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Predigt 19. Februar 2005

Keitumer Predigten Traugott Giesen 19. Februar 2005

Wieder noch einmal ran ans schöne, schwere Leben, wie Elia (1. Könige 19)

Eine Geschichte, zweitausendachthundert Jahre alt: Ein Mensch hat Übermenschliches geleistet und weiss keinen Sinn mehr. Elia, ein Genie des Glaubens, sieht die Gottesreligion schwinden, Strenge und Klarheit werden aufgeweicht. Der Gott des Bundes wird überholt von einem Schmusegott. Statt Recht und Vertrag für bestimmtes verantwortliches Tun bietet die Gottheit Baal Umarmungen und Tod. Dieser Lust- und Chaos-Herrscher ist anders als der Gott Israels und der Gott der Christenheit.

Die Christen haben Gott imer im Geschichtswirken erlebt, ihn aktiv gesehen in den Schicksalen, nicht so sehr in dem Rauschen der Bäume, sondern im Recht setzen. Gebote, Verheißung, Rechenschaft, Ethik, ist sein Metier, nicht so sehr Gefühle.

Andererseits ist ja "Lobe den Herrn" wirklich ein christliches Lied. Auch wir dürfen an Gott, den Schöpfer, mit aller Macht glauben. Nur: wenn wir immer nur singen "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer.." und nicht mehr singen "Ein feste Burg ist unser Gott...", dann könnte es sein, dass wieder ein Elia nötig wird.

Der Elia, der vor zweitausendachthundert Jahren auftauchte, machte einen großen Kirchentag mit einer großen Metzelei zusammen. Erst forderte er das Gottesurteil heraus, in der Mitte ein riesiges Rinderopfer auf dem Altar, und das war die Wetten-dass-Frage: wer bekommt sein Opfer angezündet durch Blitz vom Himmel? Die achthundertfünfzig Priester der ausländischen Prinzessin Isebel oder der eine, der einzige Elia? Das ist im ersten Buch der Könige, Kap. 18 fast schon karrikaturenhaft geschildert, wie die Priester den Altar verzückt umtanzen. Elia dagegen ganz gelassen dasteht wie Humphry Bogart an der Bar: er weiss sich auf der richtigen Seite. Und er hat auch Erfolg: Elias Opfer fängt Feuer vom Himmel, Elias Gott hat sich als lebendig erwiesen. Und die Falschmünzer der Religion, die heidnischen Priester werden umgebracht, alle hintereinander. Und es herrscht Ruhe im Lande.

Eigentlich hätte Elia triumphieren können. Auch die Drohung dieser Isebel, die jetzt natürlich beleidigt ist, weil ihre lieben Priester umgebracht worden sind, hätte ihm nicht viel ausmachen brauchen nach so einem mächtigen Zeugnis, dass Gott auf seiner Seite ist, könnt der Glaubensheld und Sieger im Kampf um die Wahrheit strahlen.

Aber 1. Könige 19,4: "Und er ging hin in die Wüste eine Tagesreise weit und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: "Es ist genug, nimm nun Herr, meine Seele, ich bin auch nicht besser als meine Väter und Mütter". Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder, um zu sterben.

Lebensmüdigkeit ergreift diesen Mann. Nie mehr aufstehen müssen, nicht mehr wach werden, ist sein Wunsch. Und wer schon mal aus einer Betäubung nach einer schweren Operation wieder sich ins Leben tastet und spürt beim langsamen Wachwerden die Nerven, wie sie weh tun und schmerzen, der erinnert die eigene Unschlüssigkeit, ja das stille Wünschen, doch wieder zurücksinken zu dürfen in dies Unbewußte. Wo Nichtmehrwachwerden Erlösung ist. Unsere Sehnsucht, nicht mehr zuständig zu sein, nicht mehr merken müssen, nicht mehr reagieren müssen, nicht mehr dies und dies bedenken sollen, stattdessen vergessen dürfen - mich vergessen dürfen, mich los sein dürfen, schlafen dürfen, sterben dürfen - das ist ein Traum.

Warum? Es strengt ihn an, zwar recht zu haben und bei der Wahrheit zu sein, aber die anderen leben auch prima. Und er kann sie nicht ändern; er kann sie höchstens stören. Und er fragt sich, warum soviel Unverstand und soviel Dummheit und soviel Irrwitz? Warum läßt Gott ganz andere Religionen und Denkmuster und Sprachmuster und Liebesmuster zu? Soll man doch intolerant sein? Er ist es doch auch?

Was ist das für eine Welt, die nur zu retten ist, indem man die Bösen tötet? Wahrheit, die über Leichen geht, um sich ins Recht zu setzen, ist doch nichts wert. Und ganz tief und einfach: kann es sein, dass Elia kapiert hat, "dass Gewalt und Sinnlosigkeit letztlich ein und dasselbe sind?" (Max Horkheimer). Darum doch sagt er: Ich bin nicht besser als meine Vorfahren. Man kann es auch klassisch sagen: "Ich sah alles Tun und Trachten unter der Sonne, und es war nichts anderes als nur eitel und Haschen nach Wind "(Prediger 1,14).

Warum wollen wir denn schon sterben? Oder brannte unser Lebenslicht immer leuchtend? Wenn einer von uns noch nie ans Sterben gedacht hat, dann lege er bitte die Hand auf seinen Mund und genieße diese Begabung, noch gezweifelt zu haben am Sinn seines Lebens. Oder er frage sich, ob er blind war.

Brüder und Schwestern: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist dein Glück" hat einmal Gottfried Benn wohl gesagt, und es kann sein, dass, wer noch nie am Sinn des Lebens gezweifelt hat, ein bißchen wenig weiss.

Wir haben uns das schon gefragt: Warum bin ich denn hier noch nötig, bin ich denn unverwechselbar in dem, was ich tue, ober ich letztlich eine Last fürs Leben? Bin ich überhaupt noch fähig zur Freude? Tiefe Abbrüche mögen diesen oder jenen getroffen haben, der jetzt bei uns ist, der fragt, warum soll ich denn überhaupt noch leben wenn so? Und dann kommt hinzu, dass man sich nicht gefällt, dass man ganz objektiv sagt, mein Leben ist banal, dass man sich nicht genug gewürdigt sieht z. B. als Künstler oder als Mutter oder als Verleger von Büchern oder als Lehrer. Und dann könnte man zynisch werden und sagen - so ähnlich Voltaire - Pfleg Freundschaften und deinen Garten oder lass es bleiben.

Es ist leicht, sich wegzuwünschen. "Und Elia legte sich hin und schlief unter dem Wacholder und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: "Steh auf und iß." Und er sah sich um und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder hin und schlief weiter. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: "Steh auf und iß, denn du hast einen weiten Weg vor dir; du sollst Gott treffen."

Ein Engel rührt Elia an. Der heißt ihn aufstehen, stärkt ihn mit Essen und Trinken, der schickt ihn auf einen Weg, Gott zu treffen. Ich will's jetzt einfach mal als Auftrag nehmen, dass du und ich, dass wir keinen gehen lassen, sondern uns an ihn hängen, wenn er wie ein Luftballon davonschweben will, uns an ihn hängen, ihm ein Stückchen Halt und Wurzel verschaffen, wenn ihn hier nichts mehr hält. Mit ihm essen und trinken, mit ihm ein Projekt machen, das verbürgt: du wirst Gott noch treffen.

Wichtig auch, für sich selber klar zu kriegen: wenn wir verzweifelt sind, laßt uns seine Luke auflassen für Engel. Sie können blonde Haare haben oder Glatze - laßt euch überraschen. Sie werden drei Sachen uns beibringen; der Engel wird dir flüstern:

1. Komm dir nicht verstoßen vor

2. Man muß die Notwendigkeiten lieben und pflegen lernen

3. Man muß das Starre, Unversöhnliche zu erweichen suchen. (Robert Walser, Jakob von Gunsten)

Komm dir nicht verstoßen vor! Du taugst was, du bist gut zum Leben, du bist nötig hier, jetzt. Du bist hier wichtig - im Rahmen deiner Gaben und Kräfte für dein Umfeld bist du ausreichend hilfreich. Und jetzt geh noch einmal los, spiel noch einmal Fangen - "Simon, geh noch einmal fischen" (Lukas 5). Geh noch einmal los auf den Weg. Komm dir nicht verstoßen vor. Du bist doch in einem guten Spiel. Du wirst dich nicht selbst aus dem Spiel katapultieren. Du hast noch nicht an allen Türen geklopft (sagt Rainer Kunze). Auch wenn du Wichtiges verloren hast, bist du nicht verstoßen von Gott, du, sein Einsatz im Spiel des Lebens.

Und zweitens: Man muß die Notwendigkeiten lieben und pflegen lernen, die Notwendigkeiten  - also Abschied von den Illusionen, von den Irrsinnsträumen. Man muß z. B. seinen Körper ordentlich behandeln und seiner Seele nicht dauernd Schrott zuführen. Also: man kann nicht den Fernseher als Babysitter für die Kinder nehmen; man kann auch nicht von Bildzeitung leben, ohne verrückt zu werden oder schwachsinnig. Unsere Seele hat ein Stück Recht auf Kultur. Notwendig ist, mein/dein Auskommen zu verdienen, indem man anderen nützt. Wieso sollen denn andere mir nützen, wenn ich ihnen nicht nütze? Das ist die harte Notwendigkeit des Lebens. Ich muß mich mühen, und ich muß mit Menschen pfleglich umgehen.

Drittens: Das Starre und Versöhnliche ein Stück aufweichen. Bittet, suchet, klopfet an, sagt Jesus (Matthäus 7,7). Es ist doch viel Liebe in der Welt. Wer sät sie? Wer pflückt sie? Wer müht sich, Mitmenschen versöhnlich zu stimmen? Es ist unbeschreiblich, wieviel Gnade vor Recht ergeht und wieviele nicht rausgeschmissen werden, weil die Kollegen einspringen und der Chef nochmal sich beknien läßt. Noch einmal reden, noch einmal beraten, noch einmal Kredit, noch einmal eine Wohnung besorgen, noch einmal...

Elia und wir werden auf einen Weg geschickt, Gott zu treffen unterwegs in den Mühen, in den Notwendigkeiten. Im Versöhnen, im Erweichen der Umstände, da treffen wir Gott. Wenn wir ein Lächeln entbinden, Dank, und ein Zwinkern, es noch einmal aufzunehmen zu wollen mit den Mühen - wenn einer wieder ißt und trinkt. Das ist "Gott afu dem Weg treffen" in Gestalt eines Bedürftigen oder Gestalt eines Vogels auf der Fensterbank, den man nicht enttäuschen darf - darum muß man noch da sein am nächsten Morgen.

Was Elia macht, ist seine Sache. Aber dass wir noch uns dem Leben immer wieder in die Arme werfen, und dass wir uns immer wieder erneut anrühren lassen, essen und trinken, unserem Leib Gutes tun, damit die Seele gern in  ihm wohnt (Therese v. Avila), das wollen wir versprechen. Und deiner Seele - gib ihr Evangelium, damit sie nicht verhungert unter den Plattheiten. Deine Seele wird Gott noch danken, dass er so wohl an dir tut. Amen.


Gebet:

Ach Gott, Du großes Wunder - alles andere kommt danach, ist Folge, ist Antwort, ist Ergebnis von Dir. Dein Atem, Dein Wort, Dein Wille geschehe in uns.

Wir danken Dir für Glücken und Anfang, danken Dir für neues Liebendürfen, neues Verstehen.

Wir bitten für Menschen in Traurigkeit, bitten für Erhellung und Erleuchtung, für Freundschaft und Nähe, danken für unendlich viele leib- und seelsorgerliche Nächstenliebe. Wir bitten für alle, die Engel sind, bitten für alle, die Engel brauchen. Amen.


 



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