöhnend. Aber die Bibel beschreibt auch die Steine, das Geröll vor unserer Herzenstür, unseren Hochmut, unseren Argwohn, unser Wie-Gott-sein-Wollen und zeigt die Todesstreifen, die sich mitten durchs Leben ziehen, das Chaos der Leere und die Willkür der Tyrannen. Gott ist der unerschöpfliche Produzent von Sinn, aber die Sinnformen, die Gott schon gelingen - und jeder von uns ist eine Sinnform - , diese Sinnformen zerfallen durch Tod und Gewalt. Oft ist uns Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden.

Dass das Geheimnis der Welt sich uns auftut, Gott selbst den Stein von des Grabes Tür wälzt, ist in der Geschichte von Jesu Auferstehung wunderbar erzählt. Und in einer ganz anderen Geschichte, tausend Jahre älter schon, wird erzählt, wie Gott sich zu erkennen gibt dem, der im Leid Gott unter Felsen verloren hat (2.Mose 33,12-23):

Mose ist ausgelaugt von den Strapazen der Wüste. Die Israeliten sahen sich aus der Knechtschaft Ägyptens gerettet. Aber das gelobte Land kam und kam nicht. Statt dessen Wüste, Irrgang, Entbehrung. Nach den Gipfeln der Erlösung jetzt die Mühen der Ebenen. Der Jubel der Rettung ist vergessen. Ungeduld, Verzweiflung, Resignation belegen die Herzen. Gott, wo bist du, hast du uns aus der Sklaverei gerettet, um uns in der Wüste verschmachten zu lassen? murrt das Volk. In Ägypten hatten wir Fleischtöpfe und Knoblauch in Fülle. Aber hier? Hat uns Gott an diesen Un-Ort verführt? Und Mose, selbst schwankend zwischen Ohnmacht und Zorn, schleppt sich auf den Berg, wo er schon einmal Gott fand, und schreit: Herr, lass mich dein Angesicht schauen. Und er hört diese Stimme: Kein Mensch kann mich schauen von Angesicht zu Angesicht, aber siehe, hier ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Felsen stehen, und wenn meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir hersehen.

Mose in der Felskluft, als das Bild für alle Bedrängnis, alles Geröll, alle Mühsal, allen Schmerz, eng angepresst an die kalte Wand. Und Gott verschließt diese Höhlung noch. Die Verlassenheit ist total. Die Finsternis ist von Gott selbst produziert. Gott selbst ist es, der sich den Augen entzieht und doch auch der, der im finsteren Tal bei mir ist (Psalm 23). Doch in der Bedrängnis kann ich nicht mehr unterscheiden zwischen Fels und Hand, zwischen Situation und Gott. Dann ist das finstere Tal Gottes kalte Hand. Bis sich das finstere Tal weitet und mir neue Kräfte kommen und die dunkle Hand Gottes abgetan ist und ich Gott wieder sehen kann, aber nur im nachhinein. Eine Lichtspur zieht er hinter sich her, die Lichtspur des abklingenden Schmerzes, ein Versprechen neuer Gefühle, Verheißung von Freiheit. Hinterher, wenn der Brunnen wieder offen ist, kann uns aufgehen: Was uns die Augen zugehalten, zugedrückt, den Atem zum Stocken gebracht hat, war Gott selbst. An ihm leiden, nicht am Zufall, nicht an leerlaufender Natur, nicht mal letztlich an tyrannischen Menschen, sondern in Gottes Hand sein, auch wenn diese Hand uns kalt scheint wie Fels - das Unglück ist noch Schatten vom Licht. Jesus vor Augen haben meint ja nicht, sich mit einem frommen Abziehbild die Augen zukleben, sondern sich als ein Gerettetwerdender sehen, obwohl ich nichts sehen kann. Es bleibt nicht dunkel über uns, wir verlöschen nicht, sondern werden heimgesucht, werden noch daheim gesucht. Letztlich ist auch der Tod nur der lange Arm Gottes, der uns heimholt, der Tod als Tunnel aus finsterem Tal.

Es bleiben Fragen, Schreie, Zweifel. Warum Gott? Warum so? Aber dass wir nicht ins Leere fragen, das glauben wir dem Jesus nach, und es bleibt alles, was wir tun und erfahren, vorläufig, auch was wir an Gott und Sinn erfahren. Hänsel und Gretel bezeichnen mit Brotkrumen ihren Weg. Brotkrumen sind’s, Brotkrumen der Liebe, die wir uns geben können, Spalte von Licht, Anhauchungen von Wärme, Trostworte, Fetzen von Himmel. Noch schreit es in uns: Gott, lass uns dein Angesicht schauen. Doch mit den Worten der ersten Christen: “Es ist noch nicht offenbar, wer wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein.” (1.Johannes 3,2) Dann werden wir ihn sehen “von Angesicht zu Angesicht” (1.Korinther 13,12).

Bis dahin - tun, was wir müssen und können, dass eine Handbreit Zuversicht bei uns bleibt. Aber niemals denken, Gott teste mit dieser Zumutung unsere Liebe; solch eine gedankliche Verirrung macht Gott zur Fratze und stellt ihn sadistischen Vätern gleich, die ihren Kindern die Arme aufhalten und locken: Spring”, sie dann ins Leere fallen lassen, und wenn sie sich mit blutender Nasse aufrichten, sie belehren: “Merk dir: Man kann niemandem trauen.” (Gregor von Rezzori) Auch die Geschichte von Isaaks Opferung (1.Mose 22) möchte ich so lesen. Sie beschreibt eine Offenbarung: Von dem Gottesbild, das Menschenopfer, Kindesopfer, von Eltern verlangt, wird die Menschheit abgekettet und befreit zu dem Gott, der Zukunft will. Isaaks Opferung ist die Geschichte von der Ablösung des Menschenopfers durch das Tieropfer, das auch dann wieder abgelöst wird durch: “Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.” (Hosea 6,6)

Mose steigt wieder zu Tal, schwört Israel aufs Durchhalten ein. Und wir, wenn’s gewährt ist, gehen wieder an die Arbeit. - Dazu noch einmal die wunderbare Etty Hillesum: “Ich komme mir vor wie der Behälter für ein Stück kostbares Leben, für das ich die Verantwortung trage. Ich fühle mich verantwortlich für das große und schöne Lebensgefühl in mir, das ich durch diese Zeit hindurch unversehrt in eine bessere Zukunft hinübertragen muss, nur darauf kommt es an.”

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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