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Traugott Giesen Kolumne 20.09.1997 aus Hamburger Morgenpost

Wenn Eltern ihre Kinder stehenlassen

Das ist schon ein Jammer: Ein Urlaubspaar hat nachts auf der Raststätte „Hüttener Berge“ (A7) ihre Tochter (13) und deren Freundin (15) schlicht vergessen. Die Mädchen waren beim Zwischenstop ausgestiegen. „Eher zufällig“ fiel der Mutter kurz vor Hamburg die leere Rückbank auf. Dann fuhren sie zurück, und nahmen nach drei Stunden die Mädchen wieder auf – so die Zeitung.

Es ist ein Jammer: Der Schmerz der Kinder ist herzzerreißend. In der Nacht vergessen sein am Weg – und die Autos, die Laster rauschen vorbei. Das ist genau unser Panik-Bild: Hänsel und Gretel modern. Wir sehen sie vor uns, die weinenden Beiden, wie sie beim überforderten Tankwart fragen; nette Leute benachrichtigen die Polizei, die den Verkehrsfunk alarmiert. Die Kinder kamen sich doch vor wie ein Stück Fracht, das verlorenging und keinem fehlt.

Aber auch die Eltern sind arm dran. Die innere Stimme verurteilt sie gewaltig: Genau das dürfe nie passieren. Und das Gerede. Sie werden der Mißhandlung geziehen; das Jugendamt wird Untersuchungen wegen Verdacht auf Verwahrlosung anstellen. Die Eltern, die ihre Tochter den beiden anvertraut hatten, könnten Anzeige erstatten.

Aber vielleicht schliefen die Kinder – es war Nacht – beim Tankstop, die Eltern gehen auch zur Toilette, kommen zurück, steigen ein und fahren weiter. Schlafende Kinder sind liebe Kinder, nur nicht dran rühren – die Fahrt zieht sich schon genug, und das Albern und Krakeelen vorher gingen auf den Geist – da war es Erlösung, daß sie schliefen, da konnte man sie mal vergessen.

Mutterglück ist das Glück der Mütter, wenn die Kinder im Bett sind, sagt man so. Verhaltensforscher behaupten, die Geburt sei so schmerzlich eingerichtet, damit Mütter (Eltern?) immer daran denken: Gemessen an den Strapazen der ersten Stunde sind die Mühen der Erziehung doch zu ertragen.

Daß die Eltern „eher zufällig“ beim Blick auf die Rückbank das Fehlen der Kinder bemerkten, klingt mir wie ein Eingeständnis von Überforderung – auch scheint das natürliche Band abgerissen zu sein. Das Kind war mal selbstverständlicher Teil der Eltern als die Menschen nur als Eltern, als Kindesbesitzer von Bedeutung waren. Heute ist man neben vielem anderen auch noch Vater/Mutter. Kinder tauchen in den beiden Kalendern der Paare als ein Termin unter anderen auf, wie ja die Eltern auch nur ein Fluchtpunkt unter vielen fürs (heranwachsende) Kind darstellen, hauptsächliche Versorgungsstation eben mit oft wechselnder Besatzung. Man kann diese „Patchwork“-Verhältnisse beklagen, aber sie werden leider die Normalität, da viele Paare auseinander gehen.

Und dennoch: Kinder sind Glück, sie sind Sinn, Zukunft, Fülle, Wunder. Sie brauchten Engel und haben nur uns Durchschnittseltern, wie wir ja auch. Tröstlich ist: Wir sind für sie ausgesucht.


 



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