L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   11.07.1999

Markus 11, 15 – 18   Vertreibung der Opferhändler

Jesus und die Jünger kamen nach Jerusalem und gingen in den Tempel. Es war ein reges Treiben von Kaufen und Verkaufen zugange in der Eingangshalle. Da fing Jesus an, auszutreiben die Verkäufer und Käufer im Tempel; und die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler stieß er um und ließ nicht zu, daß jemand etwas durch den Tempel trage. Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben beim Propheten Jesaja (56, 7): „Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker“? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.
Also „Räuberhöhle“ ist schon stark. Die Händler tun nichts anderes als Opfertiere bereithalten. Mühsam genug bei all den strengen Vorschriften von koscheren Tieren und welche Sorte Tauben für welche Sorte Opfer. Die Händler halten auch die Tempel-Währung bereit – man wußte schon, daß an Geld viel Unrecht klebt, da wollte man es waschen, durch Eintausch in Tempelgeld – eine kirchenjuristische Lösung wie der Beratungsschein mit Aufdruck: dies ist kein Beratungsschein.
Jesus hat nichts gegen fairen Handel, aber Gottes Güte zur Ware machen – daß ist lästerlich.
Jesus scheint voll Wut, er ist ungehalten, zornig – jähzornig? Bei Johannes heißt es: Jesus greift zur Peitsche und jagt die Händler und Wechsler zum Tempel hinaus. Es muß Jesus ans Mark gegangen sein. Was denn?
Eben, daß Religion zur Ware gemacht wird. Die Anfänge dazu liegen weit zurück. Seit Kain und Abel bringen Menschen vom Ertrag des Feldes, des Viehs, der Jagd, ihrer Arbeit einen Anteil zum Altar. Ein Honorar für gutes Gelingen an die höheren Mächte.
In grauer Vorzeit war das lebenswichtig: Das Sippenoberhaupt hat tatsächlich eins der Kinder auf dem Altar geopfert. Erst durch Kenntnis des Gottes Israels, bei Isaaks Opferung ist dann das Menschenopfer abgelöst worden durch Opfern eines Tieres.
Beim Opfern ist vor allem Schuld wieder gut zu machen. Man stiehlt ja Gottes Gaben, wenn man jemand etwas entwendet, man nimmt Gott ein Stück Wahrheit weg, wenn man falsch Zeugnis redet und geht ihm an die Ehre, wenn man Menschen tötet. Da ist zum Zeichen der Reue Wiedergutmachung und Strafe nötig, das wissen wir tief innen. Die mußte bezahlt werden am Tempel. Und die Priester nahmen das Opfertier in Empfang und brachten es der Gottheit dar – nicht ohne für sich einige Stücke abzuzweigen, getreu dem biblischen Wort: Wer den Altar wartet, soll sich vom Altar ernähren. Sie nahmen auch Geld-Opfer an zur Erhaltung des Tempels.
Natürlich steht hinter der Idee vom Opfer auch die ganz realistische Vorstellung vom mitessenden Gott. Der sich den Duft des gebratenen Fleisches wohlig durch die Nase gehen läßt. Der alte Brauch, des auf den Boden geschütteten Schluck Weines ist in den Mittelmeerländern noch üblich – es meint die Gottheit mit am Tisch. Und auch unser Altar ist ja nicht nur ein Bord zur Ablage von Bibel und Leuchter – sondern ist der Tisch des Herrn. Wo Gott uns selbst einlädt zum Abendmahl, uns an seiner Güte zu laben. Wir kennen es noch: Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde und schenkest mir voll ein (Psalm 23).
Ja, und damit kippt die Idee vom Opfer um. Gott lädt an seinen Tisch, wir brauchen Gott nicht erst friedlich zu stimmen, zu begütigen, brauchen ihm nicht unsere Sünden zu büßen. Unsere Sache ist, seine Liebe annehmen, mit Staunen ihm danken, ihm beistehen beim Ernähren der Menschen. Wir sind eingeladen, das Fest des Lebens mit ihm zu feiern – eben nicht schuldbeladen, geduckt durchs Leben gehend. Sondern dem Jesus sollen wir das Selbstbewußtsein der Söhne und Töchter Gottes abgucken.
Genau das ist wohl der Grund, warum Jesus die Tempelhändler verjagt: Sie sind nicht mehr nötig, noch schärfer: sie sind die Rekruten eines überholten Gottesbildes.
Jesu Gott braucht keine Priester mehr, die die Opfer, die Gaben für Gott eintreiben; wir brauchen auch keinen Pontifex mehr, keinen Brückenbauer, der den Weg zu Gott ebnen müßte; brauchen keine Heiligen mehr als Fürsprecher, brauchen auch Jesus nicht als Mittler – denn Gott ist der liebende mütterlich-väterliche Lebensgrund. Nicht Gott muß versöhnt werden, sondern wir. Paulus sagt es klar: „So sind wir nun Botschafter an Christi Statt: Laßt euch versöhnen mit Gott“ (2. Korinther 5)
Darum auch keine Opfer mehr, keine Schlachttiere mehr, darum keine Tempelwährung mehr. Opferaltäre, Tische; Kassen, Tiere, Sachen raus aus dem Tempel: Gott braucht sie nicht, braucht auch die Priester nicht, die unsere Schuld und unsern Dank zu Geld machen und vor Gott hintragen.
Aber wir täten so gern ein zusätzliches Geschäftchen machen. Die Prunkkirchen mit ihrem Gold sind auch Zeugnis für Bezahlen von Schuld. Wie ja stattlicher Schmuck vom Mann der Frau geschenkt, ein flotter Flitzer von der Frau dem Mann dargebracht ein Versöhnungsgeschenk sein kann. Und wieviel Lottospieler haben Gott Prozente für einen guten Zweck versprochen, für den Fall. Uns liegt ein Handeln mit dem Schicksal nahe, in uns denkt was: Ich müßte das Schicksal versöhnen, müßte es gnädig stimmen, müßte Verzicht leisten, um Neid der Götter zu stillen. Da ist noch nah die Ahnung aus der Steinzeit der Menschheit: Gott als herrischer Übervater, der spielt seine Kinder gegeneinander aus und läßt sie um die Gunst von Vater buhlen.
Eine ganze Theologenzunft hat die Menschheit sich erzogen, um mit den Launen des Schicksals oder mit den scheinbaren Gottes-Launen umgehen zu können. Und auch um sich selbst wichtig zu machen, fanden die Priester immer raffiniertere Systeme, wie sie die Menschen angeblich freikauften. Und die Kirche wurde stärker als alle anderen Religionen, weil, so hieß es, sie den Schatz der guten Werke des Sohnes Gottes verwaltete. Der habe sein Leben dargebracht, um die Sünden der Welt zu bezahlen.
Die Basis dieses Handels aber wischt Jesus beiseite: Gott liebt ohne wenn und aber. Keine Mutter läßt sich für die Lüge des Kindes durch eine Leistung gnädig stimmen. Eine Mutter liebt. Darum ist sie gnädig. Wieviel mehr die Mutter aller Mütter – Gott selbst.
Verbannt ist der Ablaß, unmöglich ist das Abzahlen von schlechtem Gewissen. Unser Gott hat nicht mehr zwei Seiten, es gibt keine Gott besonders nahe stehenden Menschen, geschweige denn eine Priesterkaste, die durch Weihen über mehr religiöse Qualität verfügte.
Gott liebt dich und braucht dich – und will, daß die Geschichte gut geht, im Großen und im Kleinen. Auch mein, dein Lebenslauf soll glücklich verlaufen. Aber die Umstände sind riskant, die Herzen wankelmütig, die Technik oft zu energiegeladen für uns ablenkbare Menschen, unser Körper dermaßen kompliziert, daß Fehlschaltungen passieren können. Gott steuert nicht jede Ampel, jeden Blutdruck extra, siebt nicht jedes meiner Worte – er läßt den Menschen und Dingen ihren Lauf. Wir passieren in Gott, gedeihen in Gottes Hand, inklusive finsteres Tal. Mit Schwerkraft und Photosynthese und einem geschickten Ausgleich von Nehmen und Geben und noch ein paar Konstanten macht Gott, daß sich die Dinge selber machen.
Mir hilft es, daß ich um Gesundheit bete, vor allem indem ich danke, und einigermaßen mich schütze vor Schaden – aber nicht hoffe ich, daß gerade mir Gott besonders die Lunge putzt. Ich glaube mich und dich in Gottes Hand mit Glück und Unbill. – Darum keine Opfer, um Gott gnädig zu stimmen. Es geht nicht mehr.
Wohl aus Dank genügend abgeben, daß andere auch Grund zum Dank haben. Und warum nicht eine Orgel für Sankt Severin mitfördern – was garantiert mehr Nutzen für die Menschheit bringt, als nur das Erbe zu mehren, und darauf läuft es doch hinaus. – Geben aus Dank, weil man genug hat, so daß man auf gar nichts verzichten muß, selbst wenn man ganz schön was in die Kollekte tut. –
Aber nicht, um Gott gnädig zu stimmen. Es geht darum, mich, dich gnädig zu stimmen. Ich muß meine guten Taten loswerden im Rahmen meines Vermögens, sonst wird meine Seele stockig.
Und darum auch ist Kirche nötig, auch St. Severin: Daß wir das wieder hören, und daß wir in gemeinsamer Zwiesprache bleiben mit Gott, die Texte der Bibel hören und bedenken, gemeinsam singen, Mut fassen, Kinder taufen, Paare sich einander aus Gottes Hand annehmen können. Und wir feiern mit. Natürlich braucht der Tempel Geld, aber er kann nicht mehr den Himmel und Gottes Vergebung verkaufen. Warum nicht? Weil der Eintritt an Gottes Herz frei ist und seine Vergebung umsonst ist.
Aber den Himmel wollen und die Vergebung in Gebrauch nehmen, das müssen wir schon selbst. Amen.
 


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2017 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...