L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0829816
Zurück

 

Und führe uns nicht in Versuchung

Ist das ganze Leben nicht Gottes Versuch, seine Macht und seine Liebe zu gestalten? Das Firmament, die leeren Räume, die Gluten der Sterne und die Erde, sein Musterländle, wo er Organismen wachsen und vergehen lässt, kleinste Einzeller und die Gestaltenpracht der tropischen Wälder; und eben die Menschen, in die er Bewusstsein von Macht und Liebe, in sich tragen und ausleben müssen. Bäume bringen Früchte, Tiere vermehren sich, aber der Mensch ist berufen, immer neue Figuren zu gestalten, Muster aus Zusammenspiel von Macht und Liebe.

“Macht ist die Möglichkeit, nach meinem Willen die Dinge zu ordnen. Macht und Besitz gehören zusammen; Besitz ist Werkzeug, sich mehr Macht schaffen zu können.” (Carl Friedrich von Weizsäcker) Liebe aber ist das Wunder, dass das Andere, das Gegenüber meinen Willen ordnet. Macht ist Steinmetzarbeit - Liebe ist Musik.

Macht macht. Liebe lässt das andere gelingen und freut sich und schwingt mit und leidet mit am Leidenkönnen. Ich kann dich leiden, ich leide an dir, mit dir, bis - ja, bis ich zur Macht greife, die Verhältnisse in meinem Sinn geradestellen will. Ich sage vielleicht: In unserem Sinne, verfüge dann aber über den anderen mit. Ich mache mir mein Bild davon, wie was sein soll, und strebe mit Macht, die Verhältnisse in meinem Sinn zu ändern. Die Liebe, dies Wunder, dass ich aus freien Stücken mich verwandeln lasse vom anderen, zerbricht durch meinen Machtgebrauch.

Macht ist nötig. Macht ist ja das Gegenteil von Unfreiheit. Auch Liebe ist das Gegenteil von Unfreiheit, aber “Liebe ist nicht Freiheit, sondern Verbundenheit” (Martin Buber). Wie viel Mühe bringe ich für die Liebe auf - warte, mühe mich, brülle nicht: Ruhe jetzt! Oder, in Gesprächsrunden: Bitte lauter!, zische nicht: Jetzt reicht’s mir!, schlage nicht um mich, kündige nicht meine Zuwendungen, knalle nicht den Hörer auf, jage nicht in Angst, schließe nicht ein, mich oder andere, erkalte nicht: Ich kann dich nicht mehr sehen.

Lieben heißt: der Versuchung widerstehen, per Macht die Verhältnisse zu ordnen. Und so ist jedes Menschenleben ein dauerndes, wie ein Kaleidoskop sich neu konfigurierendes Konfliktmuster von Macht und Liebe. Und Gott selbst hat diesen Konflikt in sich. “Wir wissen von Gott zwar weniger als die Ameise vom Britischen Museum” (Carl Gustav Jung), und doch - wir müssen ihn ja denken, wir müssen ja den Betreiber der Welt denken, den Grund der Dinge, sonst wäre alles grundlos. Ist nicht die Wirklichkeit das gegenwärtige Versuchsfeld Gottes, seine Macht und seine Liebe zu gestalten, seine Macht in Liebe zu gestalten in Blüten und Kindern, in Brücken und Gedichten? Und Gott selbst ist in Versuchung, mit Macht uns zur Liebe zu zwingen, uns zur Vernunft zu bringen.

Alle großen Katastrophen der Menschheit, von der Sintflut an bis zu den Schrecken des Dritten Reiches, haben wir doch auch gedeutet als Gottes Griff zur Gewalt, um die Menschheit auf Vordermann zu bringen. Und das Alte Testament ist voll von scheinbar frommen Aufforderungen: Steh’ auf Gott, strafe die Bösen, züchtige die Gewalttätigen! Eine Verheißung im Lobgesang der Maria heißt geradezu: “Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut die Hochmütigen. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.” (Lukas 1,51-52)

Christen halten Jesus für die Inkarnation Gottes: “Fragst du, wer er ist, er heißt Jesus Christ, der Herr Zebaoth, und ist kein anderer Gott”, sagt Luther. An Jesus glauben heißt, Gott so zu glauben, wie er sich in Jesus gibt. Und in Jesus verzichtet Gott auf Macht. Er erzwingt Liebe nicht. Er erträgt die Gewalt und schlägt nicht zurück.

Es spricht so viel dafür, mit Macht die Menschen zur Vernunft zu bringen; ehe sie sich die Köpfe einschlagen, sie mit gezieltem Griff auseinanderzutreiben. Kain und Abel, der Golfkrieg, Jugoslawien - die Versuchung der Macht liegt nahe, dreinzuschlagen mit dem Versprechen einer neuen Weltordnung. Auch Jesus war versucht (Matthäus 4,1-11): Vom Geist in die Wüste geführt, muss er überlegen, wie er Gottes Kind, Gottes Sohn, Gottes Inkarnation sein will. Wie soll er den guten ganzen Gott auf dieser Erde leben, wie soll er ihm Hand und Mund und Ohr sein? Soll er den Mitmenschen Gott aufzwingen, indem er sich vom Tempel stürzt und sanft aufsetzt, also Gott vorführt als Retter? Soll er aus Steinen Brot zaubern; den Hunger, den Zwang zum Notwendigen, die Notlagen abschaffen? Soll er die Macht anbeten, und könnte er alles erzwingen? Er könnte alle Bösen ohnmächtig machen oder sie gleich ganz ausrotten.

Aber wer hätte denn dann noch Lust, das Gute zu tun, weil es schön ist? Und wer ließe der Liebe noch Zeit? Wie kann man Gutes tun, wenn die Liebe nicht treibt? “Wenn ich all mein Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib als Protestfackel brennen und hätte der Liebe nicht, so wäre mir?s nichts nütze.” (1.Korinther 13,3)

Auch Jesus war versucht, kurzen Prozess zu machen und lieber zu leben, als für die Liebe zu sterben. Auch Jesus war versucht, Gott des Verlassens zu zeihen, als er ihn nicht vor dem Kreuz errettete. Gott selbst ist noch versucht, das Böse auszurotten, statt uns vom Bösen zu erlösen. Aber wenn er so ist, wie Jesus war, hält Gott noch an sich, hält uns noch aus. Dass wir noch da sind, ist der Beweis, dass Gott an sich hält, das Böse auszurotten, sonst wären wir alle dahin.

Gott hat uns machtbedürftig und machtvoll gemacht, liebesbedürftig und liebevoll. Wie aber Macht nicht gegen die Liebe einsetzen? Wie Macht für die Liebe einsetzen, ohne diese zu zerstören? Diese Aufgabe gehört mit zum Projekt Reich Gottes. Und diese Aufgabe, Macht und Liebe zu leben, gehört zu den Konstanten, ohne die wir nicht Mensch, sondern Tier wären. Gott bitten, diese Versuchung von uns fernzuhalten, hieße: bitten, nicht Mensch sein zu müssen. Und tatsächlich: um der Verpflichtung zu entgehen, Macht und Liebe ins eigene Muster zu bringen, fliehen Menschen aus dem Leben, fliehen in Verzicht, in Fühlloswerden, in Drogen, nach Asien. Um nicht wählen zu müssen, um nicht entscheiden zu müssen, bei Papa und Mama Kind zu bleiben. Um nicht Verantwortung zu übernehmen für mich selbst, lieber gehorchen, der Kirche oder der Firma oder dem Staat oder der kleinen Lustfabrik Ego, erste Person Einzahl. Um nicht den schwierigen Weg zu gehen, der aus Macht und Liebe zu bahnen ist, lieber ohnmächtig und lieblos bleiben, Leben verweigern, Entwicklung verweigern, Schmerzen vermeiden - das ist die tiefste Versuchung, die Versuchung, dem Konfliktfeld Macht und Liebe auszuweichen. Und diese Versuchung ist so verzehrend, so markaussaugend, dass wir nur bitten können, dieser Falle nicht zu verfallen. Diese Falle eines fahlen, schalen, banalen Lebens, dies Wiederkäuen, dies Kreisen einer Schallplatte in der einen Rille “Ich tauge nicht”, dies Sich-Entschuldigen, dass man geboren sei, dies verhuschte Nicht-stören-Wollen, dies Schuldlos-bleiben-Wollen - wen soll ich bitten, mich vor dieser Versuchung zu bewahren?

Diese Versuchung, Leben zu verweigern, ist ein so kolossaler Sinnschwund, so verheerend, dass alle Erzieher und Eltern und Lebensdeuter nicht die letztverantwortlichen Täter sind. Die Schuld an solcher Gottesvergiftung, an solch dämonisch verzerrter Weltsicht, diese Schuld greift weit über die oft so hilflosen Helfer hinaus und zielt auf den Autor des Lebens selbst, geht auf Gottes Konto. Kain geht auf Gottes Konto. Darum quittiert Gott mit seinem Zeichen. Aber Gott ist ja noch mit Einzahlen und Gutmachen beschäftigt. Wie viel Heiligen Geist pumpt er denn tagtäglich in diese Welt? Wie kann es anders zu erklären sein, dass wir uns nicht alle schon umgebracht haben? Dass so viele “Ich-bringe-dich-um”-Wünsche nicht in die Tat umgesetzt wurden, geht erst recht auf Gottes Konto.

Sie fragten Jesus (Johannes 9,1-3): Warum ist dieser Mensch blind? Liegt es an ihm oder an seinen Eltern? Hat er gesündigt oder seine Eltern? Und Jesus sagt: Er ist blind, auf dass die heilenden Werke Gottes offenbar werden. - Also auch der Mangel, die Verweigerung, auch die Angst vor Schuld wird von Jesus nicht als Endstation, sondern als Anfang gedeutet, als das Grauen - ja, es ist Grauen, aber das Grauen eines werdenden Morgens. “Das Unglück allein ist noch nicht das ganze Unglück; Frage ist noch, wie man es besteht. Erst wenn man es schlecht besteht, wird es ein ganzes Unglück. Das Glück ist noch nicht das ganze Glück.” (Ludwig Hohl)<Alles ist noch ins Werden verwickelt. Alles ist noch Material, das Gott noch knetet zu einem guten Ganzen. Dieser Horizont nach vorn ist doch von Jesus eröffnet. Weder Fürstentümer, Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendeine andere Kreatur vermag uns zu scheiden von seiner Liebe. Das ist in Jesus offenbar (Römer 8,38-39).

“Führe mich nicht in Versuchung” ist zunächst einmal die Bitte: “Führe du mich in den Versuchungen.” Und das reicht fürs Alltägliche. Solange ich nämlich noch zwischen Macht und Liebe meinen Weg erkämpfe, bin ich noch gehalten von einem fast instinktiven Es-gut-machen-Wollen. Und die Konkurrenz schläft nicht, also ungestraft kann man auf dieser Erde nicht sehr viel Böses hintereinander machen. Dieses den Umständen entsprechend Es-gut-machen-Wollen ist ja schon Gottes Lotsendienst im alltäglichen Gewand. Aber drei Stufen tiefer, wenn uns Leib und Seele verschmachten, dürfen wir bitten: Vater, führe mich nicht in Versuchung, mich von dir aufgegeben zu sehen, so Aufgegeben; wie ein sinkendes Schiff zugrunde geht. Gott, führe mich nicht in Versuchung, mich so verneint, verloren, entseelt, von allen guten Geistern verlassen zu sehen.

Die Versuchung ist groß, an Gott zu verzweifeln und auf eigene Faust mein kleines Stückchen Paradies zu erkämpfen oder auf eigene Faust nach meinen Vorstellungen Liebe in die Welt zu zwingen mit Gewalt. Jesus selbst hat es erfahren und die Versuchung bestanden, und er betete und lehrte uns zu beten: Vater, führe uns nicht in Versuchung, an dir irre zu werden.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2022 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 7