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Vater unser

Im Anfang war das Wort

Nicht “am Anfang”, “am Start”, sondern es heißt “en arche”: “im Ursprung”. Vom Start geht man weg, der Ursprung bleibt einem. Der Ursprung der Dinge setzt hinüber in jede Gegenwart. Im Ursprung das Wahre, das Wort.

Bevor wir ein Wort hörten, haben wir Klänge gehört: das Rauschen des Blutkreislaufes von Mutter und das Klopfen des Herzens, Klänge, Donner, Groll, die Welt voller Klang. Unendlich mehr als nur Klang ist das Wort. Es ist Macht, die sich mitteilt. Jedenfalls, wenn Gott sprach: “Es werde Licht”, dann ward es Licht. Wort als intensive Form von Identität: “Gib mir dein Wort”, dich selber, dein Zugehören gib mir. Mittels Wort geschieht das “Empfangen vom Heiligen Geist” - begnadete Künstler malten Maria, die hörend schwanger wird. Auch wir kommen zu uns selbst, indem Vater und Mutter uns ansprechen mit unserem Namen. Das Wort macht uns zum einzelnen, der Ruf uns zum Gemeinten.

“Im Ursprung das Wort, und Gott ist das Wort” - dies kann bedeuten: Im Ursprung wesentlich ist Gott das “Sich-ausdrücken-Wollen”, “Anreden-Wollen”, “In-ein-Gespräch-Ziehen”. Ein Stückchen Unterschied zwischen Gott und seinem unbedingten Willen zur Kommunikation bleibt. Aber es gilt: Gott ist der Sinnraum des Wortes, ist Hintergrund aller Verständigung.

Wir müssen viel reden, um uns verständlich zu machen: “Unsere Wörter sind ja nur meist misslungene Purzelbäume.” (Robert Walser) Aber - Gott ist das Verständlichmachen, Gott ist in der Substanz das Hinübergehen zum anderen, das Sich-im-anderen-wiederfinden-Wollen. Dass Gott sich im anderen wiederfinden will, ist wohl das Geheimnis der Schöpfung. Er will sich noch einmal erleben, will in den Gefühlen und Empfindungen von seinesgleichen sich selbst zusammensetzen. Wie ein Großvater, eine Großmutter beim Betrachten der Enkel sich selber wiederfindet, so möglicherweise auch Gott. Er setzt sich zusammen aus den Geschichten; die er mit uns erlebt.

Verstehen und Verstanden-werden-Wollen ist von Anfang an bei Gott, und alle Dinge sind dadurch gemacht, durch den Willen, hinüberzusetzen in ein anderes. In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Dieses Wort, dieser Wille, im anderen zu verkehren, im anderen sich zu inszenieren, mit anderem ein Ganzes zu machen, ist das Leben, ist das Licht der Menschen. Dieses Licht macht dich unendlich wichtig, weil Gott dich anspricht. Alles, was du erlebst, ist Ansprache. Und alles, was du tust, ist Antwort an Gott.

Das Licht scheint in der Finsternis. Wir suchen die Finsternis zu erleuchten durch unser tastendes Kommunizieren. Wir suchen am anderen Halt, wollen ihn als Pfand, dass wir gewollt seien. Das Licht scheint in der Finsternis; in allen Versuchen von Verständigung flackert dieser Gottes-Wille auf. Aber die Finsternis hat’s nicht begriffen, hat so oft nicht begriffen. Wir sind zu sehr damit beschäftigt, durchzukommen, irgendwie und uninteressiert an hohen Gedanken. Finster ist, dass wir in Drucksituationen immer wieder neandertalerhart reagieren und sogar auf unseren Liebsten frontal zugehen, also gerade nicht werbend und gewinnend, nicht wortmüßig, sondern konfrontierend und zwingend.

Die Finsternis hat’s nicht begriffen.

Das Wesen der Schöpfung ist Kommunikation; “communio” heißt: einverstanden sein, in einem Gemeinsamen stehen. Gott hat so viel versucht, uns dies zu lehren. Das Bemühen um einen bewussten Menschen ist sicher 100 000 Jahre alt, und die Vorgeschichte des Jesus, die wir “Altes Testament” nennen, ist ja nur ein Ausschnitt davon, wie Gott mit Menschen redet und sie auftut als seine der Freundschaft fähigen Menschen. Entscheidend lichtet Gott die Finsternis, indem das Wort Fleisch wird ... “Und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes, vom Vater voll Gnade und Wahrheit”, sahen, hörten davon, dass Gott selber Mensch wird, dass Gott selber noch einmal erscheint als sein intensivstes Ohr und seine intensivste Sprache, dass Gott sich völlig identifiziert mit einem Teil seiner Schöpfung und diese Schöpfung so sehr auf sich bezieht, dass die Christen nachher das Bild dafür gefunden haben: Gott zeugt diesen Jesus und ist es in Person. Dieser Jesus ist die konzentrierteste Form von gelungener Schöpfung. Was für Jesus gilt, dürfen wir dann auf uns selbst beziehen: er, der Erstgeborene unter vielen Töchtern und Söhnen; er, das Wort Gottes, und wir, die vielen kleinen Wörter in seinem Schlepp, die, weil er uns anspricht, und weil wir in ihm münden, zu seinem Gedicht werden.

Ob dieses ganze Gedicht Menschheit erleben, ob wir mithören, wie Gott mit uns kommuniziert, jetzt und auch erst recht, wenn unser Gehirn verfallen ist, unser Leib wieder zu Asche geworden ist - lasst es uns dem überlassen, der das Wort ist. Und mit wem Gott geredet hat, im Zorn oder in Gnade, sagt Luther, der ist gewiss unsterblich. Mit wem Gott einmal geredet hat, wem Gott einmal das Wort gegeben hat, der ist ewig Gottes Kind, Erbe, Tochter, Sohn.

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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