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Kolumne 03. Juli 2004 - <br>An einen Menschen mit Lust zum Weglaufen

Traugott Giesen Kolumne 03.07.2004 aus "Die Welt" Ausgabe Hamburg

An einen Menschen mit Lust zum Weglaufen

Kolumne

von Traugott Giesen

Lieber mir unbekannter Mensch - Sie wollen, können nicht mehr gut auf dieser Erde sein? Ihnen flüstert sich ein Zwang ein, von hier wegzugehen? Ein Wurmartiges nagt Ihre Lebenslust auf? Ja, es macht die Würde des Menschen aus, nicht nur automatisch vorhanden zu sein wie ein Baum. Wir Menschen müssen leben wollen, sonst können wir nicht (mehr). Aber Sie mit Jenseits-Sehnsucht, meinen Sie, alle Ihre Kräfte für hier seien ausgebrannt? Sie haben doch noch Freude an irgendwas, und wenn es ein aufregender Duft ist oder Essen und Trinken? Waren Sie schon in Venedig, berauscht vom Spiel der Sonne, der Formen, der Farben, des Wassers? Sahen Sie schon auf Island die Gletscher kalben? Sie haben doch die Schätze dieser Erde noch gar nicht ausgeschöpft.

Haben Sie Kinder, oder sind Sie Pate des Kinderheims in Ihrer Nähe? Wann waren Sie zuletzt in einem Zoo und sahen die Affen sich lausen und die majestätischen Giraffen schreiten? Und mustern Sie noch mal im Gemälde-Museum die vielen Antlitze von Menschen, die ihre Last weiter trugen. Und irgendwer wartet doch auf Sie, braucht Sie, würde sich Vorwürfe machen. Und wenn nicht, wie viel Nähe blieben Sie schuldig?

So können Sie nicht gehen. Vielleicht muss man fort, wenn Schmerz nicht mehr aushaltbar ist - doch wir haben ein Recht auf schmerzdämpfendes Morphium, dafür hat es doch Gott wachsen lassen. Gut, Sie machen Bilanz, aber ziehen Sie nicht den Schlussstrich, bitte. Wie sollten Sie beurteilen, ob Ihre Lebensarbeit hier abgeschlossen ist? Sie wissen doch nicht, was das Leben noch alles mit Ihnen vorhat und wofür es Sie braucht. Wenn Sie jetzt müde sind, schlafen Sie, bis es Sie wieder auf die Beine stellt zu neuem Tun, aber nehmen Sie sich nicht die Chance des neuen Tages. Schon gleich können Sie anderen Geistes sein. Wenn Sie noch gehen können, laden Sie den Nächstbesten auf einen Kaffee ein und erzählen ihm von Ihren Plänen, sollen Sie mal sehen was draus wird. Wenn Sie noch reden und hören können, rufen Sie Menschen an, hören Sie deren Klagen zu und deren Freuden. Oder machen Sie Besuch im Krankenhaus und bestaunen Sie anderleuts Kämpfen ums Überleben. Oder setzen Sie sich mal eine Stunde neben einen Bettler in der Straße, mal sehen, was der zu hören bekommt.

In Ihnen glüht doch noch Neugier unter der Asche der Zweifel. Viele Fragen warten noch auf Ihre Antwort, offene Fragen gehen mit, wohin auch immer. Nie werden wir etwas einfach los, wir werden nur verwandelt. Ich weiß, das Herz der Welt, das uns große Sehnsucht eingespeist hat, wird uns stillen. Sich das Leben nehmen, heißt letztlich: Sich das ewige Leben nehmen, es an sich reißen. Aber schmeiß dich nicht weg von hier, du gehörst dir doch nicht. Gott küsst uns, wenn es Zeit ist, die Seele heim. Bis dahin verlieb dich noch einmal, sorg für einen, lach mit welchen, geling dir noch. Du hast noch nicht an alle Türen geklopft.


 



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