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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   12.12.1999

Annäherung an Weihnachten

Matthäus 1, 18 - 25: Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, fand es sich, daß sie schwanger war.
Josef aber, rechtschaffen wie er war, sah sie in Schande und gedachte sie heimlich zu verlassen.
Als er das noch bedachte, erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist.
Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.
So würde erfüllt, was der Herr durch den Propheten Jesaja gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7, 14):
„Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben“, das heißt übersetzt: Gott mit uns.
Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.
Und als sie den Sohn gebar, gab er ihm den Namen Jesus.
An Heiligabend brauchen wir die gute Nachricht von der Geburt des Jesus, einfach, klar, kurz. Gut, sich Zeit zu lassen, das Thema zu umkreisen und geistig uns vorzubereiten, daß dann Weihnachten gelinge.
Es ist viel Erwartung drum. Warum eigentlich?
Weil wir ausgespannt sind wie ein Flitzebogen auf Zukunft hin, brauchen wir dringend Geborgenheit. Wie von Gummibändern gezogen, springen wir weiter, über den Tag hinaus. Mit 30 fürchten wir uns vor 40, mit 50 sehen wir schon den Tod vor der Tür, mit 60 warten wir auf die große Überraschung; mit 70 treffen wir doch Vorkehrungen für behindertengerechtes Wohnen, mit 80 rätseln wir, wie wir von hier wegkommen. Wir sind angetrieben, nach vorn zu schauen und brauchen Standfläche für Ruhe.
Da steht man schon wieder vor einem neuen Fahrkartenautomat – muß nur die Scheibe berühren, nur – aber der Weg zur Karte ist lang. Und man sieht sich unfähig für jetzt; Anzeigen für Computer, Handys, Internet lassen uns zu Fremden werden. – Die Welt ändert sich ständig, wir sehen uns selbst in Verwandlung und brauchen Verläßliches. Und darum ist Weihnachten so hochwichtig.
Weihnachten ist ein Anker, ein Halt, da weiß man die Gefühle aufgehoben, da hat man die bewährten Requisiten. Nicht, daß man sich Weihnachten machen kann – aber das Gewohnte ist bei uns, der gleiche Baum und dieselben Kugeln und die gleichen Christrosen. Die gleichen Plätzchen, das gewohnte Mahl, der Kirchgang, eine fast schon heilige Prozedur. Damit beschwören wir Halt im Vergehen. Einige sehr modern Denkende fliehen diesen Stillstand der Zeit, sie suchen ein fetziges Kontrastprogramm.
Die meisten aber brauchen das Verläßliche in der Hetze – wir wünschen uns Halt im Fluge der Zeit. Und Weihnachten ist wohl der Halt im Jahr. Weihnachten ist für uns Inbegriff heimatlicher Gefühle. Wir wurden versichert, geliebt zu sein. Auch haben wir uns von der besten Seite gezeigt. Und wir wollen dies Behagen, dies Haltfinden in der Zeit wieder haben.
Und das Haltfinden an Weihnachten geht noch tiefer. Der Kern ist ja: Da kam Gott zur Erde – alle Zweifel, ob Gott existiere, werden überholt durch dies Zur-Welt-kommen im Krippenkind. Gott kommt uns nah. So unwiderstehlich, so konkret, fordernd wie jedes Neugeborene in Beschlag nimmt. Sofort bestimmt es die Umgebung. Und zwar durch sein Glück, seinen Himmels-Schein, den es mitbringt. Und durch seine völlige Bedürftigkeit.
Ohne diese Offenbarung wäre uns Gott in Blitz und Donner da, in Naturkatastrophen und den meist gewalttätigen Geschichtsereignissen und in dem Drohen mit Befehl und Strafe. Für manchen ist er da als Krankheits-Zuteiler, als Einhämmerer von Normen und Bedränger im Gewissen. Auch dem Josef? Ein biederer Mensch, Zimmermann, bekommt mit, daß seine Verlobte schwanger ist. Und das darf nicht sein nach Israels Gesetzen, das ist Skandal, das bedrängt im Gewissen: Ich war’s doch nicht, wir haben doch nichts miteinander gehabt. Also war sie anderswo. Also, also – Jahrtausende wurden uneheliche Kinder verworfen und ihre Mütter dazu – rigoros war Disziplin erzwungen durch grausamste Strafen. Dahinter steht, daß Töchter mit ihrer Mutterschaftsfähigkeit den Vätern gehörten, bis diese sie einem Mann, ja, verkauft haben.
Da ist eine oder die Tragik zwischen Mann und Frau – sie lieben sich und ein Kind ist ins Leben gerufen – und der Mann läuft weg oder noch grausamer: der Mann beschuldigt die Frau und am Schlimmsten wohl: er beschuldigt sie, anderswo gewesen zu sein; nur um sich rauszureden, um sich vor Verantwortung zu drücken. Wieviel Männer sich vor Unterhaltszahlung drücken, ist ein Armutszeugnis des männlichen Geschlechts als Ganzem.
Nehmen wir an, Josef nimmt an: Sie ist von einem andern schwanger. Eigentlich muß er nach geltendem Recht, sie von sich stoßen – aber er liebt sie. Liebt sie so, daß er – egal, woher das Kind ist – das Kind annimmt als Gottes Kind und für es sorgen will.
Wir sind ziemlich verklebt in unseren seelischen Empfangsnerven – ich auch; daß mich erst Drewermann auf die Idee brachte, nachzudenken was hier der Engel sein könnte. Wir haben es ja so gelernt, daß der Engel nachts im Traum dem Josef flüstert, also von außen, vom Himmel, von Jenseits kam ein überirdischer Auftrag: „Josef, bleib Maria treu.“ – Und er tat, wie der Engel ihm befohlen hatte, und er nahm seine Frau zu sich.
Wichtig ist, es geschah diese Engelbotschaft nachts im Traum. Was ist denn mit uns im Schlaf? Dann denken wir doch uns in der Welt zurecht, denken uns die Welt zurecht, und es denkt sich uns die Welt zurecht – jedenfalls ist der Morgen klüger als der Abend. Und wir haben eine neue Sicht der Dinge, weil sich in uns die Gewichte zurechtgerückt haben; wir haben vielleicht einen Engel geträumt, der uns in die uns gemäße Balance bringt.
Engel sehen, Engel träumen – ist es nicht besser, einen Engel zu träumen als einen zu sehen? Einen Engel sehen, das ist was Lichtvolles außen; aber einen Engel träumen, das ist dein eigenes Lichtvolles. In Gestalt eines Engels spricht dein besseres Selbst zu dir. – Und viel Grauen ist entschärft über Nacht, Gemeinheit hat ihren Reiz verloren, in uns war ein Zwiegespräch im Gange. – Haß hat sich über Nacht milde gefärbt, Rachegedanken haben sich aufgelöst mittels unserem Lieben. Unser Lieben ist erstarkt über Nacht, hat die Angst gelindert. Und so brauchen wir nicht mehr Angst abwälzen. Wenn es ein guter Schlaf, ein gutes Träumen, ein Gespräch mit Engeln war.
Josef träumte, daß er diese Frau mit ihrem Kind annehmen könne. Stolz und Ehre und alle Eitelkeit kann ich fahren lassen, kann einfach Vater diesem Kind sein, das gewollt ist von Gott und fertig. Auch das ist Traummitteilung an Josef: du bist würdig, wichtig, nötig, das Kind großzukriegen und sollst dem Kind den Namen geben. –
Der Name ist Auftrag, Weisung, Richtung, Widmung: Nicht, daß Josef sich für das Kind einen besonders klangvollen Namen ausdenkt, sondern einen bezeichnenden Namen verleiht er: Jesus – also Retter, Erlöser, Heiland.
Josef soll im Traum sich durchgerungen haben zu dem Kind. Wie wir ja auch gewonnen werden fürs Prinzip Gewaltlosigkeit, des nachts, wenn unser kalkulierendes Vernünfteln abgeblendet wird. Und es spricht zu uns: „Fürchte dich nicht!“ Gut dazu, in den biblischen Schriften zu lesen. Josef, als aus König Davids Familie, wußte die Prophezeiungen. Es gab von Jesaja die Verheißung: Eine junge Frau wird ein Kind empfangen, das soll „Gott mit uns“ heißen.
Josef nimmt dies Kind für sich an als Garantie: Gott ist mit uns. Und läßt sich als irdischer Vater anstellen – so findet Josef im Schlaf zu seinem besseren Ich. – Es heißt ja auch: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“ (Psalm 127, 2). Josef sieht sich diesem Kind gewidmet.
Mir ist diese so gar nicht mirakelhafte, nicht zaubermäßige Geschichte hilfreich. Da sehe ich uns mehr drin eingewebt: Wie denn sonst soll Gott in diese Welt geboren werden, wenn wir uns nicht hinhalten, als Mutter, Vater, Bruder, Schwester, als Glieder am Leib Gottes. Das ist nicht entfremdend, das bringt uns zu uns selbst. Wir haben doch eine Begabung zur Liebe, zum Brückenbauen, zum Helfen, Fördern, haben Freude, wenn durch uns was Gutes gelingt. Dagegen stehen unsere Bedenken, unser selbstgerechtes Beharren, der andere habe doch sein Unglück selbst verschuldet, unsere Angst, der Dumme zu sein und so.
Und dann dieser Josef – schlicht, redlich – ringt sich durch, auf alles, was man tut, zu pfeifen und zu seinem Lieben zu stehen. Liebend werden wir gewidmet. Josef weiß, wofür er gemacht ist. Und was Josef kann, können wir auch: Gott Hand und Fuß und Körper und Sprache und Geist geben, Vater, Mutter, geliebter Mensch werden. Trauen wir uns doch in diesen Tagen, unsere Engelseite aufleben zu lassen. Auch weil wir dem Christus glauben, daß Liebe, nicht Gewalt, das Herz der Welt ist. Und Josef nahm sich die Freiheit, zu seiner Liebe ja zu sagen und bekennt sich zu Maria und dem Kind. – Ich kenne Menschen, die haben sich zu einem Kind bekannt von einem fremden Kontinent. Manch ein Mensch bringt ein Kind mit in die Ehe und es wird als das eigene großgezogen. Das Fremde annehmen als Kind Gottes, als Wink, Auftrag, das will ich auf dem Weg nach Weihnachten noch besser lernen.
 


 



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