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Vater unser - vergib uns unsere Schuld

Diese Bitte ist so wichtig wie die ums tägliche Brot. Aber ich muss in dieses Begehren erst noch hineinwachsen. Noch lüge ich beim Beten, denke höchstens: “Entschuldige!” - wie wir das uns oft sagen, mehr höflich denn als lebensrettendes Begehren.

Wenn wir diese Bitte sprechen, erinnern wir uns wohl nur flüchtig einzelner Schwächen, unfairer Passagen, Lügen vielleicht, wenn’s hoch kommt, einer Situation der Scham in der letzten Woche. Aber schon weggehuscht ist sie, ich bin über sie hinweggehuscht; Nebel zieht durch meinen Kopf, als wollte ich’s selbst nicht merken.

Ich kann’s den Menschen nachfühlen, die Verräter wurden an die Stasi, überführt durch eine Verpflichtungserklärung, die sie vor zwanzig, dreißig Jahren unterschrieben haben, die aber erst jetzt auftauchte. Sie fallen aus allen Wolken. Sie tun nicht nur so; ihr Selbstbild war so normal, sie haben ihr Prestige, die Wohlanständigkeit, die ihnen immer nachgesagt wurde, für ihr Eigentliches genommen. Das Unrecht taten sie wie nebenbei, fast wie Schlafwandler. Und sie können es immer noch nicht glauben, dass sie die widerlichen Leute sind, von denen die Zeitung schreibt. Ich kann sie verstehen. Diesem Wissen “Ich bin ein mieser Typ” sich ausliefern, das verlangt kein Rechtsstaat. Ich muss nicht gegen mich aussagen, ja, das leuchtet mir ein. Haben denn die ein Recht auf meine Wahrheit, die mich verurteilen werden? Aber ich zumindest hätte ein Recht auf meine Wahrheit über mich. Doch wir gehen so ungern zum Arzt, wollen Erkenntnis hinauszögern. So wollen wir auch nicht wissen unsere Flut von Dunklem in uns. Denn wie sollten wir ihr begegnen, wie standhalten?

Wenn wir es gelernt hätten, geliebt zu sein, wie wir sind, auch mit der geballten Faust gegen Vater und Mutter, auch mit dem Gelüst, unsere Schwester, unseren Bruder umzubringen, mit der Gier, Sieger zu sein, und mit unserem Stolz: wenn wir gelernt hätten, Geliebte zu sein mit unserem Kuddelmuddel aus guttuenden und wehtuenden Gedanken und Taten, dann könnten wir Schuld zugeben. Aber die irdischen Götter unserer Kindheit waren nicht gütig: Ja, ich habe geklaut: ohne Essen ins Bett. - Du hast gelogen? Wir haben ein Recht auf Wahrheit! - Du hast dein kleines Schwesterchen vergessen? Jetzt vergessen wir dich auch mal, ab in den Keller!

Und wenn die Vormünder unserer Kindheit oder einer von ihnen gütig waren, waren sie schwach. Und fielen dem anderen nicht ins Wort, sondern schützten ihn und nicht uns. Und sie waren einander solidarisch verschworen; vielleicht gab einer ein verstecktes Zeichen, aber keinen Trost. Und der “liebe” Gott war uns genauso gespalten: Gott sieht alles! Er liebt nur gute Kinder! Wen Gott liebhart, den züchtigt er. Und Vater oder Mutter vollzogen Jüngstes Gericht.

Hat dich dann aber eine Geschichte vom guten Gott erreicht - durch wen auch immer, eine Oma oder Lehrerin -, von diesem Guten, der die neunundneunzig ordentlichen Schafe lässt, um das eine verlorene zu suchen, dann war er doch schwach und fand nicht dich; so schien es, und du weintest dich in den Schlaf, hofftest nur, ganz schnell einschlafen zu können, bevor das Licht ausging im Flur. Im zehn Minuten sollten wir eingeschlafen sein - was für eine Hilfe zum Einschlafen! Es war ein böses Spiel, und die es trieben, wussten nicht, was sie taten. Sie gaben nur die rigorose Erziehung weiter, die ihnen widerfahren war. Schreien lassen stärkt die Lungen. Ein echter Junge (früher: ein deutscher Junge), ein liebes Mädchen ... Das war bei mir ergänzt von einem handgebundenen Buch, das Vater aus dem Krieg schickte, mit biblischen Bildern: Vor Augen habe ich noch heute Adam und Eva, wie sie aus dem Paradies davonschleichen und ein Riesen-Engeldrachen davor, und das andere Bild: Jesus mit blutunterlaufenen Augen, darunter stand: Das tat ich für dich. Was tust du für mich?

Alte, vergangene Zeiten? Wohl nicht. Eben hat eine Ärztekommission verlangt, dass alle Leichname von Kindern, die starben, obduziert werden. Hundert Kindesmisshandlungen mit Todesfolge werden offenbar, aber Fachleute schätzen das Zehn- bis Zwanzigfache. 300.000 Kinder kommen pro Jahr in ärztliche Behandlung wegen schwerster zugefügter Schläge und Verletzungen.

Auch das Bild vom strafenden Gott ist noch ganz frisch da, nur in anderer Maske, im Fernsehen als blutige Monster, als Saurier im Kinderzimmer. Statt Gehorsamsdressur heute oft Verwahrlosung - auch das nur ein Kennzeichen: Die alten Zeiten sind noch frisch.

“Wem wenig vergeben wird, der liebt wenig”, sagt Jesus (Lukas 7,47). Wir wurden geschickter im Verstellen oder härter in der Abgrenzung oder perfekt im Verdrängen. Mir ist ein Erlebnis nahe geblieben bis heute: Ich nahm an einem Seminar in einer evangelischen Akademie teil. Die Gruppe versuchte, unter fachkundiger Leitung, Licht in unsere Gefühle zu bringen anhand von Träumen. In den ersten beiden Tagen folgte ich meinem Trieb, alles in ein besseres, hoffnungsvolleres Licht zu stellen. Ich ertrug es nicht, wenn Lähmung und Verzweiflung den Nächsten und die Gruppe überfiel. Und dann kam auf mich die Sprache: Warum das so sei? Und mir wurde klar, dass ich, Spezialist für positives Denken, nur Angst habe, Angst vor der Angst, ins Dunkle gezogen zu werden, mein eigenes Dunkles, Gewalttätiges anschauen zu müssen. Am dritten Tag dann konnte ich zuhören einer Lebensgeschichte voller Chaos und Zerstörung und Lebenskraft. Da waren auch dämmernde Knospen von Bewahrung vorhanden, und die spießte ich nicht auf durch Verstärkung, sondern hegte sie mit durch Stillhalten. Und ich dankte dem Menschen, der seine Geschichte erzählt hatte, und gestand ihm, ich hätte die zwei Stunden voller Schmerzen kaum ausgehalten, und er hält doch dies Leben schon fünfzig Jahre aus. Und ich entdeckte ein Stück meiner Schuld: Meine Lust auf Harmonie und schöne Gefühle - auch zum Preis, dass ich abschneide die Schmerzen, die Schreie, die Verzweiflung, vor allem bei anderen. Lieber Sportschau als die Tagesschau, aus Angst: Wer zu lang in den Abgrund blickt, in den kriecht der Abgrund.

Aber: im Abgrund wartet Gott. Im finsteren Tal ist er bei uns. Wenn unsere selbstgemachte Gerechtigkeit in Fetzen an uns herabhängt, wir ein Spott der Leute sind, zurückgeworfen auf nichts als grundlose Gnade, dann kann es sein, dass sie uns erreicht und dämmert. Wenn alle ärztlichen Prognosen auf Sterben hinlaufen, kann uns Behütetsein aufgehen. Wenn uns die Kinder in Grund und Boden verachten, dass sie uns fliehen bis in die Gosse, wenn all unser Dünkel krepiert ist, dann kann uns aufgehen die Bitte: Vater, Gott, vergib uns unsere Schuld. Aufleuchten kann diese Bitte uns wie der erste Sonnenstrahl nach Sintfluten.

Erst wenn uns das Entsetzen über uns erreicht, gibt es ein Weiter. So lange ziehen die Schleier der Illusion und Resignation und Kampflust durch unseren Kopf. Und ich muss mich abarbeiten oder äußeres Chaos verbreiten, damit ich mir das Innere überdecke, oder muss peinliche Ordnung herstellen, mir zur Illusion, als sei in mir Ordnung. Und ich muss rödeln und wühlen, scheinbar selbstlos und zensierend und mich empörend mir beweisen, dass ich lebe, oder muss mich fühlen durch Selbstvorwürfe und Schuldgefühle.

Aber Schuldgefühle können uns nicht vergeben werden. Nur Schuld kann uns vergeben werde. Also ist es Gnade, wenn das Kartenhaus meiner selbstinszenierten Wohlanständigkeit zusammenstürzt. Es ist der Anfang von etwas. Jedenfalls das Ende von Nichtigem, von dem, was Paulus die Früchte des Todes nennt (Römer 7,5). Aber Paulus sagt noch mehr: “Wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden, damit, wie Sünde geherrscht hat tödlich, so auch die Gnade herrsche, durch die uns von Gott zugefügte Gerechtmachung. Dies zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn.” (Römer 5,20-21)

Diese Worte sind theologische Juristensprache. Der bekehrte jüdische Gesetzeslehrer Paulus bringt die Heilstat Jesu auf den theoretischen Begriff. Und ganz mühevoll müssen wir entschlüsseln, müssen Tun und Ergehen des Jesus wieder uns vor Augen führen: Jesus, ans Kreuz geschlagen, zu Tode gefoltert, schreit sich in Gott hinein. Das Böse, das ihm widerfährt, vollzieht sich an Gott. Das Böse trennt nicht von Gott; Gott trennt sich nicht von uns Bösen, von uns Bösgemachten. Es ist nicht so, dass Gott seinen Sohn hingab an böse Mächte, sondern Gott gab sich hin in Gestalt seines Sohnes. Gott gibt sich hin in Gestalt der Leidenden dieser Erde an die Bösen, die böse gemacht worden sind, missbraucht zu Henkern, in Angst gejagt zu Pilatussen. Böse gemacht auch die Hannas und die Kaiphas, die Priester und Lehrer, in Schach gehalten durch die Einschüchterung, das Dichten und Trachten des Menschen sei böse von Jugend auf, also muss der Mensch durch Gesetze zum Guten gezwungen werden, muss Trotz gebrochen werden.

Aber was ist denn der Trotz - doch das Aufbäumen unserer Autonomie-Ahnung. Wir ahnten doch, ein eigener Mensch sein zu dürfen. Und was hatten wir Kraft, aufzustampfen - wenn wir da geliebt und beharrlich belehrt worden wären: Was du willst, das dir die andern tun, das tu auch. Das hätte gereicht. Das ist nach Jesus die Summe von Gesetz und Propheten (Matthäus 7,12). Wenn Eltern jetzt erziehen, wie sie gern erzogen worden wären, wenn wir jetzt unsere Kinder so sein lassen, wie wir gern hätten sein dürfen - doch, es gelingt manchmal manchen.

Vielleicht finden unsere Kinder und Enkel zu dem Gott des Jesus zurück, dem glühenden Liebhaber des Lebens, weil sie nicht zur Kirche gehen, weil sie keinen Religionsunterricht haben, weil noch so viel Verstockendes darin weitergegeben wird. Vielleicht finden sie in Botschaftern am Wege, in unerkannten Engeln, in Fingerzeigen ihrer Biografie den Gott, der liebend gern Schuld vergibt, der uns aus dem Staub unserer Verachtung erhebt, uns schön macht durch Verzeihen, uns krönt mit Gnade und Barmherzigkeit. - “Verleugnet euch, verlasst die Welt”, das ist so ein alter Satz aus dem Gesangbuch (256,1.2), den dürfen wir nicht mehr singen, “mit heiligem Tugendleben” - das Wort ist doch verdorben bis dorthinaus.

Gott kann uns erst retten, wenn wir uns nicht mehr schützen mit Arroganz, mit Prestige, mit Frömmigkeit, mit Talmi-Wohlanständigkeit. Mancher kann gerettet werden erst nach dem Tod. Gott vergibt, wenn wir ihn bitten,, wenn wir zulassen, uns als Schuldige zu sehen. Bis dahin müssen wir uns abmühen mit unseren Schuldgefühlen, müssen anderen Schuldgefühle einjagen. Und das Karussell der Überforderten, der kleinen und großen Tyrannen und Ausbeuter läuft schneller und schneller, bis wir hinweggeschleudert werden ins letzte heilende, richtende, herrichtende Gericht.

“Vergib uns unsere Schuld” ist nicht geschrieben an einen jenseitigen Richter, der fern über allem thront und Buch führt und zulässt und zulässt bis dorthinaus. Jesus sieht Gott ganz anders, und er steht mit seinem Leben bis zum Tod hin dafür ein, dass kein anderer mehr leidet als Gott selber. Er, das Weltgefühl und Weltgewissen, Vater/Mutter des Lebendigen, er trägt die Sünde der Welt, und jedes Kainszeichen ist an seine Stirn gezeichnet, und jeder Schlag gegen uns und andere trifft in sein eigenes Fleisch. Wie einer Mutter, wenn sie zuschauen muss, wie ihr Kind gequält wird, so geht es Gott permanent. Nicht Gott lässt leiden, sondern wir lassen Gott leiden, wenn wir den Glutkern Gottes, nämlich unser Selbst, unsere Seele, klein machen und ausdörren und martern in uns, in anderen.

“Vergib uns unsere Schuld” bitten wir den, der uns bittet: Lasst euch versöhnen mit mir (2.Korinther 5,20), der um uns anhält: Lasst die blutrünstigen Gottes- und Menschenbilder euch aus dem Herz nehmen. Und verkennt mich nicht weiter, und verkennt euch nicht weiter. Bittet um Vergebung und lebt, lebt wie zum ersten- und letzten Mal. Und dann kann uns Gnade widerfahren wie Petrus: Lange hatte er nichts gefischt, und dann schickt ihn Jesus los, und Petrus macht riesige Beute - das Boot voller Fische. Da stürzt Petrus vor Jesus nieder: Gehe hinweg von mir, ich bin ein sündiger Mensch. Und Jesus spricht: “Fürchte dich nicht, von nun an wirst du Menschen gewinnen.” (Lukas 5,10)

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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