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Traugott Giesen Kolumne 11.09.1999 aus Hamburger Morgenpost

Unsere tägliche Kunst gib uns heute

„Kunnst du mir fünf Mark leihen?“ so beschreibt M. L. Fleisser das Kunstverständnis eines Freundes. Aber auch bei wenig Nachdenklust brauchen wir Kunst wie das täglich Brot. Es genügt uns nicht die kahle Wand, wir brauchen Bilder; es reicht uns nicht Blaumann und Schürze, wir wollen auch schön aussehen. Der Liebesbrief soll poetisch sein, der Blumenstrauß soll ein Wink vom Paradies sein. Das Auto muß fix gestylt sein und der Reichstag in Berlin soll festlich locker scheinen, Klang soll tanzen machen.
Wir brauchen mehr als Kalorien und Dach überm Kopf. Schon in den Höhlen vor 40.000 Jahren haben sie Jagdszenen an die Wände gemalt; seit Menschen ihre Toten begruben, gab man ihnen Schmuck und Waffen mit. Bräute ziehen immer noch das hochzeitliche Kleid an. Und im Garten hätte man am liebsten ein Schnitzwerk stehen, vor dem die Nachbarn stehenbleiben und das Kunstwerk loben.
Zur Muße gehört, per Film in fremden Leben zu spazieren. Gern besuchen wir Bauwerke, die Grandioses ausstrahlen. Erzeugnisse, die Gedanken abbilden – der Markuslöwe von Venedig etwa – haben Kraft in sich und beschenken uns. Kunst erzählt auch Sinn: Noldes „Gärtner“ zeigt einen unendlich behutsam Zupfenden – Gott muß seine Welt lieben. Schwelle, Säule, Bogen, das Kreuz und die Fabeltiere an den alten Kirchen machen Fülle und Halt und Schutz und Zugehören anschaubar. Kirchen sind nicht nur Bethäuser sondern Schatzhäuser, Festgemächer, die den Armen gehören, die hier die Einladung zum freudvollen Leben erfahren sollen. – Aber welche Kunst kann das heute uns in die Seele spiegeln?
Wo sind die Zeichen, die uns Heutige als zugehörig kennzeichnen? Zur McDonald- und Colafamilie zu gehören ist ja noch kein Glück. Oder doch schon? Viel Kunst flüstert uns, daß wir gut sind, wenn wir dies gute Auto fahren.
Einst hat Kunst Augen aufgerissen. An Bildern vom Jüngsten Gericht brach Umkehr in Menschen an. Das Buch von Werthers Leiden nahm mit einem Schlag die Schande vom Selbstmörder. Aber welche Kunst lehrt uns heute menschlich sein? Die allermeiste Kunst heute ist Verpackungskunst, schöner Schein, ist Tun als ob. Kunst kann Angst schreien machen, kann aber auch Angst lösen. Im sprechenden Mahnmal wird Entsetzen und der Schrei um Vergebung laut. Mit Fingerfarben malt das Kind die Angst weg und schwingt sich aufs Pferd mit Flügeln. Malend gestaltet sich der Mensch seine Welt und fühlt seine Macht, den Dingen den Platz anzuweisen und Große schrumpfen, Kleine riesig werden zu lassen. Engel als mögliche Wesen malen, uns als friedfertig ausmalen, das ist rettend. Wo toter Stein zum Fließen, zum Strömen gebracht wird, da kann auch der Mensch sich an seine ungeahnten Möglichkeiten trauen. Kunst kündet, daß wir noch viel mehr sind.
 


 



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