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Unser tägliches Brot gib uns heute

Das Leben verlangt nichts Unbilliges von dir

“Wer da hat, dem wird gegeben.” So ist das Leben, jedenfalls in Geldsachen. Man nimmt einen Kredit. Je nach Dynamik, Sicherheiten, Erwartungen vertraut die Bank oder ein reicher Onkel einem eine Stange Geld an, gibt Kredit (aus dem Lateinischen: er glaubt, vertraut). Wird das Vertrauen durch Leistung gerechtfertigt, gibt’s mehr, und beide verdienen gut daran.

Es gibt einige, in denen täuschen sich Bank oder Onkel. Entweder das Geld ist falsch genutzt und die Schulden kleben wie Pech an einem. Mit viel Mühen suchen dann die Bank oder der Onkel noch zu retten, was zu retten ist. Oder aber der das Geld bekam, den verlässt der Mut, und er vergräbt es oder tut’s in den Strumpf und kommt beim Termin mit dem ungenutzten Geld wieder, und er wird nichts mehr kriegen. So ist das Leben.

In Geldsachen nur? Nicht nur! So ist das Leben insgesamt: riskant, ungerecht, chancenreich, gewinnträchtig, wichtig, atemberaubend, spannend, voller Gefahren und voller Verheißung. Ja, manchmal hätten wir es gern leichter: Hund sein, schlafen, schnüffeln, fressen; ein Herrchen oder Frauchen, dem man treu sein kann, sich hingeben kann unverstellt. Manchmal möchte man ein Hund sein oder ein Baum, sprachlos, gehörlos, einfach vorhanden, eine Äußerung der Natur, von Natur aus nützlich. Aber wir sehen uns zum Verantwortlichsein gezwungen. Wir müssen gut sein. Vor wem? Tauglich müssen wir sein. Für wen? Auf Lob sind wir aus. Von wem? Wir scheinen gesandt zu sein. Durch wen? Wir sind in Unruhe. Wegen wem? Wir müssen Rechenschaft geben. Aber wem?

Da sind nicht nur die Eltern, die Kameraden, die Partner, die Chefs. Wenn sie alle abgelebt wären, alle verabschiedet, alle überstanden, wenn du allein wärest, ist immer noch doch dieses Fragen bei dir: “Wo ist zu meiner Treue der Herr?” (Botho Strauß) Du bist zur Antwort bereit, du willst darlegen, was ist. Du bist zum Vorrechnen, zum Verantwortung-Geben bestellt. Wir wissen: es ist einer, der schaut zu mir hin. Wenn man mal als Kind geklaut hat und keiner hat’s gemerkt, da wusste man doch genau: einer schaut her; und ich sehe mich, wie unter dem Vergrößerungsglas des Wissenden. Nicht erst, wenn’s ans Sterben geht, auch schon viel eher ist in mir die Frage nach meiner Bilanz. Was hab’ ich zustande gebracht? Worin habe ich mich reingegeben? Wofür habe ich mich verausgabt? Und hinterlasse ich mal Scherben oder eine Pflanzung? Vor wem fragen wir das, bangend und hoffend? Dies große Du, vor wem wir das fragen, ist da, der Brunnen alles Guten. Dieses große Du hat sich mit Welt ausgestattet und hat die Galaxien gesät und hat sich einen Garten namens Erde angelegt, hat Millionen Pflanzensorten und Tierarten entwickelt und ruft Menschen ins Sein. Und hebt dich und mich aus seinem Schoß mittels der Mütter und Väter und vertraut uns sein Vermögen an.

Was vermag ich, und was vermagst du? Wir vermögen zu erkennen, wie was zusammengehört, wie was brauchbar ist. Wir vermögen zu schaden, zu erfreuen, zu ergänzen, zu schonen. Wir vermögen zu versöhnen und zu verschönern und zu trösten und heilen und befreien, in Ordnung zu bringen und in Chaos zu stürzen. Wir vermögen Verantwortung zu denken und zu gestalten. Wir vermögen zu lernen. Aber ein wunder Punkt ist dabei. Bei allem Vermögen ist die Leistungsfähigkeit verschieden. Die Dynamik der einzelnen ist je anders. Die Umstände, die Herkunft, die Erziehung, das Temperament, der Blutdruck, die Zeiten, die Länder, wir alle sind doch in Umstände veranlagt, wir sind befrachtet mit Schicksal, jeder nach seiner Art.

Und doch: jeder ist auch begnadet mit seinem Aktionsradius für freie Tat, begabt mit einem Quantum Vermögen aus dem Lebensschatz. Und wir müssen das Vermögen mehren, oder wir veröden. Du kannst dich nicht bewahren und zugleich deine Begabungen vergraben. Du musst das dir Gewährte ausgeben, sonst kannst du’s nicht einnehmen. Das Gewährte musst du ausgeben, sonst verwest du bei lebendigem Leib. Dein Wesen verlierst du durch Nichtgebrauch deiner selbst. Andersherum: dein Wesen, dein Wesentliches mehrt sich, wenn du dich ausgibst. Das Leben verlangt nichts Unbilliges von dir.

Du sollst deine Begabungen zu Markte tragen. Es sind ja Energien vom großen Ganzen: dein Fürsorgen-Können, deine Musikalität, dein Sammeltrieb, deine Sprachlust, deine Organisierfreude, dein Mitleid, dein Bewegungsdrang, dein Lieben und Geliebt-Sein-Wollen, dein Rechnen-Können, dein Lenken-Können, dein Zuhören-Können, dein Kochen-, Bauen-, Backen-Können.

Was hindert dich, dein Können zu entfalten? Wollte keiner, was du zu bieten hast? Prüf noch mal, was du Bemerkenswertes hast. Den Markt der Eitelkeiten, der Profiteure, der Glanzvollen, überlass ihn anderen. Aber du, such du die echten Bedürfnisse zu stillen und such Bedürftige, die selbst nicht bemerkt werden. Zeig ihnen ihr Leuchten, ihre Würde, ihre Schätze. Nimm ihre Begabungen wahr, und werde Agent für unentdeckte Talente. Bestärke Menschen, dass sie taugen zur Freude und geschickt sind für Gemeinschaft, und du selbst dein Gutsein schmecken, wirst dich begabter entdecken.

Das große Du will das Seine wiederhaben mit Zinsen. Unsere Seelen sollen mit Erfahrung heimkehren, sollen ihre Garben bringen. Also helfen wir einander, unsere Begabungen einzusäen ins Leben. Fördern wir durch Lob und Kritik und neuen Vorschlag. Und dämpfen wir nicht die Freude zu taugen, zu nützen. Fesseln wir einander nicht unsere Unternehmungslust. Glück und Leid von Ehen, von Familien, von Müttern, von Erziehern hängt daran, ob wir fördern oder behindern. Lähmen wir oder beflügeln wir einander?

Der sein Talent vergrub, wollte sich raushalten. Doch den bestraft das Leben. Vieles dürfen wir falsch machen, wenn wir das Leben mitgestalten. Nur: “Wer sich vor der Wirklichkeit drückt, der verdient nicht zu leben.” (Elias Canetti) Lust oder Last, Lust und Last, aber nicht dies sich Drücken und nur flaue Gewährenlassen ist unser Metier. Paulus sagt hart und knapp: “Wer kärglich sät, wird kärglich ernten, und wer sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.” (2.Korinther 9,6)

Also gib und nimm, nimm und gib, handele, wuchere mit deinen Pfunden. Komm dir auf die Schliche, wo du Annahme oder Abgabe verweigerst. Komm wieder ins Fließen, werde wieder liquide. Vertrau, dass dir genug mitgegeben ist, um zu geben. Vertrau, dass du wichtig genug bist, um auch beschenkt zu werden.

Kannst du nicht gut annehmen? - “Ist doch nicht nötig, ich hab’s ja gar nicht getan wegen Geld.” All die lähmenden Sätze, die Freude zerstoßen in Späne von grauem Pflichtdenken.

Willst du denn unauffällig bleiben, in Ruhe gelassen werden? Ach, zeig dich doch, sag deins, lass dich erreichen. Du wirst doch als freundschaftlicher Mensch gebraucht. Und freu dich an gelingendem Leben. Sag nicht mehr: “Undank ist der Welt Lohn.” Zeig du dein gutes Gesicht. Und entbinde das Gute des Lebens. Gut, dass du da bist! Du bist ein Kredit Gottes. Wage, dich auszugeben.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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