L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   15.04.2001

Ostersonntag

Ostern ist logisch
Die Wucht von Ostern ist anschaulich, jedenfalls bei uns, in der aufbrechenden Natur, die aufgesprengten Knospen der Kastanien, die bockbeinigen Osterlämmer, die bunten Vorgärten bedeuten: Hier endete ein Altes, hier ist Neues im Werden. Hier ist Aufbruch zu sonnengelber Freude. Nach langem Warten, dunklen Tagen, wo das Hoffen auf Sommer schon dünn geworden ist, jetzt, wenn auch hinter Schneeschauern, des Frühlings holder, belebender Blick.
Uns ist das Frühlingserwachen ein Bild für Auferstehung. Unsere Seele ist voll Drang zu Neuanfang. Wir haben in uns einen Drall zu Aufbruch und Reise, dass mit uns noch grosses Beginnen bevorsteht. Darum rührt uns wohl die aufbrechende Natur, sie bildet unser innerstes Wünschen ab. Unser Triebkern ist auf Entfaltung angelegt, unser Geist ist hier nicht satt zu kriegen. Ein beglückendes Ereignis, da sind wir schon verjüngt: da wissen wir, der Himmel steht offen, wir sind noch zu ganz anderem Verhalten fähig, zu ganz andern Biographien. Ob ein Seelen-Seminar oder ein Kunstfest oder die Geburt von Kind oder Enkel oder ein Ballonflug oder eine Afrikareise können uns angerührt machen von dem Wissen: Ich habe Ewiggültiges gesehen, ich ahne Ewigkeit.
All die Ereignisse, die uns Ewigschönes, Ewiggültiges zeigen, trimmen unsere Seele auf Unsterblichkeit. Wir sind begierig, gemeint zu sein vom ewigen Gegenüber, auch unsere Taten mögen doch wahrgenommen werden, und das Böse in der Welt muss doch mal aufhören, es soll nicht triumphieren. Und die bedeckt sind von Unwissen sollen erleuchtet sein. Ob als Auferstehung von den Toten oder als Heimkehr der unsterblichen Seele – wir erwarten eine Zukunft mit uns.
Und das ist nur Echo davon, dass die Liebe, Gottes Wesen, unwiderstehlich ist. Letztlich wird Gott alles in allem sein, und was als Barriere erscheint, als Riegel gegen das Leben, wird geknackt.
Christen sehen dies Knacken des Todes in Jesu Auferstehen passiert. Wie keiner sonst hat Jesus begeistert und glühend von Gottes gesprochen, hat seine Liebe gelebt, hat andere in sie hineingezogen. Wenn nicht er – wer sonst – bleibt an Gottes Seite. Das geht gar nicht anders, wenn Gott der Liebe voll ist.
Nur – Das-bei-Gott-bleiben des Jesus, wie konnte es uns Menschen sichtbar werden. „In deine Hände befehle ich meinen Geist“, hatte Jesus im Sterben gesprochen. War er angekommen, aufgenommen, ist er bei Gott, hat weiter Anteil an Gottes-für-uns-Dasein?
Er hatte Gott, wie nie einer vorher, in den Alltag der Hausfrau, des Sämanns, des Steuerzahlers gezogen; hier schon Reich Gottes im Anbruch, hier schon das Gegenteil von Unfreiheit – nämlich Verbundenheit. Hier schon hat er losgebunden, das Gesicht gehoben, sich bei dem mit dem schlechten Ruf eingeladen; den für mit Krankheit bestraft gehaltenen, gerade den heilte er; den Tod hier, das Beziehungslos-sein hier hob er auf. Wird er bei den Seinen bleiben können? Oder trägt der Tod weit weg? Wie bleibt der Bürge für die Liebe bei uns? „Wer an mich glaubt, wird leben, wenn er auch stürbe“ (Johannes 11, 25), sagt Jesus. Sterben ist nur ein Gehen hinter eine Papierwand, nicht ein Vernichtetsein. Wir gehen dahin, vergehen der Liebe nicht.
So ist Ostern logisch. Es bildet ab, das von Gott Umfangensein nimmt kein Ende. Und Liebende bleiben einander verbunden. – Sie hatten schon hier das Einssein geschmeckt, sie bleiben einander vertraut, auch wenn sie in verschiede Stockwerke Gottes versetzt sind. Das erzählt die Geschichte von Maria Magdalena und dem Gärtner:
Johannes 20, 1 und 11ff: Am ersten Tag der Woche kommt Maria, die Frau aus Magdala, in der Frühe, als es noch dunkel ist, zum Grab und sieht, wie der Stein vom Grabe weggenommen ist.
Maria blieb draussen stehen vor dem Grab und weinte. Wie sie nun weint, hat sie sich in das Grab hineingebeugt und sieht, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten, zwei Engel in weissen Gewändern sitzen.
Die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiss nicht, wo sie ihn hingebracht haben.
Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht einen Mann dastehen und weiss nicht, dass es Jesus ist. Der spricht zu ihr: Frau, was weinst du? Suchst du jemanden? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.
Spricht Jesus zu ihr: Maria! Sie machte einen Schritt auf ihn zu, will ihn umfangen und spricht: Rabbuni!, das heisst: Mein Meister!
Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu den Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.
Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.
Maria von Magdala begibt sich am Ostermorgen zum Grab. Wir wissen kaum etwas aus ihrem Leben: Es heisst, sie sei ein in sich zerrissener Mensch gewesen und Jesus habe sie geheilt (Lukas 8, 2). Durch ihn muss sie sich selbst wiedergewonnen haben. Mittels Jesus hat sie ihr Gutsein wiedergefunden, ihr selbstbestimmtes Leben mit den nötigen Pflichten und den Freuden, hat wiedergefunden ihr Anteilhaben an Gott. Sie erlebte Jesus, als neue Zulassung zu leben.
„Von jeder Liebe unter Menschen gilt, dass sie den anderen einmalig macht; in jeder Liebe wird der andere zu einer Tür, die in den Himmel führt“, sagt Drewermann. Maria Magdalena liebte den Jesus, durch den ihr Gott greifbar wurde. Sie nahm Jesus als das Greifbare Gottes, wie ein Säugling Mutters Brust nimmt als Aussenseite der ganzen Welt.
Karfreitag muss Maria völlig hilflos gemacht haben; Jesus, der Inbegriff eines liebenden Menschen wird so gewaltsam hingerichtet. Maria versteinert erneut in grenzenloser Traurigkeit, will ihn als Begrabenen umfassen, bei sich haben, nimmt das Grab als ihren Ruheort, als Pfand für ihr Gedenken. Lebend gehörte er vielen, tot, denkt sie, gehört er nur mir, „das Grab sein Leib“ (Drewermann).
Da sieht sie den Stein weggerollt. Sollte man ihr den letzten Anhalt genommen haben? Sie weint, schüttet sich aus, als wollte ihr Ich auslaufen. Wenn das Schönste und Beste so zum Spott gebunden wird mit einer Dornenkron, wäre es Wahnsinn, da geistig gesund zu bleiben – das können nur Monster. Seelisch viel Empfindende können Wahnsinn nötig haben, um dahinter sich zu verstecken.
Doch der Ort, an dem der geliebte Leib gelegen hat, spricht. Sie hört es fragen: Frau, warum weinst du? Statt die ganze Welt auszuschütten, wegzuschütten, sag das eine, um das du weinst. Und sie sagt eine Beschwerde. „Weggeschafft haben sie meinen Herrn.“ Einer aussichtslosen Liebe weiss sie sich zugehörig (Drewermann), doch das Objekt dieses verzweifelten Habens und Haltens ist ihr genommen. Das Grab ist leer. Auch wenn der Leichnam noch da wäre, ist das Grab leer. Man könnte Totenwache halten aber keinen Lebensdienst. Auch noch so präparierte Mumien sind nur Packungen Vergangenheit. Doch der in Geist verwandelte, der Auferstandene Christus verspricht Zukunft.
Aber erst muss Maria auf die Scherben verzichten, muss ablassen, Museumswärterin zu werden einstiger schönen Stunden. „Warum weinst du?“ – fragen nach vorne ziehende Kräfte, präziser: „Wen suchst du?“ aber ihr rückwärtsgewandtes Auge bleibt noch verhangen für den Heiland der Gegenwart. Sie bittet den Gegenwärtigen, ihr den Vergangenen zurückzugeben, damit sie die Vergangenheit verlängern kann und die Gegenwart vergisst, auch indem sie sich der Gegenwart entzieht.
Aber der Heiland der Gegenwart redet die Trauernde mit ihrem Namen an „Miriam“, aramäisch frisch steht es bei Johannes, das meint: Was gewesen ist, geht weiter, hat Zukunft. Die Miriam von davor hat ein Künftiges. Das von früher bekommt neue Triebe. Sie wendet sich um, sie wendet sich ab, von Dahinten der Zukunft zu. Der damals sie rettete, geht als Rettendes mit ihr. Als Bild der Liebe Gottes ist er unzerstörbar. Selbst der Tod schmilzt vor ihm, dem unwiderstehlichen Gott des Lebens. Er sagt: „Mirjam“ und sie „Rabuni“, mein Meister. – Es ist das innigste, zärtlichste Zwiegespräch, das man sich denken kann, Worte über den Tod hinweg, hinein in eine unsterbliche, bleibende Gewissheit: Du mein Meister, mein Halt, meine Rettung, in dir habe ich Gott erfahren und der bleibt bei mir.
Das ist nun keine Privatgeschichte. Sondern Transparent für uns.
Auch wir verlangen, mit dem, den wir lieben, eins zu werden. Das ist unser Pfand für Auferstehung. Liebend ahnen wir uns als Bruchstücke eines Ganzen. Unser gebrechliches Lieben bleibt das Versprechen: Wir, gehalten von der grossen Liebe, Gott genannt. Denn aller Atem unserer hinfälligen Liebe ist Odem von Gott. Wir werden in ein Ganzes hinübergerettet werden.
Als erstem widerfuhr das Jesus. – Und die ihn liebten zu Lebzeiten, die sahen sich auch nach seinem Tod von ihm geliebt und ausgesandt. Maria weiss an diesem Ostermorgen, dass ihr Jesus ihr Herr und Meister ist und bleibt, will ihn fassen, aber der Auferstandene ist nicht handfest zu haben. Für die Realisierung der Sehnsucht hier braucht ihr Fleisch und Blut. Ich, sagt Jesus, gehe hin zu meinem Vater – ich gehöre allen, du kannst mich nur „im Geist und in der Wahrheit“ berühren.
Maria wird die erste Apostelin: Geh sag den Geschwistern: Ich gehe zu meinem Vater und zu eurem Vater. – Also: Vor uns und bei uns „Vater unser“. Mütterlicher, väterlicher Grund, wir gehören zu ihm im Leben und im Sterben. Und weil wir der Liebe gehören, sind wir im Tiefsten doch Geschwister – mit viel Zukunft. Amen.

Zitate aus Eugen Drewermann: Die Botschaft der Frauen: Das Wissen der Liebe. Walter Verlag
 


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2017 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...