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Predigt 19. Februar 2006

PREDIGT am 2. Sonntag vor der Passionszeit SEXAGESIMAE, 19.02.2006

in St. Laurentii / Itzehoe Pastor Willfrid Knees

Predigttext: 2 Korinther 11 in Auszügen und 12, 1 – 10

Wenn ich schwach bin, so bin ich stark!

Liebe Gemeinde,

ohne Paulus kein Christentum. – Für uns ist es kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr Paulus um Anerkennung ringen musste. Er war Jesus nie begegnet, jedenfalls nicht zu seinen Lebzeiten auf Erden. Er stand ursprünglich auch nicht in direkter Beziehung zu den ersten Jesusjüngern und der Urgemeinde in Jerusalem. Er war gar nicht in Israel geboren, sondern weiter nördlich in Tarsus. Seine Umgangssprache war Griechisch, nicht Aramäisch; Hebräisch hatte er als Sprache der Religion gelernt. Er war kein guter Redner und hatte offensichtlich keine imposante Erscheinung. In irgendeiner Weise war er chronisch krank; vielleicht litt er unter Epilepsie („Pfahl im Fleisch“). Und er war auch noch, bis zu seiner Lebenswende, ein bitterböser Verfolger der innerjüdischen Gruppe gewesen, die in Jesus den ersehnten Messias proklamierte.

Dann aber war´s Paulus, der als erster klar erkannte, was das bedeutete, dass Jesus grausam am Kreuz zu Tode kam – „den Juden ein Ärgernis und den Griechen ein Torheit“ (1Kor 1,23):

Gott gibt sich neu zu erkennen. Nicht in der Stärke, in der Schwäche Gottes für uns Menschen liegt das Heil. Gott ist verwundbar und hält geduldig durch in der Liebe, die uns Menschen zu gewinnen sucht aus freier Überzeugung, Träger/innen des Heiligen Geistes zu werden.

Die Verwundbarkeit Gottes ist unser Heil. Und dem entspricht: Wenn ich meine menschliche Schwäche, meine Bedürftigkeit, meine Verletzungen wahrnehme ist das der Anfang meiner Verwandlung zu einem Menschen, der Gott entspricht. Aus meiner Schwäche wird mein Heil.

II

Vor über zwanzig Jahren saß ich nachmittags um fünf Uhr am letzten Tag der Abgabefrist über meiner Examenspredigt – und war mittendrin ins Stocken geraten. Schreibhemmung. Ich konnte nicht mehr weiter. Ich weiß noch, ich rief den Pastor in Düsseldorf an, bei dem ich mein erstes Praktikum gemacht hatte und der dann auch an der Uni Bonn Predigtlehre unterrichtete. Der sagte ohne jede Einfühlung: “Warum bist du denn so depressiv?“ Irgendwie gab mir das den nötigen Kick. Nein, noch mal ein halbes Jahr länger ums Examen bangen, das wollte ich auf gar keinen Fall. So entwickelte ich einen gewissen Trotz und gab nicht auf. Trommelnd lag ich bäuchlings auf dem Boden, dann war´s als ob mir jemand zurief, eine innere Stimme: „Lass Dir an meiner Gnade genügen!“

Von irgendwoher strömte mir neuer Mut zu und ich schaffte es bis etwa um neun Uhr, alles fertig zu stellen. Zum Glück hatte ich Unterstützung beim Tippen, und kurz vor zehn Uhr konnte ich die Arbeit bei der Hauptpost in Köln noch fristgerecht abgeben.

„Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Das ist eines der tiefgründigsten Bibelworte. Damit muss man leben. – Es braucht ein Leben, um es wirklich zu verstehen. Viele Prüfungen, wichtigere noch als Examensprüfungen, Lebensprüfungen. Die Wahrheit, die darin aufleuchtet, ist nie ein für allemal zu haben. Aber in Krisensituationen kann sie einem immer neu zuteil werden.

„Nicht nur der lichte Tag, auch die Nacht kennt Wunder; es gibt Blumen, die in der Ödnis gedeihen, Sterne, die nur am Horizont des Wüstenhimmels erscheinen; es gibt Erfahrungen der Gnade, die einem erst am Rande des Abgrundes zuteil werden.“ (nach: Gertrud von le Fort, Unser Weg durch die Nacht)

Ganz banal ist das ausgedrückt in dem Spruch: „Wenn Du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“

Es geht um die Grunderfahrung, die Einsicht, die Lebensweisheit:

N i c h t dadurch, dass ich meinen Willen durchsetze, finde ich zu einem erfüllten Leben! Also: all´ die Ehrgeizprojekte, die uns in der Welt vorgegaukelt werden als erstrebenswerte Lebensziele, - oben auf dem Podest stehen, Sieger/Siegerin sein zähle nur, ob bei Olympia oder in der Berufslaufbahn oder in den Notierungen des Aktienindexes, - das sind Irrtümer!

Grundlage dieser Ehrgeizprojekte ist die Anschauung vom Leben als KAMPF, als ob man nur dann etwas gelte, wenn man groß herauskäme; als seist Du nur dann ein Großer, wenn Du siegtest – oder wenigstens oben mitspieltest in der Champions League.

Wer mich kennt, weiß, dass ich nichts gegen Sport habe, auch nichts gegen Leistung, nicht einmal gegen Ehrgeiz. – Aber, man muss sich immer bewusst bleiben: Es ist ein Spiel.

Reich sein macht nicht automatisch glücklich! Es ist nicht unbedingt ein schöneres Leben, wenn man berühmt ist! Es kommt immer auf den Geist an, - wes Geistes Kind Du bist -, getrieben von Ehrgeiz oder aus Freimut und Gelassenheit handelnd.

„Ich kann niedrig sein und kann hoch sein“, so drückt Paulus das an anderer Stelle aus, “...beides, Überfluss haben und Mangel leiden. Ich bin stark durch den, der mich mächtig macht!“ (Philipper 4,13; vgl. auch 2 Kor 6,10 „...nichts haben und doch alles haben“)

Vielleicht war Johannes Rau so ein Mensch, der nicht aus falschem Ehrgeiz an die Spitze kam, sondern aus dem inneren Auftrag, seine Gaben einzusetzen zum Wohle von vielen. Sein Lebensmotto, ganz paulinisch: „Ich halte stand, weil ich gehalten werde. - Teneo, quia teneor.“

III

Dass die Kraft Gottes in den Schwachen ist, an dieser Lebenseinsicht des Paulus entzündet sich Nietzsches Hass gegen das Christentum. Nietzsche, der Pastorensohn, hatte eine Hassliebe zu Paulus. Ihm wurde klar, dass Paulus das Christentum entscheidend geprägt hatte. Ohne Paulus kein Christentum. „Ohne die Verwirrungen und Stürme eines solchen Kopfes, einer solchen Seele, gäbe es keine Christenheit; kaum würden wir von einer kleinen jüdischen Sekte erfahren haben, deren Meister am Kreuze starb.“

Nietzsche sieht in Paulus den Verfälscher der Botschaft Jesu. Jesus wollte Menschen aufrichten, Paulus hätte daraus eine Sklavenmoral gemacht, die den Menschen verkrümmte.

- Recht hat Nietzsche mit seiner beißenden Kritik, insofern aus der Erfahrung der Gnade, die einem Menschen zuteil werden kann, eine Moral abgeleitet wird – etwa in dem Sinne:

„Du darfst nicht stark sein aus Dir heraus. Du darfst Dich nicht heraus putzen. Du darfst nicht erfolgreich sein...“ - Es gibt ein christliches Milieu, da wird den Kindern eingeimpft, ja keine Freude am Leben zu entwickeln, an dem, was sie können. „Sei bescheiden! Halte Dich zurück! Diene!“, heißt die untergründige Botschaft, die alle Lust abschnürt. Solche angeblich christlichen Tugenden als Grundlage der Erziehung führten zu Verkorkstheiten, gegen die sich Nietzsche grandios auflehnte – mit einer schlimmen Wirkungsgeschichte...

Wenn Paulus aber von der wunderbaren Lebenserfahrung Zeugnis gibt, das Ihm Kraft von Gott, von Christus zugewachsen ist, als er selber aus sich heraus ohnmächtig war, dann darf daraus nicht im Umkehrschluss eine Lebensmoral gemacht werden etwa in den Worten:

„Probier´ erst gar nicht Deine Kraft aus, sondern kapituliere gleich, sei schwach, damit Du von Gottes Kraft erfüllt werden kannst!“

Es geht nicht darum, sich selbst klein zu machen, damit Gott einen groß machte. Es geht im Kern des christlichen Glaubens überhaupt nicht um eine Lebensmoral. Es geht um ein Neuwerden, ein Sich Verwandeln Lassen, um die Entdeckung: „Ich muss mich gar nicht abstrampeln, etwas Besonderes zu schaffen, zu leisten oder darzustellen, um ein besonderer Mensch zu sein. ICH BIN´S! Ganz ohne mein zutun. Wenn ich nur die Gaben, die Gnadengaben, die Gott in mich investiert hat, nicht hemme, sondern zur Entfaltung kommen lasse. – Darauf kommt es an, der Mensch zu werden, den Gott mit mir gemeint hat.

WIE kann ich das entdecken, diese Gnadenquelle? Indem ich mich mit Gott ANFREUNDE.

Sich mit Gott anfreunden, wie geht das? – Mit einem echten Freund teile ich meine inneren Gedanken, Gefühle, Sehnsüchte, Verletzungen. Mit einem Freund verbringe ich Zeit, teile ich das Leben. BETEN. Nicht nur vor Gott das Herz ausschütten, sondern innerlich wach werden, empfänglich werden, aufnahmebereit. Gott spricht Dir ins Herz, ins Gewissen, in Deinen Träumen. Innerlich zu Gott in Beziehung treten. Gott spricht uns nicht nur in Extrem-situationen des Lebens persönlich an. Gott ist i m m e r gegenwärtig. Nur wir leben meist achtlos darüber hinweg.

„ Gott ist allzeit bereit, wir aber sind sehr unbereit; Gott ist uns nahe, wir aber sind Ihm fern, Gott ist drinnen, wir aber sind draußen; Gott ist daheim, wir aber sind in der Fremde... Ich bin des so gewiß wie ich lebe, dass mir nichts so nahe ist wie Gott. Gott ist mir näher, als ich mir selber bin.“ (Meister Eckehart

Und wer in der Stille, im Gebet geübt hat, sich ganz Gott zu überlassen - und dann immer wieder die nicht herstellbare, sich aber immer wieder einstellende GNADENERFAHRUNG macht: „Gott tröstet mich und flößt mir neuen Mut ein, neue Kraft, neue Inspiration!“, der / die kann dann auch immer besser im Trubel des Lebens mit innerer Aufmerksamkeit – eben nicht gottvergessen – leben.

So leben, lieben, handeln, leiden, lachen, weinen..., in innerer Verbundenheit mit Gott, dann „wohnt die Kraft Christi in Dir“ (2Kor 12,9), dann spürst Du mit jedem Atemzug: “Herr, Du bist nahe!“ (Ps 119,151).

Aus solcher inneren Verbundenheit entsteht Achtsamkeit als Grundhaltung. Wenn die tiefe Sehnsucht Deines Herzens gestillt wird, bist Du nicht mehr verführbar. Du siehst immer klarer auf den Grund der Dinge – und siehst die Menschen mit den Augen des Herzens an. Vor allem: trotz aller Widrigkeiten und Mühen und der Ohnmacht angesichts der Fülle von Leid und Not, Du resignierst nicht. Du hältst geduldig durch.

„Ein Geduldiger ist besser als ein Starker...!“ (Sprüche 16, 32) Ohne Bitterkeit, ohne Krampf, ja, sogar mit einer stillen Freude erfüllt. -„Freuet Euch in dem Herren allewege!“ (Philipper 4, 4) - Du tust, was du tun kannst und suchst Verbündete. Mit Gottes Hilfe wirst Du ein/e Helfer/in Gottes. Du hilfst die Not abzuwenden, die nicht sein muss, die entsteht, weil Menschen haltlos in die Irre gehen.

Es ist an der Zeit, dass wir das Übel bei der Wurzel packen und deutlich machen: das Modell vom Konkurrenzkampf des Lebens ist falsch, jedenfalls für uns Menschen. Das Netzwerk Leben braucht die Synergie, das Zusammenwirken aller. Und jeder hat die Gabe, etwas beizutragen.

Innerlich mit Gott verbunden, wirst Du geleitet auf Deinem Weg. Und Du lernst, lernst auch unter Schmerzen: nicht etwa irgendwelche äußeren bösen Feinde bringen Dich ab vom Weg, sondern Du selbst. Der schwierigste Gegner, den ich immer wieder zu überwinden habe, bin ich selbst! - Meine Schwäche wahrnehmen und nicht verdrängen oder kompensieren, -  wenn ich meine Schwäche wahrnehme, so bin ich stark! Gnadenenergie strömt durch mich.

Amen!


 



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