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Dein Reich komme

Dein Reich komme - auch mittels der Kirche

Menschen suchen bei der Kirche Wahrheit. Aber hat die Kirche Wahrheit? Hauptsache ist, dass die Wahrheit die Kirche benutzt als ein gefasstes Becken für den Schwall des Evangeliums. Bei aller Menschelei des Bodenpersonals ist doch auf einen Hauch Heiligen Geistes in Kirche zu hoffen. Bescheidene Theologen halten es fast für einen Gottesbeweis, dass Menschen immer noch an Gott glauben. Und sie sagen, dass sie das nicht wegen der Kirche, sondern trotz der Kirche tun. Aber vielleicht benutzt die Wahrheit doch die Kirche als Kanal und uns Teilhaber an Kirche als Wasserträger.

Woran merken wir, von der Wahrheit benutzt zu werden? Was macht Kirche zum Funkhaus von Wahrheit? Was macht uns zu Medien Gottes? Ein kleines Teststück aus der frühen Christenheit kann uns anleiten: Jesus sendet die zwölf Jünger aus. Welche Wahrheit schickt sie los, was teilen sie aus, welches Rüstzeug haben sie?

“Und er rief die zwölf zu sich und fing an, sie auszusenden, je zwei und zwei, und gab ihnen Macht über die unreinen Geister und gebot ihnen, nichts mitzunehmen auf den Weg als allein einen Stab, kein Brot, keine Tasche, kein Geld im Gürtel, wohl aber Schuhe, und gebot ihnen, nicht zwei Mäntel anzuziehen. Und er sprach zu ihnen: Wo ihr in ein Haus gehen werdet, da bleibt, bis ihr von dort wegzieht, und wo man euch nicht aufnimmt und nicht hört, da geht hinaus und schüttelt den Staub von euren Füßen zum Zeugnis gegen sie. Und sie zogen aus und predigten, man solle Buße tun, und trieben viele böse Geister aus und salbten viele Kranke mit Öl und machten sie gesund. Er gab ihnen Macht über die unreinen Geister, und sie verkündeten, es sei Umkehr dran. Unreine Geister trieben sie aus und machten Kranke gesund”. (Markus 6,7-13)

Macht über die unreinen Geister gab Jesus ihnen und gäbe sie gern uns; nicht Seelenmassage oder magische Besprechungen oder irgendwelche Praktiken, die andere unter Einfluss stellen, sondern Macht über die unreinen Geister in Gestalt eines grenzenlosen Vertrauens: Alles Böse, Dunkle, Zerstörerische ist nicht verhängt von Gott, sondern ist Schatten, ist Beipack des Guten, ist Verkrustetes von Gutgewolltem, sind Angstblasen, Druckfehler, zur Berichtigung bestimmt.

Heute wollen Wissenschaftler Erbfehler im Genmaterial berichtigen. Bei aller Fragwürdigkeit könnte auch dieses Eingreifen seinen Mut nehmen aus dem Jesus-Vertrauen: unreine Geister und Krankheit sind kein Verhängnis, sondern der Heilung bedürftig, zur Heilung bestimmt.

Die Heilkräfte der Natur hat die Medizin ja weitgehend in Dienst gestellt. Aber da sind ja noch ganz andere Krankheiten, aus gesellschaftlicher Veranlagung, aus menschlichem Umgang, aus Angsteinjagen in vielen Formen. Und diese Krankheiten des Geistigen brauchen geistige Heilkräfte, brauchen seelsorgerliche, therapeutische Menschen.

Die ersten Jüngerinnen und Jünger und die dem Jesus heute folgen, die haben auch heute Macht über die unreinen Geister - eben die Gewissheit: Die geistig-seelischen Krankheiten und ihre Körpergestalten sind nicht Verhängnis, sondern Falschgelerntes, also auch Verlernbares, jedenfalls Dämpfbares, jedenfalls Behütbares, wenn wir nur umkehren in das Vertrauen zum großen, ganzen Gott.

Jesus ist ja Gottes Ikone in uns. Auf dem Grund von dir und mir strahlt das Bild von diesem Jesus, der verknüpft, der orientiert, der vergibt und der heimholt. Wie desorientiert und wie herrisch du auch dich gibst zur Zeit, im Wesen bist du Gottes Kind, zur Liebe und zur Freiheit berufen. So viel Argwohn hat unser Jesusbild in uns zugeschüttet, so viele Gesteinsbrocken der Angst, nicht zu taugen, liegen im Brunnen unserer Seele, und ich sehe das Vertrauensbild nicht mehr; sehe nur Angst und das Sichernwollen vor Angst. Unreine Geister nennt die Bibel diese verfestigten, verklumpten Ängste, die mir mein wahres Bild verstellen.

Auge in Auge mit Jesus, der Ikone Gottes, sehe ich mich von gutem Wollen ins Sein gehoben, kann mich glauben als geliebt, gebraucht, gewünscht, geschaffen vom mütterlichen, väterlichen Grund. Aber hatten wir Eltern, Lehrer, Freunde, die von unserer inneren Bestimmung wissen? Das ist ja der Jammer Gottes, dass er nur durchschnittliche Eltern, Lehrer, Freunde als Mitarbeiter hat. Und so viel Strahlkraft, mit der die Kinder zur Welt kommen, erziehen wir ihnen ab, ersticken Vertrauen in Sorgen, nur ja Liebkind zu sein, nicht nur der Eltern, sondern wechselnder Autoritäten.

Und das ist der Jammer, das ist Gottes eigene Beschädigung, dass vielen Menschen ihre Erziehung das Ende vom Lied bedeutet; es sei denn, sie stoßen auf Ermächtigte, die böse Geister bändigen können. Die nehmen dann Stein für Stein die Kindheitsangst und helfen den Geschundenen, diese Erfahrungen anzuschauen und zu werten und die zugehörige Wut und Enttäuschung zu fühlen und dann auch von sich abzutun. Ein langer Weg der Umkehr ist’s, bis im Brunnen meiner Seele das Jesusbild wieder freiliegt und ich mich als Bruder, als Schwester dieses liebenden freien Christus erkenne und erfreue.

Wichtig ist, dass wir uns von Jesus senden lassen; erst auf dem Weg werden wir Sehende. “Es beginnt ein unsichtbares Königreich des Herzens zu wachsen unter uns allen.” (Eugen Drewermann) Es ist zwischen uns Menschen der Geist des Verstehens am Werk: Wie die Natur eine Apotheke Gottes ist, so ist auch in uns Menschen ein Schatz an Heilkräften, vor allem das Erbarmen mit Leidenden. Gesandt von Gott, lässt uns Leid nicht gleichgültig. Ich erkenne doch im Bedürftigen meinen eigenen Mangel, im Ängstlichen meine Angst, im Liebenden meine Liebe, im Widersprüchlichen meine eigenen Konflikte.

Das sollte den Gesandten Gottes klar sein, dass auch sie nicht Heile sind, sondern Heilwerdende. Wir müssen von unserer dämonischen furienhaften Macht wissen, wenn wir anderen helfen wollen, dass sie nicht verschluckt werden. Wir müssen von unserem Behindertsein wissen, um überhaupt zu verstehen, was andere an Krankheit leiden. Wir haben nur einen Trumpf, um als Gesandte Jesu auch geschickt zu sein: dass wir lernen, aus Vertrauen zu leben.

Den Jüngern, die Jesus losschickte, gebot er, nichts mitzunehmen als ihr Vertrauen. Kein Brotpaket, kein Geld, keinen zweiten Mantel, einfach Vertrauen, dass ihnen schon zur rechten Zeit einfällt, zu sagen, was zu tun ist, dass sich auch Leute finden, die sie satt machen, sie brauchen keine feine Garderobe, auch keinen Talar - ach, der steht ihm ja so gut -, schutzlos können sie gehen, ohne Zitate, Titel, Anrechtscheine, ohne Kostümierung und Charakterpanzer - bloß, als wandelnde vertrauensbildende Maßnahme Gottes, nicht hochgerüstet, sondern einfach, schlicht, bedürftig und mit einem Bärenmut, der die Angstgeister noch zum Abrüsten bringt. Wo man euch nicht hört, geht weiter, schüttelt den Staub von den Füßen zum Zeugnis gegen sie. Das klingt bedrohlich, aber ist vielleicht mehr gedacht als Widerhaken, der ihnen im Gedächtnis bleibt: Da ist bei mir doch noch was offen. Jesus macht Mut, die Zugeknöpften zu lassen. Sie haben ihr eigenes Tempo. Sie müssen noch schuften. Ihr Unbehagen an sich selbst ist noch nicht gesättigt. Jesus sagt einmal in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich im Umgang mit denen, die meinen, sie seien die geistige Elite: “Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, aber die Kranken.” (Matthäus 9,12) Er sagt das etwas ironisch, aber die Pointe liegt doch in Jesu Vertrauen, dass Gott auch mit den Selbstherrlichen fertig wird. Und es gibt doch genug, die um Hilfe schreien, stumm oder laut.

Zu den Kranken schickt Jesus die Jünger, sie mit Öl zu salben - ein Zeichen: du - nicht vergessen, nicht abgefallen vom Baum des Lebens. Allein unser Besuch kann so ein Salböl der Verbundenheit sein. Wer selbst schon schwer lag, weiß, dass jeder Besuch doch ein Bote Gottes war, der beglaubigt: Gut, dass du da bist, du bleibst im guten Zusammenhang.

Aber auch das gehört mit zur Vertrauensausstattung - zu wissen, das Erstaunliche ist nicht, dass ich krank werde. Das Erstaunliche ist, lebendig sein zu dürfen. Lebendig heißt krank werden können. Ohne krank werden zu können, wären wir nicht lebendige Menschen.. Ohne geistig krank werden zu können, wären wir nicht geistvoll. Das Leben ist reich. Auch das behinderte Leben ist noch riesig reich an Chancen auf geschmälerter Basis. Und je unerwarteter die Krankheit kommt, umso bereitwilliger sollten wir sie empfangen, ihr Wohnrecht bei uns einräumen, aber nicht Besitzrecht. Sie soll mir was sagen. Und wie, wenn die Krankheit den Tod bringt? “Sie bringt ihn nicht, sie geleitet mich zu ihm.” (Wolfdietrich Schnurre) Im Vertrauen gesagt: Was ist unser Leben denn anderes als eine Reihenfolge von Präludien zu jenem unbekannten Gesang, dessen erste und feierliche Note der Tod anstimmt. Liebe, Schmerz, Versagen, Friede - so heißen seine Vorspiele (nach Alphonse de Lamartine).

Ob wir einander Wasserträger der Wahrheit sind? Machen wir einander nicht Angst, sondern nehmen wir sie ein Stück weit. Engen wir nicht ein, sondern besorgen wir ein Stück Weite. Zwingen wir nicht Gehorsam auf, sondern leiten zur Freiheit an. Imponieren wir nicht, sondern stützen. Paulus sagt einmal: “Ich will nicht Herr sein eures Glaubens, sondern Gehilfe eurer Freude.” (2.Kor 1,24) Das etwa zeigt die Richtung für die Gesandten des Jesus.

Dieser Auftrag an die Jünger und die geschichtlich gewachsene Kirche fallen natürlich auseinander. Das eine ist der Eid des Hippokrates, das andere Gesundheitsreform und volle Wartezimmer. Eins sind Gedichte, ein anderes Schulrat und Duden. Eins ist die Liebe, ein anderes die gelebten Ehen. Die “Gemeinschaft der Heilligen” und die Kirche, das je und jäh Geschehende des Heiligen Geistes und die verfestigten Formen von Ordnung und Dienstrecht und Gesangbuchreform stehen oft konträr zueinander. Und dennoch brauchen wir vom Chaos der Willkür bedrohte Menschen wohl die Muster und die gefassten Becken, um Wahrheit schöpfen zu können.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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