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Traugott Giesen Kolumne 27.09.1997 aus Hamburger Morgenpost

Zum Abgang von Herrn Voscherau

Er wollte mehr Stimmen, bekam sie nicht und sagt: „Danke, das war’s.“ Endlich einer, der sich seine Brötchen auch woanders zu verdienen getraut; der den klirrenden Staatsapparat sausen lassen, all die Zuarbeiter fast rücksichtslos stehen lassen kann; der die Lust an der Macht und die schmucken Repräsentationen abschüttelt; der keine Kamera ausließ, sagt, er kann auch ganz anders. Einer, der seinen Dienst getan hat und geht, ein kurzes Grummeln, einige Schuldzuweisungen leider auch – aber im Ganzen ein starker Abgang: Ich hab verstanden, ich scheine euch nicht mehr so dolle, okay – lassen wir andere ran.

Warum ist Loslassen so schwer? Der Gesellschaft auf Zeit helfen, einige ihrer Angelegenheiten anständig zu ordnen, und dann wieder seiner Wege gehen. – Eben nicht für den Einzigmöglichen sich halten; auch sich sagen lassen: So wichtig, wie du uns sein wolltest, erscheinst du uns nicht. – Das quittieren ohne größere Publikumsbeschimpfung, mit kurzem Schlucken – dann doch: „Einverstanden, so sind die Spielregeln“. – Dies sich beugen ohne Beleidigtsein, auch mit dem Schimmer von Befreitsein, mit einem Schuß Morgenröte, daß noch andere Freuden warten – sein von-Bord-Gehen hat einigen Stil.

„Zivilisation ist das, was den Alten gelingt, vor dem Angriff der jungen Idealisten zu retten“ (Gomez Davila). – Er hat Zivilisation auch für sich bewahrt – eine Art Noblesse mit sozialem Pflichtgefühl – und das Gespür, zu gehen wenn es Zeit ist.

Vielleicht hat er auch gespürt, daß Politik ständig dazu anstiftet, andern zu sagen, was sie anders zu machen haben, und er hat mal wieder Lust, in sich zu gehen – das wäre schön; auch wird er genießen, Menschenfreundlichkeit nicht mehr vortäuschen zu müssen wenn man lang schon bedient ist vom Tag.

Vielleicht aber ist sein Rücktritt auch Alarm, weil er Absprung ist von einem eigentlich unmöglichen Beruf. Klaus von Dohnanyi, sein Vorgänger im Amt, sagte: „Heute gleichen die Politiker Ruderern, deren Ruder gar nicht mehr ins Wasser reichen; die sitzen nur noch da und schwitzen und vollführen die vertrauten Bewegungen, aber das Schiff treibt ohne eigenen Antrieb in der Strömung“. Und er sagte auch: „In der Politik muß man Sachen schlucken, die ein anständiger Elbskipper einfach ausspucken würde“. Voscherau sah Kröten kommen, die er nicht wollte.

Allerdings – wenn nur jeder dritte Wähler ihn wählte, nur jeder vierte/fünfte Bürger ihn tatsächlich erkor, wie wenig Chancen haben andere Kandidaten seiner Partei? Er scheint doch ein Ausbund an Korrektheit, so gar nicht zu riskanten Experimenten bereit. Er hielt den Ball flach. Er würde niemals dummes Zeug machen mit geldwerten Vorteilen oder nach flottkurzer Zeit mit einer neuen Frau dienstlich auftreten. Von ihm würde man ohne Mißtrauen einen Gebrauchtwagen kaufen. Wenn er es nicht packte zu gewinnen, wird der Bruder von weiter südlich doch erbleichen.


 



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