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Vater unser

Vielfältig, unermesslich sind die Schreie, das Flüstern nach dem großen Du. Menschen röcheln und stammeln, jubeln und dichten sich hin zum Herz der Welt. Wir danken und klagen dem Einen, dem Fluchtpunkt unseres Denkens und Fühlens. Was wir an Sinn erkennen, sind nur kleine Strudel von Zusammenhang. Sie kommen und gehen, lösen sich auf, bilden sich neu. Aber der Hintergrund dieser Sinnballen ist der Ganze, mütterlicher, väterlicher Lebensgrund. Wenn wir zu reden aufhören, spricht er weiter mit uns. Ehe wir zu sein anfangen, war immer schon Er. Wir müssen Ihn denken. Sonst würden wir unser Denken enthaupten. Letzten Endes immer Er. Wir kommen und gehen von Ihm, in Ihm, zu Ihm.

Aber warum “Ihm”, “Er”? Warum Vater? Das größte Wort der Menschheit, “Gott”, ist maskulin besetzt und noch doppelt männlich geschärft durch den “Sohn”. Auch die geläufigen Titel: Herrscher, Schöpfer, Richter, Weltenlenker klingen herrisch.

Diese männliche Tönung entspricht dem Bild von Gott, wie es sich den Menschen zu biblischer Zeit eingeprägt hat und wie es wohl von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle endgültig gemalt wurde: Gott - ein weißer, muskulöser, prächtiger Renaissance-Mann. Wer denkt schon noch daran, dass Michelangelo gar nicht Gott abbilden, sondern die huldvolle Beziehung Gottes zum Menschen zeigen wollte? Nicht wie Gott aussieht, sondern wie Gott fühlt, was er tut, was er zusagt, können Bibel und Kunst beschreiben, bebildern. Nur - was nützen Wandtafeln und Gebote: “Du sollst dir kein Bildnis machen!” (2. Mose 20,4)? Unsere Seele träumt ja in Bildsprache von Gott. Und wenn wir sagen: “Gott hört”, dann sehen wir Ohren vor uns, obwohl wir wissen, dass Gott nicht Ohren haben muss. Er ist das Ohr, das Hören der Welt.

Die Bibel strotzt von Bildern, die uns Menschen abgeguckt sind: Gott ergeht sich im Garten, Gott macht den aus dem Paradies Vertriebenen Kleider, der Herr ist mein Hirte. Daneben steht aber auch: Gott ist Sonne und Schild, Schutz, Schirm. Gott zieht als Feuersäule vor Israel her, spricht mit Mose im sich nicht verzehrenden Dornbusch, Zeichen aus der Natur und dem Menschlichen stehen für Gott. Weiblich getönte Bilder sind rar, aber wegweisend: “Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet”, heißt es bei Jesaja (66,13) und im innersten Bibelkapitel: “Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.” (1.Mose 1,2)

Was in Luthers Deutsch so männlich klingt, ist im hebräischen Urtext die “ruach”, die Seele Gottes. An den späten Rändern des Alten Testamentes taucht die Sophia auf, die Weisheit Gottes, als Tochter an seiner, ihrer Seite.

Schon im Alten Testament ist neben den Schöpfer- und Herrscherqualitäten Gottes sein Erbarmen typisch. Das hebräische Wort dafür heißt “rächam” und bedeutet Mutterleib. Im Innersten ist der Gott der Bibel mütterlich. Sein Werben, sein erziehen, sein immer wieder den Ungehorsamen Nachgehen, sein Vergeben ist im Rollenmuster eindeutig weiblich besetzt.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn (Lukas 15) redet zwar vom Vater, aber dieser Vater ist bis ins tiefste mütterlich: Er läuft dem abgerissenen, vermissten Sohn entgegen, fällt ihm um den Hals, küsst ihn, kleidet ihn neu ein, steckt ihm den schönsten Ring an den Finger, schlachtet das Mastkalb, richtet das Fest aus. Und später, als der ältere Bruder zornig dem Fest fernbleibt, geht der Vater hinaus und bittet ihn um Frieden. - Jesus hat die weiblichen, mütterlichen Seiten im Gottesbild so intensiv gemalt, dass die harten, ausgrenzenden Seiten, die im Klischee männlichen, übertönt werden.

Daran ist ja Jesus auch gestorben. Die Theologen hielten damals Jesu gute Nachricht vom Gott der Liebe für gefährliche, lästerliche Träume.

Aber wir dürfen glauben, dass Gott so ist, wie Jesus es sagte und vorlebte; ja, dass Gott in diesem Jesus selbst auf Erden liebte, litt und sich verstoßen ließ und so die Schneise schlug hin zum mütterlichen, väterlichen Gott. Der uns ins Leben gerufen hat, holt uns im Sterben in seinen Mutterschoß zurück.

Nicht dass sich Gott erst im Laufe der Zeit zum Liebenden hinerzogen hätte; nur die Kenntlichmachung und unsere Wahrnehmung hat Geschichte und entwickelt sich. Wie im Zeitraffer beschreibt das Johannes-Evangelium im ersten Kapitel die Selbstoffenbarung Gottes bis hin zu Jesus: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht ... In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in die Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht begriffen ... Und das Word ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit ... Er kam in sein Eigentum ... “

Predigt aus St. Severin, Keitum; veröffentlicht in: Traugott Giesen - Vater unser in Ewigkeit. Amen - Radius-Verlag, 1993, vergriffen.


 



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