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Dein Reich komme

Vor uns Nennenswertes, Reich Gottes. Was könnte das sein?

Wir meinen immer, unsere Vergangenheit bestimme die Zukunft, die Erziehung unser Lebensglück; ich habe für die Rente eingezahlt, also kriege ich das und das. Aber “Dein Reich komme”, das weiß vom Gegenteil: Die Zukunft bestimmt die Gegenwart. Was wir werden, wird erst unser Wesen bestimmen. Eine Verwandlung ist angesagt, die bis zum letzten Anfang die Geschehnisse auf die Reihe bringt und endgültig gewichtet. - Was das Leben meiner, deiner Eltern bedeutet hat für sie, für mich, für dich, fürs Leben, gut, wir können ein Stückchen bedenken und auch werten, und wir sehen sicher Bruchstücke von Wahrheit, wie wir alte Fotos sehen. Sie waren glücklich und in Not und stark zu ihrer Zeit und schwach. Aber wer sie wirklich waren, wird sich zeigen. Es ist noch nicht ausgemacht, was wir sein werden. Die Geschichtsbücher müssen alle zwanzig Jahre umgeschrieben werden. Wird einmal die Wahrheit von allem offenbar sein, nicht nur einer letzten Generation, die das dann möglicherweise erlebt, sondern allem, was lebte, offenbart werden die Fülle?

Paulus sagt in einem Nebensatz: “Wenn der letzte Feind, der Tod, besiegt sein wird, dann wird Gott sein alles in allem.” (1.Korinther 15,28) Da deutet Paulus eine Ganzheit an, einen vollkommenen Baum, Gott alles in allem. Alles gelebte Leben als bleibend vorhanden, alles wird seinen Platz und seine Zugehörigkeit gefunden haben.

Ich höre jedenfalls in der Bitte “Dein Reich komme” zutiefst ein Versprechen , von Zukunft und glaube mich eingespannt in ein Erfülltwerden, ein Ganzwerden, für das ich keine Worte und keine Bilder habe, aber schon in einem Gedicht, einer Umarmung kann ein Hauch dieser Wahrheit mich erreichen. Wir haben keine Worte für diese Fülle aber diese Fülle hat mich. Zu uns gehört wohl ein “drive” nach vorn. “Nicht was ist, ist schon wahr, sondern was wird, ist wahr.” (Ernst Bloch) Ein Bewegtsein ist mit uns, das auch vom Prellbock Tod nicht aufgehalten wird.

Wer weiß, ob alles Sich-volldröhnen-Lassen der Jugend heute mit Powermusik nicht ein Protest ist gegen unsere Konsumwelt, die so tut, als hinge unser Glück von den endgültigen Turnschuhen ab. Die Randale, das Heroin, das Sich-zu-Tode-Trinken und Wegschlucken, ist’s nicht aus verzweifelter Gewissheit: “Diesseits bin ich gar nicht fassbar” (Paul Klee)? In dieser Raff- und Prestigegesellschaft ist mir nicht zu helfen! Wie viel Selbstmorde sind denn Flucht aus einer Gesellschaft, die die Träume den Spinnern zuweist.

“Dein Reich komme” lässt jedenfalls ausschauen nach Zukunft, die von Liebe gestaltet ist. So wäre das Leben Anfänge der Liebe. Auch die Abbrüche bleiben noch im Ganzen, wie die abgeschnittenen, verknoteten Fäden in einer Decke eingearbeitet bleiben. Jedes belebte und unbelebte Ding ist im Reich-Gottes-Programm ein Geschehen im Raum-Zeit-Liebe-Kontinuum. Und alle Zerstörungen, alles Leid, alles Tragische ist Schmerzpunkt innerhalb dieser liebenden Kraft. Wenn wir bitten: “Dein Reich komme”, dann hoffen wir, dass wir dem Reich des liebenden Willens nicht entfallen. Denn das Wesentliche jedes Existierenden ist, zum Reich der Liebe zu gehören. Der Lehrsatz der Physik: Nichts geht verloren, jede Kraft wird nur verwandelt, kann hoffentlich übersetzt werden: Nichts geht dem Reich Gottes verloren. Jedes und jeder ist vor allem auf Zukunft angelegt. “Dein Reich komme” bittend, rufe ich mich in diesen kommenden Zusammenhang hinein, glaube ich mich als Anwärter, als Teilhaber von Ewigem, als Filiale, als Energiequantum dieses Reiches der Liebe, das noch alles und ganz wird.

Wie, weiß ich nicht. Aber dass ich verwickelt bin und bleibe in die Geschichte Gottes, will ich glauben mit meinem Leben. Und dass diese Liebesgeschichte Vollendung finde in mir, trotz meiner Kläglichkeit - das bitten schafft Hoffnung und Elan, schafft auch, dass ich mich als Vorhut dieses Reiches Gottes manchmal wahrnehme und in Gebrauch nehmen lasse beim ökologischen Landbau oder wenn ich mich erbarme oder wenn ich Freundschaft anbiete oder ein Stück Unrecht mildere. Das Reich Gottes kommt wohl auch ohne unser Gebet von selbst - sagt Luther -, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme schon heute, in der Begegnung dieses Tages.

Die Gewissheit, dass wir zugehören zum guten Ganzen, diese Gewissheit komme zu dir und trage dich durch den Tag.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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