L e b e n s m u t
 
Herzlich willkommen auf der Homepage von Traugott Giesen, ehem. Pastor in Keitum auf Sylt!

Aktuelles

Predigten
Kolumnen
Bibelenergie
Tägliche Losung
Gastpredigten
 

Archiv

Nachhören
Archiv Predigten
Archiv Kolumnen
Themenverzeichnis
Weitere Texte
Bibelstellen
Aufgelesenes
 

Informationen

Bücher
Links
 

Kontakt
Emailkontakt
Webmaster
Gästebuch
Impressum

Besucher seit
12.03.2001
0975597
Kolumne 10. Mai 2003 - <br>Eben noch fröhlich

Traugott Giesen Kolumne 10.05.2003 aus "Die Welt" Ausgabe Hamburg

Eben noch fröhlich

34 Menschen riss es hinweg. Einige bleiben schwer verletzt ein Leben lang. Entsetzen und Erstarrung vielfach, Zusammenbrüche, eilige Hilfsangebote, Suchen in den Archiven "Unglücke", einfühlsame Kommentare, mehr beschrankte Bahnübergänge werden angemahnt - noch hat die Hälfte der 25 000 Kreuzungsstellen nur Warnblinkanlagen - bald ein öffentlicher Trauergottesdienst und die Beisetzungen in ihren Heimatgemeinden.

Aber der Verkehr läuft weiter, einige Menschen rasen, einige haben getrunken, einige schlafen ein, sind abgelenkt, überfordert, fallen aus, fallen hin, scheitern, versagen, werden schuldig, reißen andere mit.

Und auf einmal reißt ein Netz, ein Kreis von Menschen bildet sich um eine Leere. Vater, Mutter, Partner, Freund, nächster Nachbar ist hier nicht mehr.

In einem Nu sind 34 Menschen an ihr Lebensende gekommen. Uns Lebenden fährt der Schrecken in die Glieder. Da bricht man auf in fröhlicher Runde, lacht und spaßt, bestätigt sich gegenseitig, dass nach viel getaner Lebensarbeit jetzt die schöne Tour einem doch zusteht, hat noch eben an die wohl versorgten Pflanzen gedacht oder an die schwerstliebebedürftige Mutter, die man mal eine Woche der Schwester aufgegeben hat. Eben noch ein Aufatmen: "Ach, haben wir es gut", und ein Winken in Gedanken hin zu den erwachsenen Kindern, deren Sorgen man nicht haben möchte. Die Augen saugen die Aussicht ein, eben hat man noch gut gefrühstückt, auch die Betten im Landgasthof hatten nicht gequietscht, noch ist der Morgen frisch und der Fahrer hat mit einer zugleich launigen und andächtigen Ansprache die Gruppe begrüßt. Jetzt glitt man dahin, im Monat Mai, dem Mozart des Kalenders, die Bäume stehen in Blütenkleidern, die Sonne strahlt, weiße und rosafarbene Blättchen begleiten den dahinfliegenden Bus. Da kracht es, und haushohes Metall zerwalzt Leben, zerfetzt Menschen, es ist ein Kreischen und Bersten, ein Auseinanderfliegen und Heulen und Sterben. Es ist das Ende der Welt für 34 Schöpfungen, die alle die Mitte eines Lebenskreises waren.

Es passiert an dem Tag, da das Verfahren über die Schuld am Eschede-Unglück von vor fünf Jahren eingestellt wurde. Ja, drei Ingenieure hätten die neu konstruierten Räder nicht genügend getestet, aber die direkte Fehlerkette ließ sich nicht rekonstruieren. Und wenn auch? Die Fehler, die zum Zusammenstoß des Busses mit dem heranbrausenden Schnellzug führten, sind schnell aufgezählt. Aber alles Unglück, das einer angerichtet hat, ist zu groß, als dass es ein Mensch tragen könnte. Von einem Angeklagten sagte Robert Musil: "In den Augen des Richters gingen seine Taten von ihm aus, in den seinen waren sie auf ihn zugekommen wie Vögel, die herbeifliegen." Wem also gehört die Schuld daran? Wir wissen einen Gott, der sagt, dass es seine Schuld ist; zumindest seine Sache. Das ist wohl mit Allmacht gemeint: Alle Macht, auch die verunglückte, ist Gottes. Es ist zum Heulen. Es ist ein Trost. Das Leben ist schön und sicher ist kein Nu.


 




Service

Startseite
Druckvorschau

Presse-Feed EKD

© 1996-2024 Evangelische Kirche in Deutschland
Weitere News...  

 
Online 16