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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   02.08.1998

02.08.1998 Wochenspruch mit kurzer Auslegungung (T.G.)

Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5, 8 - 9)
Kinder des Lichtes jedenfalls verstecken sich nicht, sondern halten sich der Wirklichkeit hin. Sie nehmen auch nicht andern Licht, sondern stellen ins Licht, besorgen Aufmerken. Sie verbreiten Zuversicht, stärken, trösten, trauen zu, mit ihnen geht die Sonne auf, sie zeigen ihr gutes Gesicht, sie zerstreuen Furcht, sie versprechen: Gut, daß du da bist; gut, daß du du bist. Das ist Kern der Wahrheit: Gut, daß du da bist, du bist. Glaub ich das, dann wird was besser um mich rum.

 

Alles hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. – Auch Weinen und Lachen hat seine Zeit. (Prediger 3, 1 u. 4 )

Weinen und Lachen in meinem, deinem Leben – ach ja, wollen wir da ran?
Jetzt ist Urlaub dran für die meisten, sorglose Zeit, gemächliches Weilen, sich Treibenlassen von augenblicklichen Begehren, Schlendern eben. Nicht abonniert damit ist Lachen, Freude, Glucksen vor Glück – aber in sorgloser Zeit lastet das Leben nicht, und das Lachen kommt leicht über die Schwelle. – Und so leicht auch wieder nicht. Schnell kommt Lachverschnitt über uns, Komisches läßt uns prusten a la Versteckte Kamera, Schadenfreude schießt uns etwas hämisches Lächeln ins Gesicht, Spottlust ist wohlfeil. Und da ist ein Zwischending: Max Rabe, abgebrüht singt er die Lieder der zwanziger Jahre, und hinter der samtenen Stimme flackert Mordlust auf: ein Angstlachen kommt auf, wie wenn Vater mit den Kleinen Löwe spielt. Viel Lachen ist, wo’s nichts zu lachen gibt, die meisten Witze wehren Einsicht ab. Gerade kommt Nachdenken auf, im Konfirmandenunterricht, da wischt irgendeiner durch Schwachsinn das kleine Pflänzchen neues Wissen weg. Ja, sorglos sein hilft dem Lachen über die Schwelle, aber gerade in Mühen, in Leiden ist das Lachen Oase, ist Schutzhütte. Mitten im Weinen kann ein Lachen die Rettung anfangen.
Wir sollten das Lachen vom Weinen her schätzen lernen. Wann haben wir zuletzt geweint? Kann das jeder für sich sich mal vor Augen rufen. Ich beim Entwurf der Todesanzeige für einen geliebten Menschen. Und du, als die schlimme Nachricht über dich hereinbrach. Und du, als du die Prüfung nicht bestanden hattest. Und du, als du arbeitslos wurdest. Und du, als dir deine grelle Schuld brannte. Die Hungernden im Sudan? Beim letzten Ehestreit?
Hast du als Kind viel geweint? – Warst geschunden, zurückgewiesen, verlacht als Heulsuse und Memme – wie rührt uns ein Kind an, das weint?
Weinend bringen wir was vom Urstrom hervor, Salzwasser, als würde unser Innerstes liquide – also flüssig. Man hat das Weinen verpönt, weil man dem Sich-ausliefern-der-Seele nicht beiwohnen wollte. Andrerseits die kostbare Gefährtenschaft, vor allem von Frauen, die miteinander weinen können. Einem die Tränen fortküssen – ist Inbild der Liebe.
Weinen ist wohl Fruchtwasser der Seele – es wird darin was ausgeschwemmt, was nicht zu Wort kam, es hilft dem Schrecken, sich zu äußern. Weinen entgiftet unsere Seele – daß es ausgerechnet mit Tränen einhergeht, hat wohl mit dem Grundwasser zu tun, auf dem und aus dem wir gebaut sind. Weinend sind wir sehr lebendig, haben Feuchte, sind Humus.
Weinend sind wir dem Stoff nahe, aus dem wir geschöpft sind, sind Kreatur, nicht unbedingt erniedrigt, aber eben – fühlt eurem Weinen nach – ja, erschöpft, bedürftig, ausgeliefert, leer. Da sind Tränen schon ein Anfang von Rettung. Du hast noch Tränen. Du hast noch Gewissen, du bist noch erschütterbar, bist also nicht nur Stein. Du kannst noch zu Rettendem hingetragen werden. Und tatsächlich erstarken wir nach großem Weinen.
Weinen hat seine Zeit – das hat die lebenstaugliche Großmutter exerziert. Als ihrer Tochter ein Kind gestorben war, hat die Großmutter viel Erstarrung und Verstummtheit der Familie eine ganze Phase mitgetragen. Aber eines Tages sagte sie: Jetzt ist’s genug. Jetzt feiern wir ein Fest, jeder tut sich was Schönes, tut einem andern was Gutes – auch Weinen hat seine Zeit. Wir dürfen und müssen und können und wollen noch leben. Also lernen wir wieder lachen. Und sie begann das Haus zu schmücken und Arbeit zu verteilen fürs Fest.
Lachen ist Bejahen – aus vollem Herzen lachen ist fassungsloses Bejahung, gut zu sein, ich zu sein, an deiner Seite zu sein, jetzt, hier zu sein. Lachen ist Einvernehmen mit dem Grund der Dinge. Lachend bist du im Guten, tust Gutes, willst ansteckend sein. Im Augenblick des Lachens ist alles andere Fühlen abgeebbt, das Bedrohende ist nicht mehr, Angst ist aufgelöst, Zweifel vergessen, Schulden gestrichen.
Was uns lachen macht? – Freude an Kindern, überraschender lieber Besuch, ein Wiedersehen, eine gute Nachricht vom Arzt; ein erfolgreiches Mühen, wieder auf eigenen Füßen zu stehen, ein Glückskauf, ich mit einem Nußeis in der Sonne, auf der Friedrichstraße, da sehe ich mich lachen, oder wie am Strand die Hunde balgen, oder wenn ein Umsteigen gut geklappt hat, man sitzt wieder behaglich.
Lachen und Weinen hat seine Zeit. – Schon Glück im Leid ist, biblisch gesprochen: Es soll nicht ewig dunkel bleiben über denen, die in Angst sind (Jesaja 8, 3). Und „euer Leid soll in Freude verwandelt werden“ (Johannes 16, 20). Aber auch „unter jedem Dach ein Ach“. Und „des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil“ (Schiller). Leben ist Zeit für Mühe, Lachen und Weinen, so muß es Gott auch wohl gehen.
Lacht und weint Gott auch – das frag ich mich oft. Dazu brauchte er Tränendrüsen und Lachfalten – allzu menschelig ist da Gott gedacht – aber zum Weinen muß es dem Herz der Welt schon oft zumute sein.
Die vor uns berichten, schon die ersten Menschenbrüder Kain und Abel taten sich Leid an, vielleicht war Hochmut und Groll im Spiel. Abel, weil sein Opferfeuer so makellos zum Himmel stieg, mag er Kain verlacht haben, der bekam sein Opferfeuer nicht an – und da schlug Kain im Jähzorn zu. Wie muß Gott heulen vor Gram, daß die beiden, die er liebt, sich nicht deswegen wenigstens ertragen.
Die vor uns berichten auch, Gott habe mal seine Erde so bereut, daß er sie untergehen lassen wollte in einer Sintflut – doch seiner Tränen (das steht nicht so in der Bibel) – und doch, wer zerstört, was er liebt, weil er es nicht heilen kann, der ist doch nur heulendes Elend. Gott besinnt sich eines Besseren und läßt den Noah die Arche bauen. Der Regenbogen ist dann Zeichen der Versöhnung mit Noahs Nachkommen – Farbenspiel des noch weinenden und schon strahlenden Antlitzes.
Als dann Israel am Schilfmeer gerettet wurde, indem die heranrückende Flut die ägyptischen Reiter zermalmte, da sangen sich die Geretteten ein Triumphlied auf den Herrn, ihren Schutzherrn: Roß und Reiter warf er ins Meer. Da soll Gott – das ist im Jüdischen überliefert – seine Kinder Israel angefahren haben: Wie könnt ihr jubeln, wo ich weine: ihr seid gerettet aber meine andern Kinder – liegen tot.
Gott war, ist es zum Weinen mit uns, weil wir nicht so gottvoll sind. Früher verstanden die Menschen ihn so, daß er drohte, zürnte, verfolgte und bestrafte, dann aber Israel wieder Siege beschafft. Einmal tanzt König David seinem Gott einen orgiastischen Freudentanz. Vor der Bundeslade – dem Thron, der die Gebotstafeln beherbergte – tanzte David unter Pauken und Trompeten, so ausgelassen, so verzückt mit seinem Gott im Reinen, daß er die Welt um sich zu vergessen schien. Nur seine Frau Michal, die wusch ihm später, als er nach Haus kam, den Kopf: „Wie hat er sich lächerlich gemacht, der große König, als er sich vor den Mägden seiner Männer entblößte, wie sich nur lose Leute entblößen.“ Und David darauf: Ich will weitertanzen vor meinem Gott, der mich erwählt hat (2. Samuel 6) – da war Gott selbst sowas wie ein tanzender Liebender.
Ein Dokument stellt Gott tatsächlich lächelnd vor: Der Prophet Jona wollte ja nicht nach Ninive, um dem Volk die Bußpredigt zu halten. Er läuft Gott weg, ein Unwetter bringt sein Schiff in Seesturm, er wird gerettet durch den Walfischengel – also predigt er los, und das Volk tut tatsächlich Buße. Das aber verdroß den Jona, er sagt bei sich: Die tun ja nur so als ob. Jetzt wird der Herr sie wieder verschonen, „du bringst ja Strafe nicht übers Herz“ mault er mit Gott. Jona ging aus der Stadt hinaus, setzte sich um zu sehen, was aus Ninive werde. Da ließ Gott eine Hitze kommen und Jona litt sehr. Da ließ Gott eine Rizinusstaude wachsen mit riesigen Blättern. Die spendeten Schatten und Jona hatte es behaglich. Da ließ Gott einen Wurm kommen, der stach die Staude, daß sie verdorrte, und die Sonne stach ihm wieder auf den Kopf. Da wünschte sich Jona lieber tot zu sein als zu leben Und Gott sprach: Dich jammert um die Staude, um die du dich nicht bemüht hast. Und mich sollte nicht jammern Ninive, die so große Stadt mit mehr als 144000 Menschen, die nicht wissen, was rechts und was links ist, dazu auch viele Tiere. – Da hat Gott, so wird’s erzählt, mit Humor den Jona verführt zur Güte. Aber sonst?
Einmal lachte Sara – Gott hatte Abraham und seine Frau Sara ja aus ihrer Mondgottreligion rausgerufen „in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ Und statt Wiederkehr des Gleichen, sinnfällig im Mondlauf, stieß Gott die Zukunft auf, mit Entwicklung und Neuschöpfung. Ein Volk sollte aus Abraham und Sara anfangen – aber inzwischen waren sie alt geworden. Sie hatten sich eingerichtet. Da kamen drei Überirdische zu Besuch – und sagten zu Abraham: „Übers Jahr wird Sara einen Sohn haben.“ Und Sara lachte. Sie weiß, daß alles seine Zeit hat. Aber übers Jahr gebiert sie und nennt den Sohn: Isaak: „Gott gab mir ein Lachen.“
Das Lachen unter Tränen, am Abgrund, das Lachen gegen den Augenschein, nach der Trauer – wird die große Gabe dieses Gottes, der wenig lacht, weil er wenig zu lachen hat mit seinen schwierigen, wunderbaren, geliebten Kindern.
Hiob dann stellt die Frage aller Fragen: Warum müssen Menschen unschuldig leiden? Und Gott antwortet damit, daß er selbst Mensch wird, selbst unschuldig leidet. Geboren im Asyl, dann Flucht, dann Zimmermann, dann die Liebe Gottes bezeugen, Handlanger werden eines gnädigen Gottes, Aushängeschild eines Sinns, der nicht aufgibt zu vertrauen, er spricht Gottes Wort direkt in die zerrütteten Seelen, was sie wieder aufblühen läßt. Die Tempelbehörden kassieren ihn, hängen sich hinter die römische Besatzung, die ihn kreuzigt.
Natürlich hat Jesus gelacht, geweint und gelacht: Seine Gegner nannten ihn „Fresser und Weinsäufer“, mit ihm muß es viel Spaß gegeben haben. Er hat gern gelebt. Und geliebt und hatte nicht gedarbt – so heißt es einmal bei Lukas:„Und die Zwölf waren mit ihm, dazu einige Frauen, die er gesund gemacht hatte von Krankheiten, auch Magdalena, von der sieben böse Geister ausgefahren waren und Johanna, die Frau des Chuzas, Verwalter des Herodes, und Susanna und viele andere, die ihnen dienten mit ihrer Habe“ (Lukas 8, 1 - 3). Er schenkte Blinden das Lachen des Wiedererkennens, und Tauben das unsägliche Lachen über die ersten Geräusche. Er half zu Vergebung und neuem Anfang und empfing erlöstes Lachen.
Jesus hat auch geweint, hat über Jerusalem geweint, dessen Zerstörung er voraussah – und darin weinte Gott über Jerusalem. Wie er auch über uns weint, daß wir Verhungern zulassen. Und er weint in den geschundenen Kindern, weint in den Kossowo-Albanern und in den Zitternden um die Bergleute in Lassing.
Seit Jesus will ich nicht mehr fragen, warum läßt Gott das Leid zu. Seit Gott in Jesus Mensch wurde, ist offenbar: Gott weint in den Weinenden, lacht in den Fröhlichen, umarmt in den Liebenden. Damit ist überholt ein Bild von Gott, das uns zu Schafen oder unmündigen Kindern macht. Gott, wie er in Jesus sich zu erkennen gibt, liebt ohne uns zu bevormunden. Er schützt uns nicht vor allem Bösen, sondern hält unser Ich schützend in der Hand im finsteren Tal. Gott begleitet und weint mit, er geht mit in die Höllen, die wir uns machen. Gott bringt sich nicht in Sicherheit vor uns durch Bann oder Verurteilung, er haftet mit für uns, seine Menschen, er läßt sich Unseres weh tun, er ist auch in unserm Schmerz und führt uns hindurch.
Jesu Auferstehung ist ja das Leuchtzeichen, daß Freude vor uns ist, Mund voll Lachens, Ernte die Fülle. Darum auch Wut, Haß, mein Lügen, mein Verraten kann sein, Gott schaut mich weiter an als seinen geliebten Menschen. Das macht: Und Petrus weinte bitterlich. Und kann wieder lachen, was das Ende von Angst ist.
Weil Gott mit uns ist – Lachen oder Weinen wird gesegnet sein. Amen.

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