L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0829821
Zurück

 

Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Das kann nicht Jesu Maß gewesen sein - “Wie du mir, so ich dir”, auf Gott angewandt. Wie du meinen Menschen vergibst, so vergebe ich dir; wie du meinen Schwestern und Brüdern verzeihst, so verzeihe ich dir auch: Ein ungeheurer ethischer Anspruch rollte auf uns zu und erhöbe uns, dich und mich zum Maßgeber für Gottes Güte. Das Geheimnis der Welt würde zum Buchhalter und Gerichtsvollzieher degradiert. Wir müssten vergehen vor Angst; wir müssten immer raffinierter uns als Vergebende ausgeben, müssten unsere Mördergrubenherzen tapezieren mit Blumentapeten, müssten uns aus Geschäftssinn zur Vergebung zwingen und auch zur Liebe.

Dieses “Maß für Maß” - Gott vergibt, wie wir vergeben - legt Matthäus oft dem Jesus in den Mund. Denn für Matthäus geht es darum, die beginnende christliche Gemeinde in Jerusalem hoffähig, gesellschaftsfähig zu machen durch vorbildliche, bessere Gerechtigkeit. Aber schon Israel war weiter und hat gerufen: “Wenn du Gott die Sünden zurechnen wolltest, wer wollte bestehen? Bei dir ist die Vergebung, dass man dich ehre” - nicht “fürchte”, höchstens “erfürchte” (Psalm 130,2-4).

Ja, wir können vergeben; wir leben geradezu von einem Stoff, der Vergebung ist. Wie ein Leuchten ist er dem Zusammenleben beigemengt, ist geradezu der Kitt des Zusammenbleibens. Schreiend sind die Abbrüche, die Zerreißungen, weil Vergebungskraft aufgezehrt ist. Die meisten Kriege wurzeln in unvergebener Blutschuld. Im ehemaligen Jugoslawien exekutieren die Serben Rache für das ihnen angetan Unrecht vor fünfzig Jahren. Und viele Ehescheidungsprozesse resultieren aus aufgezehrter Vergebung. Wenn zwei, die sich liebten, hassen, dann tun sie es auf ungeheure Art (Erich Kästner). Und dieser Hass ist doch Jammer derer, die wissen, dass sie Vergebung brauchen. Sie häufen Rache auf Rache und schreien insgeheim um Vergebung. Sicher gibt es auch Menschen, die sich im lodernden Willen nach Rache ganz verzehren, die zusammengeschmolzen sind auf diese eine Lebensäußerung. “Wie du mir, so ich dir”, so dass sie Vergebung nicht mehr denken können. Wer brauchte mehr Güte als die, denen alle Güte ausgebrannt wurde?

Aber wir normalen, bös-guten Menschen, wir rechten, schlechten Menschen haben Vergebungsenergie bei uns. Wie haben wir unseren schwierigen Lehrern vergeben und sie hoffentlich uns auch; und wie viele Kunstfehler (allein dies Wort - erstaunlich) haben Ärzte begangen und wie viel Unrecht Pastoren. Und wie viel Schmerzliches war in unserer Erziehung, und wir sagen doch letztlich: Eltern, ihr konntet es nicht besser. Wie viel Geduld ist im Pflegeheim zu sehen mit säumigen Kindern: Ach, sie haben ja so viel zu tun, entschuldigen noch die Alten die jungen. Wie viel Vorfahrt habe ich mir schon genommen, und andere passten auf. Und wie viel Güte ist in den Betrieben, und wie viele geschwächte Kollegen und Kolleginnen werden mit durchgeschleppt. Viel Versäumen wird vertuscht aus Mitleid, und viele Beleidigungen werden überhört. Und wenn uns einer wirklich um Vergebung bittet und seine Schuld benennt und seinen Fall erklärt und sein Unrecht einsieht und verspricht, wieder gutzumachen, was möglich ist, oder künftig anders zu leben - wenn einer uns von Herzen bäte, wir würden ihn doch umarmen und sagen: Gut, auf ein Neues!

Doch, wir sollen vergeben, und wir können vergeben. Aber das ist nicht Gottes Maß. Jesus sagt: “ Wenn ihr, die ihr doch arg schwierig seid, euren Kindern und Nächsten doch gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel euch Gutes geben, wenn ihr ihn darum bittet (Matthäus 7,11): Unser Vergeben ist doch bestenfalls ein Nachahmen, braucht’s auch nur sein, ein Echo, ein Nachhall, eine Resonanz. Ein Gleichnis Jesu erzählt: Zehntausend Pfund erließ der Herr einem Schuldner. Aber der Beschenkte ging hin und trieb hundert Silbergroschen mit großer Härte ein. Das machte den Herrn fast irre vor Zorn, weil von der Lawine Glück er nicht eine Flocke weitergab (Matthäus 18,23-35).

Wir sollten wohl beten: “Gott, vergib uns unsere Schuld, auf dass auch wir vergeben unseren Schuldigern.”

Zur Schuld wird ein Darlehen, wenn es nicht zurückgezahlt wird. Ist nicht alles, was wir haben, geliehenes, anvertrautes Gut? Mein, dein ganzes Leben Leihgabe, nicht Besitz, nicht eigenes Gewächs, sondern uns zugeschanzt und anvertraut und ausgeteilt und mir, dir in Pflege gegeben? Die Zeit , die Gesundheit, die Begabung, die Fähigkeiten und das Gewissen und die Gemeinschaft und dass du du sein darfst und dich fühlen und freuen kannst.

Es wäre Sünde, die Gaben zu feiern und nach dem Gebet nicht zu fragen, mich selbst als Schöpfer und Betreiber und Ziel und Sinn meiner selbst zu dekorieren, mich zu brüsten, was ich kann und habe und vorzuzeigen imstande bin. Sünde ist es, mich zum Herrn im Haus des Lebens aufzuwerfen und mich zu beweihräuchern und sei es mit Großzügigkeit. Der Stachel dazu ist ja nicht schlecht. Zu unseren Gaben zählt es, stolz sein zu können. Aber wo kippt diese Gabe um? Wenn wir die Kinder sehen, die das Laufen lernen und die jauchzend uns vorführen, was sie können, und die Eltern zeigen stolzgeschwellt ihre Kinder, als hätten sie ihnen das Laufenkönnen einmontiert. Das Freudengeheul, wenn der heimische Fußballclub gewinnt. Die Mitbewerber übertreffen, überflügeln wollen, der Heißhunger zu siegen, ob mit Muskelkraft oder Gewitztheit oder Geistesblitzen, ist doch lebensstärkend. Der Stolz des Gelingens und die Lust auf Anerkennung ist nichts Böses.

Nur: Wo kippt die Freude am Gelingen ins Triumphale, ins Gotteslästerliche und Menschenverachtende? Wo alle Demut, alle Grazie (zu Deutsch: Dank) dahin ist. Dann, wenn wir meinen, wir wären die Urheber unseres Erfolgs, dann, wenn uns die Herkunft unseres Glücks verschwimmt, dann werden wir zu Kolossen des Erfolges und kaufen uns das Dienen anderer Menschen und brauchen nicht mehr viel Rücksicht zu nehmen. Aber andere zwingen wir dazu. Dann ist die Freude am Gelingen gekippt, und wir werfen uns zu Herren und Herrschern auf und machen uns tatsächlich die Erde untertan - obwohl wir nur Leihgaben bebauen und bewahren sollen.

“Vergib uns unsere Schuld” ist die Bitte, die uns ins rechte Maß rückt, die uns ins rechte Verhältnis stellt. Vergib uns das An-uns-Reißen deiner Güter, unser Ausbeuten deiner Schätze zu unserem Vorteil, ohne Rücksicht auf deine anderen Töchter und Söhne. Dürfen wir so bitten: Vergib uns das An-uns-Reißen deiner Güter? Dürfen wir so bitten vor den Ohren der Asylsuchenden und denen, die wir verhungern lassen? Dürfen wir so bitten vor den Ohren von Obdachlosen und Strafgefangenen? Wir wissen doch: Wenn wir auch nicht durch Aktivität schuldig sind, dann sind wir es durch unser Zulassen. “Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!” (Bertold Brecht

“Vergib uns unsere Schuld” - das dürfen wir uns erbitten, wenn wir die mit ins Auge fassen, die uns brauchen. “Und welchem viel anbefohlen ist, von dem wird man viel fordern.” (Lukas 12,48) Das ist ein Lebensgesetz. Vielleicht sind darum die Armen die Glücklichen, die können nicht so viel falsch machen, nicht so viel schuldig bleiben. Und auch das ist sicher: Gott gibt uns dahin an die Folgen unseres Tuns, an die Begierden unseres Herzens (Römer 1,24). Was der Mensch sät, wird er ernten. Die guten und bösen Werke folgen uns nach, und wenn es uns nicht trifft, trifft es die Kinder und Enkel, Nachbarn und Freunde.

Wenn wir die Hungernden der Welt nicht bei uns haben wollen, dann müssen wir ihnen helfen, gern in ihren Heimatländern zu bleiben. Weil wir das nicht getan haben, nicht geholfen haben mit zwanzig Mark pro Person, dass sie sich dort ernähren können, müssen wir sie jetzt hier mit sechshundert Mark pro Person ernähren. Das ist gerecht; das ist die Gerechtigkeit, die Gott nicht verhindern wird, sondern die er uns genau an den Hals schafft. Denn Gott ist ja der Urheber der Zeit. Und das hat Luther schon gesagt: “Was ihr nicht aus Einsicht jetzt tut, das fordert euch die Zeit mit Wucherzinsen ab.”

Gott um Vergebung bitten, das rückt mich zurecht in die Erkenntnis, dass ich anvertrautes Gut nutze: Besitz, Ehre, Wissen, Freundschaft. All das ist doch gestaltgewordene Güte Gottes. Wenn ich das alles umwidme auf mich hin und dann um Vergebung bitte, ist das ein Hohn. Das ist genauso, wie wenn ein Sohn das elterliche Auto mit ins Studium nimmt und von unterwegs anruft und um Entschuldigung bittet, aber das Auto nicht zurückbringt. Dieses unser Verkehrtsein soll Gott uns vergeben, damit wir verkehrt bleiben? Das kann nicht unser wahrer Wunsch sein. Vielmehr: Wende mich, Gott, wieder dir zu, schließ mich wieder in deinen Lebensstrom aus Nehmen und Geben, mit einem freudigen Herzen rüste mich aus, vergib mir mein Engsein, und hole mich in deine Weite, vergib mir meine Entschuldigungen aus flauer Feigheit, und lehre mich, einzustehen für gerechteres Miteinander.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2022 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 4