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Predigt über Lukas 7,35-50

Keitumer Predigten Traugott Giesen  

Wir dürfen noch an unserem Drehbuch schreiben

Lukas 7, 36-50

Mensch sein ist schön. Es ist die immerwährende Einladung, heil zu werden. Wir sind nicht fertig, nicht nur Typen, denen die Masken ausgewachsen sind. Wir sind keine Statisten in einem großen Welttheater, die bewußtlos ihre Rollen abspulen müssen. Wir haben Spielraum, mitzubestimmen, wer wir sein wollen. Wir müssen nicht bleiben, wie wir sind.

Sicher ist vieles vorgegeben: Geschlecht, Alter, Zeitgenossenschaft, Familie, Nation. Zugefügt sind mir Erbanlagen und auch Erziehung, die mich geprägt hat. Entscheidungen, deren Auswirkungen ich nicht übersah, legen mich auf Gleise: dieser Beruf, diese Ehe, Kinder, diese Kinder. Vieles ist vorgegeben. Das Stück, die unendliche Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung, bestimmen wir nicht. Aber das Drehbuch für meine Person darf ich mitschreiben. Im vorgegebenen Rahmen bleibt Spielraum, ich selbst zu werden. Wichtig ist, dass ich Menschen finde, die mir dabei helfen. Und ich kenne keinen Menschen, der mehr zum Personwerden hilft als Jesus und die, die von ihm gelernt haben.

Jesus bringt zwei zu sich selbst

Lukas hat eine Geschichte aufgeschrieben, die uns dabeisein läßt, wie Jesus zweien beim Menschwerden hilft. Er sieht sie mit Gottes Augen, könnte man sagen, mit liebenden Augen, nicht mit verliebten Augen, die oft blind, nicht mit habgierigen, die nur klein machen. Jesus sieht, was im anderen steckt, bevor er's selbst gewahr wird. In beiden Menschen stecken die, die sie werden können und wollen. Jesus hilft ihnen aus sich heraus zu ihrem wahren Ich.

"Jesu Salbung durch die Sünderin

36Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. a 37Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, daß er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, bbrachte sie ein Glas mit Salböl 38und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küßte seine Füße und salbte sie mit Salböl.

39Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. 40Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! 41Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. 42Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? 43Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. 44Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; adu hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. 45Du bhast mir keinen Kuß gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. 46Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. 47Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.

48Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. 49Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, ader auch die Sünden vergibt? 50Er aber sprach zu der Frau: bDein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden! "

Langsame Heimkehr

Simon, der Gastgeber, bringt dem Städtchen die biblischen Gebote bei und achtet darauf, dass sie gehalten werden. Mit anderen Pharisäern hatte Jesus schlechte Erfahrungen gemacht. Sie nannten ihn einen Fresser und Weinsäufer, einen Freund der Sünder. Jesus hätte bei Simons Einladung argwöhnen können: Der will mich vielleicht einer Gesetzlosigkeit überführen - sei auf der Hut und geh erst gar nicht hin. Aber er geht zu ihm und überführt ihn zu einem anderen Leben.

Eine Frau kommt ihm dazu gerade recht, eine  mit zweifelhaftem Ruf und zwielichtigem Beruf. Sie tritt von hinten an Jesus heran, kniet sich zu seinen Füßen nieder, weint, redet nicht, weint nur. Dann trocknet sie mit ihren Haaren seine Füße, küßt und salbt sie. Hinreißend ist diese lange Szene ohne Worte. Jesus sprach derweil mit anderen rechts und links. Er ließ die Frau gewähren, ließ ihr ihre eigene Geschichte. Er sah, dass sie für sich etwas klärte, ja, dass sie mit Gott sprach, während sie Jesus Gutes tat. Das sah Simon nicht. Er sieht, was er immer sah: die stadtbekannte Hure, die sich an Jesus heranmacht. Und das muß, meint Simon, Jesus doch auch sehen. Wenn er ein Prophet ist, muß er sie wegschicken.

Selbstachtung kann in langer Zermürbung verlorengehen

Für Simon ist klar, wer sie ist. Sie ist, was ihr Ruf ist: Sie tut Sünde, also ist sie eine Sünderin. Ihre Rolle ist ihr Tun. Ihr Tun ist ihr Ruf, ihr Ruf ist ihr Wesen. Sie ist, was man von ihr hält. Dieses Urteil kriecht in die Verurteilte, die die Meinung der anderen über sich selbst annimmt. Der schlechte Ruf bleibt nicht draussen oder in den Kleidern stecken. Unser Ruf klebt ja an uns wie ein Geruch. Wir selbst finden uns schäbig und schlecht, wenn alle uns für schlecht halten - es sei denn, dass einer zu mir hält und mich in meinem besseren Wissen von mir selbst schützt.

Tief in uns das Flehen um Vergebung

Als die Frau vernahm, dass Jesus in des Pharisäers Haus zu Tisch saß, eilt sie zu ihm; denn sie hatte gehört, dass er tiefer sehen kann, so tief wie Gott. Bei und mit ihm würde sie ihr Ich wiederfinden. Und Jesus, der nichts für sich selbst will, kann sich alles geschehen lassen: die Berührungen und die Tränenwäsche, er kann die Haare fühlen und die Küsse gutheißen. Er nimmt sie bei ihrem Innersten und läßt sich die Zeichen ihres Liebens gefallen, obwohl sie verfänglich scheinen. Jesus nimmt die Zuneigung an und ist ihr darin ein "Brief Gottes" (2. Kor. 3,2): ein Zeichen, dass Gott ihr vergibt.

Später sagt Jesus zu ihr: "Dein Glaube hat dir geholfen, dir sind deine Sünden vergeben". Obwohl sie die Bitte nicht ausgesprochen hatte, sah Jesus ihrer Zuneigung auf den Grund und ahnt ihr Verlangen, Liebe nicht mehr zu heucheln. Er sieht sie mit Gott reden: "Gott du hast mich lieb. Aber ich habe soviel gelogen; die Männer dachten, ich liebte sie, dabei wollte ich nur ihr Geld. Ich will nicht mehr Liebe heucheln, nicht mehr lügen zu meinen Gunsten. Ich will dir glauben, dass du mir vergibst und mich stark machst, anders zu leben." Und sie nimmt Jesus als Verbündeten, an dem sie den Kreislauf von Vergebung, Empfangen und Lieben erprobt. Und er hält sich hin und sagt: "Dein Glaube hat dir geholfen!"

Liebenswert, weil der Liebe bedürftig

Der schwierigere Kandidat aber ist Simon, der in seiner Selbstzufriedenheit wie versteinert ist. Er schwimmt wie ein Korken im Wohlgefallen der Gesellschaft, führt sein Leben vorbildlich und ist niemals so schuldig geworden, dass ihm einer etwas nachsagen konnte. Er weiß, wer die Guten und wer die Verachtenswerten sind. Er benennt sie in seiner Umgebung, und die anderen hören auf ihn.

Wenn es Jesus gelänge, Simon mit dem tieferen Blick anzustecken, wenn Simon den Schmerz und die Liebe der Frau wahrnähme, würde er selbst ein anderer. Jesus muss seine Zufriedenheit mit sich aufbrechen, und er tut das mit einer atemberaubenden Behauptung: "Eigentlich liebst du wenig, Simon. Aber das ist kein Wunder; denn wem wenig vergeben ist, der liebt wenig!" Klar ist für Simon auch, dass Gott und den Nächsten lieben das höchste Gebot ist. Wenig lieben wäre sträflich.

Liebt Simon wenig? Kühn dreht Jesus die Taten der Frau in ein anderes Licht und vergleicht sie mit Simons mageren Gesten der Höflichkeit. Simon kann nicht widersprechen; denn sie hat mehr Liebe als er gezeigt. Warum sie das getan hat, sagt Jesus auch: "Weil ihr viel vergeben ist, hat sie viel Liebe." Simon aber wird wenig vergeben, weil er meint: Vergebung brauche ich nicht. Gott achtet mich; denn ich tue recht, und zwar mehr, als gefordert wird; ich bin nichts schuldig geblieben.

Ein Zwiegespräch, das an die Seele rührt

"Willst du, dass Gott dich achtet? Willst du nicht auch, dass er dich liebt?" "Er soll mich lieben um meines Gehorsams willen!" "Du meinst, du hast ein Recht auf seine Liebe?" "Ja, das meine ich." Die Frau aber weiss, wieviel sie schuldig bleibt, weshalb sie bei soviel Unsinn in ihrem Leben kein Recht auf Gottes Liebe hat - und glaubt doch, dass Gott sie liebhat. Wer hat Gott lieber?

So wird die Sünderin für Simon zum Lehrer, ein Führer zum ewigen Leben. Er muß noch viel lernen, bevor auch er in Frieden gehen kann. Er darf schuldig werden und Sünder sein, weil Gott ihn liebhat, darf sich eingestehen, auch zu raffen, zu lügen und zu begehren, was nicht sein ist. Er muß nicht mehr seine innere Gottlosigkeit durch ein frommes Äußeres tarnen, muß nicht andere bei ihrer Sünde festhalten, um selbst im Licht zu stehen. Er darf vielmehr seine Unvollkommenheit  vor Gott und den Menschen und vor sich selber eingestehen. Das macht ihn zu einem liebenswerten und liebevollen Menschen.

Viele sanfte, harte Lektionen brauchen wir, um die selbstgerechte Rolle zu lernen. Es ist gut, dass wir noch an unserem Drehbuch schreiben dürfen.


 



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