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Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen

Wir müssen beten; wir müssen reden zum Wesensgrund. Im Gewissen wissen wir, dass jemand ist, vor dem und von dem ich bin und der herschaut zu mir, der Rechenschaft fordert und Reue annimmt. Im Glück müssen wir uns ausdrücken durch Jubel, im Schmerz müssen wir schreien. Warum? In Freude und Leid drängt’s uns über uns hinaus. Eine Liebe gefunden: Du sprudelst deinen Dank. Den Liebsten verloren: Du weinst dein Leid in Gott hinein. Wir müssen Gott als letzte Adresse für Dank und Klage denken. Und das ist nicht von uns erfunden, sondern das ist in uns hineingelegt. Nicht wir bilden uns Gott ein, sondern wir sind Einbildungen Gottes. Er zwingt sich uns auf, allein schon durch Sprache. Und vor der Sprache war Grunzen und Stöhnen und Wimmern und - Lachen, die Ursprache, die Echo ist auf die Hellhörigkeit des Weltengrundes.

Niemals ist nur der nächstbeste Nächste der letztlich Gemeinte, endgültige Empfänger meines Sprechens. Noch im liebenden Geflüster ist ein Überschuss über die beiden hinaus. Und noch im Bemühen der politisch Wirkenden ist der Kompromiss gesucht, von dem sie hoffen, dass er vor der Zukunft Bestand hat. Und das Wimmern der Verhungernden zielt über jeden Satten hin auf Gott.

Unablässig wird gebetet, verzweifelt und flüchtig, gemessen und einfältig, zitternd oder in Hochsprache, als unaussprechliches Seufzen oder formvollendet in Oratorien, in Kirchen und Gossen, in Gefängnissen und Volksfesten, von Asylsuchenden und Polizisten, von Menschenfreunden und Menschenhassern. In Lob und Reue, im Erschaudern, im Kuss, und im letzten Atemzug entringt sich unserer Seele ein Woandershin-Wollen. “Leid, Bosheit, stumme Langeweile, das alles ist der Schlund, aus dem das Bedürfnis zu beten entspringt” (E.M. Cioran), und die schönen Augenblicke, in denen uns Jenseitiges anrührt, sind die Katapulte für unser Salut gen Himmel.

“Beten”, sagt Novalis, “ist der Ausdruck der unendlichen Sehnsucht des endlichen Menschen nach seinem unendlichen Ursprung.” Vielleicht sind ja alle Grässlichkeiten und Gemeinheiten Verirrungen, Kurzschlüsse der Sehnsucht; alles Anbeten von Menschen oder Sachen zu kurz zielende, vermessene, perverse Gebete, wie das Gegröle grotesk verzerrtes Flehen um Gehör ist und das Saufen die gnadenlose Verlängerung der Stillzeit.

Das Gebet des Jesus ist eigentlich Anleitung für menschliches Maß, welche Würde uns angemessen und zugesprochen ist. Wir: Angesprochene, Gemeinte, wir Gewollte, namentlich Vertraute Gottes. Also nicht zitternder Staub, nicht Grimasse von Ängsten, nicht Seifenblasen, vom Zufall hingehaucht zum Zergehen, sondern wir Vater-unser-beten-Dürfende, also Söhne und Töchter. Damit hebt uns Jesus in eine gerade Linie: Der Allesgeber und du, wir gehören zusammen. Und das Gebet ist eine intensive (aber nicht die einzige) Kommunikation, “Communio”: “cum” und “unio”, mit Eins-Sein.

Wir: seine Schrift, und eben entziffert er dich; wir: sein Spiegelbild, wie splitternd und matt auch immer, er findet sich in uns wieder. Wir: seine Brut, und wenn wir auch wie Nattern an seiner Brust uns gebärden, er wird uns zu sich hinverwandeln. Verlorene Söhne und Töchter - ja, aber am Vaterunser können wir uns nachhause tasten.

Unser Betenmüssen ist Suchbewegung, die Gott in uns eingespeist hat, und das Vaterunser die Sprachlehre, nicht die einzige, aber wohl die mit Leben am tiefsten gesättigte, in der Israel die Schmerzen und Hoffnungen, ein Mensch zu sein, vorformulierte und Jesus sie zusammenfasste.

Geheiligt werde Dein Name von uns

Dein Reich komme zu uns

Dein Wille geschehe durch uns

Unser tägliches Brot für heute gib uns

Vergib uns unsere Schuld, mach uns zu Vergebenden

Führe uns durch die Versungen

Vor allem versuche uns nicht, an Dir irre zu werden

Erlöse uns von dem Bösen -

Denn ...

Ja, welchen Grund haben wir, Gott anzurufen? Unser Überdruss an Verzweiflung und der Überschwang an Glück sprengt uns auf, schreit über uns hinaus. Aber ist da einer? Bist du da, Gott, bist du? Ja, auch versteckt hinter allem Wissen, schattenhaft in aller Inbrunst, auch als entbehrter Gott bist du. Bist Horizont in der Hoffnung, Schlepptau in die Freiheit, die große Überredung, noch einmal, immer noch einmal dem Hass mit Liebe zu begegnen. Du, verborgen und doch erreichbar, Vater, Mutter, unerschöpflich. Und wir sind Fische im Meer, die das Wasser suchen. Du Unbegreiflicher trägst uns, leidest mit uns und bahnst uns Zukunft an, denn dein ist das Reich. - Zuerst das vorhandene, das schwierige, das endliche, das auf Selbsterhaltung und Genuss angelegte und so gefährdete, weil von unserer Gier bedrohte Zeit-Reich. Auch dies ist umzirkelt von deiner Zuständigkeit. Du belädst dich mit uns Schwierigen, verminderst deine Allmacht, weil du uns so sein lässt. Du liebst das Leben, du reichst bis unter die Graswurzel, du trägst in allen Tragenden, du kommst in jedem Augenblick, jede Sekunde ist ein Takt deines seienden und werdenden Reiches. Weil du bist, sind wir nicht Abrisse des Nichts, sondern deine Anfänge, deine offenen Enden; weil du uns mit Namen nennst, ist jeder er selbst, von dir in Ewigkeit qualifiziert. Dein Wille ist’s, der möchte, dass wir sind, und zwar als Teilhaber deiner Freude. So ist unsere wesentliche Identität nicht sub Familie, Volk, Besitz, nicht aus diesem oder jenem Beruf, sondern unser Personalausweis lautet auf Reich Gottes. Vaterland: Reich Gottes. Muttersprache: Gottes Ja-Worte, die wir einander stammeln.

Wir rufen dich an, sehen uns als von dir Aufgerufene, rufen dich zu uns, rufen uns vor dich hin, nehmen uns ins Gebet vor dir, um gottvoll zu wünschen, befeuert vom Heiligen Geist zu bitten. Denn dein ist die Kraft, die das sprühende Wachsen der Galaxien macht und das Krümmen des Regenwurmes, die Kraft immer neuer materieller Muster und Figuren in Schneeflocken und Vogelflug und Daumenabdruck. Dein ist die Kraft, die Artenwandel und Evolution zustande kommen lässt. Dein ist die Kraft der Mütter, der Kinder, der Männer, die Kraft der genialen Leistungen von begnadeten Menschen. Sauerteig deines Schöpfertums. Dein ist die Kraft, die aber auch als blinde Naturgewalt vernichtet und zerstört in verblendeten Menschen. Dein ist die Kraft im werden und Vergehen der Lebenspartituren. Du blickst uns durch die Realitäten ins Auge und erntest uns mittels des Todes.

Du bist “Sonne und Schild” (Psalm 84,12). Die Sonne aller Sonnen, die Energie, die die Sonnen leuchten macht. Und Schild, Schutz, Behütung vor den schrecklichen Ängsten, dass es endgültig Nacht um mich bliebe. Dein ist die Kraft der Bejahung. Gott, du glaubst an mich. Das macht mich wert. Für dich unersetzlich, das macht mich zu dir selbst.

Dein ist die Herrlichkeit. Du schimmerst in den Sinn-Oasen unseres Lebens, und aller Glanz dieser Erde ist Vibrieren Deiner Corona. Alles Jauchzen sind Noten deines Hymnus, des Hymnus auf dich großen Ganzen. Aus dem Mund der unmündigen Säuglinge bereitest du dir Herrlichkeit (Psalm 8,3). Und die Strahlen, in denen du strahlst, erscheinen in den Gesichtern der Menschen.

Dein ist die sinnliche Freude, die Ehre allen Gelingens, dein sind die Harmonien und die Schönheit, dein das Wachsen des Saatkorns zur Frucht, die reifen Birnen. Dein sind die Träume und dein noch Ungeträumtes, nicht Ausgewickeltes; dein auch unser Sehen und Gieren, die Wonnen unserer Poren, der Segen aller Gunst, die wir einander gönnen. Dein ist die Gloriole, die über jedem mutigen, liebendem Menschen ist und über jedem Bedürftigen.

Du, der Allfühlende, das Lebensmittel von uns allen, das “einzige Abenteuer, in das es sich zu stürzen lohnt” (Nicolás Gómez Dávila). Du gibst uns den Wunsch nach dir, gerade angesichts des Bösen auf der Welt. “Weil das Böse ist, muss Gott sein”, sagt Thomas von Aquin. Sonst wären wir aus vor Angst. Vielleicht liegt das Böse wie ein Sandkorn noch in dir, Gott, du Weltmuschel, und wird zur Perle verwandelt, verdaut von dir - auf dass du seist alles in allem (1.Korinther 15,28).

Ach, du Herz aller Dinge, das uns zum Ichsein ruft, groß und frei und liebesfähig und demütig. Du Herd unseres Existierens, an den noch kein Mensch trat, bleibst unausgelöscht. Du Vater unser in Ewigkeit. Amen.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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