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Unser tägliches Brot gib uns heute

Nur dem du Aufmerksamkeit schenkst, das ist für dich wirklich

Das Frühstück heute morgen, hast du es genossen? Standest du heute morgen einfach nur auf aus dem Bett, zielstrebig und mechanisch, oder richtetest du dich bewusst auf, staunend, dass dir die Knochen noch gehorchen. Und das Wasser auf deinem Leib - die Massai, das afrikanische Wandervolk der Viehzüchter, waschen sich mit Kuh-Urin, weil sie nur tropfenweise Wasser haben -, spürtest du das Wasser über deine Haut perlen? Und den Kaffeeduft, die Würze, die deine noch schläfrigen Sinne auf Wachheit stimmten? Und das Brot, das duftende Brot, hast du es zum Munde geführt, wie eine Prozession schreitet, in heiliger Handlung? Du wurdest gespeist! Korn wuchs und reifte und starb für dich, auf dass dir Energie zukommt. Hast du genossen und noch die Krümel aufgestippt? “Nur dem du Aufmerksamkeit schenkst, das ist für dich wirklich.” (Theodor W. Adorno) Dir ist ungeheuerlich Wunderbares zugewendet. Dich wieder nach der Nacht in Gang zu setzen, war doch ein Kraftakt. Und um dich zu stärken, sind Lebensmittel dir zuteil geworden, für die ein ganzer Kosmos erfunden werden musste. Die ganze Schöpfung ist veranstaltet, um dir zu dienen, dich herzurichten, dich gutzumachen für diesen Tag.

Man kann das auch anders sehen: Wir müssen keine Aufmerksamkeit schenken dem täglichen Brot. Wir können darüber hinweghetzen, tun es oft genug, weil wir in Gedanken schon beim Schuften, beim Kämpfen, beim Machen, beim Ärger sind. Wir schenken vielleicht nicht einmal Aufmerksamkeit dem, der aufdeckte und mit am Tische saß. Wir können viel versäumen. Wir können ganz andere Prioritäten setzen. Dazu hat Gott uns befreit. Aber wie sollten wir es wollen? Wollen wir nicht beschenkt sein? Kann das Beschenktsein uns schon früh vergiftet worden sein? Waren uns Geschenke Köder für Gefälligkeit, die dann teuer zu stehen kam? Wer hat sich mir aufgespielt als Gönner, mir gesagt, eigentlich hätte ich gar kein Recht auf dies und das, kein Recht zu leben? Und ich hätte dankbar zu sein, dass sich andere für mich krumm legten und ... Und ...

Vielleicht müsste ich mal lernen, in Dankbarkeit hineinzuwachsen als eine Lebensmelodie, Dank, den ich nicht mir abdrücke, weil sich’s gehört: “Sag Danke!”, sondern Dank, der sich einstellt, wenn ich dem Aufmerksamkeit schenke, was mich trägt. Vielleicht entrinnst du ja gerade erst einem Gedankenmuster, das dich festgestichelt hat auf Leistung, Gehorsam und Pflicht und Zwang und Gefallen-Müssen. Hast du glücklich werden müssen nach Vorlagen, die andere für gut befunden und dir aufgeprägt haben? Da gehörte Dank zum Pensum, viel Dank. Ganze Kolonnen mit dem Herrn Gott an der Spitze weideten dein Innerstes aus zu Uhren Gunsten und rückten dich in die Rolle des unnützen Knechtes, der unnützen Magd. Und zwangen dich zur Aufmerksamkeit, ihr Wohlwollen zu erlangen. Wie solltest du anders werden wollen als nur unauffälliger und geschickter? Dich ihnen zu entwinden und keinem mehr Dank zu schulden, das kann dich erfolgreich gemacht haben, dich in Höhen katapultiert haben, wo du der Zuteiler von Vorteilen wurdest, der Zensierer und Kontrollierer. Du, der du die Aufmerksamkeit verteilst und entziehst und immer noch auf der Lauer bist, nicht wieder zurückzufallen in Abhängigkeit von anderer Leute Launen.

Doch beim Frühstück heute morgen kann ein Licht dir aufgegangen sein. Du sahst dich Aufmerksamkeit schenken dem Stück Brot, sahst deine Hand dies Brot halten mit sonnengelber Butter, deine Mutter sagte doch immer “Gute Butter”, weißt du noch? Und die Marmelade, Erdbeeren, richtige Früchte, du siehst dich schauen, riechen und schmecken noch den Bissen von vorher. Schaust das Brot an - es muss nicht sein, dass dir einfällt das Wort vom Abendmahl: “Dies Brot, das ist mein Leib, für euch gegeben.” Du speist Gottes Schöpfung, isst Gottes Leib, ein Stück Brot in deiner Hand, weich, fest, warm,, duftend, mit knuspriger Rinde in tiefem Braun. Früher ritzte die Mutter beim Backen ein Kreuz in den Brotlaib: Lebensbrot. Du darfst leben mittels des Kornes, der weiten Felder, der Ofenhitze, des Menschenfleißes - von Gott für dich erfunden! Und dir kommt die Erleuchtung, gern du zu sein, mit diesem Brot in den Händen, diesem Geschmack zwischen den Zähnen, deinen Zähnen. Und dich durchfloss ein Strom von Lebensdankbarkeit, wie wenn nach Milliarden Jahren Dunkelheit zum erstenmal eine Sonne aufgeht über dem Tohuwabohu. Und du wusstest: “Der Ungläubige, den Dank für sein Dasein erfüllt, ist kein Ungläubiger mehr.” (Paul Tillich)

Dankend und dann auch bittend werden wir uns unserer Würde gewiss gewollt, geliebt, gebraucht von Gott. Das Geheimnis der Welt hat seine Freude an dir und seine Schmerzen mit dir. Du lebst, weil Gott dich aushält, dich freihält, dir freihält deinen Platz und deine Mittel und dein Quantum Aufgaben und die Freiheit, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was du wichtig nimmst. Du ehrst Gott, wenn du dieses Beschenktsein wahrnimmst. Aber Gott klagt unseren Dank nicht ein, zieht unseren Undank nicht ans Licht, verteidigt uns bei sich selbst: Vielleicht kann er nicht, weiß nicht, wie anfangen, vielleicht kommt sein Dank noch.

Gott ist Schenkelust, Vergeudung, Fülle. Aller Mangel ist nur (aber was heißt: nur) unsere Unfähigkeit zum gerechten Verteilen. Unsere Dankbarkeit ist Rückstrahlung seiner Güte, Abglanz von seinem Glanz. Es gibt Menschen, die schütteln so lange ihren Kopf, bis sie das Haar in der Suppe finden, geschlagen mit Missmut, Meuterer des Lebens. Dank nicht empfinden können ist Mangel, ist Katastrophe. Ja, und es ist Not in der Welt, Not, die alles Gedenken an bessere Tage verschüttet. Menschen, die ihr Brot mit Tränen essen, deren Brot mit Glassplittern durchsetzt ist, weil wir uns nicht schützend vor sie stellen. Wir mit den Lackschuhen mästen die mit den Stiefeln.

Steht uns zu allem, was uns glückt, auch noch das Glück der Dankbarkeit zu? Wenn Dank uns freispräche vom Helfen, wenn wir, statt die Not zu wenden, uns in Sicherheit bringen und dafür Gott noch danken, sind wir bigotte, unnütze Knechte. Wir veruntreuen die Gaben, hinterziehen Gott und dem in Not das Seine und bedanken uns noch - pervers ist das - für unseren Wohlstand. Dagegen ist doch Dank das lichterlohe Bewusstsein: nichts ist mein eigen, nichts ist verdient, nichts steht mir zu, und umso wunderbarer, dass ich noch kann, was ich kann und noch etwas habe, um abzugeben. Diesem meinem Beschenktsein Aufmerksamkeit schenken, das entdeckt mich mir. Du, ich - begnadet, begabt, betraut, erwählt, gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit (Psalm 103,4) und ermächtigt, das Nötige zu erbitten.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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