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Dein Wille geschehe

Manchmal ertappen wir uns beim Beten; erwischen uns, wie es in uns Zwiesprache hält bei alltäglichen Geschäften oder im Glück, im Schmerz. Wir hängen unsere Sorgen und Freuden Gott an. Das ist kein stummes Selbstgespräch. Du entdeckst, wie du redest im Wissen, es hört einer her. Und dein Innerstes spricht sich aus, nicht ins Leere, sondern zu einem anderen Innersten, zum Innersten der Welt hin, das ganz Ohr ist. Und ein fließendes Vertrauen geschieht dir. Du bist nicht allein. Du bist im Gespräch mit dem großen Du. “Dein Wille geschehe, bitte!” ist einer der Impulssätze unserer Seele. Dieser Satz begleitet uns, wie nachts auf der Autobahn die Pfähle aufleuchten und zurückbleiben und wiederkommen. Geheimnisvoll ist diese Bitte. Etwas Schwebendes ist darin, eine Melodie, mehr Lockruf als Triumphgeschrei, mehr Bitte als Behauptung. Dein Wille geschehe in der Welt; und auch durch mich.

Aber ist nicht schon die Welt, so wie sie jetzt ist, Gestalt von Gottes Willen? Bin nicht auch ich eine Schöpfung Gottes, also gewollt, auch mit meinem Durcheinanderwollen und Widerwillen? In diese Richtung, dass Gott zuständig ist für jede Regung, jedes Ding, zielt Jesu Wort: ”Kein Sperling fällt vom Dach ohne Gottes Willen.” (Matthäus 10,29) Aber das meint sicher nicht, es geschähe alles automatisch, Jesus ordnete die politische Macht, die oft missbrauchte, unter Gottes Willen ein, mit bezeichnendem Freiraum. Als Pilatus Jesus fragte: “Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich hinzurichten?”, antwortete er: “Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von Gott gegeben wäre” (Johannes 19,11), und fordert Pilatus geradezu heraus, zu merken, wie wichtig es ist, dass jetzt durch ihn Gottes Wille geschehe. Wenn der Lauf der Welt nur ein Abdruck des Riesenrades einer Schicksalsmaschine, wenn also alles, was ist, genau so gewollt wäre, dann brauchten wir nicht bitten: Dein Wille geschehe. Jesus, der uns diese Bitte aufgibt, klärt geradezu: Geschehen und Wille Gottes klaffen noch auseinander. Es passiert noch so viel an Jammer. Und Missetat schlägt Gott ins Angesicht, vor allem früher und zugefügter Tod. Paulus nennt einmal den sogar “den letzten Feind Gottes” (1.Korinther 15,26), der erst noch vernichtet werden muss, bis dass dann Gott sei “alles in allem”. Viel, zu viel passiert noch gegen seinen Willen. Ich verstehe Jesus, das Aushängeschild Gottes, so, dass die Weltgeschichte die Selbstverwirklichungsgeschichte Gottes ist. Das Geheimnis der Welt belichtet in den Generationen sein Bild. Nicht dass alle vorausgegangenen Generationen nur Wegwerf-Entwürfe gewesen wären, damit eine letzte Generation mal emporgezüchtet sei zu den wahren Edlen. Jedes Lebendige ist Gottes Versuch, darin seine Fülle zu gestalten, jede Generation ist ein neuer Wurf, jeder Keimling, jedes Kind ein neuer Schöpfungsakt. Die Natur ist wortgetreuer Wille Gottes. Die Natur fordert keinen Dank für sich, wenn sie Genuss gespendet hat. Sie dient, sie geschieht. Natur ist perfekter Gehorsam, so gemacht, dass sie sich selber macht, ist gestaltgewordene Liebe und Schönheit und Macht, die höchste Kunst des “Stirb und Werde”.

Aber wir Menschen - um unsertwillen müssen wir beten: Dein Wille geschehe. Denn wir sind doch zugleich liebste Kreation von Gottes Willen und offener Widerspruch, von Kain und Abel an. Im Menschen hat der Staub Feuer gefangen (Ernst Meister). Uns Lehmfladen ist Gewissen und Würde und Verantwortung eingehaucht, eine Gottesvorstellung eingepflanzt: Das Geheimnis der Welt ist verschwenderische Liebe und tätige Heilkraft und will uns zu seinen Spiegelbildern. Doch wir, wir wollen uns einen eigenen Namen machen, wir argwöhnen, ungerecht behandelt zu werden, sind “ein Haufen wechselnder Wünsche” (Ernst Bloch), Schilfrohre, über die das Schicksal hinweht - aber denkende (Blaise Pascal). Und weil wir denken können, müssen wir wollen, dass Gottes Wille geschehe, nicht der meine, deine, selbstsüchtige, habsüchtige, rachsüchtige, geltungssüchtige, vergnügungssüchtige, ich-zentrierte, bestenfalls gutgemeinte Wunsch.

Gottes Wille ist schon dabei, seinen Lauf zu nehmen. Es gibt dafür fast so etwas wie einen Beweis: “Wir wären so gern Egoisten und können es doch nicht sein.” (Simone Veil). Meine Habsucht wird durch deine abgeblockt, meine Rachsucht durch deine Wachsamkeit entschärft, meine Geltungssucht wird durch deine Unlust, benutzt zuwerden, gedämpft und meine Vergnügungssucht durch Geldverdienenmüssen in die Schranken gewiesen. Und wir müssen dem Leben nützen, sonst spuckt es uns aus und macht noch, dass wir uns selber verachten.

Ich kann mein Glück nur machen, wenn andere damit auch ihr Glück machen. Das geheimnisvolle Kräftespiel des Nehmens und Gebens ist doch ein Zeichen, das Gottes Wille am Geschehen ist. Es gibt keinen glücklichen Menschen, der viele unglücklich gemacht hat. Es gibt keinen Unglücklichen, der viele glücklich gemacht hat. Es ist ein Gesetz in dieses Leben eingeschrieben: “Selig die Friedfertigen, sie werden die Erde besitzen. Selig die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen.” (Matthäus 5,5.7) Das ist keine Automatik, aber eine Tendenz, die Pfeilrichtung des geschehenden Willen Gottes.

Jesus hat diese Richtung aufgedeckt. Wir können sie aber nicht von außen prüfen; mit unseren vorteilheischenden Augen können wir sie nicht ausspähen, in unsere geschäftstüchtigen Kalkulationen sie nicht einstellen und dann das Lager wechseln. Aber wer in Jesu Richtung sein Leben geht, wird im Gehen verwandelt und den Willen Gottes geschehen sehen und tun.

Dein Wille geschehe - dies bittend, knie ich mich in Gottes Welt hinein, dass mittels meiner Gutes geschehe. So viel Gutes geschieht trotz meiner selbst. Wir sind noch Nutznießer davon, dass schon so viel Wille Gottes geschieht. “Auch das persönliche Glück ist nur soweit in sich abgeschlossen, wie es ein Stein in einer Mauer oder ein Tropfen in einem Fluss ist, durch den die Kräfte und Spannungen des Ganzen gehen. Was ein Mensch selbst tut und empfindet, ist geringfügig im Vergleich mit allem, wovon er voraussetzen muss, dass es andere für ihn in ordentlicher Weise tun oder empfinden. Kein Mensch lebt nur sein eigenes Gleichgewicht, sondern jeder stützt sich auf das der Schichten, die ihn umfassen.” (Robert Musil) Sieh doch die Beute deines Lebens, wenn auch der Schlussstrich noch aussteht. Wie viel Geglücktes, wie viel Bewahrung und Gnade ist dir schon widerfahren. Was hast du schon alles geschenkt bekommen, wie viel Wille Gottes ist dir schon geschehen, einfach übergestülpt worden wie Sterntaler, Schürzen voll Glück!

Dass auch mittels deiner sein Wille geschehe, das erhoffe, erflehe, und manchmal erahnst du es doch auch: wer je ein Kind bewusst gezeugt, empfangen, geboren, erzogen hat, weiß doch: Wir dürften, könnten es nicht ohne die Hoffnung, dass auch mittels meiner sein Wille geschehe. Schlicht ist das von Jesus so gesagt: “Lasst euer Licht leuchten, damit die Menschen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.” (Matthäus 5,16)

Herrlich, wie Jesus behauptet, dass wir Menschen gute Taten geradewegs Gott zuschreiben. Und wenn uns Leid widerfährt, klagen wir Gott an; da ist die Automatik noch deutlicher. Aber auch wenn uns Gutes getan wird, entspringt in uns ein Dankgefühl, das nicht nur den Nächsten meint. Sondern dieser ganze gute Lebenszusammenhang geht uns auf als Sympathiegeflecht. Dass wir Weizenkörner verdauen und einander ergänzen können, sind nur zwei Stränge dieses Netzes des Willens Gottes. Es hält uns, wir müssen es mitknüpfen schon einfach dadurch, dass wir vorhanden sind als Fasern dieses Willens.

Aber auch das gehört zu dem Geheimnis unseres Menschseins: Wir müssen bitten darum, dass wir auch tun, was wir wollen müssen. Tiere tun automatisch, was sie müssen; da ist kein Wille. Wir tun nicht automatisch, was wir aus Freiheit und Notwendigkeit sollen. Ein schizophrener Zug liegt in uns. Paulus sagt es so: “Das Gute, das ich will, tue ich nicht, das Böse aber, das ich nicht will, tue ich.” (Römer 7,19)

Die Bitte “Dein Wille geschehe” zieht mich in meinem Gespaltensein in die Liebe Gottes. Du mütterlicher, väterlicher Lebensgrund kennst mich, dein widerspenstiges Menschenkind; deine Liebe erziehe mich, dass dein Wille geschehe, auch durch mich.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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