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Dein Wille geschehe

Ich - Herr meiner selbst?

Einem Sylter von Herkunft schenkte ich zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag ein Buch mit fromm klingendem Titel. Er nahm es an und zog seinerseits ein Buch aus dem Regal, eine Biographie, und er deutete auf die Titelseite innen. Da stand: “Dies Buch handelt von einem Friesen, aus dem Volk also, dessen Religion die Freiheit ist.” Ich lachte und sagte: “Ich verstehe: Für diesen Friesen war christlichre Glaube näher an Knechtschaft.” Und er: “Ja, meine Religion ist die Freiheit, die Persönlichkeit.” - Zur Kirche hab’ ich ihn nie gekriegt.

Wer wäre nicht gerne eine seiner selbst mächtigen Persönlichkeit, wäre nicht gern Herr seiner selbst? Doch Paulus zeichnet ein Gegenbild dazu von wahrem Menschsein: “Ihr seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied daran.” (1.Korinther 12,27)

Offenkundig harmonieren wir nicht wie Glieder an einem Leib, wollen auch und können auch gar nicht alle Freude und alles Leid teilen. Wenn die Tochter das Siechwerden ihrer Mutter als ihr eigenes erlebte, müsste sie mit ihr sterben. Und wenn ich auf allen Hochzeiten tanzen wollte, wäre ich völlig zerrissen. Du, ich - wir wollen Eigenes! Bis hin zur Trauer brauche wir Eigenes, von Beileidsbesuchen bitten wir Abstand zu nehmen. Also doch ein Lob auf die selbstmächtige, souveräne Persönlichkeit? Ein wenig sicher. Doch der freie Bürger, der freie Fahrt fordert und für seinen Hund freie Entleerung und der es für Freiheit hält, zwei Stunden und vierzig Minuten täglich fernzusehen, ist die Karikatur einer freien Persönlichkeit.

Es hatte mal so schön angefangen, so herrschaftlich lernte man in Israel denken vom Menschen “als wenig niedriger geschaffen denn Gott, mit Ruhm und Ehre hast Du ihn gekrönt mit dem Auftrag an den Menschen, die Natur untertan zu machen” (Psalm 8). Diese Emporhebung des Menschen und die Indienstnahme der Natur machte sich schleichend eigenständig. Die Verbindung zu Gott wurde schwach, das Eingebildetsein auf die eigene Größe wuchs. Wir meinen doch: aus mir heraus bin ich groß, weil ich schön oder reich oder gebildet oder mächtig bin. Und Beute des Glaubens von einst nahmen wir mit, dass die Natur nur Material für unsere Wünsche sei. Die Wissenschaft forscht weiter, wie Natur immer besser unserer Gier zu unterwerfen ist. Natur wird den Dingen ausgetrieben, aber die vergewaltigte Natur kommt wieder in Form von Salmonellen und Aids und Allergien und Ozonloch.

Ich - Herr meiner selbst, es fing ja so schön an. Der Glaube an den befreienden Gott, der Glaube, dem dann alle guten Dinge möglich sind, verkam zur Meinung, alle Dinge seien möglich durch Willen und Tat. Wir nahmen unser Schicksal selbst in die Hand und hielten es für demütigend, sich aufdrücken zu lassen - Kinder, Krankheit, Altwerden, Tod. Wir wollen kein Schicksal mehr, nur noch Selbstgewähltes. Doch das Schicksal kommt zurück als Unfall und Psychosen zum Beispiel.

Ich - Herr meiner selbst,, es fing so schön an. Jesu erlöste aus den Zwangsbanden von Tempel und Nation und Land und Familie. Die Heiligkeit dieser Institutionen waren von Jesus abgetan. Aber ohne diesen Jesus macht man seine eigene Person oder seine eigene Familie zum Tempel oder doch wieder die Nation. Und Familie verkommt zum sozialen Basislager, und Ehen dauern, solange es gut geht.

Ich - Herr meiner selbst? Es fing so schön damit an, dass wir den Nächsten lieben sollen wie uns selbst. Aber seitdem wir vergessen haben, dass Gott uns liebt, bezweifeln wir ja zu Recht, dass wir liebenswert sind, und halten uns an unsere Zweitwerte und stellen unser Prestige heraus oder unser Outfit oder unser Erfolgreichsein. Und der Nächste ist nützlich oder bedrohlich oder nur egal.

Das Modell der selbstmächtigen Persönlichkeit aus sich heraus ist eine Pleite. Wo lauter selbstsüchtige Individuen sich ihre kleine Oase erzwingen wollen, ist die Menschheit zum Aussterben verurteilt. Es hilft nur dies eine, dass wir wieder Zusammenhang und Persönlichkeit finden, nicht die isolierte eigenmächtige Person, sondern ich eingebettet in gute friedensstiftende Bindung.

Jeder von uns ein Glied am Leib Christi - das könnte die Tendenz zeigen. Ein Leib in Christus, aber untereinander gleichwertige Glieder mit verschiedenen Gaben und Aufgaben. Du, ich - wir haben teil am wahren Menschsein, das wahre Menschsein dargestellt in Christus. Einander erkennen wir uns als Glieder eines Ganzen. Wie im Fußballstadion oder bei hinreißender Musik durch jeden einzelnen die Spannung des Ganzen zieht und er die Spannung des Ganzen mitformt, spüren wir uns als Klangkörper, als Mitspieler eines Ganzen. So sind wir noch auf vielen anderen Feldern des Lebens doch Glieder heiligen sprühenden Lebens, das von der Tiefe Gottes getragen ist. Das Bild vom Leib und den Gliedern könnte unser Verwandtsein untereinander uns wieder aufdecken. Manch einer hat seine Bindungen gekappt, oder er ist verstoßen worden und sieht sich jetzt an einem selbstgespeicherten Faden nur noch hängen wie ein Spinnlein im leeren Raum (Botho Strauß).

Wo ist der Leib, zu dem du, ich Glied sein darf? Christliche Kirche garantiert, dass es eine Gemeinschaft der Heiligen gibt. Es ist ein Leib, der Projekt des Heiligen Geistes ist, nicht durch Blutsbande oder Besitzinteressen zusammengehalten, sondern quer durch alle Unterschiede eine Geschwisterschaft anderer Art. Wenn einer in Afrika oder Ostasien war und einen christlichen Gottesdienst mitfeierte und kein Wort verstanden hat, zog doch Heimatgefühl durch seine Seele, man entdeckt sich als zugehörig. Und wenn dich einer aus einer engen Parklücke herauswinkt oder wenn du gefallen bist und ein Fremder dir seinen Mantel unterlegt oder wenn einer keinen Vorteil zieht aus deinen Fehlern, dir dein Verlorenes wiederbringt: Du hast doch die geheime Verwandtschaft der Menschen erlebt, diese Gemeinschaft der Heiligen quer durch alle Unterschiede, du hast sie auch erlebt und selbst gehegt.

Bei aller Scheu vor Fremden - wie hat dich ein verzweifelter Blick gerührt! Nach der Schrecksekunde - du wolltest dich schon unsichtbar machen - ließest du dich doch verwickeln, machtest sein Problem zu deiner Sache. Du sahst dich doch als Stellvertreter guter Mächte. Du sahst dich auch als Platzhalter für zukünftige Möglichkeiten. Und ließest dir auch Stellvertretungen geschehen: Krankenhaus, Pflegeheim, Abschied von den Kindern. Du gabst sie in gute Hände. Du glaubst sie in guten Händen, auch wenn du nicht mehr bei ihnen bist.

Du bist letztlich getragen von einem unsichtbaren Leib des Lebendigen und lässt diesen Leib mitgedeihen. Das ermächtigt dich zur Persönlichkeit. Nicht du wirst dich auf zum heroischen Helden des Persönlichen, sondern du siehst dich als Knospe am Baum des Lebens. Darum brauchst du keinen Kult aus deinen Eigentümlichkeiten zu machen, brauchst nicht dein Wissen zu vergötzen, als sei es das Ganze. Aber du darfst dich als wichtig glauben, als einzigartige Energieansammlung im guten Ganzen. Mit deiner Biographie, deiner Begabung, deiner Torheit Glied am Leib Christi, darum ewig gültig, nicht aus Anerkennung, Anerkennung, die du erbeutest, sondern durch Geliebtsein bist du ewig gültiges Glied am Leib Christi, am Leib des Lebens, geliebt aus den Tiefen Gottes.

Leise können wir wieder lernen die Teilhabe aller am Guten, die Heiligkeit der Schöpfung, die Würde der Dinge, die Tragfähigkeit heilsamer Ordnungen. Das Ideal der selbstmächtigen Persönlichkeit müssen wir begraben. Auferstehen kann die Person, die aus dem Zusammenhalt des Lebens dankbar ihre Kraft zieht und ihre Kraft in den Zusammenhalt des Lebens einspeist. Nicht Freiheit als Religion, sondern Halt und Freiheit aus der Religion der Freiheit geschehe uns.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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