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Predigt 31. August 2003

Keitumer Predigten Traugott Giesen 31.08.2003

Pharisäer und Zöllner

Lukas 18, 9-14

"Jesus sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden."

Hier geschieht ein falsches Gebet (H. Gollwitzer). Dem Anschein nach fromm und dankbar, dass Gott ihn so geführt habe, ist er doch sehr von sich überzeugt, hält sich für goldrichtig und schaut auf die andern herab. Das kann nicht gut gehen, Wem das Leben richtig tickt, der wird durch Hochmut zu Fall kommen. Beten nun ist ja das innerste Wissen von uns. Mit feinem Beben zeigt es an, was in mir vorgeht. Meine Seele redet mit der Seele der Welt. Wenn ich da über andere Leute herziehe, gar einen bestimmten, vielleicht stadtbekannten Mitarbeiter der verhassten Besatzung Gott zum Vergleichsobjekt für mein Gutsein empfehle - dann ist bei mir was faul. Es ist, als würde ich beim Vaterunsergebet schmulen, ob der neben mir die Augen geschlossen hat, um ihn sonst ertappt zu haben, dass er nicht gebetet hat. Und was ist mit mir?

Betend bringe ich mich wieder ins Lot, indem ich mein Tun und Lassen in Gottes Hand lege, nicht mich vor ihm aufkröppe. Ich weiß doch, dass in meinem Mühen übertags auch Müll zustande kam, Gott wolle mir vergeben und ich will wieder gut machen, will gut werden, ohne es zu merken. Betend danken wir auch für Freude und Glück und Begabung und Gelingen, wissend, dass wir auf nichts einen Anspruch haben. Es ist doch ein großes Staunen auch in dir, dass du noch nicht im Gefängnis warst, noch nicht einen totgefahren hast, noch keinen zum Wahnsinn getrieben hast, wissentlich noch keinem eine Summe schuldig bliebest. All das bedankst du mit, wenn du dankst, und meinst doch wirklich, dass das Gnade und Fügung ist und Geschenk. Und dein Glück und Können, Klugheit sind nicht eigenes Werk, sondern: wie sagt es Paulus: „die guten Taten, die Gott im voraus bereitet hat, damit wir sie tun“ (Epheser 2,10). Darum brüstest du dich auch nicht - oder ab sofort nicht mehr - mit Glück des Tüchtigen und bist mit der Forderung nach leistungsgerechter Bezahlung vorsichtiger. Du kannst nichts für dich, letztlich. Wir müssen uns ausgeben, müssen ausgeben, was Gott in uns gesät hat, müssen einnehmen, was uns zu ernten bestimmt ist.

Wer bin ich und was soll ich tun? - das loten wir im Gebet aus. Jeder, auch wenn er das Wort Gebet vermeidet: Als "wer" bin ich vom Leben gedacht? Das fragt es in mir, in dir, das kriege ich nicht durch Vergleich mit anderen raus. Auch wenn ich es tue, ich weiß, ich kann mich nicht an anderen abstoßen. Der Erste in Jesu Gleichnis wollte sich auf die sichere Seite bringen, indem er sich abhob von den anderen, den Dieben, Mördern, Huren. Auf die zeigte er und meinte sich damit bei Gott unterzustellen. Wie Kinder, die auf den Unartigen zeigen, um sich selbst auf die sichere Seite zu bringen. Der Andere dagegen stand von Ferne, wusste um seine leeren Hände, wusste auch, dass er Gott keine Ehre gemacht hatte, vielleicht sagt er nur wie nebenbei: „Man hat sich bemüht“ (Aufschrift auf Willy Brandts Grabstein), oder: „Es war doch all mein Tun umsonst auch in dem besten Leben“ so Martin Luther; oder „Ich tat nur meine Pflicht“- so viele Retter nach Einsätzen, Mütter sowieso. Das soll unser Wort sein, mit dem wir uns zusammenfassen, am Lebensende, am Tagesende auch: „Haben wir alles getan, was uns aufgetragen war, wir hätten doch nur getan, was zu schaffen uns geschenkt war“ (nach Lukas 17,10).

Betend holen wir uns auf den Teppich. Gott ist mein Zeuge, er weiß. Also lohnen die Grimassen nicht. Wie ich auch auf der Tanzliste der Mitmenschen plaziert bin - da geht’s nach dem Motto: „Kleider machen Leute“- aber Gott weiß, wer ich bin: Und da kann ich nur kleinlaut werden, muss bei allem Gelingenden auch Scham empfinden, wie ich Menschen abblitzen lasse oder benutze oder schäbig behandle, als hätte ich den Stein der Weisen, oder mein Konto gäbe mir Vorrechte im Verkehr oder in der Warteschlange. Wie reden Kellner von dir, wie lässt du Verkäuferinnen springen; oder deinen Mann, deine Frau, deine Eltern, deine Kinder? Betend nimmst du dir zu herzen: Gott weiß, weiß mich. Meine Angst vor Verachtung, meine Angst vor Rausschmiss, meine Angst, verlassen zu werden. Darum fahre ich ja diese Geschütze auf: „Mit dir red ich nicht mehr“, „Mit dem will ich nicht an einem Tisch sitzen“, „Wenn der kommt , komme ich nicht“, „jetzt spreche ich“, oder auch meine Aggressionen nach innen - meine Koliken, Magengeschwüre. Gott du weißt, was für ein zittriges Blatt meine Seele ist, vergib mir mein anmaßendes Auftreten, vergib mir, dass ich deine anderen Kinder so trete. Oder musst du beten: Gott vergib, dass ich mich so treten lasse, vergib mir meine Unterwürfigkeit, ich weiß dass ich damit andere noch böser mache, ich müsste Einhalt gebieten: "So nicht" schreien, "nie mehr" - und gehen. Ist das dein Text vor Gott? Jedenfalls habe, ich, hast du nichts aufzuweisen, was uns zu besseren Menschen machte. Auch die glanzvolle Bilanz des Ersten ist nur Glamour. Und vergleiche nicht, ja Weitsprung mit Weitsprung kann man vergleichen, aber wie sich deine Seele durchringt das ist Deines, vergleich dich nicht. Vergleichen ist nur Ausweichen, Du weißt es.

Der Erste: ein „ Pharisäer“- der sehr bewusst und genau sich an das jüdische Gesetz hielt, mit strikter Trennung von den Sündern, auch von den Fremdgläubigen, peinlich genau befolgten sie die Vorschriften, zahlten lieber mehr, als dass sie was schuldig blieben. Sie hofften, durch strenge Gesetzeserfüllung das Reich Gottes heranzuholen. Sie leisteten auch Askese: Wollten sich mit freiwilligen Anstrengungen einen Spielraum für Wiedergutmachung offenhalten. Sie wollten rechtschaffen vor Gott stehen, auf gleicher Augenhöhe, wollten nicht auf Gnade angewiesen sein. Das Einsiedlerdasein, später das klösterliche Zellendasein mit viel Enthaltsamkeit, will Gott entsprechen, den sie als Einzelnen, als ohne den Anderen dachten. Dabei ist doch das Eins-Sein Gottes ein Ganz-Sein mit allem. Auch wollte man sich den Kopf freihalten vom alltäglichen Sorgenmachen um angeblich wichtigere, nämlich geistige Werke zu tun. Pharisäer wollen aus Weltmenschen Gottmenschen machen, mit disziplinarischen Menschenformungstechniken. Aber Jesus will nicht Weltflucht, sondern dass wir die Welt annehmen und das Leben feiern.

Dazu kann auch Fasten helfen, ein Verzicht auf Zeit, zur körperlichen Entschlackung und zur inneren Reinigung, Dann kann man spüren, was man alles zu haben müssen meint und doch nicht braucht. Selbstbesinnung und Selbstbestimmung beginnen doch damit, nochmal für mich zu klären, was ich brauche und was ich will, ohne einfach so weiterzumachen. Askese, ein Stück Verzicht, ist auch gut, um noch mal Hunger und Durst zu spüren. Der tiefste Sinn der Askese ist, dass sie das Erbarmen frisch hält. "Der Essende hat immer weniger Erbarmen und schließlich keines"  so Elias Canetti. Nichts also gegen Askese, die Kräfte frei macht, dass du gerne du bist.

Aber der Pharisäer im Gleichnis, so scheint es, übt sich in nur in vorteilhafter Entsagung. Nicht, dass er jetzt damit glücklich sei - das wäre schön, sondern um im Vergleich gut dazustehen. Er denkt sich Gott als Registrator unserer guten und bösen Taten. Und da meint Jesus: weiß der Zöllner mehr von Gott und dem Sinn des Lebens: Mit Gottvertrauen Freude beschaffen, sich und anderen- dafür sind wir da, nicht Sünden vermeiden ist unser Auftrag, sondern zu lieben, Gott, dich, die Nächsten, mit den Sünden, die dabei notgedrungen anfallen, kommt das Leben schon klar.

Alle Predigt diene dazu, die Menschen an ihr gutes Ansehen bei Gott zu erinnern. Wir müssen nicht uns bei Gott Liebkind machen, müssen nicht schön tun, wenn wir danken, dann wirklich weil wir auch unseren Fleiß, Gesundheit, Geld als Gabe verstehen, unverdient uns anvertraut, dass wir das Glück des Lebens vervielfachen für andere mit. Die Allmacht pickt nicht raus, darum müssen wir nicht tricksen, müssen nicht Punkte machen, uns groß in Szene setzen. Wir sind doch gerechtfertigt, sind Gott recht, wie er uns will, also feiere dein Leben, nutze es, achte dein Dusein, ich mein Ichsein als Gottes freie Erfindung. Er ist mir, dir gut – auch wenn die Umstände schwierig und die Zeit kurz ist und wir Mitmenschen uns in die Wolle kriegen. Ja, stell dir einen vor, mit dem du dich öfter beharkst: Erinnere dich an sein gutes Ansehen bei Gott. Dann komm ihm entgegen, vielleicht kann er an sein gutes Ansehen bei Gott wieder glauben und wird noch verwandelt. Rechnen wir mit unser aller Verstricktsein ins Schwierige, und wenn du etwas Boden unter den Füßen hast, dann hiev' einen aus dem Schlamassel, einen pro Tag.


 



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