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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   09.01.2000

Gott ist Sonne und Schild (Psalm 84, 12)

Siehe, um Trost war mir sehr bange, Du aber hast Dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe. Denn Du wirfst alle meine Verfinsterungen hinter Dich zurück. Er gibt den Müden Kraft, und Stärke den Unvermögenden. Die Selbstgewissen werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen. Aber die auf den Herren harren kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler, daß sie laufen und nicht matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden. Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Weiche nicht, ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich (Psalmen und Jesaja 40).

Liebe Gemeinde, Freitag sind zwei junge Leute ums Leben gekommen, und die Eltern von Ralf sind jetzt bei uns. Wir sind betroffen und weinen mit und leiden mit und bringen uns in Sicherheit im Schutz dieser Kirche, dieser Burg des Glaubens, in der soviel Leid und Trost und soviel Freude und soviel Tränen und soviel Abschied und soviel Neubeginn über Jahrhunderte gefeiert wurde.
Eben war Dr. Drewermann bei uns und hat uns klargemacht, daß wir nicht an einen Gott mehr glauben dürfen, der die Geschichte dirigiert, und der von hinten nach vorne anstößt: damit das passiert, soll das passieren. Und er hat auch völlig recht, weil nach Auschwitz der Herr der Heerscharen, der Gott der Geschichte uns mitverbrannt ist, und der Gott, der beim Autofahren die Hand über uns hält, mit im Auto sitzt und ein Stück mitverbrennt im Unfall, im Schmerz.
Und dennoch muß das Wort „Allmacht“ für Gott gültig bleiben. Gott ist das abgekürzte Wort für alle Energie, alle Liebe. Gott ist Sonne und Schild. Sonne steht für alle Energie; Schild für Schutz, für alle Liebe. Damit ist auch gesagt, daß Gott die Energie ist, auch die, die im Schmerz und Überschwemmung und im Sich-gegenseitig-wehtun und im Sterben-müssen wirksam ist. Aber Gott ist ja mehr als nur diese blinde Energie. Er ist auch dieser Schutzmantel: alle Liebe, alle Fürsorge, alle Zärtlichkeit, alles Für-einander-dasein-können ist sein Atem.
Und so glaube ich, daß wir an einem guten Ort sind, unsern Sohn zu beweinen, unsern Schwiegersohn zu beweinen; und jeder hat einen Menschen zu beweinen oder mehr, oder hat sich selber gerade wahrgenommen, möglicherweise, als gefährdet – (gemeint ein Paar, wo der Mann gerade die Bypass-Operation überstanden hat).
Ihr habt viel miteinander gebetet, umeinander, daß diese Rettung geschehe. Und ich bin davon völlig überzeugt, Gott ist Liebe und darum soviel schützende Energie, inklusiv der Windkraft, die als Strom dann unser Bügeleisen heizt. Dennoch ist der Tod eines Sohnes, eines Ehemannes, eines Vaters, ist der Tod einer Mutter, einer Schwester unsagbar, zerreißt unser Netz, denn es bleibt die Frage: Wer liebt jetzt das Halbwaisenkind, das bleibt? Wer liebt Mutter und wen er sonst liebte?
Jeder von uns hat erlebt, daß einer weggerissen wurde. Aus ganzem Herzen dürfen wir wissen, daß er in Gottes Hand ist. Wie wir einen Stein aufheben, um ihn zu verwahren, und der Stein nimmt die Wärme unserer Hand, so sind wir in Gottes Hand und nehmen die Wärme seiner Hand an.
Wir hätten ihn so gern behalten, wir hätten noch soviel mit ihm gewollt. Aber er selber ist in der Liebe, ist eingeschmolzen ins Herz Gottes. Diesen festen Glauben bewahre uns Gott. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, weder Tod, noch Mächte, noch Gewalten, noch irgendeine andere Kreatur (Römerbrief 8, 38-39). Ich finde daran so faszinierend unter anderem, daß der Tod auftaucht als Kreatur, als Teil von Schöpfung; bei aller Maßlosigkeit und Entsetzlichkeit bleibt der Tod, ja, Heimrufer in Gott selber.
Keine Beschuldigung an Gott. Er selber hat ja das meiste Leid daran, denn Er leidet in dir, Mutter, Er leidet in dir, Vater, Er leidet in Kind und Mensch, der um ihn trauert. Wir sind ja die Außenstationen Gottes, wir seine Verstecke. Also nicht mehr fragen: Wie kann Gott das zulassen? Er läßt es nicht zu, sondern er ist die Energie, die Glück stiftet und die zerreißt. Und weil Gott es ist und nicht banale physikalische Kräfte, darum wissen wir unsere Toten in Gottes Hand und können, auch wenn das Netz zerrissen ist an der Stelle, einander die Hände geben und einander das Netz notdürftig flicken. Und euch soll auf andere Weise wieder ein Kind werden, euch soll auf andere Weise wieder ein liebender Mensch werden. Es ist ungeheuerlich, wieviel liebende Energie Gott in diese Welt investiert und wieviel Verwandlung, auch ermöglicht dadurch, daß Geboren-werden und Sterben in dieser Schöpfung ist.
Ich bin gewiß, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes. Es ist nur entsetzlich, daß einer aufbricht zur Arbeit und nicht wiederkommt. Es ist nur entsetzlich, und dennoch: Er ist vorweggenommen in ein Haus von Licht. Darf ich das so sagen, daß er sein Gottesprogramm erfüllt hat? Ich weiß es nicht, ob es so ist, aber ich möchte es so denken, daß wir, die wir noch leben – sowohl leben müssen, dürfen, können.
Wir sollen die Toten nicht bedauern, sie sind in Gott eingeschreint, sie sind in der Strahlkraft der Liebe, sie sind die Liebenden, die uns mit Gott ans Werk treiben. Vielleicht kommen sie als Engel oder als treue Gestalten, als Zusagende, Tröstende, nicht Herrische jedenfalls. Sie bestärken uns. –
Aber wir müssen anscheinend noch hier sein. Alle Freude des Lebens inklusive – ein Mensch hat mir gestern sowas Schönes gesagt zur Orgel: Sie klingt so schön, und sie sieht aus wie ein Bühnenvorhang für die Zauberflöte, die gleich losgeht; also allein dieser Orgelprospekt als Freudenort, allein die Musik, die erklingt, die uns mithebt, mitträgt – also Gott hat ganz viel kleine Paradiese eingebaut in seine Schöpfung und er hat ganz schön viel Balsam auch für die verwundeten Seelen eingestreut.
Es soll bei euch bleiben, bitte, dieses Bild von diesem Auferstehungs-Kreuz auf der Kanzel von St. Severin. Jünglinge werden müde und matt. Aber die auf den Herren harren kriegen neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler. – Unsere Toten sind aufgefahren mit Flügeln wie Adler. Ich will nicht an einen Gott der Toten glauben. Die Toten sind im Leben bei Gott.
Aber auch wir werden auferweckt zu neuem Tun und zu neuer Pflicht und zu neuer Freude. Auch um die zerrissenen Netze zu flicken. Die uns starben, kommen selber nicht wieder, aber sie werden vertreten. In diese Lücke treten andere Menschen.
Und die Erfahrung mit Anfang und Abschied und Neubeginn in unser aller Leben hat gemacht, daß diese Kirche immer noch hält und immer noch als Kirche genutzt wird: die Erfahrung „von guten Mächten wunderbar geborgen“ in aller Mühsal und Schmerzlichkeit. „Und ob ich schon wander im finstern Tal, fürcht ich kein Unglück, denn Du gehst ja mit, Du nimmst mich mit und bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner zerstörerischen, feindlichen Gedanken. Du salbest mein Haupt mit Öl, machst mich schön und schenkst mir voll ein, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“ (nach Psalm 23).
Wir haben ganz schön viel Mühe mit unserm kleinen, trägen Herzen, uns jetzt schon im Hause des Herrn zu fühlen.
Aber die von uns gegangen sind, sind schon im Hause des Herrn. Amen.
 


 



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