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Predigt 18. Februar 1996

Keitumer Predigten Traugott Giesen 18. Februar 1996

Jochen Klepper: KG 452 "Er weckt mich alle Morgen"

Warum Sonntag, warum Kirche? Es muß etwas Lebenswichtiges zur Sprache kommen. Das mußt jetzt auch gelten denen, die nicht kommen, die noch schlafen, die jetzt streiten oder weinen oder voll Lust sind zu leben, unabhängig von Religionssorten: Es muß hier, jetzt, Nachricht aus der Mitte der Welt kommen, nötig, gültig, wahr, glaubwürdig, verständlich, nahrhaft, Brot des Lebens.

Wir haben es gesungen. Ja, laßt es uns nochmal vornehmen. Gott hält sich nicht verborgen. Er weckt mich alle Morgen, führt mir den Tag empor.

Wo der Sinnmacher des Lebens auch sonst noch ist, was die Lebenskraft auch sonst noch bewirkt, wo er auch dir, mir sonst fehlen mag, Gott ist der Täter dieses Tages, du, ich leben nur, mein Herz schlägt nur, weil er mich auferweckt hat, er führt uns diesen Tag empor; räum dir, mir den Tag ein.

Hast du heute morgen schon geweint vor zitterndem Dank, daß du da bist, hier, noch in deinem Körper, noch mit Zeit, dir gut zu sein und gut zu anderen? Ich auch nicht; aber nur, weil wir so begriffsstutzig sind, so mehr kohlköpfig als gottvoll begeistert, auch so leiblich empfinden, eh wir mal so richtig fröhlich, gut drauf sind, muß uns wer weiss was veranstaltet werden. Aber manchmal reicht auch ein kuschelwarmes Bett für dieses dankbare Wohlgefühl, gern man selbst zu sein. Doch dieses sich ins Bewußtsein erheben - du erlebst die Uraufführung dieses Wundertages - mit dir  als Hauptdarsteller. Gott führt dir diesen Tag zu, wie er uns einen jungen Hund zuführt; Gott weckt dich, bittet dich: nimm diesen Tag gut auf, nimm ihn in Schutz, nutz ihn, sieh ihn an als Offenbarung. Gott erscheint dir, mir in Gestalt dieses Tages. Er weckt mir selbst das Ohr:

Schmecken, Sehen, Riechen, Fühlen, alle Sinne höchstwichtig, um ich zu sein. Aber Hören, so scheint's, ist ein Extraschöpfungswerk. Statt schlaftrunken - hellhörig, statt Bohnen in den Ohren ein waches Köpfchen - du, ich angesprochen, gemeint, benötigt, um zu verstehen, was mit dem Tag, in dem Tag mit dir im Tag vorgeht, du von Gott ins Gespräch gezogen, er will mit dir reden, will, daß du mit ihm sprichst. Der Tag, Gottes Anrede an dich: wie du den Tag lebst, ist deine Antwort.

Der Tag ist nicht sprachlos, nicht stummes Ereignis der Natur. Er kommt dir, mir mit Gottes Wort, er kommt mit Widmung. Er kommt gezielt an mich, dich. Begrüße, segne diese Tag, heiß' ihn willkommen wie einen Freund, begrüße ihn mit Gottes Wort, als Gottes Wort an dich, micht. Schon an der Dämmerung Pforte ist er mir nah und spricht.

Der Schlaf ist nicht nur ein biologische Ereignis verminderten Stoffwechsels, - als Kind wollte ich gern, daß Licht bleibt beim Einschlafen, am liebsten sollte Mutter dableiben als Pfand fürs Wiederwachwerden. Es ist ja nicht ausgemacht, daß wir aus der Nacht wieder die Tür in den Tag finden. Das Wort "Morgengrauen" verwahrt noch das Zittern, ob nach langer Nacht die Sonne es wieder schafft, die Nacht, den Tod zu besiegen. Aber schon an der Dämmerung Pforte ist Gott nah wie die Mutter beim Einschlafen, ist Gott beim Erwachen da, mir Hebamme in den Tag. Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf.

Genauso grandios wunderbar, daß die Welt ins Dasein gerufen wurde, ist, daß du, ich gerufen wurdest, da zu sein. Wir alle, in düsteren Stunden meinen, entbehrlich zu sein hier. Wir ängsten uns, weggeblasen zu werden, weil wir nicht wichtig sind. Wie genau achten wir darauf, ob der oder die uns grüßen, als würde ihre Anerkennung unseren Wert retten. Was plagen wir uns um Anerkennung.

Da schwiegen Angst und Klage; nichts galt mehr als sein Ruf. Das Wort der ewigen Treue, die Gott uns Menschen schwört, erfahre ich aufs Neue, so wie ein Jünger hört. Er will, daß ich mich füge.

Gott ist mein, dein Freund, Ehre und Prestige - nimm davon, daß Gott dir treu ist, du sein Jünger, sein Anhänger, sein Freund bist. Schwer ist das. Alle Jünger sind dem Jesus weggelaufen, als es ihm schlecht ging, als alles so aussah, daß er ein Verlierer sei und auch Gott ihn verlassen habe, da wollten sie nicht doof dastehen und gingen wieder an ihre alten Berufe.

"Ich gehe nicht zurück, habe nur in ihm Genüge, in seinem Wort mein Glück."

Das spricht einer, der in Deutschlands dunkelster Zeit, sich auf Gott warf. Jochen Klepper, Theologe, aber von Beruf Schriftsteller: "Der Vater" - ein berühmtes Buch, auch "Der Kahn der fröhlichen Leute", auch Dichter anderer wichtiger Lieder im Gesangbuch. Er wurde 1933 aus der Arbeit beim Rundfunk entlassen. Seine Frau Henni war Jüdin von Herkunft. Hitler meinte in seiner Besessenheit, daß Menschen mit jüdischen Vorfahren nicht Deutsche seien. Hitler und die ihm mehr gehorchten als Gott, ermordeten alle Juden, derer sie habhaft wurden. Als der Termin zum Abtransport schon feststand, nahmen sich Jochen Klepper und seine Frau und deren Tochter Renate am 11. Dezember 1942 das Leben. Ihnen war das Glück geschrumpft auf seinen harten Kern, Gottes Wort, daß wir in ihm Genüge haben.

Die Menschenfreundlichkeit ist ja das Fruchtfleisch der Liebe Gottes. Aber die Menschenfreundlichkeit kann uns untergehen. Als die Mitmenschen ihm und seinen Lieben nur noch mörderisch entgegentraten, da warf sich Klepper auf seinen Glauben: Gott pur, ohne alles, Gott von allen Menschen entkeimt, ein großer, kahler Baum. Aber mit der Verheißung, noch ganz anders zu blühen. Von dem sagt Klepper: "Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur ihn vernehm. Gott löst mich aus den Banden, Gott macht mich ihm genehm."

Das ist Jochen Kleppers Weg gewesen. Uns sind zu unserer Zeit andere Wege gewiesen. Die ganze Welt habe sich gegen mich verschworen, das habe ich auch schon gedacht, als Kind ist man oft wie verloren gewesen - aber erwachsen geworden, meine ich das nicht mehr. Und doch sind da Augenblicke von Verlassensein, und so viele Schreie laut und stumm gellen an gegen Wände, gegen Menschen, die wie Stein sind, und gegen einen schweigenden Himmel. Da will ich dieses Versprechen von Jochen Klepper hören: Er löst mich aus den Banden, er macht eins mit mir und wenn ich auch erst das Sterben lernen muß.

"Er ist mir täglich nahe und spricht mich selbst gerecht."

Das meiste Unrecht tun wir uns ja selber an. Wir sprechen uns schlecht; weil wir uns für kleine Lichter halten, müssen wir andere auf noch kleinere Flamme drehen, oder uns in ihrem Licht sonnen. Jedenfalls brauchen wir das Geachtetsein, müssen wissen: das Leben mag uns. Der Herzkern des Lebens, Gott ist dir nahe, spricht dich für tauglich, du so zentral wichtig, daß er dir diesen Tag schafft, nimm ihn als für dich erfunden, entwickelt, bereitgestellt. Du, ich staune:

"Was ich von ihm empfange, gibt sonst kein Herr dem Knecht."

Ein schwieriges Bild: Herr-Knecht; Oben-unten; Befehlen-Gehorchen; Herrschen-Dienen. Arm-reich; noch verstärkt: Herr-Sklave. Das alte Bild wird benutzt, weil es genau auf den Kopf gestellt wird:

"Wie wohl hat's hier der Sklave, der Herr hält sich bereit, daß er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit." Mit Jesu Augen gesehen, an Jesu Mühen geschult, dient ja Gott uns. Er hat die meiste Mühe; da ist nichts mit Herr und Befehlen und Zwingen: eher ist doch Gott Knecht der Menschen.

"Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht, verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht."

Was ist denn Gottes Beruf, sein innerstes Anliegen: doch glücklich zu machen. Wir, die Kinder Gottes, haben doch die Gottesverwandtschaft im Blut, weil wir auch gerne glücklich machen wollen, bei allen Fehlern, Irrungen, Illusionen. Wenn schon wir, wenn auch nur in kleinem Format glücklich machen wollen - wie erst recht Gott selbst. Er will machen, daß dir, mir nichts fehlt.

Wenn wir dem Bösen verfallen, kann er Menschenwillkür nicht verhindern; er erleidet diese mit, ist dann wirklich Sklave, geschlagen in den tausend Geschlagenen, gedemütigt und doch: Sein Wort, sein Licht dir, mit Hülle: Von allen Seiten, Gott, umgibst du mich und hälst deine Hand über mir (Ps. 139,5). Das Licht auch dieses Morgen Gottes Hand, sein Wort: "Du bist mir recht", seine Hülle, sein Mantel sein Schutzschild dir, mir. Und du, ich, wir stehen auch für ihn gerade, daß er, was er verheißt, auch erfüllen kann. "Kinder Gottes" meint ja nicht ewige Säuglinge, sondern Helfer, Mitarbeiter, Mitanschaffer des Glückes.

"Will vollen Lohn zahlen, fragt nicht, ob ich versag."

Sein Lohn ist ja, daß wir mitwirken an seinem Beglücken; ob wir Pferde füttern oder Opa es erträglich machen, ob wir Arbeit geben, Wohnung, Anerkennung, Vertrauen, Freundschaft, ob wir die Liebe mehren - das alles ist doch Mitwirken an Gottes Werk. Und das ist sein Lohn, daß er uns jetzt und ewig teilnehmen läßt an Freude, egal, wie viel Versagen bei uns war.

"Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag."

Unser Glaube an sein Wort macht den Tag hell. Auf sein Wort hin sind wir seine Leuchtkörper, seine starken Arme, seine großen Augen, geduldigen Ohren, von ihm geöffnet. Amen.


 



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