L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0829815
Zurück

Unser tägliches Brot gib uns heute

Unsere Talente - wie wir sie nutzen oder vergraben

“Es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging. Er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an. Dem einen gab er fünf Talente Silber, dem anderen zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Dynamis.

Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der mit fünf ausgestattet war, und sprach: Herr, du hast mir fünf gegeben, siehe da, ich habe damit weitere fünf Talente gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über Wenigem treu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, geh hinein zu deines Herrn Freude. Da trat herzu auch der, der zwei empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei anvertraut, siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Und sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über Wenigem treu gewesen, ich will dich über Vieles setzen, geh hinein zu deines Herrn Freude.

Da trat auch herzu, der ein Talent empfangen hatte und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein Harter bist. Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast, und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der erde. Siehe, hier hast du ihn wieder, hier hast du das Deine. Sein Herr aber sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht, wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe, dann hättest du mein Geld wenigstens zur Bank bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm das eine Talent ab und gebt es dem, der zehn hat. Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben. Wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, noch genommen werden.” (Matthäus 25,14-29)

Im Kern, nur im Kern, eine Geschichte des Jesus. Der Rahmen ist unklar, entsprechend vieldeutig die Story. Die christliche Gemeinde nahm sie als Drohwort fürs Jüngste Gericht und lud sie auf mit “Heulen und Zähneklappern” (Matthäus 25,30), schürte die Angst, in der sie selbst befangen war. Sie legte Jesus das umlaufende übliche Sprichwort in den Mund: “Wer da hat, dem wird gegeben”, um nur ja nicht nachzulassen im Streben nach guten Werken, um sich und andere anzuheizen zum Fleiß, der vor Gott wohlgefällig mache. Gut gemeint, Matthäus, aber falsch verstanden - hoffentlich! Hoffentlich ist die Geschichte von Jesus doch anders gemeint.

Ich stelle mir vor, Jesus spricht zu uns gemischtem Publikum voller gemischter Gefühle und Selbstzweifel, angstvoll will jeder das Seine verwahren und sichern, möglichst kein Risiko eingehen, unklar, auch über die eigenen Fähigkeiten. Oder überheblich, als rüttelte ich mir mein Leben schon zurecht, als hätte ich die Krankheit überstanden, weil ich so zäh bin; und die Kinder kommen klar, weil wir sie so vernünftig erzogen haben. Jesus weiß unsere Verwirrung, als wäre er an jede einzelne Seele angeschlossen; er hebt ein wenig die Hand, sein Blick holt jeden zu sich, und er sagt dir: Das ist doch wie mit einem Menschen, der für lange Zeit außer Landes geht. Er ruft seine Leute und vertraut ihnen sein Vermögen an. Da könnte es schon einmal einhaken bei uns.

Was wir Gutes vermögen, kommt aus dem Vermögen, das uns anvertraut ist.

Will ich so denken? Das wäre vielleicht ein Quartierwechsel! Wie müsste ich hinabsteigen vom Thron des Eigentümers und Schöpfers und Machers meines Geschicks. Anvertraut ist mir fremdes Gut. Leihgaben alle meine Fähigkeiten. Ich habe nichts, ich benutze alles nur für eine Spanne geliehener Zeit, ich bin Diener/Dienerin, Knecht/Magd, Treuhänder. Will ich so denken? Ich würde dann nicht mehr murren und mäkeln, warum ich so viel oder so wenig Vermögen mitbekommen habe. Gemessen daran, dass Leben-Dürfen schon Gnade ist, dürfen und können wir viel. Dem einen gab er fünf Talente Silber (eine griechische Münzeinheit, daher das Fremdwort “Talent” für das deutsche Wort Begabung, es meint dasselbe), dem anderen zwei, dem dritten eins, jedem nach seiner Dynamik (“Dynamis” steht im Text).

Verschieden das Maß der Begabungen, aber alle aus dem gleichen Schatz. Mehr oder wenige viele Talente, aber alle aus dem einen Vermögen des Lebendigen anvertraut, dir je nach deiner Dynamik, deinem Schritttempo, deiner Biographie, deinem Lebensmuster, deinen angeborenen, anerzogenen Rahmenbedingungen, deinem inneren Koordinationssystem, deinem Gewissen. Je nach dem Deinen sind dir Begabungen anvertraut. Was ist meine/deine Dynamis, meine/deine Kraft, meine/deine Seelenenergie? Auch sie ist Begabung - und Befrachtung zugleich. Aber meine/deine Dynamik, das ist das Schwingungspotential zwischen Gott und dir, das ist deine innere Uhr, die Gott nur zu dir gestellt hat. Das ist die Farbschattierung deiner Seele, dir persönlich verfügt, mehr Dur oder mehr Moll, manchmal mehr matt und müde, manchmal mehr Feuerwerk. Deine Dynamik ist eine Faser aus dem Gewebe der Kraft Gottes.

Dein Ich, deine Dynamik ist dir als Schicksal aufgegeben. Es ist meine/deine Grundmelodie, in die wir eingestimmt werden. Deine/meine ganz eigene Grundzuversicht, von Gott entworfen, ein Ton in Gottes Konzert. Und je nach Stellung für dieses Konzert, je nach Stellung, für die ich als Ton nichts kann, mit Entscheidung oder Bewahrung belegt. Eine Note kann die Wende bringen, das neue Thema einleiten, eine andere lässt die Melodie weitergehen. Das Quantum der Begabungen und Aufgaben ist auf die einzigartige Seelendynamik angestimmt. Die Begabungen kommen hinzu, das Quantum ist nicht entscheidend. Du bist begabt, das Leben zu fördern, und dir sind Fähigkeiten anvertraut aus dem Schatz Gottes. Ob das Geld ist oder Fabriken oder Fachwissen oder Steuerungsgeschick oder Dichtkunst oder Kochkunst oder die Begabung, andere sich selbst verstehen zu machen oder Kinder zu erziehen oder die Natur zu untersuchen und zu benutzen oder Häuser zu bauen oder Kranke zu pflegen - Hauptsache: nutze deine Talente.

“Und sogleich ging er hin, der fünf empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf hinzu”, schildert Jesus, und man sieht diesen Menschen in seine Arbeit vertieft: Ich stelle ihn mir als glücklichen Menschen vor. Die Sache scheint ihm Spaß zu machen. Er wird sicherer, er wird geläufiger, er gewinnt Kompetenz. Keine Frage, dass für ihn selbst auch was abfällt, aber er kümmert sich nicht um sich, sondern um die Begabung. Die Begabung ist ihm Auftrag. Er ist mit seinem Auftrag einig. Er scheint gar nicht oft an den Eigentümer zu denken. Er tut das Nötige. Er ist an das Leben und an seine Bedürfnisse und Bedingungen hingegeben. Er dient dem Leben mit seinen Talenten, ist mutig und geschickt und kann abwägen. Er versteht die Menschen zu nehmen und besorgt ihnen, was sie für wichtig halten oder halten könnten. Er vermittelt Anbieter und Nachfrager. - Herrlich, wie Jesus den Handel hier ehrt. Dass er damit nicht den Handel mit Rauschgift oder Gasgranaten absegnet, wird wohl jeder fühlen. Aber die mit ihren fünf, mit ihren zwei Talenten wuchern mit ihren Pfunden. Sie bringen die Mühe auf, bringen ihre Begabung zum Sprießen und sind ins Gelingen verliebt.

Nach langer Zeit kam der Besitzer und forderte Rechenschaft. Dieser Gedanke ist uns nicht fremd. Er ist uns ja einmontiert ins Muster unserer Seele: du, ich - wahrgenommen vom Geheimnis der Welt -, wir werden bemerkt vom Herz aller Dinge. Wir fühlen und leiden und denken und wirken nicht ins Leere. Wir bleiben nicht folgenlos schuldig oder liebevoll oder beides. Schon mitten im Leben, mitten am Tag, mitten im Tun spüren wir: Es ist einer, der uns zuschaut, dem wir antun, was wir tun.

Der alte Mensch im Lehnstuhl, versteinert oder mit Mozart im Kopf; der junge Mensch mit zerrissenem Gewissen oder freundlichen Augen - wie viel Gericht, wie viel Erlösung geschieht mitten am Tag! Und ist nicht alle Angst vor dem Tod die Angst vor dem Offenbarwerden? Der mit den fünf Batzen brachte fünf weitere, der mit zwei Batzen weitere zwei. Es ist von uns Rechenschaft gefordert. Und die Erfolgreichen werden nicht mit guter Abfindung in Pension geschickt, sondern sie bekommen noch mehr Talente, also mehr Auftrag, mehr Pflicht, mehr Freude am Gelingenden, mehr Mühe.

Aber der dritte: Ich wusste, dass du hart bist, also verbarg ich das Deine, vergrub es sicher. Hier hast du das Deine. Und der Herr: Lassen wir mal offen, ob ich hart bin und ernte, wo ich nicht säe. Aber wenn du mich so siehst und dich vor mir in Sicherheit bringen willst, dann hättest du wenigstens das Anvertraute irgendwie mündelsicher arbeiten lassen sollen. Aber du dachtest nur an dich. Du willst kein Schicksal, du willst keinen Auftrag, du willst nicht zuständig sein. Und hältst dich noch für klug in deiner Verweigerung, lässt meine Talente unbenutzt. Die Welt geht doch zugrunde an den vergrabenen Talenten, auch an den missbrauchten, aber vor allem an den vergrabenen. Deine Vernunft, deine Einsicht, deine Liebesfähigkeit ist doch Bestandteil meines Kräftehaushalts. Was hast du mit dem Meinen getan, außer dich in Sicherheit zu bringen. So höre ich Jesus zu mir sprechen und hoffe, dass er abweichend vom Text so zu mir, zu dir spricht:

Aber es ist noch nicht aller Rage Abend. Du, komm zu dir, zu mir. Nimm das eine Talent, nimm es noch mal, achtsam, säubere es, poliere es, mach dich schön, halte dich noch einmal hin. Innen bist du nicht leer, auch du hast Dynamik, hast Lust zu wirken mitbekommen. Ich brauche dich, ich sende dich. Und dann könnte ich bei Petrus in die Lehre gegangen sein. Den schickte Jesus aus, zu fischen; er war schon müde vom langen, vergeblichen Tun, aber er sagt: “Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen: aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.” (Lukas 5,5)

Neuer Aufbruch kann geschehen: Wer lange in unfruchtbarem Streit mit verteufelten oder vergötterten Vätern/Müttern lag und darin die eigene Dynamik verzehrte, spürt neue Kraft. Wer an sinnlose Arbeit sich angeschweißt sah, entdeckt seine Begabung wieder neu. Deine Dynamik, Energie aus dem Gottesstrom, du spürst sie jetzt unwiderruflich: dein erster Tag, an dem du wieder hingerufen bist zu Menschen, hin zu dir. Gib dich aus, und du wirst mehr du!

 

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2022 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 5