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Dein Reich komme

Er wird abwischen alle Tränen, Leid wird nicht mehr sein

Dem Seher Johannes kam dieses Bild: “Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr, und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut ihrem Mann. Und ich hörte eine mächtige Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe die Stätte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das Alte ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu.” (Offenbarung 21,1-4)

Wenn das wahr würde, wäre alles Vergangene und Gegenwärtige Vorspiel, Vorlauf, Probe, bestenfalls Vorgeschmack, Skizze, Übung für das Vollendete. Haben wir mit dieser Ahnung unsere Lieben begraben? Gehen wir so unserem eigenen Sterben entgegen? Dass nicht die erfüllten Wünsche das Wichtige sein werden, sondern was anfing und unvollendet blieb? Genau dieser Frage antwortet die Verheißung: Gott wird abwischen die Tränen, und der Tod wird nicht mehr sein. Ich will glauben, wir treiben wie Wasserflocken der Mündung zu. Sterben als Münden in die Fülle, so möchte ich es denken. Wir wissen nicht, was uns im Tod erwartet. Aber nur einen Totenschädel in die Höhe heben und tönen: “Das erwartet uns”, ist banal. Es ist so ähnlich als würden wir die abgelegte Hülle der Raupe anstarren, aber den Schmetterling sähen wir nicht.

Wer einen geliebten, einen nahestehenden Menschen bei seinem Sterben begleiten durfte, der hat wohl Zeichen empfangen von Abschied und Aufbruch. Manchmal die exakte Zeitangabe: In zwei Stunden wird es besser werden. Oder ein letztes Aufrichten mit Blick zum Fenster. Oder der Wink, doch bitte losgegeben sein zu wollen. Oder ein Friedenswort. Und wer beim Leichnam des Toten stand, hat hoffentlich einen Schimmer von Befreiung auf seinem Antlitz gefunden. Und hat doch auch gemerkt: Das, was aufgebahrt ist, ist nicht er. Er, der geliebte Mensch, ist fortgegangen. Der Leichnam macht den Eindruck einer abgelegten Kleidung: den “Reisesack des Lebens” (Robert Musil) braucht er nicht mehr. Wir wissen nicht, wo unsere Toten sind, wo wir sein werden; aber dass unsere Toten sind, dass sie auf eine ganz intensive Weise Sein haben, das wissen wir mit dem Herzen. Sie sind angekommen - und wir sind noch auf dem Weg. Sie sind am Ziel, und wir sind die Nachzügler, die Hinterbliebenen, die noch hinten, weit vom Ziel sich Mühenden, die noch arbeiten, sie selber zu werden, die noch Gutes tun müssen und ihr Quantum Böses auch. Die uns starben, scheinen uns gültiger sie selbst zu sein, als hätten sie ihre Ergänzung gefunden. Wir mussten sie lassen, so unabgefunden in ihren Wünschen, so unfertig, so bedürftig, wie wir selbst noch sind. Aber die uns vorausgingen, sind doch in Frieden eingehüllt. Fühlst du es nicht?

Wenn du es nicht fühlst, dann glaub’ es! Und lass es dir gesagt sein und gehorche dem Wort Jesu: “In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.” (Johannes 14,2) Ich jedenfalls will auch dem Wort des Sehers Johannes gehorchen, aus Vernunftüberlegung. Denn unsere Totenkopfbeweise sind doch nur lächerlich! Töricht ist diese Grenzziehung, dass ich nur bin, wenn ich mich nicht denken kann, ich nur bin, wenn ich meine Figur im Spiegel sehen kann. Du, ich, wir sind doch mehr, als wir von uns erfassen. Schon wenn ein Mensch im Chor singt, ist er augenblicklich viel, viel mehr, als wenn er allein zu Hause ein Liedchen trällert.

Wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde vorhat, dann kann er auch unsere Toten, seine Toten neu vorhaben, neu vor sich haben. Er wird mich, dich neu vor sich haben. Weil wir seine geliebten Geschöpfe sind, wird er uns nicht in der Vergangenheit stecken lassen. Wenn schon ein Kind seinen geliebten Hund immer bei sich haben will, wie viel mehr erst Gott seine geliebten Menschen, mit denen er solche Schwierigkeiten hatte. Er wird seine Gegenwart mit uns teilen. Vor Gott sein, das ist: in Liebe vollkommen gemacht werden. Mehr weiß ich nicht. Aber es genügt. Es sind keine Bilder nötig von Jerusalem, der hochgebauten Stadt, von Aufgereihten vor Gericht, keine Bilder von ewiger Umarmung. Wir mit unseren irdischen Maßstäben, die gerade zu Arbeiten und Essen taugen, sollten doch bescheidener werden und neugierig auf das ganz Andere. Das Bild von der Friedensstadt zeigt aber, dass Gott vollkommene Gemeinschaft vorhat, wo Austausch leicht gelingt und Freude, Ergänzen, Schönheit. Alles Gute ist dann ganz da; also auch Wege unter Bäumen, also auch Erde im Himmel, Mozarts Musik und kein Leid mehr, kein Geschrei, kein Tod, kein Töten, kein Verhungern, kein Verhungern-Lassen mehr.

Aber wenn dann, warum erst dann? Wenn dann vollkommen in Gott, warum erst hier wie auf Probe in kurzen oder langen Leben? Merkwürdig - Sterbende weinen nicht. Vielleicht weil sie heimkommen aus der Fremde, aus dem Exil? Paulus sagt einmal: “Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn ... Ich sehne mich, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre. Aber ich will noch am Leben bleiben ... Um noch Frucht zu schaffen, Freude im Glauben.” (Philipper 1,21-25) Das ist keine Antwort, warum Gott den Umweg, den Hinweg dieser irdischen Lebensart nimmt. Warum braucht denn Gott dieses mühselig beladene Lieben und Verunglücken, um das endgültige Zusammensein zu schaffen? Ich habe keine Antwort, aber dieses Wort des Paulus: Ich will noch bleiben, um Früchte der Freude zu besorgen, könnte mir als Streckensignal reichen. Wenn Freude gelingt, dann sind wir mehr als ich und du, dann sind wir nicht mehr isoliert, sondern angedockt an Gott, im Konvoi mit dem Ganzen, haben den Tod schon hinter uns. Das einsame Person-Zentrum, das so tat, als wäre es ich, ist schon aufgebrochen, ist vom Tod ins Leben getragen.

Leben wir mit Reisefieber, mit Anbruchelan, mit Aufbruchslust, und stiften wir, was auf Heilwerden hindeutet. Die Anfänge von Freude sind der Aufbruch des Ewigen, jetzt. Wie wir eine kleine Feder auflesen aus dem Schlamm und sie nicht wieder wegwerfen, so sind unsere Toten von Gott bewahrt und schön gemacht, gefunden für immer.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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