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Geheiligt werde dein Name

Sein innigster Name: Gott der Geduld und des Trostes

Wenn Gott nur Spiegelbild unserer Seele wäre, unser Innerstes aber ein Chaos ist, ein Schlachtfeld von Angst und Wollust, von Neid und Fasziniertsein; wenn Gott nur Erfindung unserer dramatischen Seelen wäre, dann wäre der Alles-Zermalmer unser gedachter Gott. Ein Herr der Heerscharen, ein Weltenjäger, der uns wie Mäuse scheucht und aufspießt mit seinen Krallen aus Gesetz und Willkür.

Wenn der Mensch darauf angewiesen wäre, nach seinem Bilde, ihm gleich Gott sich auszudenken, dann würden wir ein Monster anbeten, einen goldenen Stier. Mit uns selbst als Maßstab müssten wir meinen, wir seien in Bann geschlagen von einem Schöpfungsmoloch, der gebiert und verschlingt, der blind beschenkt und wegreißt, der tausendfaches Grauen hinterlässt und auch beglückt auf tyrannische Weise.

Angstgeschwängert ist unser Innerstes, Millionen Brände und Fallen und Hungersnöte und Abschlachtungen und Verlassenheiten sind der Erinnerungsstoff unserer Vorfahren, und er lagert in uns und strahlt seine Furcht, seine Vorsorge-Gier aus uns ab. Gespenstisch monströs ist die Fratze des Bösen, die sich uns aufdrängt aus den Menschheitserfahrungen. Noch in den Computerspielen und den Schreckensfilmen regiert dieser Herr der Finsternis unter wechselnden Visagen. Unser Hunger nach Grauen speist sich aus diesem Gefühl, gerade nur entronnen zu sein und der Dämon habe uns schon im Visier. Darum hat ja auch die Bildzeitung so viele Leser, weil täglich der Böse in neuer Gestalt sich entlarvt als der scheinbar so freundliche Nachbar, der Kürschner, der seine Fässer betreibt, der Auszubildende, der in Mölln drei türkische Mitmenschen verbrennt. Wenn unsere Seele aufgrund ihrer gespeicherten Menschheitserinnerung sich Gott erfinden müsste, wäre dieser böse. Aber weil es ganz anders ist und damit es ganz anders wird, gibt es Evangelium, gute Nachricht, Offenbarung, Christi Geburt.

Sehnsucht, dass Gott anders sei, gab es schon immer. Seit Menschen ins Nachdenken entlassen wurden, haben sie ihre Toten begraben und nicht nur liegengelassen. Und darin keimt eine Hoffnung im Menschen auf, dass Gott ganz anders mit uns handelt, noch ganz anderes mit uns vorhat. Und die Toten werden auf den Weg geschickt zum Frieden.

Früh also bahnt sich eine helle Ahnung gegen die dunkle Erfahrung an: Hoffnung auf einen ganz anderen Gott, als unsere Angst ihn gebiert. Einsprengsel von Hoffnung begleitet das Menschenherz.

Verheißungen irrlichtern Jahrtausende vor Christus schon durch die angstvollen Seelen. Ein Zug zum Schönen hin hebt dem Menschen seinen Blick über das zum nackten Leben Notwendige, und im Spiel finden Menschen Gedanken an einen Gott der Freude. Glühende Zukunftssüchtige verheißen: “Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und denen, die im Schatten des Todes sitzen, leuchtet es hell.” (Jesaja 9,1)

Der vorerst letzte Prediger der alten Schule trieb die Menschen noch von einer Angst in die andere: Johannes der Täufer musste noch sagen: “Ihr Otterngezücht, ihr Schlangenbrut, es ist die Axt der Menschheit schon an die Wurzel gelegt.” (Matthäus 3,7.10) Doch der Goldfaden ist schon längst in die Seelen gesponnen. Eine Vollmacht jenseits aller Vorstellungen befreit Israel aus Ägypten und gibt sich zu erkennen: “Ich, der ich dich aus der Knechtschaft des Ängstenden erlöse, bin dein Gott.” (2.Mose 20,2) - Diese Nachricht vom Gott der Befreiung sät sich aus in überstürzenden Verheißungen bis zu diesem Jesus. Das Kind in der Futterkrippe wird dann mit seinem Lebenslauf Gottes Identität. Gott gibt dieses Kind als seine Kennkarte aus. Die Welt mag so oder so sein, soll Grauen und Schönheit, das Menschenherz mag voll Chaos sein, aber der Sinn vom Ganzen, das Herz aller Dinge, die innere Struktur gibt sich zu erkennen als glühende Liebe, heilende Kraft. Und dem Paulus ist der wohl innigste Name aller Namen Gottes offenbart: “der Gott der Geduld und des Trostes” (Römer 15,5)

Glaubwürdig und denkbar macht sich ein großes Gegenüber aller Dinge, das durch die Dinge und Geschehnisse geduldig hindurchgeht. Gott wird Fleisch und Blut, er duldet seine Schöpfung, verwundet sich an ihr, müht sich mit ihr ab, leidet mit ihr jede lieblose Verlassenheit. Gott teilt sich so mit als das innerste Geheimnis jeder Kreatur, und durch alle Formen von Leben, Blühen und Verblühen geht er mit. Er nimmt sich Zeit - Weltzeit, Gebärzeit - und lässt Zeit, räumt Frist ein, dass wir zur Liebe verwandelt werden. Nicht durch eiserne Faust, nicht wieder durch Schinden und Zwingen, nicht durch kurzen Prozess, sondern durch heilenden Heiligen Geist.

Glaubwürdig macht sich dieses große Gegenüber in Gestalt von Trost. Und dieser Trost ist kein flaues Wegreden; Trost - darin steckt indogermanisch “dreu”, Kernholz und “dru”, d.h. zur Sippe gehörend. Alles Zusammenhaltende, alles, was Isolation aufhebt, ist Gottes Trost, ist Gottes Kernholz, ist sein Wesen.

Ja, es ist noch zuwenig Trost in der Welt. “Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt” singt ein Adventslied. Und doch - sieh dein Leben an, dein Bewahrtsein, deine Freundschaftslust, deine Begabungen, deine Freude, gut zu sein, deine Lust, Tränen zu trocknen, deine Mitleidekraft, deine Leidenschaft, Menschen zu fördern, deine Liebe zu Menschen und Hunden, möglicherweise zu Büchern, deine Fähigkeit, aus wenig viel zu machen, deine Vergebekraft, dein Gerechtigkeitssinn, deine Hingabefähigkeit. Und die guten Seiten deiner Mitmenschen, all der Fleiß und die Ideen anderer. In wie vielen Berufen ist das Können der Menschheit entfaltet. Wie viel Gutes wird getan, weil es gut ist, nötig ist. Und wir könnten noch mehr.

Und all diese guten Gaben sind Trost. Unerschöpflich dieser Gott des Trostes, der die Fülle, die Vollendung, das Reich Gottes ja noch in Arbeit hat. Vorgeschmack sind all diese Goldfäden des Trostes, der Umarmungen, der Linderung, nur Wegzehr erst auf dem Weg Gottes in die Fülle.

Wenn Gottes treffendster Name “der Gott der Geduld und des Trostes” ist und wenn dieser Name geheiligt werden soll durch mich - wie leb’ ich dann ? Es gibt einen herrlichen Befehl in der Bibel: “Ich habe dir geboten, dass du getrost und freudig seist.” (Josua 1,9) Dann lass ich das Zagen, verbanne die Klage - und ich will für mich nicht um leichtere Lasten beten, sondern um breitere Schultern. Leicht ist’s, niedergeschlagen und angewidert vom Leben sich zurückzuziehen. Aber der Betreiber des Lebens macht auch nicht seinen Laden dicht und zieht sich auf die Plejaden zurück. Der Gott der Geduld und des Trostes gebietet: Sei getrost und freudevoll. Also ran ans schöne, schwere Stück Leben, das dir heute neu beschieden ist! Gewinn ihm Geduld und Trost ab.

Unsere Seelen sind nicht nur Schallverstärker der Menschheitsschrecken, sondern sind auch Fenster des erlösenden Gottes. Der König Hiskia sang es so (bei Jesaja 38 ist dieses Lied erhalten): Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe. Du wirfst alle meine Sünden, meine Ängste, hinter dich zurück. Der Herr hat mir geholfen, darum wollen wir singen und spielen, solange wir leben im Hause des Herrn!”

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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