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Dein Reich komme

Reich Gottes mitten unter uns im Anbruch

“Das Reich Gottes ist mitten unter uns im Anbruch”, verheißt uns Jesus (Lukas 17,21), aber Martin Walser sagt von uns modernen Zeitgenossen: “Der die Welt beschimpfende Daumenlutscher ist unser Muster. Dem Daumenlutscher stirbt kein Gott.” Er ist sein eigener Gott, und der Nächste, der Nebenmensch, ist ihm die Hölle. Und ein anderer kluger Mensch, Nicolás Gómez Dávila, bezeichnet den Mangel genauer: “Der moderne Mensch liebt nicht, sondern er sucht Zuflucht in der Liebe. Er hofft nicht, sondern sucht Zuflucht in der Hoffnung. Er glaubt nicht, sondern er sucht Zuflucht im Dogma.”

Was macht uns lieben, hoffen, glauben? Das Treibmittel ist ein Ahnen vom Reich Gottes. Du, ich -erfasst von einem Strudel, der uns auf Künftiges hin in Bewegung bringt. Nicht was war, nicht was zu sichern wäre, macht mein Wesen. Sondern was auf uns zukommt, macht uns wesentlich. Nicht Kinder haben, Erfahrungen haben, Zählbares haben definiert mich, sondern: wozu ich da bin, das macht aus mir etwas. Wozu, zu welchem Zweck bin ich? Ich bin der Zukunft zugewandt, und die Zukunft soll “Reich Gottes” werden.

Wie ein Keimling von der Sonne aus der Erde gezogen wird, so zieht uns die Werdekraft des Lebens in neue Verhältnisse. Dass ich eine Werdekraft am Werk glaube, in meinem Lebenslauf und in den komplizierten Mustern des Wirklichen, macht uns zu Werdenden. Das ist es, was Jesus aufspürte und auslotete bis in den Tod: Alles ist verwickelt in Gottes kommenden Zeitraum.

Wenn wir nur diese Fährte aufnähmen, bekämen wir wieder einen geschmackvollen Glauben, der nach Gutwerden schmeckt und nach Freude duftet, verwickelt in ein Heilendes - du, ich, alle.

Siehst du es nicht, spürst du es nicht? Die Aufbrüche in deiner Seele, die Fenster zur Freude, die Empfindungen, in einem Gutwerdenden zu sein, die tragen dich doch! Es trägt dich nicht die Katastrophe, die Verzweiflung, die Not, der Schmerz. Es trägt dich nicht der Zweifel an dir selber. Dass du überlebt hast bis hierhin, inklusive all der Probleme, das liegt doch daran, dass du insgeheim nach vorn gesogen wirst, gezogen wirst, getragen wirst. Schau doch wieder nach bei dir innen. Es hält dich doch eine Ahnung. Wie eine Fährte den Fuchs zur Beute führt, hält dich eine Ahnung auf Kurs: Sein Reich komme. Wie immer dies Reich vollendet ausschauen wird, die Wunschkraft, dass noch mal alles heil und ganz werde, treibt doch auch dich.

In dir ist ein Same, so klein wie ein Senfkorn, dass Gottes Reich auf uns alle übergehe und wir als Facetten dieses Reiches ans Licht gehoben werden. Schau doch das Vertrauen in Gott bei dir an. Ja, da ist viel Zwingen und Angst und Sichern, viel Verehrung von Maß und Zahl. Und darin äußert sich unser Misstrauen gegen alles Ungewisse. Aber in der Mitte des Taifuns alltäglicher Sorgen - sieh doch: Stille, der heilende Punkt, der leise zum Kreis sich öffnet, und wachsend umfasst dieser am Ende die Welt. Du glaubst doch, dass auf Gottes Handteller dein Leben spielt. Du ahnst Gottes Reich kommen. Nicht Zerfall und Verlöschen deiner Person kommt, sondern Reich Gottes, auch mit dir bevölkert.

Wie auch immer - glaub’ an dieses Samenkorn Vertrauen in dir, und lass dein Denken langsam zum Vertrauenskreis sich öffnen. Vom Ungewissen her, von vorne her, vom Möglichen her kommt die Werdekraft Gottes auf uns zu und macht uns liebend, hoffend und glaubend. Die Magnetkraft aller guten Möglichkeiten zieht dich an und wird durch dich weiter vergrößert. In den Zweigen deines Vertrauensbaumes können auch noch Dämonenvögel nisten, du kannst deinen und anderer Leute Schrecknissen ein Stück Heimrecht einräumen. - “Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.” (Rainer Maria Rilke) Du, gepolt von Reich-Gottes-Sehnsucht kannst es so sehen wollen, immer mehr, Schritt für Schritt. Wie ein Stück Hefe durch den ganzen Teig zieht, kann dein Vertrauen die Wirklichkeit verwandeln. Du lässt deine eigenen Ängste nicht mehr vagabundieren, sondern kannst sie in Zucht nehmen von diesem Wissen: Dein Reich, Gott, kommt, und es reicht schon zu mir hin, punkthart vielleicht nur, aber ich will die richtige Ahnung festhalten, will, dass mich diese Gewissheit in die Zukunft zieht und mein Denken orientiert. Dann will ich weniger machen und zwingen und konstruieren und sichern, sondern wachsen lassen und will der Erwartung des Heilenden Raum geben, will mir intelligenten Optimismus wünschen. Der setzt nicht auf Fortschritt, sondern hofft auf Wunder. Fortschritt verlängert und verfeinert die Vergangenheit. Hoffnung auf Wunder sieht die Wirklichkeit voller Anfänge. Bekehrung, Rettung, neuer Geist, Versöhnung ist möglich, und der, der’s glaubt, schafft das Klima für Verwandlung mit.

“Dein Reich komme” beten, das hält mich in der Schwebe des Lebendigen. Ich bleibe nicht abgefeimt durch Erfahrung, nicht durch Misstrauen verholzt, sondern das Kommen Gottes haucht mich an. Heilendes kommt uns entgegen, steckt an mit Geist, der neu werden lässt. “Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht, auf den Gott, der auch von den Toten auferweckt.” (Hebräer II,I; 19) Das Samenkorn dieses Vertrauens macht, dass ich die Zeit nicht als einen Dieb sehen muss, sondern als den Weg, auf dem mich Gott entwickelt und ausfaltet zu seiner Fülle.

Und so kann ich auch vertrauen, dass Gott mich reif macht für sich, und werde diesen heutigen Tag wieder als Inkubationszeit nehmen: auch mit mir brütet Gott sein Reich aus. Sieh diesen Tag als eine Berufung an, sieh dich berufen, dem Reich Gottes Platz einzuräumen, schon jetzt, dann bewunderst du, was schon an Gutem gelingt. Du widmest dich dem Schönen und nimmst es als Anbruch von Vollkommenem. “Du redest mit einem, unternimmst es, ihn in eine herzliche Unterhaltung einzufädeln, und du wirst ihn bald sein linkisches Wesen abwerfen sehen.” (Robert Walser) Du arbeitest an einer Nahtstelle des Lebens, dass eine Wunde heilen kann, einem seine Last leichter wird. Du wirst heute zur Nacht danken für den Juwel dieses Tages, weil in ihm schon die Farben des Künftigen spielten und dir Aufmerksamkeit geschenkt war für Gottes Kommen.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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