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Erlöse uns von dem Bösen

Dennoch bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich

Weißt du dich von Liebe gehalten? Du, ich - wissen wir, ob wir von einem glühenden Verlangen gewollt sind, das mich, dich achtet und hegt? So viele Verneinungen, Verzweiflungen, soviel Gehorsam verlangende Mächte engen unser Selbstbewusstsein ein. Und Angst kommt von Enge. Die Gräuel des Morgens - was ist der Mensch - so ausgeliefert an Menschen? Hunger - was ist der Mensch - ausgeliefert an eine verweigernde Natur? Soviel Unfälle, seelisches, körperliches Sich-verloren-Gehen. Kann ich, kannst du dich von Liebe gehalten wissen? Bist du gewollt von einem glühenden Verlangen, das dich selbst sein lässt? Das ist die Frage. Nicht obenhin gestellt als Zusatzfrage, sondern um Sein oder Nichtsein, um Selbst- oder Nicht-selbst-sein-Können geht es.

Jesus, der wohl liebevollste, glühendste Mensch, der Gott je gelang, ist qualvoll gestorben. Und dies Aufeinanderprallen von Liebe und Todeswirklichkeit lässt uns die Sinne gefrieren. Keine Theorie macht uns Jesu Sterben verständlich. Auch Jesus selbst hatte kein Rezept, das ihm das Kreuz erklärte. In Qualen werden wir zitterndes, bangendes Fleisch. Uns geht die Welt unter. Und doch, so Jesu innerstes Wissen, fängt uns ein großes Du auf. “Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, bist du dennoch meines Herzens Trost und mein Teil” (Psalm 73,26) - das war ihm Lichtstrahl im Bewusstsein. Und könnte es auch uns bleiben oder werden.

Von Anfang an kristallisierte sich unser Selbst aus dieser Gewissheit: Als Säugling, geborgen an der Brust der Mutter, war diese uns die Leinwand Gottes. Wir erlebten uns als “von guten Mächten wunderbar geborgen”. Hinzu kam die Erfahrung eigener Kraft; triumphierend spürten wir: Ich bin wer und kann viel. Sogar Gutes kann durch mich werden: Wenn das Kind Omas trauriges Gesicht zum Lachen bringt, spürt es sein Vermögen, glücklich zu machen. Und im Lauf der Zeit wuchs uns ein Weltbild zu - hoffentlich das erklärte: du geliebt, fähig und nötig.

Mein, dein Selbst kristallisiert sich, wird fest durch Geliebtsein, etwas vermögen, Gutes bewirken, lieben. Alles das sind Begabungen, die ich bestenfalls nutzen, aber nicht produzieren kann. Unser Selbst erbaut sich aus Beschenktsein vom großen Du. Ich-selbst-Sein ist Gottesbeglückung, die uns widerfährt. Dass ich sein darf, ist Ausfluss des grandiosen Güteschatzes, Gott genannt, du, mein Gott.

Wenn uns aber dies “Ich gut - ich selbst” zerbricht, ich mich ungeliebt, ohnmächtig, lieblos empfinde, wenn mir die kleinen Du ausgehen, die Du der Welt, wenn mir die Handgriffe, die Medien, die Farben des großen Du entgleiten, dann bin ich in Gefahr, mit mir selbst zu zerfallen. Und aus Verzweiflung hängen wir uns dann an Ideologien oder Mächtige und singen ihre Lieder. Oder ich putze mich auf mit Protz, ob Bildung oder Verzicht oder Geld, oder ich demütige andere, um mich stark zu wähnen.

Jesus erleidet diese Verzweiflungstaten anderer. Pilatus fühlt, dass Jesus keine Schuld hat, aber zuckt zurück: Du bist des Kaisers Freund nicht mehr, wenn du diesen laufen lässt. Um sich selbst zu retten, verstößt Pilatus. Und die Schriftgelehrten - ihnen entzieht Jesus den Boden ihrer Machtfülle. Ihre Macht leiten sie davon ab, dass sie Gehorsam erzwingen im Namen eines strafenden, rächenden Gottes. Aber Jesus glaubt Gott ganz anders, als heilenden, vergebenden, mütterlichen Grund. Die wahren Frommen müssten also heilen und vergeben und zurechtbringen, statt zu Gericht zu sitzen. Und die Soldaten haben ihre Überzeugung verkauft gegen den Sold. Ich geliebt, gut, das hatten sie vielleicht nie selbst erfahren und glauben können. Darum tun sie Verzweifeltes.

Und Jesus erleidet diese Verzweiflungstaten, zu denen wir Menschen uns getrieben sehen, wenn uns die Pfänder fürs Geliebtsein entwunden werden. Ja, als Pfand, Anbruch, Beleg fürs Geliebtsein vom großen Du sind wir einander gedacht. Aber muss das unabwendbar sein? Muss unser Selbst entfallen, wenn die Pfänder fürs Geliebtsein uns entwunden werden? Der Psalmist konnte sagen: “Wenn mir auch Himmel und Erde untergehen und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, bist Du doch alle Zeit meines Herzens Trost und mein Teil.” (Psalm 73,25.26) Und das lebte Jesus, dem gab Jesus Hand und Fuß. Er vertraut der Allmacht Liebe, auch wenn die Liebesbeweise ausgehen. Jesus klebt nicht an den Pfändern der Liebe, eher am Gebet und Grund aller Gaben.

Ja, mein Leib ist mir Pfand, gewollt zu sein, der Leib des geliebten Menschen Beleg, Gestalt, Materie, Verkörperung der Liebe. Aber wenn mir der Leib ausgeht, bist du, Liebe, doch allzeit mein Teil, und ich bin Teil dieses Geheimnisses, das die Welt geschehen lässt. Wenn mir mein Selbst, meine Seele verschmachtete und ausdörrte aus Mangel an sinnlicher Erfahrung davon: ich geliebt, ich gut - bist du, großes Du, doch immer noch mein und ich dein.

Diese Vertrauensenergie trug den Jesus in den Tod und hindurch. Er sah sich nicht abgeschnitten von dem, der uns erlösen wird vom Bösen, sah sich verwickelt in eine unendliche, gutwerdende Geschichte. Die bricht jetzt, unter Konflikten und Brüchen, schon an. Leib, Freundschaft, Tatkraft, Brot, Hilfe, heilende Worte sind Lebensmittel vom großen Du, die mir Selbstbewusstsein, Ich-sein-Dürfen schon einspeisen auf dem langen Weg. Und für den Weg, der nicht das Ziel schon ist, reichen wir uns als Gefährten, die die Gefahren teilen; als Genossen, die das Gegönnte genießen; als Kameraden, die die Kammer teilen. Aber wie Adam und Eva argwöhnen wir, Gott, das Leben, könne uns etwas vorenthalten., und so raffen wir, machen uns breit, akzeptieren Grenzen nicht. Oder bleiben uns dem Nächsten, dem Leben schuldig.

Jesus gingen alle Mittel der Liebe aus. Das große Du war auch ihm fast verdunkelt. Aber er sagt ins Schwarze hinein: “Mein Gott.” Er stürzt nicht in die Verzweiflung, verflucht sich nicht und andere auch nicht, kauft sich nicht los durch Verrat am Selbst. Er blieb sich treu, blieb dem Leben treu, den Menschen, Gott, dem Ganzen.

Als die Glotzer sagen: “Lass sehen, ob Gott ihm helfe, er hat ja gesagt: Ich bin Gottes Sohn” (Matthäus 27,43), da bittet Jesus um Vergebung für sie: “Vater des Lebens, großes Du, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie dir antun.” (Lukas 23,34) Sie wähnen Gott als Herrscher über allem allem. Darum dreht er die Vereinsamten, die Trauernden unterm Kreuz zueinander: Das ist dein Sohn, das ist deine Frau, das ist die Mann (nach Johannes 19,27). Und er schickt sich in Gott. Er stirbt mit dem Hoffnungswissen, dass auf dem Grund des Leidensbrechers er Gott findet und sich selbst als sein Teil.

Unser Selbst - gehalten, gewollt, getragen, hindurchgerettet durch die Tage und Nächte schwarzen Sturms, endlich erlöst vom Bösen, angenommen in Ehren - dem Jesus nachvertrauen: Ich möchte es gern und du auch.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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