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Unser tägliches Brot gib uns heute

Unser tägliches Brot ohne Neid gib uns

Die Geschichten des Jesus sprengen Denkschablonen auf. Und eine unserer gedanklichen Einbahnstraßen ist, dass Gott letztlich die Guten belohnen und die Bösen bestrafen wird. Haben wir dies Muster nötig? Muss Gutes noch ewig belohnt werden? Oder tun wir Gutes nicht deswegen, weil es Freude macht, weil es wunderbar ist, weil es gut ist? Und Böses, taten wir es etwa gern oder verzweifelt, verstockt, wie von Sinnen? Überhaupt Gute und Böse - diese Scheidung hat uns doch Jesus fragwürdig gemacht. Jedenfalls hat er uns verboten, jetzt Unkraut und Weizen zu trennen (Matthäus 13,24-30). Wer weiß denn, wer er ist vor Gottes Maß?

Keiner ist der ewigen Liebe Gottes von sich aus wert. Kein Sündigen zieht ewige Verdammnis nach sich. Zu groß dächten wir vom Wichtigsein unseres Tuns und zu klein von Gott. Hat Gott nicht Macht zu tun, was er will mit dem, was sein ist? Jesus erzählt dazu diese Geschichte:

“Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen, und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg, ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig dass Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter, gib ihnen den Lohn, und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen die, die um die elfte Stunde eingestellt worden waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen, aber auch sie empfingen jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber: Mein Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen. Nimm, was dein ist, und geh. Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir, oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will mit dem, was mein ist? Was siehst du scheel, weil ich so gütig bin?” (Matthäus 20,1-15)

Das ist mitten aus dem Leben gegriffen. Einen Silbergroschen, sagen wir: zwölf Mark, braucht jeder, um über den Tag zu kommen. Um sechs Uhr morgens, um zwölf, um fünfzehn, um siebzehn Uhr geht der Chef Leute suchen für seinen Weinberg. Um siebzehn Uhr, eine Stunde vor Feierabend, kriegt er die Leute für eine Mark pro Stunde. Aber am Ende gibt er allen gleichen Lohn, weil sie es ja brauchen. Die viel dafür schuften mussten, maulen. Wir verstehen sie gut, es ist nicht gerecht. Aber die anderen wären ja auch gern schon von früh an angestellt worden.

Werden die Kurzarbeiter mit dem vollen Lohn den Schwerarbeitern hämisch den Vogel zeigen: “Schön blöd, so lang zu schuften”? Schon möglich. Auch das ist menschlich: den Neid entfachen mit Angeben.

Gnade, Güte, Erbarmen war’s, aber es wird umgemünzt in eigene Cleverness. Wir haben auch bei den älteren Geschwistern geprotzt, dass wir schließlich doch das gleiche Taschengeld bekamen und damit den Vorteil der Großen zunichte machten. Doch vielleicht bedanken sich ja auch die kurz vor Feierabend eingestellten beim Chef und laden die Langarbeiter auf eine Runde ein? Schön wär’s!

Der Prunk ist der Neid. “Ja recht, ein Silbergroschen, war abgesprochen, aber ich wusste ja nicht, dass du so gütig bist.” - “Was hättest du sonst getan? Wärest du erst später gekommen? Mein Freund” - damit zieht der Chef diesen Arbeiter in eine gemeinsame Sache. Nicht nur: ich kann machen, was ich will mit dem Meinen. Sondern: “Mein Freund, haben wir nicht beide den dritten mit ernährt?”

Mit dem Himmelreich verhält es sich so, dass auch die Letzten noch Aufnahme finden. (Matthäus 20,16) Wir sehen es ein, es muss so sein, wenn es mit gottgerechten Dingen zugeht, wenn es zugeht mit Gott, wie ihn Jesus glaubte. Letztlich bekehrt Gott uns Neider und Protzer und wird uns herrichten für seine Freundschaft. Das Gericht als Herrichten, als Hergerichtetwerden zur Freundschaft, schimmert in Jesus auf. Aber wo beginnt das Himmelreich? Jesus will ja nicht von dem reden, was dermaleinst passiert, sondern was im wesentlichen jetzt anhebt, weil Gott es will. Himmelreich beginnt, wo wir schon ablassen können vom Neiden und Protzen.

Der Kern unseres Umgangs mit Geld und Arbeit ist doch, dass wir an unserem Verdienst unser Wichtigsein ablesen. Diese Gier, wichtig zu sein, hat mit dem Lebensunterhalt, bei uns jedenfalls, kaum noch was zu tun. Arbeit haben oder nicht, war früher und ist in den armen Ländern immer noch gleich mit Brot haben, Reis haben, Dach überm Kopf, nötige Kleidung, Schulbildung für die Kinder. Arbeit haben oder nicht, entscheidet nahezu über Leben und Tod. Und an den Rändern unserer Gesellschaft ist es wieder so, ist es immer noch so. Arbeitslos ein heißt: isoliert sein und möglicherweise bald wohnungslos sein.

Aber wo, wie bei uns, für den Lebensunterhalt gesorgt ist, wird es erst richtig spannend. Hier öffnet sich das weite Feld der Wichtigkeit: welches Auto, welche Wohnung, in welcher Gegend, Flüge wohin, Malediven oder Mallorca, Golf oder Surfen. Oder schöne Bücher oder Kunst oder volles Konto oder alles zusammen.

Ob eine Sekretärin 2000 Mark verdient oder 2200, das beschafft ihr noch fühlbar mehr Freiheit, vielleicht ein Zimmer mehr. Aber ob ein Chefarzt 28000 oder 30000 Mark verdient oder ein Vorstandsvorsitzender 200000 oder 300000, das bringt an Freiheit, an Lebensqualität keinen Zugewinn. Nur das Gefühl, mächtig und wichtig zu sein, wird gemästet. Geld steht da kaum noch im Verhältnis zum notwendigen Lebensunterhalt oder zur Leistung. Geld erscheint da in seiner Prachtfülle, nämlich als Leuchtstoff zum Prunken und Neiden: Die abgestuften Gehälter in den Firmen (inklusive Kirche), die Abteilungsleiter und Oberabteilungsleiter sitzen auf verschieden gepolsterten Sesseln. Das alles hat gar nichts mit Gesäßqualität zu tun, kaum auch etwas mit Arbeitsfülle. Sondern es hat zu tun mit Wichtiggelten: Wenn der das und das bekommt, dann steht mir das erst recht zu. Das bin ich mir selber schuldig. - Wir renommieren wirklich vor uns selbst.

Haben wir das nötig? Ist uns der Welthintergrund, ist uns Gott wirklich so feindlich? Fühlen wir uns so verloren, dass wir diesen Leuchtstoff Geld brauchen, um uns zu markieren? Im Gleichnis des Jesus sagt Gott zum Fordernden: “Mein Freund!” Das eröffnet Himmelreich: Wir müssen uns nicht mehr wichtig machen, sondern wir sind wichtig! Wichtig dadurch, dass Gott uns zu Freunden erklärt, zeitlich und ewig. Und damit am Horizont ein anderer Grund, mit Lust zu arbeiten. Arbeiten, nicht um mich nur zu ernähren, auch nicht, um mich wichtig zu machen, sondern arbeiten, weil ich darin wirklich werde und wichtig. Nicht ich muss mich wichtig machen, sondern ich darf an Wichtigem teilhaben; darf Nötiges besorgen, darf ernähren, kleiden, pflegen, anleiten, ordnen, hörbar, denkbar, fühlbar machen, Frieden bauen, Unrecht weniger werden lassen, Leckeres kochen, erfreuen. Andere darf ich spüren lassen, dass sie wichtig sind, und damit sie bestätigen als der Mühe wert. Und dies ist doch schon ein Stück Himmel? Dass du und ich im Weinberg Gottes, dem Leben, wirken können, mitbewirken können, dass statt Steinen Wein und Brot und Rosen wachsen, ist das nicht Reiz genug, früh aufzustehen und ranzugehen an die Arbeit? Gott arbeitet doch auch. Die ganze Zeit ist er damit beschäftigt, uns Menschen als Gefährten, als Kompagnons, als Genossen, als Mitarbeitende einzuspannen. Dazu hat er ja auch das Treibmittel Eigennutz erfunden. In Form von Lebenswille, Revierinstinkt, Lust auf Eigenes drängt uns das Geheimnis der Welt zur Tat. Aber das andere Treibmittel setzt uns doch auch in Gang: die Lust, an einer schönen Geschichte beteiligt zu sein, sie mitzuschreiben, mitzuwirken - sie bringt uns doch auf die Beine. Darum, wenn unser Lebensunterhalt gesichert ist, mit ziemlichem Spielraum, dann können wir auf Geldzuwachs verzichten zugunsten derer, die ums Überleben kämpfen, weil sie niemand einstellt.

Die Frage nach dem gerechten Lohn für die in Arbeit-Stehenden ist wichtig. Aber sie unterdrückt die viel dramatischere Frage: Wir kommen die Arbeitslosen bei uns und auf der ganzen Erde in Arbeit? Und wie ehren wir die, die unentgeltlich das Netz der Nächstenliebe knüpfen? Wo wir mit Geld die Menschenwürde messen, da zerreißen wir das Netz des Lebens. Mutterliebe, Freundschaft, Humanität, woher nehmen, wenn nur zählt, was zählbar ist? Wir sind doch darauf angewiesen, dass Liebe uns trägt und Würde uns zugesprochen wird. Gott, die Liebe, die Würde, die schmückt uns doch mit so viel Vermögen an Liebe und Würde, an Zuneigefähigkeit. Wenn wir nicht Lust hätten, davon abzugeben, wären wir fern von Glück und Ganzheit.

Die Arbeiter im Gleichnis, die früh am Morgen eingestellt wurden, die hatten gerade genug, um nicht an Geld denken zu müsse4n. Die konnten ihr Werk tun. Die fadst den ganzen Tag ohne Arbeit waren, mussten immer daran denken: Wie komme ich an das Geld für das Abendessen? - Wer war glücklicher dran? Wir haben hoffentlich gerade Geld genug, um nicht daran denken zu müssen, wie wir uns und unsere Angehörigen heute und morgen ernähren. Auch das ist ein Stück Himmel, da wir freigesprochen sind zur Arbeit, die getan werden muss, wir Glücklichen.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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