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Unser tägliches Brot gib uns heute

Diese Bitte orientiert uns erst mal, sie weist uns den angemessenen Platz zu. Wir sind im Wesen Bittende, Bedürftige, Angewiesene, zu Nährende. Bittende sind wir hauptsächlich. Jeder nächste Atemzug steht aus, ob er gewährt wird, wissen wir erst dann. Jedes weitere Herzschlagen ist Zukunftsmusik. Was den Sinuspunkt, den Zentralmuskel unseres Herzens pulsieren lässt, wissen wir nicht, weiß kein Arzt. Wir wissen nur, dass das Herz jetzt veranlasst ist, zu schlagen. Ob gleich noch, wissen wir dann. Von Natur her sind wir Ausgestreckte, voll Aussicht, Angst, Hoffnung - Bittende eben im Wesentlichen.

Unser tägliches Brot gab er uns bis heute. Dass wir nach vorn überhaupt bitten können, verdanken wir dem Bekommenhaben. Auf welche Fülle von Gewährung und Ernährung und Gesundheit und Gemeinschaft blicken wir zurück! Wir sind wandelnde erhörte Gebete. Unfasslich, was wir schon verbraucht haben, was uns nährte und hegte. Die Fülle guter Gaben, die wir empfingen, ist unermesslich; würden wir denken, wir müssten danken von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt - und dürften nur bitten um noch einen nächsten Atemzug, noch ein Essen, noch einen Kuss, einen Augenblick noch - um zu danken für alles, alles.

Allein der gestrige Tag war doch auch dir randvoll mit Leben. Du warst ganz in Anspruch genommen vom Hier-sein-Dürfen. Dieser eine Tag wäre doch schon ein Leben wert gewesen. Diesen Tag in die Schatztruhe deines Ichs eingebracht mit Bewusstsein wäre schon ein überquellendes Maß. Wie viel hinzuzubitten getraust du dich ernsthaft? Wie viel, meinst du, stehe dir noch zu und mir, nach so viel Leben? Hast du und ich, haben wir nicht schon die Fülle gehabt? Ja, noch bitte Brot für heute, um heute noch wesentlich zu werden, ein dankbarer Mensch. Und um loslassen zu können mit leichter Hand. Morgen schon könntest du mich rufen. Ich habe das Leben in Fülle erfahren an diesem Alltag. Und wenn wir erst gedenken der Sonntage, Sonnentage ...

“Unter Seinem großen Himmel lagst du am Strand, lagst im Sand wie auf Gottes flacher Hand. Über dir Blau über Blau mit weißen Streifen und zur Seite das Meer im großen Halbkreis, immer mit Himmel verwoben. Und ringsum Menschen, fern genug, nah genug. Und du, frei, zu bleiben und zu gehen. Und du bliebest am Meer, das dir gluckste und in Wellen sich vor dich hin aufs Land warf. Rhythmisch atmete es und leckte an deinen Füßen und blieb in seinen Grenzen völlig gehorsam. Das Meer konnte tosen und brodeln, blindwütig, ekstatisch, gepeinigt, ein einziges großes wildes Untier außer Rand und Band, tobsüchtig in seinem Aufbegehren gegen seinen ewigen Zwang, Natur zu sein. Und es reißt Land ab, schleppt Heimstatt und Festland weg in blinder Gewalt. Und es kann aber auch daliegen als ein bleicher Spiegel wie ein vergessener Putzlumpen.” (Ernst Penzoldt, Sommer auf Sylt) Und du darfst im Meer baden - welch ein Glück, wenn die Wellen verträglich hochgehen und sich auf deine Schultern laden. Und der Boden fliegt unter dir weg, und du bist ein Spielball, ein denkender, dankender Spielball, wieder mit Grund unter den Füßen. In wehender Gischt schreitest du, silbern oder golden beschienen, erschöpft an Land und bist entronnen der kraftvollen Umarmung, du leckst das Salz dir von den Lippen, und es schmeckt nach dir selbst, nach deinen Tränen - auch in uns noch eine Handvoll Meer, von dem wir alle kamen.

Und du ruhst dich aus, spähst immer wieder hin zu diesem größten Organ der Erde, schaust seine vielen Antlitze, je nach Wind und Himmel und Sonne und Zeit verschieden. Diese dynamische Masse, voll Grund und Abgrund unendlich in die Weite gespannt, aber hart zu deinen Füßen in einen Bann gelegt, abgezirkelt respektiert es das Land allermeist und zieht sich bei Ebbe noch ein Stück weit zurück, wird zurückgezogen. Voll Leben das Meer und voller Trauer, ein Taumel von Geboren-Werden und Sterben: Labor Gottes, wo mit Händen zu greifen ist, was der Tod eigentlich ist - “der Kunstgriff Gottes, mehr Leben zu haben” (Johann Wolfgang Goethe). Das Meer, ein vollkommenes Stück Wirklichkeit, voller blinder Lust, zu sein. Und du darfst es bedenken: “Was ist der Mensch, dass Du, Gott, seiner gedenkst?” (Psalm 8,5)

Dass wir geschaffen sind, bedenken zu können, das ist Gottes Intensität in uns und macht sein Interesse an uns. Und du liegst auf dem Sand und kuhlst dich ein in den warmen Stoff und häufst ihn unter den Kopf zwecks Übersicht. Und deine Hände spielen Zeit: du lässt den Sand durch die Finger rinnen. Du siehst die Riesensanduhr deines Lebens. Alles Fließen ist Vergehen, unwiederbringlich vorbei. Diese Spanne Zeit, in der du Sand aufhebst und durch die Finger rieseln lässt, exakt in dieser Spanne sterben Menschen in Somalia an Verdursten und sterben Menschen in Bosnien an Hass, und exakt in dieser Spanne Zeit tanzt beim Feuerwehrfest in Keitum ein kindergelähmtes Kind, auf seine Krücken gestützt, begeisterter als alle anderen, und steigen die Sieger des Sports aufs Medaillentreppchen, und du siehst die Zeit. Diese wichtigste Wahrnehmung wird dir zuteil: du lebst, du darfst noch sein.

Und du nimmst ein Sandkorn auf deinen Finger, dies eine Sandkorn vor dem großen weiten Meer. Siehst dich wie ein Sandkorn auf Gottes Fingerkuppe, schaust genauer. Die ganze Welt in diesem Korn, glitzernd, bernsteinig oder quarzen, der glühende Rest eines großen Steines, der Millionen Jahre vom Meer hin- und hergewälzt, zermahlen ist. Und du gewahrst dieses Körnlein und sprichst zu ihm: dass der Wind es hergeweht hat, dir zu sagen, dass du gewollt bist. Und dann sammelst du Steine, kantige, runde, geschliffene vom Wind, dir einzigartig scheinend, weil du dich nach ihnen bücktest, du dir Mühe machtest um diesen Stein. Und du gewichtest nach Farbe und Form, nach Schönheit, wie sie dir erscheint. Und du suchst Muscheln oder Schneckenhäuser, “die allerliebsten Denkmäler ihres schleimig-schlüpfrigen-fleischlichen Daseins” (auch dies ein Wort von Ernst Penzoldt), manche wie rosige Fingernägel, Herzmuscheln, darin Millionen Wogen ihre unsterbliche Form verkörpern, andere wie Segel, wie Terrinen, der Perlmuttglanz der blauschwarzen Miesmuschel, und du sammelst und zerstreust später wieder, weil du Auswahl treffen musst.

Und du siehst Quallen, die lebendigen Ballen, fast nur aus Wasser, mit ihren Algenhaften Tentakeln, zarteste Gewächse wie allerfeinste Nervenbahnen ohne schützenden Körper. Was will in ihnen Gestalt werden? Sie sind doch pure Verkörperung dieses Willens, dieser Sehnsucht von Leben nach Leben. Und der Wind fließt über dich hin, dein nackter Körper ist beseelt, du spürst dich unter feuchtwarmem Atem, freust dich, dass du bist, fühlst dich wie zum ersten-, letzten Mal. Und schläfst ein, irgendwas denkt sich in dir zurecht, du reist um die Erde oder ins Büro oder nimmst im Traum eine Umarmung vorweg. Du tauchst wieder auf wie aus Narkose, fällst wieder zurück, deine Hände im Sand sagen dir: es ist warm, es ist gut. Du kannst dich wieder lassen, du schläfst wieder ein und weg von hier - bis ein Hund bellt oder die Möwen schreien oder Kinder jauchzen oder quengeln. Und die Sonne hat dich gerötet, du spürst Durst, du richtest dich auf. Du kommst in den Stand. Du denkst an Menschen, an einen besonders. Du gehst durch die Dünen - der unendliche Himmel, in der Ferne die Dörfer mit überladenen Apfelbäumen, das Watt wie eine Silberscheibe, noch mal die Dünen, Berge von Sand, erstarrte Wogen, mit Strandhafer bewachsen; also doch fruchtbar, der Sand. Und du willst einen Abend, noch einen Abend, noch diesen Abend in Gemeinschaft, und reden von Wunder, hier sein zu dürfen unter diesen Sternen, diesem Mond, auf dieser geliebten Erde.

Doch, sie muss geliebt sein! Sie muss Schöpfung der Liebe sein! Du hast es erlebt an diesem Tag und dich selbst erlebt als geliebt, gewollt, beatmet, zum Dank gestellt und zur Bitte: Unser tägliches Brot gib Du uns heute.

Allein ein Sommertag in dieser Natur wäre schon das Lebendigsein wert gewesen. Was willst du noch bitten? Was muss ich noch bitten für mich selber? Nichts haben wir tun müssen für diesen Tag. Nur hinhalten haben wir uns müssen.

Unser tägliches Brot gib uns heute: Die tägliche Ration Lebensmittel erbitten, das nennt Jesus unser Maß. Verglichen damit sind wir überschüttet mit Gütern, müssten danken ohne Ende. Aber wer dankt mehr? Der am Abend doch irgendwo zu Essen fand, obwohl er am Morgen nicht wusste, woher er es nehmen sollte. Oder der, der wieder Überschuss anlegen, Überfluss wegwerfen muss? Je mehr wir haben, desto weniger danken wir. Das ist normal. Wie selbstverständlich unsere Kinder, Enkel, Nichten, Neffen unsere Schecks quittieren, so pflichtgemäß, knapp, pauschal, so danken wir Gott. Immer üppiger werdende Umstände lassen unseren Dank an den Himmel schrumpfen. So ist es.

Die eine Kartoffel in Kriegsgefangenschaft bedeutete Erntedankfest. Das Strohlager auf der Flucht war Weihnachten. Die Notoperation am fast schon Aufgegebenen bescherte Auferstehung. Die Schuldentilgung durch den wahren Freund ist Pfingsten. Immer wenn wir angewiesen waren auf Gnade, wenn wir richtig im Dreck steckten, dann, ja dann entrang sich uns die Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute. Und eine Brücke spannte sich vor unserem Abgrund auf. Unbequem, schmerzlich, mit Abschied von Illusionen konnten wir wieder, noch einmal, anders, neue Schritte tun.

Die Bitte ums tägliche Brot klärt uns. Klärt uns auf, was notwendig ist und was nur begehrenswert. Noch Zeit, Atem, Brot, Obdach, Gemeinschaft, Kraft, ein Stück Leben zu bestellen, heute, das ist notwendig. Und auch das ist doch nicht selbstverständlich. Das Existenzminimum - noch nicht einmal das ist gesichert, sondern ist Geschenk. Leben dürfen noch heute, heute noch mithelfen dürfen, dass Leben gedeihe, das ist in seiner Wunderbarkeit gar nicht auszuschöpfen. Wir müssen uns wünschen, dass wir dies elementare Lebens-Dürfen spüren. Hoffentlich nicht durch Unfall und Tragik und seidenen Faden. Aber alle, die einmal auf ihren Kern reduziert waren, entblößt von allem Machen und Können, die ohnmächtig, hilflos nur warten konnten, dass sie gefunden, gerettet würden, haben Gebetserhörung erlebt. Sie haben den barmherzigen, erbarmenden, rettenden Gott gesehen.

Welch eine Angst, welch eine Angst vor Ohnmacht besitzt uns, dass wir uns kaum ins Krankenhaus, ins Pflegeheim trauen, einen Menschen zu besuchen. Welch eine Angst vor Ohnmacht lässt uns behinderten Menschen ausweichen, lässt Menschen auf die Idee kommen, Schadenersatz einzuklagen, wenn sie im Urlaubshotel auf behinderte Menschen treffen. Welch eine Angst vor Ohnmacht vergeizt uns, dass man den Staat um Steuern betrügt, nur um noch mehr Geld zu horten. Da erbarmt es den Jesus, und er kleidet uns neu ein: Mensch, lass dir an der Gnade genügen, heute das Nötige zu bekommen.

Auch mittels aktiver Vorsorge. Der Bauer muss das Saatgut für das nächste Jahr hüten, wir müssen in die Rentenkasse einzahlen, wenn wir können. Die Fürsorge Gottes und die Vorsorge des Menschen gehören zusammen. Aber so, wie wir leben, ist es kein Wunder, dass wir generell undankbarer werden, je mehr wir haben. Denn wir wissen, es steht uns nicht zu angesichts der Nöte dieser Welt. Würden wir danken, brächten wir die Beute mit Gott in Verbindung. Brächten wir unsere Erfolge mit Gott in Verbindung, müssten wir ihm ja helfen, die Not zu lindern. Ach, unser Verstand ist trickreich, unsere Seele verstummen zu machen. Denn da, an unserer Basis, wissen wir, dass wir der Gnade bedürftig sind und uns nicht sichern können.

Unsere Seele spricht: Unser täglich Brot gib uns heute. Aber unsere Augen und Hände sind gierig. Die Lust, vorzusorgen über das Maß, steckt in uns wie im Eichhörnchen, nur dass das Eichhörnchen automatisch für die ganze Natur mitsorgt, wenn es seine Winterdepots anlegt und die Hälfte vergisst. Der Mensch hat einen Wach- und Schließgesellschaftsinstinkt und kann sich gegen die Armen der Welt abriegeln - völlig normal, dass wir uns dann als Verfolgte und Bedrohte sehen.

Das Basiswissen von Gottes Fürsorge kann uns abhanden kommen. Die tägliche Explosion von Leid auf unseren Bildschirmen kann uns zu Egoisten machen. Dazu werden wir bombardiert von Angeboten. Viele verschulden sich und verlieren jeden Realitätssinn. Die Hungernden der Welt werden ihren Anteil an den Schätzen der Welt bei uns holen, weil wir ihn nicht brachten. “Was wir um Christi Willen nicht geben zur rechten Zeit, fordert uns die kommende Zeit mit Wucherzinsen ab.” (Martin Luther) Wir wissen es doch. Und dass wir die Wiedervereinigung bezahlen auf Kredit, statt viel entschlossener gehörig abzugeben, das bestraft uns zu Recht mit Angst.

Aber das Gebet ums täglich Nötige kann uns noch heilen, weil unser Wunschradar wieder geeicht wird aufs Notwendige. Und eine wachsende Zahl von Menschen wird für sich bescheiden, lernt loszulassen und zu verschenken. Junge Menschen wagen sich mit Rucksack und einem Taschengeld durch fremde Kontinente. Menschen mittleren Alters kündigen ihre hochbezahlten Jobs und suchen ihr zweites, alternatives Leben. Pensionäre geben ihr Wissen umsonst weiter. Frauen tun ehrenamtlich Dienst, wo Not ist. Ach, und viele arbeiten über ihre Kräfte, wollen es anderen gut machen und schön. Und viele lernen nach sorglosen Ehrenrunden den Ernst des Lebens unter Mühen.

Irgendwann erreicht jeden seine Armut, sein heulendes Elend. Erst danach beschert Gott einem Rettung. Und dann gehen uns die Augen auf vor soviel Geglücktem. Dann siehst du dich bewahrt und beschenkt. Dann reißt es dir die Seele zu Gott hin, dem Schöpfer aller Wonne, dem Spender aller Freude, dem Betreiber von Gerechtigkeit und Schönheit und Freundschaft.

Du, spür, dass du gern lebst, hilf andern, gern zu leben!

Dass wir gern leben, ist doch Gottes Stolz!

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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