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Vater unser - vergib uns unsere Schuld

Von Schuld zur Vergebung

Gott, vergib uns unsere Schuld - dies beten, glauben, für möglich, für wirklich halten, ist wie neugeboren werden. Dass uns diese Bitte in den Mund gelegt wird, ist Anfang eines anderen Lebens. Hunderte von Geberationen haben das Vaterunser gelernt, gesprochen, gemurmelt, geflüstert - und hörten aus dieser Bitte vielleicht das Falsche heraus: dass wir zuallererst schuldig gesprochen seien durch einen donnernden Himmelsrichter. Das Evangelium wurde oft als Keule missbraucht, uns Schuldwissen einzuprügeln. Aber “das Christentum hat nicht den Begriff der Sünde erfunden, sondern den der Verzeihung” (Nicolás Gómez Dávila). Sünde ist ein Urwort der Menschheit, beschreibt eine Urbefindlichkeit von uns allen. Ganz früh im Lebenslauf werden wir als Sünder entlarvt von Vater und Mutter, beim Lügen ertappt, vom Lehrer beim Abschreiben erwischt und vom eigenen Gewissen beschämt, als wir einen wehrlos am Boden liegenden Mitschüler noch verhöhnten. Dann das Protzen mit Sachen, die andere nicht hatten, wir taten es ganz unbefangen, bis ein Mensch uns erschreckte: Was bist du für ein fieser Typ, und ich musste ihm recht geben, schämte mich. Sünde ist unsere Nachtseite, sie ist vorhanden, auch ohne christlichen Glauben. Sie kann illuminiert werden: Sei kein Feigling oder: Du nützt dem Vaterland oder der Wissenschaft.

Bekannt geworden ist der (Abraham-)Test: Für ein der Wissenschaft dienendes Experiment suchte man Menschen, die andere bestrafen sollten, um deren Gewissen zu testen: Stromstöße hatten die Helfer auszuschicken, von schwach bis stark, um die zu Prüfenden zur Wahrheit zu locken. Langsam steigerten die Helfer die Dosierung. Die Prüflinge schrien, weinten, flehten, aber die Wissenschaftler erklärten den Prüfern, dass Beharrlichkeit nötig sei, um der Wissenschaft willen. Nahezu alle Helfer bedienten den Schalter bis fast zur höchsten, lebensbedrohlichen Stufe. Doch die Helfer sollten getestet werden, nicht die Prüflinge. Die waren eingeweiht, die Stromleitungen führten keinen Strom; getestet werden sollte, wie weit, für eine angeblich gute Sache, Menschen zu gehen bereit wären. Fast alle viel zu weit, weil in uns allen eine Nachtseite des Grausamen, Verblendeten, Rücksichtslosen ist, das wir nur getarnt ausleben. Darum spielen schon Kinder gern Polizist und jagen das Böse - eigentlich, um die Stimmen in ihrem eigenen Kopf zu beruhigen. In uns innen stehen wir vor einem Richter, gleichzeitig sind wir Angeklagte und Kläger. Dauernd müssen wir uns entschuldigen; unsere Nachtseite nehmen wir uns übel, wollen sie verdecken, vor anderen vernebeln, müssen Entschuldigungen inszenieren, dass es uns überhaupt gibt, müssen leisten und schuften und Vorbildliches vorzeigen, um uns wieder gut zu machen. Einen Ausweg gibt’s: Schlechtes Gewissen für andere spielen, empören, übelreden, zensieren, Ankläger anderer werden - das macht mich unbelangbar, kann eine Spanne lang meine Nachtseiten mir zudecken. Mein dröhnender guter Ruf übertönt die Schreie meines Gewissens. Vielleicht gibt es gepanzerte, versteinerte Menschen. Aber viele werden auch hellhöriger, schauen sich selbst zu, bemerken sich, verachten sich, wollen sich abschaffen, weil sie vielleicht einen anderen abschaffen wollen, der sie zerrüttet hat von früh an.

Sünde, Schuld, Böses ist bei uns von Jugend auf. Dafür brauchen wir das Christentum nicht. Das Schuldwissen gehört zum Menschen. Wenn schon bei den Tieren ein instinktives Wissen ist von Schuld, wie viel erst beim Menschen. Der Wolf, der dem Leittier ungehorsam war, unterwirft sich, bietet seine Kehle dar und darf sich wegdrücken. Und der Hund, der seinen Herrn angebellt hat, erschrickt über sein Versehen und bellt die Wand an, als hätt’ er Herrchen nur aus Versehen gestreift.

Das Christentum hat nicht den Begriff der Sünde erfunden, sondern den der Verzeihung gefunden. Und das kam so: Jesus entdeckte wieder und endlich den Gott, der uns glühend liebt, “der dir alle deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen ... Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat. So hoch der Himmel über der Erde isst, lässt er seine Gnade walten.” (Psalm 103,2.10-11) Hinreißend zieht Jesus die Menschen in den Wärmestrom Gottes, z.B. Maria Magdalena. Ihr sagte er: Dein Glaube hat die geholfen; lebe in Frieden. Er sagte es der Frau, die an seiner Hand wagte, sich dem gütigen Gott anzuvertrauen. Jene Geschichte ist eine Offenbarung:

“Es bat ihn aber einer der Pharisäer, bei ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch. Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als sie vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. - Er aber sprach: Meister, sag es! - Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er’s beiden. Wer von ihnen wird ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich denke der, dem er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt. Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Viele Sünden sind ihr vergeben, darum hat sie viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden.” (Lukas 7,36-50. Der vorletzte Vers ist schon von Lukas, gegen Jesu Intention, auf den Kopf gestellt; das Gleichnis von den beiden Schuldnern führt direkt zu der Logik: Wem viel vergeben ist, der liebt viel. Die Urgemeinde konnte aber diese himmlische Logik des Jesus nicht fassen und setzte die alte gesetzliche Formel wieder ein: Wer viel liebt, dem wird viel vergeben. Jesus sagt es genau anders herum, stellt die Kopfrechnung auf die Füße: “Sie liebt viel, weil ihr viel vergeben ist.”)

Nicht Vater, Mutter oder dein Selbstbewusstsein oder Ideale oder die öffentliche Meinung sitzen über dich zu Gericht. Sondern der unendlich gute, liebende Gott schiebt sich zwischen dich und deine Kläger. Der kennt dich, will dich, wollte dich seit jeher. - der hat dir diesen Leib und diese Seele gegeben, diese Vernunft und diese Sinne. Und diese Umstände, diese Herkunft, diese Kompliziertheit. Der ist nicht enttäuscht von dir, du hast ihn nie getäuscht - wenn du es auch manchmal dir vormachtest, du weißt, dass er’s weiß, und darfst das für deine wunderbare Rettung halten. Gott weiß. Das genügt. Du meinst, du könntest dir dies und das nicht verzeihen, siehst deine Würde besudelt. Das hast du schon mit einem Kind erlebt, es kann sich nicht verzeihen, dich enttäuscht zu haben. Und wie leidest du, weil du gesagt hast: “Ich bin tief enttäuscht.” In der Tiefe deiner Liebe bist du’s nicht. Du hast nur aus Stolz dein Kind bestraft, aus Hilflosigkeit, aus pädagogischen Gründen. Jetzt hast du das verschlossen gemachte Kind und willst es wieder zu Vertrauen gewinnen. Ja, mach das, sag ihm: “Du bist ein wunderbares Kind, in Wahrheit war ich nicht enttäuscht, die Versuchung war groß, und ich versteh es. Und überlege, wie es nächstes Mal anders zu machen ist.”

Gott, Jesu Gott, ist nicht von dir enttäuscht - er weiß, dass dir oft nichts anderes übrig bleibt oder übrig zu bleiben scheint, als Unrecht zu tun. Dir ist oft unwohl in deiner Haut, und wenn uns unwohl ist, rächen wir uns am ehesten - “weniger aus Bosheit als wegen eines Übels” (Robert Walser). Gott weiß, dass du manches mitmachen musst! Er ist schmerzbeladen, von den Umständen, in die du hineingefügt bist und warst. Du warst an diesen Anfang einer Reihe von Umständen gestellt, bitte frag nicht, warum. Gott selbst ist doch befrachtet mit dieser Menschheit zwischen Engel und Teufelei und hat keine anderen Menschen, will diese Menschen, will dich, liebt dich. An den Beschädigungen durch deine Nachtseiten und anderer Menschen Schatten hat er am meisten zu tragen.

Darauf pocht Luther immer wieder: Nicht du bist Schöpfer und Richter deiner selbst. Glaub nicht deinem Gewissen, das dich verklagt, sondern flieh von ihm weg zu Gott. Glaub, dass er dich liebt, darum lass dich dir gefallen. Lass hinter dich fallen, glaub es als dir abgenommen, was dir angetan wurde: “Will Satan dich verschlingen, so lass dir Engel singen: Dies Kind soll unverletzet sein.” Dich hat nichts vor Gott befleckt. “Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun”, hat Jesus für seine Henker gebetet (Lukas 23,24). In Jesu Sinne hat ein überlebender ehemaliger Auschwitz-Häftling, befragt, was er über den Charakter der SS-Bewacher aussagen könnte, geantwortet: “Schwierig, darüber etwas zu sagen. Sadisten nur wenige, die sich natürlich nach vorne schoben, weil sie ihre Veranlagung austoben konnten. Die übrigen - zirka 7000 im ganzen, würde ich sagen - austauschbar. Nicht bösartig - gedankenlos.” (Christa Wolf) Gedankenlos, fühllos, auch deine Beschädiger, sie wussten nicht, was sie in dir zerstörten. Ja, dich jagen die Erinnerungen immer wieder in Schande. Doch deine Seele hat mehr vor sich und mehr hinter sich, als diese Beschädigung dir genommen hätte. Deine Selbstachtung hat ihre Wurzeln im Grund der Welt. Aus der Tiefe Gottes bist du gewollt und geschöpft. In den Tiefen Gottes bist du gezeugt und mündest wieder darein.

Das Zwiegespräch mit deinem Grund nimm wieder auf, und die Echos deiner Peiniger von ehemals verlieren sich. Deine Selbstgespräche, dieses Endlosband aus Vorwurf und Entschuldigung, sind gestoppt. Hör, wie Gott schon so lange mit dir redet, du sein Kind, sein Mensch, Blüte an seinem Baum, Depot der Liebe von seinem Wesen; was bist du so unruhig, wie ein Blatt, das vom Wind verwirbelt wird.

Ja, da sind die Rechtschaffenen, die selbstgefällig sich für ehrenwert halten; und da, Magdalena, möglicherweise eine Hure. Der Mann behandelt Jesus mit herablassender Höflichkeit. Die Frau liebt Jesus, beglückt ihn und sich mit Symbolen der Hingabe. Der Korrekte will Jesus tadeln. Aber Jesus sagt: Du verstehst sie nicht. Wem wenig vergeben ist, der liebt wenig. - Und Simon: Mir muss wenig vergeben werden, ich bin mir keiner Schuld bewusst. - Eben, sagt Jesus, Gott braucht dir nur wenig zu vergeben. Darum liebst du ihn wenig. Es ist wie mit zwei Schuldnern - dem einen erlässt der Herr fünfhundert, dem anderen fünfzig Taler. Wer ist dankbarer, wer liebt mehr? Dem mehr erlassen wurde. Darum liebt Magdalena auch mehr. Ihr ist mehr vergeben. Sie glaubt sich tief geliebt von Gott. Das beschafft ihr Frieden.

Obwohl verraten von Männern, die öffentlich verachten, was sie heimlich suchen, glaubt sie ihre Würde von anderswo garantiert, lebt sie aus der Liebe, glaubt sich als ein Stück Glut vom Feuer Gottes. “Gott weiß” ist Trost genug.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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