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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   06.02.2000

Angst bestehen

Matthäus 14, 22-36: Viel Volk kam zu Jesus. Er redete mit ihnen und zu ihnen. Am Abend ging er auf einen Berg, um dort mit Gott allein zu sein. Seine Jünger waren mit dem Boot schon vorgefah-ren.
Und das Boot kam in Not, die Wellen gingen hoch; der Wind stand ihm entgegen.
Im Morgengrauen kam Jesus zu ihnen, gehend auf dem See.
Und als ihn die Jünger sahen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht.
Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!
Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.
Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.
Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir!
Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?
Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich.
Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
Und sie fuhren hinüber und kamen ans Land in Genezareth.
Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie Botschaft ringsum in das ganze Land und brachten alle Kranken zu ihm
und baten ihn, daß sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berühr-ten, wurden gesund.
Eine wunderbare Geschichte � und wir wissen, sie ist wahr; auch wenn wir sie jetzt zum ersten Mal gehört hätten, sie ist uns vertraut: Eine Geschichte von innen.
Das Meer als Bild für Alles, und wie es tobt. Ein Bild davon, daß einem der Boden weggezogen wird. Und ein Boot, das Schutz gibt, aber das zu eng werden kann. Und man bleibt in den Umstän-den, weil es draußen zu unsicher ist. Lieber das gewohnte Unglück weiter, das eingeübte, mit dem man irgendwie umgehen kann, als das unbekannte Glück, die Fremde, wo hinter jeder Ecke viele Richtungen lauern.
Aber da. Auf einmal steht es neben dir. Gott sieht dich an � du siehst in sein Antlitz, das überträgt dir Stärke. Du wirst angeschaut mit den Augen des Herzens, das ist der Christus, Licht Gottes, Schutzmantel, Madonna oder König, der dich von immer her zu kennen scheint.
Um dich ein Meer der Angst � du in brüchigem Schiffchen, besser als gar nichts, doch du kannst da nicht bleiben, du mußt raus � wohin? Jedenfalls aus dieser Verstrickung, Abhängigkeit, diesem Liebelossein, Familie oder Clique oder Connection oder die vielen Schichten der Pflichten. Welche Enge auch immer die Deine ist � sie schützt auch notdürftig vor dem Meer der Angst � das hält dich auch fest. Aber du mußt los, sonst wirst du immer leerer. Und du siehst dich gesehen, erkannt, gemeint. Du siehst dich verstanden, begleitet, wertgehalten, dich schaut Christus an, mittels eines Mitmenschen, Passanten, Helfer, Teilnehmenden � du siehst durch das Gegenüber hindurch dei-nen Retter.
Es scheint dir erst ein Gespenst zu sein. Du wischst dir die Augen � déjà-vu, da war doch mal wer. Der hat dich geschützt, wer war das bloß, und die konkreten Menschen fliegen durch dein Ge-dächtnis. � Eine Stimme schält sich raus, wird klarer und klarer: �Fürchte dich nicht!� sagt der �Ich bins, sei getrost.�
Jesus Christus ist dir als Hoffnung in die Seele gesät. Er gibt sich auch dir, dieser �Kapitän der Hinwendung zum Sinn� (H. Brodkey). Und er spricht zu dir wie damals zu Petrus: Komm!
Also das Vertraute, das Enge, das Falsche aufgeben und von Bord gehen? Aber da draußen das Chaos, die Angst, verlassen zu sein, keinem was wert. Da ruft der Christus: Komm. Du, Gottes Kind. Es spricht der Bürge deiner Würde: Komm. Laß deine schmale Sicherheit, tritt aus dem Boot der Abhängigkeit und Kungelei. � Was ist dein Boot, was ist deine Sicherheit, die dich eigentlich an deiner Bestimmung hindert? � faß das mal schärfer ins Auge später. �
Petrus tritt aus dem Schiff und kann gehen, er kann auf dem Ängstenden gehen. Solange er nach vorn schaut, seine Bestimmung anschaut, in dem Bild Christi seine Stärke glaubt, seine Gottes-kindschaft gespiegelt sieht � solange bleibt er oben.
Aber da verliert er den Blickkontakt zu Gott in Gestalt des Christus oder des engelhaften Nächsten � und er versinkt im Wust seiner Ängste, treibt wie ein Holzscheit im wilden Meer der nicht zu ord-nenden Elemente.
Das kann Ertrinken im Müssen, Müssen, Müssen sein. Im Geldvermehren-müssen � je mehr wir haben, desto mehr haben wir zu wenig � oder im Lustgewinnen-müssen oder im Unabhängigsein-müssen oder im Gebrauchtsein-müssen. Oder ist dein Ertrinken eher ein Verachten, Herrschen, Gehässigsein, oder Ertrinken in Erschöpfung, gleichgültig gegenüber dem Göttlichen, fühllos für die Beseeltheit und Feierlichkeit des Lebendigen, Ertrinken auch in Neurosen, die davon kommen, daß du edler sein willst, als es deine Konstitution gestattet? � doch das muß jeder bei sich selbst erkunden, welche Angst ihm zu schaffen macht. �
Als er den starken Wind sah, als er sein Alleinsein sah, als er seine Schuld sah, als er seinen Man-gel sah � als ihm was überlebensgroß wurde, wäre beinahe Jesus ihm verlorengegangen und er wäre versunken. Aber er schreit, er betet, er ruft: Herr, sei mit mir, Christus erbarme dich. Da streckt Christus zu ihm die Hand aus. Und Petrus findet Halt, hat Halt, kann auf dem Ängstenden das Gehen lernen und das Meer wird ruhig.
Haben unsere Ängste nicht alle zu tun mit Tod? Daß wir unser Leben zum ersten Mal unwiderruf-lich als begrenztes zu fühlen beginnen? �Die individuellen Ängste sind allesamt durch verborgene Entsprechungen an die wesentliche Todesangst gebunden� (Cioran). Auch das Alleinsein kann sein Bedrohliches entwickeln, wenn es mit Todesahnungen begleitet ist.
Aber, wir haben doch den starken Arm Gottes oder Christi gespürt � dies Lebendürfen, noch im-mer, noch einmal, dies Gerettetsein ist uns doch widerfahren. Du hast es erlebt, du jedenfalls � ja, eines andern Tod hast du erlitten. Aber glaub bitte, daß sein Sterben ihm Rettung, Heilung Vollen-dung beschaffte.
Du durftest noch wieder leben. Und jetzt, statt: �Das werde ich nie vergessen� sag doch: �Das wer-de ich DIR, Gott, nie vergessen.� Religiosität läßt sich nach Peter Handtke wie folgend kurzfassen: Statt: �Das werde ich nie vergessen� sag: �Das werde ich DIR nie vergessen�.
Auch das andere Bild ist ja ein Schatz: �Und das Volk wollte eine Quaste von Jesu Kleid berühren." �
Eine Scheibe von Jesu Graubrot-Glauben, eine Scheibe uns davon abschneiden können � und die Angst würde uns nicht ertränken. Ich will das für mich, dich für wirklich halten: Du, ich, wir haben eine Scheibe von Jesu Graubrot-Glauben. Darum kommen wir durch und werden noch ein paar anderen helfen auch durchzukommen. Und werden nicht meinen, wir wären festgebacken an die Umstände. Wir haben das Recht, das Wirkliche in Bewegung zu sehen. Wir dürfen die Umstände uns angemessen einrichten, und wenn die sperrig sind, werden wir uns fügen; wir wollen Dünkel loswerden, wollen das Leben mit Elan umarmen.
Eine Scheibe von Jesu Glauben ist dein Wissen, daß ein Körnchen gotthaltige Seele in dir ist und im Nächsten auch � halt dich nicht für böse, denunzier dich nicht. Du bist, sagt mal Paulus, ein Brief Christi, ein Empfehlungsschreiben, daß Leben doch der Mühe wert ist.
Der Mühe Gottes bist auch du wert. Wisse: Gott ist beschäftigt mit dir, als seist du seine einzige Sorge � na, kein Dünkel, aber schlimmer noch ist diese Selbstverachtung, mit der wir andere noch füttern . Was können dir Menschen tun? Verlänger nicht die Ehrabschneidungen aus deiner Kind-heit, die Zurücksetzungen in deiner Jugend. Wieviel Angst beschädigt dich, nicht zu taugen, nicht zu bestehen, nicht gemocht zu werden, schuldig, immer schuldig zu sein.
Ja wenn Gottes Angesicht dem Steinernen Buddha abzuschauen wäre. C. Nooteboom erzählt aus Japan: �Man braucht nur eine Stunde vor dem großen Buddha im Todaiji-Tempel zu stehen, und das Lachen vergeht einem fast für immer. Er lacht übrigens auch nicht, zumindest habe ich diesen Eindruck. Er erschlägt mich, er verzwergt jeden mit seiner Höhe von über 16 Metern, seinem drei Meter breiten Gesicht, seiner ehrfurchtgebietenden Hand, die beschwört oder abwehrt � dieser göttliche Hagiosaurus.�
Aber Jesus als Gottes Paßbild gebietet dir: Liebe dich und deinen Nächsten. Jesus will uns glück-lich. Darum, was an dir ist, besorg dir und deiner nächsten Umgebung glückliche Umstände, jeden-falls Umstände, die die Angst lindern � dir einen Menschen, der dir die Hand in Angst hinhält; halt einem in Angst die Hand hin. Amen.
 


 




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