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Kolumne 07. Mai 2005 - <br>Dies Entsetzliche ist niemals vorbei - Die Trauer bleibt

Traugott Giesen Kolumne 07.05.2005 aus "Die Welt" Ausgabe Hamburg

Dies Entsetzliche ist niemals vorbei - Die Trauer bleibt

Himmel und Erde

von Traugott Giesen

Es zerreißt einen immer noch. Auf den Familienbildern die Männer in Uniform. Und die Erinnerung des wohl Dreijährigen: Vater zog mit seinem Trupp vorbei. Mutter mit uns am Straßenrand winkend, ich das Fähnchen oder das (Holz)-gewehr schwenkend. Später brennende Häuser, evakuiert aufs Land, noch später versammelten befreite polnische Zwangsarbeiter die Hofgemeinschaft auf der Tenne, die vierjährige Schwester rief "Heil Hitler". Uns stockte der Atem - kein Schuß. Sie zogen mit Würsten und Schinken ab. Vater kam aus der Kriegsgefangenschaft zurück, schlohweiß mit 36 Jahren. Sein restliches kurzes Leben Schuften für eine bessere Zeit, und immer eiterten Granatsplitter aus dem Oberarmdurchschuß. Und Schwärmen von der Kameradschaft und den prächtigen Jungen in der Gefangenschaft. Vom Krieg keine Geschichten. Ich kann mich nicht erinnern, daß wir die Eltern gefragt hätten nach ihrer Mitschuld am Nationalsozialismus. Aber ich bin nicht besser als meine Eltern, wäre wohl beteiligt und schuldig wie sie.

Zu den Heiligen der Hitlerzeit zählte das Ehepaar Grüber, Hunderten von bedrohten Menschen jüdischen Glaubens haben sie zur Ausreise verholfen. Propst Grüber sagte später, sich einschließend: "Wer überlebt hat, hat nicht genug widerstanden." Angesichts der Greuel der Verwüstung, der deutschen Angriffskriege, der Raubzüge und persönlichen Bereicherung, der geängstigten, gequälten und gedemütigten, der geschundenen und verhungert und verdurstet

gelassenen, der geschändeten, der erfrorenen, der ermordeten Millionen von Menschen, der ausgelöschten Augen, der als Asche zum Himmel geblasenen Seelen, sind wir Nachgeborenen Mitgezeichnete. Und tragen das Kainsmal der Mörder im Herzen auch stellvertretend für eine Generation, die ihre Mitschuld lange nicht erkannte, jedenfalls nicht bekannte. Dabei hatten sie alle auch Konfirmation oder Firmung gehabt, hatten Jesu Wort mal auswendig gelernt: "Was ihr getan habt meinen geringsten Brüdern und Schwestern, das habt ihr mir getan." Sie wußten alle, daß auch sie Gott das Antlitz zertraten. Und hatten sich gleichzeitig an dem Wahn besoffen, Auserwählte zu sein.

Wir müssen wissen, wie alles so entsetzlich wurde, und wie schnell wir zum Unmenschen zu verderben sind. Wenn uns eine höhere Stelle erwählte, im Namen der Wissenschaft oder des Fortschritts oder der "Sicherheit unseres Landes" andere zu disziplinieren, sie einzuordnen in kontrollierte Verhältnisse, "damit sie nicht Schaden für das Ganze anrichten" - hoffentlich sagen wir alle nein, entziehen den Meinungsvergiftern ihre Plattform. Und treten dem Schläger entgegen.

Ein Segen, daß Deutschland eingebunden ist in ein Vereintes Europa. Nie wieder Krieg, nie wieder Herabsetzung von Menschen wegen irgendwelcher Merkmale haben wir geschworen. Aber Menschlichkeit ist Arbeit, in jeder Generation, an jedem Tag.


 




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