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Traugott Giesen Kolumne 01.11.1997 aus Hamburger Morgenpost

Nicht demütigen

Wir haben sofort abrufbereit die Bilder, da wir uns schämten. Ich werde wohl sechs Jahre alt gewesen sein, wir waren bei Bauersleuten einquartiert nach Kriegsende; Mutter und drei Kinder, sicher nicht sehr willkommen, aber der tägliche Topf Milch ist mir noch vor Augen. Ich durfte mit dem Sohn des Hauses aufs Feld, durfte mit auf dem Jauchefaß sitzen. Dann mußte einer den Hebel aufstemmen, da kein Draht vorhanden war. Der Bauernkerl schickte mich an die Arbeit, – ich stemmte mit aller Macht den Hebel hoch, und das faule Naß ergoß sich über den kleinen Kerl, der heulend zur Mutter lief.

Später mit der Geige weite Wege, gehänselt von sehr unmusikalischen Jungen; in der Schule manchen Spott kassiert; im Examen von oben herab behandelt; als junger Pastor in Berlin manchesmal von der Schwelle gewiesen: „Sie mein Pfarrer? Dat ik nich lache, bin mein eigener Pfarrer“, auch: „Kommen sie zur Feier mit, ist genug da, kommt auf einen Esser mehr nich an“; und Rede vorbereitet, sollte gut werden, dann kommt man bei der Tagung an: „Wir haben anders disponiert; sind sie nicht verständigt worden, na – nehmen sie es locker“; und am Grenzübergang damals an der Interzonengrenze, die schikanösen Kontrollen, nicht persönlich gemeint, und doch schmählich.

Und selbst? Erlittene Schmach bleibt frisch. Aber wen machte ich erbleichen, weil ich sein Familiengeheimnis nach außen kehre; wen bringe ich zum Weinen, indem ich ihn der Unfähigkeit überführe; „Lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe“, sagte mir mal ein Kollege, als ich ihn wohl in die Pfanne gehauen hatte.

Einen zwingen durch Belege zum Geständnis, – in die Enge getrieben, verliert er sein Gesicht. Was reizt zu demütigen? Man wird doch nicht erhoben indem man erniedrigt. Mies von dem reden, der bis vor kurzem der einzig Wahre war, will nur die eigene Mitschuld wegreden.

Wo Macht und Ohnmacht sich treffen, da lauert Gier zu demütigen, oft auch nur die Gedankenlosigkeit. Botho Strauß stellt die Szene nach im Restaurant, wo die Single-Dame an den Rand, Nähe Garderobe, plaziert wird „am Katzentisch der Paarwelt – gell: Sie passen auch ein wenig auf meinen Pelz auf.“

Herablassend, roh, blicklos, namenlos, kaltschnäuzig die Menschen von sich abstreifen – da ist die Seele schon sehr beschädigt. Vielleicht kann er sich nicht vorstellen, wie weh er tut, ist oder war selbst eine Schachfigur in anderer Leute Spiel? Aber jeder Mensch wurde schon geliebt, einfach so, eine Mutter, eine Oma hat ihn gemocht, egal wie er war. – Diesen Geschmack der Zärtlichkeit aufnehmen: Du mußt nicht mit Gewalt was erzwingen und es dabei kaputtmachen – du hast Gaben, die der andere gerne mag; du kannst einem gut sein, ihn sanft machen, du kannst ihn erfreuen. Überhaupt das Größte: Du machst, daß einer sich mag.


 



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