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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   16.07.2000

Lukas 15, 11 - 32. Die wiedergefundenen Söhne – eine Geschichte des Jesus, 2. Teil

Jesus sagte: Ein Mensch hatte zwei Söhne.
Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte das Gut unter sie.
Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen.
Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine grosse Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben
und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten.
Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue frassen; und niemand gab sie ihm.
Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger!
Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir.
Ich bin nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heisse; mache mich zu einem deiner Tagelöhner!
Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heisse.
Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füsse
und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein!
Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen
und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre.
Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat.
Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn.
Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.
Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.
Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.
Es gibt Geschichten, die Lebensbrot sind. Die muss man immer wieder kauen. Das Gleichnis des Jesu von den wiedergefundenen Söhnen ist die innigste Erzählung davon, wie wir zu Gott gehören und wie wir Schwierigen zueinander hingedacht sind.
Die Geschichte erzählt : Wir gehören zu dem einem mütterlichen Gott und sind einander Geschwister in dem einen Erden-Haus.
Gott, das Herz aller Dinge, mütterlicher Vater, väterliche Mutter des Lebens; die Söhne können natürlich auch Töchter sein. – Jedenfalls, der Jüngere, die Jüngere will von zu Hause weg, will in der Fremde das Glück machen, geht die Eltern entschlossen an, doch das Erbe vorzeitig auszugeben. Und sie teilen ihnen das Gut. Und der, die Jüngste packt alles zusammen und zieht in die Ferne und verprasst alles, kehrt abgerissen zurück, wird liebevoll aufgenommen. – Das verstehen als Gleichnis für den modernen Menschen, der aus dem Glauben der Eltern auszieht aber doch das Erbe, die Freisprüche des Christlichen Glaubens mitnimmt: Zu Gott gehören, auch wenn man lange diese Beziehung vernachlässigt. Und Optimismus, dass wir auch in der Fremde bestehen können und nach vielen Irrwegen Frieden finden.
Der seinen Gott verloren hat, landet bei den Schweinen – das muss man je für sich auslegen: bei Fernsehen total oder Schuldenmachen, bei Manien und Wahn – doch er erinnert sich, kehrt ins Elternhaus zurück, bekommt Vergebung, vorauseilend, die Eltern geben ihm ein Fest – übertragen: er muss nicht mehr in einer miesen Geschichte mitspielen, das Leben mit Gott wird wieder ganz.
Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Dieser fast einsilbige Satz eröffnet ein Drama. In grossen amerikanischen Filmen schwenkt die Kamera zu einem neuen Schauplatz: In der Abenddämmerung versinkt das leuchtende Haus, der Tanzboden, die glücklichen Menschen, die Musik ebbt ab und Zikaden lärmen los, ein staubiger Weg, ein kalter Mond, ein Mann mit Sense auf der Schulter kommt müde auf das Haus zu. Seine Schritte werden zögerlich, er hört Singen und Lachen. Er wischt sich die Augen. Das ist nicht mehr sein Zuhause. Eine Verwandlung ist passiert. Er fragt einen der Knechte, und weiss schon die Antwort. Was er jahrelang befürchtet hat, ist eingetreten. Der Taugenichts ist zurück und die Eltern haben ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er wird zornig und will nicht hineingehen, er will den Bruder nicht zurückhaben, will dem nicht mehr Bruder sein, er bleibt draussen, blockt ab und sinniert:
Jahrelang hat er die Arbeit gemacht, die Eltern hatten es gut, das Anrecht aufs Alleinerbe des Vorhandenen stand ausser Frage. Der Junge galt als verschollen. Nie hat er aus der Ferne mal ein Lebenszeichen geschickt, nie was erzählt. Und ich hatte auch Fernweh, wollte auch mal raus. Aber der Jüngste kam mir zuvor, damals. Dabei war Arbeit und Auskommen für Zwei da. Na ja, ich war auch froh, dass er ging, gibt der Ältere sich zu, der andere konnte immer besser mit den Eltern, schmuste, ging dem Alten um den Bart und schon war er zur Tür hinaus, zu seiner Klicke, ich war immer der Dumme. Aber jetzt nicht mehr. Ich geh nicht rein, kann er ja rauskommen.
Aber wehe. Er will am Feindbild „mieser Bruder“ festhalten, Elternverlasser, Heimatbeschmutzer, Pleitemacher, Nichtsnutz. Er will nicht die Veränderung. Er will ihn festhalten an seinem Sosein. Der hat sich schlecht benommen, der hat seine Chance gehabt, der Bruder. Und er will auch keine Veränderung in sich: Käme der Bruder raus und erzählte alles, würde dann sein berechtigter Widerstand halten? Oder würde er ihn davon jagen? So grübelnd sitzt er draussen und will nicht hineingehen.
Aber wie es mit Eltern so ist, sie leiden mehr am Streit der Kinder als die untereinander. So ging der Vater hinaus und bat ihn.
Aber den Älteren überkommt ein grosser Zorn: Dieser Mistkerl – alles hat er durchgebracht und jetzt kriecht er wieder unter, ist wieder der Liebste. Und was ist mit meinen vielen Jahren Treue? „So viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten. Doch mir hast du nie einen Bock gegeben, dass ich mal mit meinen Freunden hätte fröhlich sein können. Nun aber dein Sohn gekommen ist, der dein Gut umgebracht hat mit Huren, gibst du ihm ein Fest.“ Der ganze Frust des Fleissigen, Redlichen, Verzichtenden, Bewahrenden schüttet sich aus gegen den Vater.
Der Vater erbleicht: Wie kannst du mich so falsch einschätzen. Dein Bruder hat mich nur ausgenutzt, du aber hast mich verkannt. Du „warst allezeit bei mir“ und hast mich doch als Fremden behandelt. Dein Bruder ist in die Fremde gegangen aber hat mein Bild mitgenommen. Du bist zu Haus geblieben und bist doch so weit weg, hältst mich für einen Despoten, von dem man bestenfalls Achtung erringt durch Fleiss und Gehorsam. Aber „Was mein ist, ist doch dein.“ Dein die ganze Herde, alles; wie kannst du warten, bis ich dir ein Schaf schenke?
Und der Sohn schaut den Vater ungläubig an: Du würdest mich auch so vermissen, wie den Jüngsten? Du liebst mich auch? Der Vater: Mein Sohn! Wenn man immer da ist, sagt man’s sich nicht so. Ich hab nicht gemerkt, dass du nie gefeiert hast, wir hätten mehr miteinander reden sollen. Aber jetzt weinen wir miteinander, das ist ein guter Anfang, komm das feiern wir.
Das so Menschliche hat eine Tiefenschicht: Jesus erzählt die Geschichte, um uns Gott zu entdecken. Auch damit wir dann diesem Gott entsprechend uns geschwisterlich annehmen.
Die Geschichte entdeckt mir Gott als grossmütig, uns als Söhne und Töchter Gottes. – Eben nicht nur: „Von Erde bis du genommen, zu Erde sollst du wieder werden“ sondern nach seinem Bild, von seinem Atem, hängend an seinem Wort, nichts kann uns scheiden – und ob ich schon mich schleppe im Finstern, Du bist bei mir.
Als wer? Es gibt schwierige Väter, herrische Mütter, gewalttätige Nächste, die unser Vertrauen ausgebeutet haben. Die haben uns Gott verleidet, haben uns misstrauisch gemacht gegenüber Glaube, Liebe, Hoffnung. Berechnende Menschen haben uns einen berechnenden Gott gelehrt, strenge einen Strengen, vernachlässigende Eltern malten in uns einen vernachlässigenden Monstergott. Schlimme Menschen haben uns einen rächenden Gott fordern gemacht. Wir wissen immer einen, dem der Himmel, wie er auch werden mag, verschlossen bleiben soll. Und noch schlimmer: Menschen können uns so misshandelt haben, dass wir uns selbst verachten, also unsern Schändern Recht geben und uns für minderwert halten.
Wem Gott verleidet und vergiftet ist, der flüchtet zu sich selbst, zieht alle verbleibende Liebe in sich ein, fürchtet jede Nähe als Liebe absaugend. Und rechtet mit Gott und der Welt, schuftet, rechnet, will den Tarif. Will keine Abhängigkeit von irgendeiner Gunst, will auch nicht Gottes Güte – will Gerechtigkeit. – So sieht das aus beim Ältesten: Arbeiten, treu sein und dann den verdienten Lohn bekommen, aber für den Prasser nur die kalte Schulter.
Doch Jesus rückt das Gottesbild zurecht: Jesus lässt den Vater sagen: „Mein Sohn, was mein ist, ist dein.“ Das klärt, was es heisst, Kind Gottes zu sein: Nämlich mit Gott sein, sein Schaffen, sein Lieben, sein Leiden mittun und mitfühlen. „Was mein ist, ist dein.“ Was kann das meinen? Doch auch: Das Herz der Welt hat dich zum Teilhaber gemacht. So nimm dir Freude, und lass dir das Leben gelingen und gelinge du dem Leben. Und auch: selig sind, die Leid mittragen, sie sollen getröstet, sollen erhoben werden.
Die Brüder feiern das Fest noch gemeinsam. Sie werden von einander lernen. Der Jüngere hatte die Freiheit ausgekostet, bis zu den Schweinen, bis ins Chaos, wo er sich aus dem Ruder lief und nichts mehr beherrschen konnte. Der Ältere war so ängstlich vor dem Neuen, dass er immer im Vertrauten blieb. Das Vertraute versteinerte so, dass er alles Bewegende für verboten hielt, alle Freiheit für bedrohlich. Der im Chaos landete, braucht wieder die Ordnung. Der in der Sicherheit versteinerte, braucht den Mut für das Fremde. Beide waren tot, bis sie vom Vater der Freude und der Friedensordnung gefunden wurden. Und die Brüder lernen von einander. Erst hatten sie sich von einander abgestossen, jetzt wollen sie sich ergänzen. Jetzt arbeitet der, der sich die Auszeit nahm. Und der Fleissige geht auf die Pirsch. Beide entdecken Gott neu, sich neu, einander neu – das Fest des Lebens hat sie wieder.
Ja, komisch, dass man zu allem Training und Glück braucht. Mut ausserdem. Und auch komisch: Grundlos werden wir aufrecht erhalten, dürfen noch das Ich-sein lernen. Amen.
 


 



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