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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   28.11.1999

1. Advent

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sacharja 9, 9). Er kommt auch mittels Musik.
Gratulieren wir einander. Welch ein Fest, wir feiern den 1. Advent mit neuer Orgel. Soviel Neubeginn, geflötet, posaunt, gesungen, gejubelt – und auch: Kein besserer Tag für die neue Orgel als eben 1. Advent, der ist selbst eine Fanfare: Siehe, dein König kommt zu dir! Die Anfangsenergie in Person, der Freudenmeister Christus zieht ein ins Menschenhaus, auch zu dir. Jeder Gottesdienst, der erste des neuen Kirchenjahres erst recht, ist Auftritt und Eintritt des Christus bei dir.
Machtvoll, dies Bild: Dein König kommt. Du an der Seite des Lebens-Königs. Selbstbewußtsein wächst dir zu. Du wirst erhoben, gestärkt, erwählt; du, gemeint, geachtet, bei deinem Namen gerufen, wahrgenommen, ernstgenommen; du Kind Gottes, Sohn, Tochter an der Seite des Bruder Christus und den Seinen.
Hättest du nur die Mitmenschen, wärest du arm dran. Die Brosamen der Anerkennung von uns schwierigen Geschwistern sind knapp. Wir halten uns gegenseitig kurz, wollen zumessen und abweisen nach Gutdünken. Aber dein König hebt dich auf ein anderes Niveau, er beschwört dich: Wisse das: Gott liebt dich, braucht dich, du bist recht – das ist über dich entschieden. Du bist wer. Du bist ewiggültig an Gottes Seite, unverlierbar, geliebt, gebraucht.
Dies Zugehören gehe dir auf, gehe auf dich über, schaffe dir Raum an der Angst entlang. Losgebunden von niedermachenden Beschwörungen sei dein Selbstbewußtsein kindlich unüberwindlich. Gott ist bei dir, Anfangsenergie jeden Herzschlages, jedes elektrischen Impulses, jeder Neigung zu Güte und Zartsein. Jetzt sei gern du. Und wenn nicht aus Begeisterung, dann aus Gehorsam. Lasse das Zagen, verbanne die Klage: Siehe, was heute der Höchste getan. – Dich befeuert er mit neuem Anfangen.
„Ach zieh mit deiner Gnade ein“ eben gesungen – Bild für Herrschaftswechsel: Finsternis vergeht, Haß ringelt sich klein, Behaltewahn bröckelt. In dir nicht Dämonen, sondern der leuchtende Christus; du sein Außen, Er dein Innen. Du wirst entfaltet, du richtest dich auf. Du stehst fürs Gutsein des Lebens ein, du rettest. Du lebst so gern. Und die Schatten weichen hinter dich.
Ein Bild mit dem wir uns der Musik nähern: Gott hat dich an. Stell dir das vor: Du Handschuh an Gottes Hand. Anders gewendet: Gott spielt dich, auch dich, Organist. Dich treibt der Töne Grund.
Leon Fleisher, amerikanischer Pianist, sagt: Drei Dinge sind wichtig in der Musik. Erstens: Wie schlage ich den Ton an. Zweitens: Wie unterstütze ich ihn. Drittens: Wie höre ich auf. Das ist alles. Aber wenn man in drei Minuten 3000 Noten spielt, sind das viele Entscheidungen. – Doch, Du Organist, bei allem Willensentscheid hat Dich doch ein Drive, über Dich ist entschieden. Du mußt Dich doch nur aussetzen dem Strömen, das Dich treibt.
Und Ihr Orgelbauer, mit allem Fachwissen – daß die Orgel dann so klingt, wie offener Himmel, bleibt Geheimnis. Und Sie Holzschnitzer/ Maler der vollen Bäume, aus deren Überschwang Heiliger Geist sich auf uns hinabsenkt – erst auf den Organisten und der leitet dann die Früchte weiter – Sie können das formen, weil Sie die Verknüpfung von Leben und Erkenntnis, von Liebe, Gut und Böse erhoffen und erleben. Sie gestalteten, was ihnen widerfuhr. Und die Geld zusammenlegten gaben doch Energie ab, die vorher ihnen zuströmte. –
Wir werden letztlich alle von dem König des Lebendigen genutzt. Wir müssen schuften, als gäbe es keinen Gott. Doch dein König ist dabei. So gilt beides: „Schaffet, daß ihr selig werdet mit Furcht und Zittern. Denn Gott richtet in uns aus das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2, 12 - 13).
Und die Musik, aller Bewegung des menschlichen Herzens eine Regiererin (so Martin Luther), ist Gottes raffiniertester Zugriff – fährt direkt in Bauch und Hirn.
Das Pochen und Klopfen in Mutters Leib, als wir noch nicht geboren waren, ließ uns früh Umfaßtsein wissen. Dann der Singsang der elterlichen Liebkosung, die Trostlieder: „Heile, heile Segen“, die Weihnachtslieder, die Ringelreihnlieder – Musik besorgte, daß uns allen Heimat in die Kindheit schien. Und eigene Bemühungen auf Flöte, Glockenspiel, Keyboard, Singen unter der Dusche – auch eine Art Lobe den Herrn.
Schlager aus der Zeit unserer ersten Verliebtheit behalten das erotische Aroma. Ein allgegenwärtiger Klangteppich macht das Verfließen der Zeit hörbar. Auch Mißtrauen ist nötig: Politik und Konsum legen sich mit Musik religiösen Nimbus an.
Und die große Musik – ist sie nicht ein endloses Tongeflecht von Sehnsucht nach Getragenwerden und Menschenglück?
Beethoven sagte von Bachs Musik: „Sie klingt, wie es in Gottes Busen bei der Schöpfung mag zugegangen sein“. Und wenn die Scorpions mit dem berühmten Musiker Rostopowitsch und weiteren 166 Cellisten am Brandenburger Tor zur Zehn-Jahresfeier der Wiedervereinigung „The wind of change“ beschwören, dann hat das ein Wehen von Gottes Mantel der Geschichte.
Gottesdienst ist sicher der Ursprungsort aller Musik: Singet und spielet Gott in euren Herzen. – Gottesdienst als Fest, Heute der Tag, den der Herr macht. Musik spannt ein Netz von Zusammenhalt und Trost. „Wer singt, betet doppelt“ sagte Augustin. Musik bahnt unseren Gefühlen den Lauf, sie hütet eine Brutwärme, aus der alle geistige Entwicklung entsteht (R. Musil). Was noch allem Wort vorausgeht ist Dynamik – darum ist Musik direkter als Sprache.
So ist ein guter Organist uns schon ein Wegweiser zum Himmel, Johann Sebastian Bach der fünfte Evangelist. Und Matthias Eisenberg scheint weitgehend aus der gleichen Materie wie die Musik zu bestehen, ja er ist uns das Gewissen der Musik. Ein gutes Instrument ist eine Ehrensache. Keitum konnte aus mehreren gnädigen Gründen die bestmögliche Orgel bezahlen. Sie gehört allen Menschen, die sich daran zu freuen wissen.
Möge sie uns das Zusammengehören vorsingen, möge sie Traurige trösten, Boshafte besänftigen, Mißmutige fröhlich stimmen. Die Orgel sei zum Segen denen, die sie bauten, die sie bezahlten, die sie spielen und hören werden, vielen Generationen, weit ins dritte Jahrtausend nach Christi Geburt.
Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. – Er kommt auch auf den Fittichen der Musik, bringt dich erstarrtes Wunder von innen her zum Schwingen, vertont uns die Schönheit zu sein, schildert uns Gottes aufregende Andersartigkeit, macht uns religiös. „Nur wer mit Plastik gepanzert ist, kann sich dem entziehen“ (C. Nooteboom).
Sanct Severin – die Glaubenskraft unserer Vorfahren um 1200 hat dieses Haus errichtet, die Generationen haben sie geschmückt. Und wir dürfen ein Kunstwerk dazu tun, das Generationen Ohren, Augen, Herzen öffnen möge. Dazu das Licht, wir glücklichen Menschen, der Glanz dieses Tages und der Adventskranz mit der ersten entflammten Kerze.
Gültige Musik unterstreicht und gestaltet: „Es sind nicht die Kirchen zu verehren sondern das Unsichtbare, das in ihnen lebt“ (Nooteboom). Amen.
 


 



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