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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   17.10.1999

Gott – Wort – Fleisch

Die Worte der Weisen sind wie eingeschlagene Nägel. Sie sind von einem Hirten gegeben. Aber des Büchermachens ist kein Ende und viel Studieren macht den Leib müde. Die Hauptsumme aller Lehre ist doch: Achte Gott und halte dich an seine Gebote (Prediger Salomo 12, 11 - 13).

Einer der Grundsätze der Bibel kommt höchstens am 1. Weihnachtstag zur Geltung – wo sie meist alle nicht da sind, auch hier nicht sind. Nehmen wir uns doch diesen Text vor, oder besser: lassen uns von diesem Text vornehmen, einnehmen:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit (Johannes 1,1 + 14).
Heute geht die Buchmesse zu Ende – 85000 neue Bücher werden ausgestellt und Millionen neu aufgelegter – also Wörter über Wörter. – Das waren noch Zeiten, wo man Laut geben mußte, ob man Freund oder Feind sei – von Laut geben, kommt der Laut, die Laute. Und die Wörter waren hochwichtig, weil sie zu kennen Segen oder Fluch bedeuten konnte – die 10 Gebote in Stein geschlagen, die wichtigsten Sprüche auf Buchenstäbe, geritzt, gebrannt, gemalt – daher Buchstaben. Heute flimmern die Zeichen über den Bildschirm. Nur wem sie was sagen, der nimmt sie wahr – sonst fließen sie alle in den Vergessensstrom.
Nur wenige Worte haben eine starke Aussage. Kaum eine Nachricht, nach der zu richten sich lohnte, keine Botschaft, die fortan anders zu leben gebietet. Schlagzeilen des Tages, die von den nächsten erschlagen werden. Wehe, es gibt nichts zu melden, dann überkommt uns der horror vacui – der Schrecken der Leere. Wir verlangen gefüllte Zeitungen, Nachrichtensendungen in Blöcken, mit wie weit hergeholten Unglücken und unterhaltsamen Absurditäten auch immer. Mal Schweigen, weil einfach nichts passiert ist was „fit to print“ ist, das geht nicht. Früher hatte das Radio Karfreitag um 15 Uhr zur Sterbestunde Christi Sendepause – heute geht das nicht mehr. Wenn das Radio, das Fernsehen stumm und blind würde, wähnen wir den Weltuntergang ausgebrochen. Wir brauchen wohl das leise Rauschen der Bilder und Meinungen, den Strom der Zeitungen und Bücher. Sie geben Zeichen: Alles okay: Es geschieht genug, aber passiert ist nichts Schlimmes. – Guten Abend Sabine Christiansen, Herr Meiser, ja wir sind noch da – wenn auch auf Konserve – aber das brauchst du nicht wissen. Mach deins weiter, da draußen ist noch wer und trägt Verantwortung; ist alles okay.
Das schläfert ein, aber gibt nicht Halt. Der Meinungsstrom, die Musik und der Zeichenstrom bilden den Zeitlauf ab – das Kontinuum im Vergehen. Aber deine Seele merkt doch, daß alles Meinen keinen Halt gibt. – Endlos ist die Redundanz – derjenige Teil einer Nachricht, der keinen Informationswert hat und deshalb bei der Übermittlung weggelassen werden kann (aus dem lat. redundare: überfließen).
Auch die Predigten leiden an dem Jammer der vielen Wörter. Einem Pastor entfuhr der entlarvende Satz: „Heute fällt die Predigt aus; ich hab euch was zu sagen.“
Dabei – das ist doch was:
„Am Anfang war das Wort und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“. – Der Anfang vom Johannes-Evangelium gehört zu der Handvoll Manifeste, die der Menschheit eine Weltsicht beschaffte.
Gott ist Wort, das Wort wurde, wird Fleisch. Also Hand und Mund – zeitlich. –
Gott ist ja der letzte Grund von allem, das Herz der Welt, Erfinder und Betreiber von uns allen. Aber warum ist er Wort? – Wäre Kraft nicht bezeichnender, Geist, oder Gott – die Tat? Wunderbar legt es sein Innerstes bloß – wenn Gott Wort ist, dann ist sein Wesen sprechend, sich äußernd, verstanden werden wollen, ist Sprachmacht, unbedingter Wille herüberzusetzen zu anderem, und natürlich will er verstanden werden. Nicht nur stumm verehrt sondern will im Gespräch sein mit uns.
Gott ist Wort in drei Gestalten:
Ist Ruf ins Sein, Schöpfungsenergie – Er sprach und es stand da.
Ist Weisung – Platz und Wesen und Auftrag anweisend, gibt Bescheid.
Und ist Widmung der Liebe: Ich gebe dir meinen Namen, auch uns das Reden ermöglichend von gleich zu gleich. – Er redete mit Mose, wie ein Mensch mit seinem Freund redet (2. Mose 33, 11).
Gott als Wort wird Fleisch, Gott ins Sein rufend, wie wird er da Fleisch? Er wird Materie, Sache, Geschichte, Geschehen, Menschenhaus.
Gott als Weisender nimmt Gestalt an in Gebot, Beziehung, Zuordnung. Im Erkennen von Gut und Böse werden wir Menschen Gott nah.
Als Widmung der Liebe wird Gott Fleisch in Gestalt seines Volkes Israel, sein Jesus, der Erstgeborene, an dem die Verwandtschaftsverhältnisse geklärt werden – und Gott wird Fleisch in allen Liebenden.
Gott ist Schöpfungswort, Weisung, Widmung der Liebe – diese drei Wortschichten sind verkörpert alle in einer Person. Jesus, von dem sagen Christen: Ja, das Wort wurde Fleisch, und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Die geschichtliche Gestalt Jesus ist identisch mit dem göttlichen Schöpferwort (Theol. Wörterbuch z. Neuen Testament 4, 135). – Und dem Jesus nach wird Gott auch in uns Fleisch.
In uns ruft Gott weiter ins Leben – mittels unserer schafft er seine Kinder und Freundschaften, Städte, Medikamente.
Und in uns weist er den Weg zum Guten, will auch daß wir die Gebote für heute finden.
Und in uns widmet er sich der Liebe. – also wenn wir einander gut sind, dann nimmt der liebende Gott in uns Fleisch an.
„Sie wurden ein Fleisch“ heißt es in der Bibel vom ersten Menschenpaar, also ein Pulsierendes, Pochend-Lebendiges, sie werden einander anfaßbar, anschaubar, konkret – was soviel wie „miteinandergewachsen“ heißt –, handfest einander umarmend, zueinander gehörend, leibhaftig; ich noch einmal anders, das meint „ein Fleisch“.
Auch von seinem Kind sagt man: Mein Fleisch und Blut: ich noch einmal anders – meint der stolze Vater, und als Motorradfan kleidet er den Vierjährigen schon in Leder.
Das Geheimnis der Liebenden ist dies „Ich noch einmal anders“: Adam jauchzt über Eva: Das ist ja Fleisch von meinem Fleisch (1. Mose 2, 23). In aller Liebe erdet sich Gott. Siehst du ein Kind, so schaust du Gott ins Angesicht (Luther).
Noch mal – entgegen der Masse der Wörter ist das Wort rar, wahr:
Ich gebe dir mein Wort – das ist keine hauchdünne Realität, ich gebe dir mich selbst zum Pfand, ich stehe gerade für. Christen nehmen Jesus als „das Ja auf alle Gottesverheißungen“ (2. Korinther 1, 19f), „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (Theologische Erklärung Barmen I).
Das Versprechen Gottes, Gottes Wort: Du gut, du nötig, du mein Schatz – das muß immer wieder Fleisch und Blut werden, muß von uns Hand und Herz bekommen. Wir müssen uns hinhalten, daß die gute Zusage mittels unserer eingelöst wird. Ein Satz des Paulus wie ein Nagel: „So gebt nun eure sterblichen Leiber für Gott hin. Das sei euer lebendiger Gottesdienst“ (Römer 12, 1). – Nicht nur Zeugen, Gebären, Erziehen sondern alles hilfreiche Tun mit Hand und Kopf und Leib und Seele ist Gottesdienst.
Gott ist Wort und will immer wieder Fleisch werden, sich verkörpern:
Wort ohne Fleisch, das ist: Gesagt ohne gehört, Sinn ohne Vernehmen, Idee ohne Zeichen, Gott ohne Mensch, Guter Wille ohne Tat.
Fleisch ohne Wort: Geistloses Hampeln, nur weiter, schneller, höher, liebloses miteinander verkehren, Gewalt, Gemeinplätze und Schablonen.
Gott will Wort werden, Wort will Fleisch werden: Kommunikation – Communio, Gestalt, Form, Geschichte. Auch wichtig: Vom Fleisch liebevoll reden, darin ist Gott verborgen. In der Kreatur, in Materie, in Pflanzen, Tieren, Menschen. Auch der altgewordene Mensch hat die Herrlichkeit des Inseins Gottes bei sich – das Strahlen der Augen, die Geschichten, die Freude noch wichtig zu sein. Laß deine Kleider weiß sein und laß deinem Leibe Salbe nicht mangeln (Prediger Salomo 9, 8). Seien wir behutsam im Umgang mit Worten, mit Materie, aller Kreatur, deinem Nächsten: Er/ sie ist Gottes Inkognito.
 


 



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