L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0829823
Zurück

Unser tägliches Brot gib uns heute

Wovon sich unsere Seele nährt

Drei Erfahrungen will ich gern auf die Reihe bringen. Zwei haben mit Überforderung und Verschwendung und Verbrauch zu tun, die andere mit dem Gegenteil. Einmal das Auto; vielen, auch mir, lieb und wichtig. Dabei müsste das Auto durchschnittlich achtzigtausend Mark und der Liter Benzin etwa sieben Mark kosten, wenn wir Benutzer von Autos alle Schäden an Menschen und Natur, die wir anrichten, auch bezahlen würden. Wir, die Glieder der automobilen Gesellschaft, müssen von unserem unvernünftigen Umgang mit diesem so nützlichen Instrument wegkommen. Immer mehr Freiheit geht uns verloren durch dieses Instrument, das eigentlich zur Freiheit erfunden war.

Das andere Problem ist der Müll. Wir produzieren dermaßen viel Abfall und vergeuden Rohstoffe und Energien und Landschaft, dass wir wirklich Räuber zu nennen sind an den Schätzen des Lebens.

Und jetzt das Gegenbild: beglückende Stunden am Meer, die Sonne, das Glitzern und Rauschen der Wellen, die friedlichen Menschen zwischen Schauen und Schlafen, den körnigen Sand durch die Finger gleiten lassen, den Formen nachfühlen: War das eine versteinerte Schnecke mit diesen Riffelungen? Wie lange mag dieser Stein auf dem Meeresboden gerollt worden sein, bis ihn der Saugbagger vor Sylt auf den Strand geschleudert hat?

Diese Erfahrungen verschlingen sich ineinander. Es ist ein Gemenge, wie es, ähnlich oder anders gemischt, auch bei dir vorliegen mag. Hier Fülle, die erschöpft, und dort Leere, die erfüllt. Einerseits machen, tun, leisten, produzieren; Termine wahrnehmen, Pflichten erfüllen, gehorchen, Druck aushalten, versagen, überholt werden, Ehrgeiz, Begabungen, Verpflichtungen, Sorge, Fürsorge, Forderungen überlagern dich, wenn nicht jetzt, dann schon bald wieder. Und deine/meine Haltung ist Alarmbereitschaft. - Andererseits: schauen, fühlen, sich’s wohl sein lassen, zufrieden werden, spazieren, Musik, zeichnen im Sand, umarmen, danken. Deine Haltung ist gelöst, gelassen.

Vielleicht ist ja dieses Einerseits/Andererseits schon falsch. Entweder Arbeiten oder Schauen - ist schon dies Entweder/Oder künstlich?

Ich will über Pflichten und gelingendes Leben nachdenken, über erschöpfende Fülle und erfüllte Leere und suche in der Bibel Antwort in Richtung auf das rechte Maß. - Ich fand ein Gleichnis dazu, merkwürdigerweise als Haupttext zum Erntedankfest bekannt, vielleicht weil da von einem Kornbauer die Rede ist und von Ernte. Ich lese diesen Text am Erntedankfest nie. Aber für Tun und Lassen, für Arbeiten und Die-Seele-Finden könnte der Text uns was eröffnen: “Und Jesus sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun, ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle, und sprach: Das will ich tun, ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und all meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre, habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut. Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr, diese Nacht wird man deine Scheune von dir fordern, und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?” (Lukas 12,16-20)

Was ist des Kornbauers und vielleicht auch unsere Narrheit? - Er ist ja getrieben von der Logik der Besitzvermehrung. Ich habe viel Ernte, wohin sammle ich die Früchte? Und Geld ist gesammelte Ernte, die zeitgemäße Methode, Früchte zu bergen. Geld ist immer Frucht geleisteter Arbeit, nicht immer Arbeit dessen, der das Geld hat. Dass es hier bei dem Bauern aber rechtlich einwandfrei zugeht, daran zweifelt auch Jesus nicht. Kein Fluch über die Reichen, das Recht auf Eigentum ist unbestritten. Der Acker hat gut getragen, mehr Scheunen müssen her. Josef hat einst ja ganz Ägypten gerettet dadurch, dass er mehr Scheunen gebaut hat und Korn vorhielt für die Not. Dass er damit dem Pharao zur Leibeigenschaft über ganz Ägypten verhalf, schmälert nicht Josefs Gottesgnadentum.

Vorsorge für sich und andere treffen, gehört zur Würde des Menschen. Jesus lobt die klugen Jungfrauen, die sich einen Kanister Öl mitgenommen haben beim Warten auf den Bräutigam (Matthäus 25,1-13). Töricht waren die, die von der Hand in den Mund lebten; barsch wurden die abgewiesen, die sich zu schnell verließen auf die Hilfe anderer.

Auch Jesus hatte unter seinen Jüngern einen Kassenwart. Man soll die Mildtätigkeit anderer nicht überstrapazieren. Paulus betont wiederholt mit Stolz, dass er immer noch Teppichknüpfer sei, er will sich nicht vorwerfen lassen, dass er sich vom Predigen ernähre. Auch das Unternehmertum ist nicht fragwürdig, im Gegenteil; die Tagelöhner auf dem Markt, die niemand gedungen hat, sind arm dran, weil keiner ihnen Arbeit anvertraute.

Die Narrheit des Großbauern liegt nicht in seinen vielen Scheunen, glaube ich, sondern in seiner Meinung, er könne seine Seele, sich selbst also, stillen durch mehr Besitz. Ich kann mir diesen Bruder richtig vorstellen, wie er nachts aus dem Schlaf fährt, von bösen Träumen aufgeschreckt: Millionen Hungriger fallen in Deutschland ein und nagen an seinem Besitz. Zweihundert Milliarden Staatsschulden mehr in diesem Jahr nagen seine Werte mit an. Vielleicht auch träumt er noch, dass seine Frau sich scheiden lässt und ihm entführt, was ihr zusteht. Und die Kinder gehen nicht arbeiten. Und dann noch erscheint ihm im Traum sein alter Vater, der sagt: “Du darfst nicht nachlassen, du musst gut sein, du musst unabhängig sein, du darfst nicht der Willkür anderer ausgesetzt sein, du musst den Erfolg wollen.” Und angstgebadet fährt er im Schlaf auf und greift sich ans Herz und dann den Schlüssel vom Tresor, und dann guckt er, ob die Frau noch da ist und grübelt, wie er die Angstträume parieren kann: Das will ich tun, und das will ich tun: Ich will die Einlagen besser sichern und einen Teil aufs Nummernkonto bringen in der Schweiz. Vater hat sowieso immer gesagt: ein Drittel Aktien, ein Drittel bar, ein Drittel Gold, also bessere Vorsorge. Und jetzt, liebe Seele, jetzt gib Ruh’, und morgen iss und trink und habe guten Mut. Aber die Träume kommen wieder, und er schiebt nach und denkt noch mal nach über sichere Tresore und bessere Alarmanlagen und noch einige zusätzliche Tausender durch ganz legale Steuertricks. “Ach, liebe Seele, gib doch endlich Ruh’.”

Auch wenn du nicht Effekten stapelst und nicht Immobilien sammelst, hast du, hab ich Ehrgeiz und will viele mir gewogen machen. Du, Arzt, Ärztin, der/die du dich verausgabst an die Patienten, keinen Bauch mehr hast für dich selbst; und du, Bettenvermieterin, die du dein Herz an die Gäste hängst bis zur totalen Erschöpfung; und du, Politiker/Politikerin, der/die dich verzehrst fürs Gemeinwohl; und Kämpfer/Kämpferin für Wahrheit, du hast auch deine tausend ganz legalen Idealistentricks, um Anrecht zu häufen auf Ehre, Sinn, Wert, Würde, Achtung, Bewunderung - deine Drogen. Und je mehr unsere Ideale mit Bescheidenheit durchsetzt sind, umso wirksamer hintergehen wir unsere Seele.

Aber wem wird, was du angehäuft hast, gehören, wenn du tot umfällst? Was hat Besitz und Ehre mit dir zu tun, wenn du in Gottes Hand fällst? Dein Mietvertrag mit dem Leben ist täglich kündbar! Welche Seele kommt dann bei Gott an? Deine von Ehrgeiz und Bedeutenwollen geschwellte Seele? Vielleicht dann lieber eine Seele, die sich nackt und bloß sieht, weil alle Güter jetzt bei den lachenden Erben sind. Das letzte Hemd hat keine Taschen, weder für Kreditkarten noch für gute Werke, wir wissen es. Und weil wir es wissen, sind Berge oder das Meer ein Glück. Unser Innerstes atmet auf, wenn wir am Meer sitzen. Einmal unverwandt eine Stunde nichts tun, nichts machen, nichts produzieren, nichts ordnen, nichts ins Lot bringen, keine Beziehung knüpfen, sondern eine Stunde einfach da sein als Nutznießer und Zeuge der Güte Gottes.

Wir wissen innen, “es ist doch unser Tun umsonst auch in dem besten Leben” (EKG 195,2). Wir wissen innen, Gott hat uns doch auf seinem Experiment-Planet Erde ausgesetzt, um seine Güte, seine Freundlichkeit zu testen, inklusive unserer Begabung, auch uns selbst zu genießen und zu nützen mit unseren Fähigkeiten. Aber dass wir unser Leisten und Sammeln und Haben zur Seelennahrung machen, ist gegen unser Wesen. Beim Auto passen wir auf, der Sprit muss bleifrei sein, sonst ist der Katalysator hin, aber unsere Seele halten wir für Trödelware. Dies Organ für Gott stopfen wir aus mit Besitz und Beifall. Doch unsere Seele ist dabei gar nicht guten Mutes. Und so stopfen wir nach: noch mehr Haben, noch mehr Anerkennung. Wir verwandeln noch mehr zu Ware, scheffeln noch mehr Dankschreiben oder Scheine oder Antiquitäten. Aber die Seele - es könnte sein, dass sie auswandert, wegläuft, bis wir, wenn es glückt, sie wiederfinden am Strand oder in der Heide. Und da sitzt sie schmetterlingsgleich, setzt sich auf deine Augen, gefüllt von Schönheit, setzt sich auf deine Hände, die endlich beten, und bittet um Einlass.

Kein Entweder/Oder, arbeiten oder die Seele pflegen, haben oder sein; Fülle, die erschöpft, oder Leere, die erfüllt. Finden wir für uns das rechte Maß von Arbeit und Ruhe, das uns an Gottes Wirken teilhaben lässt. Finden wir unsere Arbeit, die uns und anderen gut tut, ob wir ein Küchenregal basteln oder einen Konzern, ob wir Töpfe effektiver stapeln oder Firmen effektiver zueinander ordnen. Der Unterschied ist nur der, dass, wenn ein Regal zusammenkracht, Töpfe kaputtgehen, wenn ein Konzern zusammenkracht, Menschen ins Leid gestürzt werden. Das ist keine Warnung vor vielen Scheunen, großen Konzernen, sondern gerade, im Gegenteil, Ermutigung zum verantwortlichen Bauen und Basteln. Und dass wir mit der Seele dabei sind und sie nicht ins Exil schicken. Wohl dem, der weiß, dass er Menschen zu effektiverer Arbeit verhilft und nicht nur Töpfe oder Autos effektiver produziert.

Der Großbauer baute Scheunen, wir bauen Vorratshäuser, Parkplätze. Die Illusion dabei liegt nahe, wir könnten damit unser Innerstes stillen. Unsere Seele rät etwas anderes. Sie rät: Nicht so viele Vorratshäuser errichten, sondern Vorräte verteilen, verschenken. Nicht so viele Parkplätze, sondern lieber Wege in Kauf nehmen. Fünfzig Prozent der Laufzeit der Autos in den Städten gehen für die Suche nach dem Parkplatz drauf. Es liegt nicht daran, dass wir zuwenig Parkplätze hätten, sondern dass wir mit zu vielen Autos fahren.

Unsere Seele will weniger Verpackung. Unsere Seele ist ja einverstanden mit Zugfahren. Sie will nicht gehetzt werden, sondern will sich mit uns unterhalten, sie will nicht betrogen sein durch den Verpackungsmüll, der uns täglich vorführt, wie dämlich wir sind. Unsere Seele will lieber denen in Not helfen, dass sie in ihrer Heimat ihr Auskommen haben, als sich hier gegen sie zu verbarrikadieren.

Das Närrische unserer Geldlogik ist, dass sie uns zu Dienern des Vermehrens macht: mehr Geld, mehr Sachen, mehr Anerkennung, mehr Fülle, die erschöpft. Unsere Seele aber nährt sich von der Leere, die erfüllt, vom Schauen der Wunder, vom Klang, von Düften, von Berührungen der Liebe, vom Danken. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort Gottes. Meinen wir, dass unsere Seele gern in uns wohnt?

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2022 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 7