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Predigt 26. April 1998

Keitumer Predigten  Traugott Giesen 26.04.1998

Nachdenken über Scham

Petrus schwor der Magd: Ich kenne diesen Menschen nicht - und es krähte der Hahn und Simon weinte bitterlich. Und zu diesen Simon sagte der Auferstandene: Du bist Petrus, der Fels, auf den ich Kirche baue. (Mt. 26,74f; 16, 18)

Nachdenken über Scham - das würde ich gerne. Es ist dies ein intensives Gefühl, eines, das unser Innerstes bestürzt macht, und doch wissen wir meist so wenig davon. Paßt Ihnen das Thema jetzt?

Es ist manchmal riskant, zur Kirche zu gehen - man will sich eigentlich nur zurücklehnen ins gemeinsam Vertraute. Etwa die Auslegung von Psalm 23 - heute am Sonntag des guten Hirten. Aber das ist ja auch versprochen in dem Gebet vom guten Hirten: Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Das doch auch versprechen: Du bist mir Schutz gegen Beschämung; was mich verhöhnt, was mich entblößt in meiner Schwäche, das deckst du zu; salbst mein Haupt mit Heilsöl. - Höchst dramatisch könnte mir Gott begegnen, indem er mich zur Scham erlöst, endlich mich fähig mach, zu weinen um meine Schuld.

Oder Gott erlöst von falscher Scham oder entzieht mich der Verneinung, schaut mich an, gibt mir wieder Halt.

Also laß uns mal an Scham heran, erinnert das Gefühl von Scham.

"Schäm dich" - der Befehl ist mir/dir noch nah. Dem Geschwister die Sandschaufel auf die Hand gehauen, daß sie blutet - und ich wurde unter Schimpfen der Eltern ins Bett geschickt; oder wegen kindlichen Neugierspielen; oder ich sehe die in der Tanzstunde Stehengelassene, mit rotem Kopf.

Ich sehe mich zur Rede gestellt von einem Kollegen, den ich in einer Besprechung dem Spott ausgesetzt habe. Der sagte mir danach: "Lieber einen Freund verlieren als eine gute Pointe".

Ich schäme mich für meine Eltern und Großeltern, für viel zu viele Deutsche, die Nazi-Sympathisanten waren und Heldenmütter und Soldaten, die unterwerfen wollten.

Wenn in einem Länderspiel ein Deutscher gröblich foul spielt und er sich abwendet ohne Geste der Entschuldigung. Dann ist es mir peinlich.

Ich schäme mich, als ich einen in Papierkörben nach Eßbarem suchen sah.

Ich hätte Pastor Geyer mehr Scham gewünscht.

In den unmodernen Klamotten schäme ich mich, rauszugehen.

Wie der Mann mit seiner Frau herrisch umgesprungen ist, vor Zeugen - das war schon eine beschämende Szene.

"Wir haben den ganzen Tag gefischt und nichts gefangen" sagen mal die Jünger zu Jesus, darin die Traurigkeit der Klinkendrücker, der abgewimmelten Vertreter, der Propagandistinnen, um die man einen Bogen macht.

Eine ganze Sammlung von Beschämung. Und dagegen drei biblische Texte:

"Die auf Gott sehen - deren Angesicht soll nicht schamrot werden, sondern strahlen vor Freude" (Ps. 34,5.6)

"Man schämte sich oft, wo man sich nicht zu schämen brauchte. Und ist schamlos, woe Scham gut täte... Schämt euch zu stehlen und auszuplaudern. Aber schämt euch nicht, die Gebote zu halten." (Sirach 41,19;42,1)

"Und sie waren beide nackt im Garten Eden, der Mann und die Frau, und sie schämten sich nicht (1. Mose 2,25). Aber sie aß von der verbotenen Frucht, und gab ihrem Mann auch davon. Und er aß. Da gingen den beiden die Augen auf, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und sie flochten sich Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze (1. Mose 3,6.7).

Diese Paradiesgeschichte wiederholt sich in unser aller Lebensgeschichten viele Male:

Die Liebe entdeckt zwei Menschen einander. Sie erkennen sich, erkennen sich an als wunderbar und einander stärkend - sie dürfen sich erscheinen, wie sie fühlen; sie können nackt sagen, was sie müssen; sie sind beieinander gut aufgehoben. - Doch dann verdunkelt sich in ihnen was, eine Art Sonnenfinsternis der Liebe fällt über sie. Liebe, Gott, Ganzheit, Zusammengehören gerät aus dem Blick. Sie essen vergiftete Früchte, sei es Nationalismus - wie einst die Deutschen, sei es Geiz oder herrische Allüren; sie werden mißtrauisch, und es gehen ihnen die Augen auf für ihre eingebrockte Schäbigkeit, sie verstecken sich voreinander, weichen sich aus, sie schweigen - sie wenden den Blick voneinander ab. Sich schämen - was heißt das?

Sie sehen ihre Kleinheit, ihre Kleinlichkeit, wie sie sich auch noch bestärken in ihrem Miessein, und sie lähmen sich und beschimpfen einander, werfen einander die eigene Mickrigkeit vor. Und sie laufen auseinander, meiden sich.

Aber es ist ja Heiliger Geist da - eine kosmische Liebeskraft, Gott genannt, preßt Neuanfang in die Herzen - es gibt eine Labung jenseits von Eden. Es gibt Wiederfinden von Vertrauen. Es kann der Morgenstern aufgehen in unseren Herzen. Es kann Verheißung dir erblühen - daß ihr wieder den Blick heben könnt, frei. -

Die auf Gott sehen - deren Angesicht soll nicht schamrot werden, sondern strahlen vor Freude (Ps. 34, 5.6). Gott sehen, meint: Du bist angeschaut von einem liebenden Willen, du bist gewollt nicht zum Verlorensein, sondern gewollt zur Rettung. - Du, wenn du bewußt einatmest - und jetzt ausatmest - spürst du dir ein Gutsein; mach es, atme ein, atme aus - ein Augenblick Stille und in dir bereitet sich Heilendes aus. Es ist dieses tiefe Atmen wohl ein Erinnern an das Trinken an Mutters Brust - erst sehr eilig, aber dann, als wir der Quelle sicher waren - da kam tiefer Friede über uns, und wir atmeten ruhig.

Wir sahen auch das Gesicht, das uns Gutsein spiegelte. - Als wir noch nicht von uns wußten, was wir vielleicht noch zerfielen in einzelne Akte von Hungersturm und Sattwerden, Frieren und "es-zu-heiß-haben" - da gab uns Mutters, Vaters Schauen und Sprechen das Wissen und Hingehören, von Zusammenhalt. Mutters Schauen baute uns langsam zusammen, half uns zu einem Ich - schirmte uns ab vor, ja vor Beschämung, vor Ausgeliefertsein, vor Ohnmacht. Und es war schon ein Jammer, wenn Mutter ihren Blick wegwandte - dann verloren wir das Ansehen.

Mutters Anschauen weist über sich hinaus. Es erinnert und ist ein Pfand fürs Antlitz Gottes. Ja, es erfrischt nur das Angeschaut-werden von Gott. Also: in dem ersten verläßlichen Antlitz schaute uns das Wesen der Welt an. Und aus jedem offenen Angesicht, das uns im Lauf des Lebens begegnet, schöpfen wir Ansehen. Wir sehen uns bestätigt: Ich bin gewollt, ich bin gemeint, ich bin wer. Auf dem Grund aller Antlitze schauen wir Gott - oder vermissen ihn, wenn uns kalte Blicke treffen.

Man redet vom "bösen Blick" - es ist ein Vergiften darin, ein Verbannen, ein Verneinen. Oft reicht es, wegzuschauen, den Bann zu brechen durch Lächeln oder aus dem Zimmer zu gehen. - Wir müssen uns viele böse Blicke vergeben - wo wir den anderen beschämten, ihn entkräfteten, verletzten.

Gut ist es aber, einen Sinn für Scham zu behalten. Wenn rechtsradikale, junge Männer Gedenkstätten für Menschen jüdischen Glaubens freveln, dann sollten sie sich schämen - sollten verstehen, wie ihre Verachtung nah am Morden von damals ist.

Zu schnell Auto zu fahren, wo Kinder wohnen - ich will mich mehr schämen. - Allein der Gedanke, ein Kind käme durch mich zu Schaden, - mit welch brennender Scham lebte ich dann - also schäme ich mich doch, durch Wohnstraßen anders als im Schritt zu fahren.

Viel zu lange haben wir Scham aufs Geschlechtliche bezogen. Eigentlich gehört sie zur Ohnmacht. Wenn wir Menschen ihre Würde nehmen, dann ist das schamlos. Schamlos ist das Begaffen Verhungernder im Fernsehen - aber wir fühlen uns ja verantwortlich für das, was uns Scham empfinden läßt (X. Marias). "Brot für die Welt" hilft zuerst uns selbst, dass wir uns nicht zu sehr schämen müssen.

Scham ist Schutz. Geschützt wird Würde. Deine, meine Scham ist Schutz vor Beschämung. Wenn einer schwach wird, hilflos, dann können das Todesboten sein. Was an uns ist, müssen wir helfen, dass er wieder hergestellt wird. Also muss uns denn Hilflossein beschämen? Muss uns beschämen, dass wir sterblich sind? Dass uns das liebende Antlitz Gottes nicht untergeht im Sterben, das glaube fest. Auch dein Tun, dein Versagen kann dich nicht von Gott trennen. Du gehörst zum Guten. Wenn du dich einer bösen Sache wegen schämst, dann bleib behütet, glaub Gottes Hütekraft mehr als deiner Zerstörkraft. Er bereitet dir einen Tisch im Angesicht deiner Feinde, deiner Verachtung gegen dich selbst.

Und du, hüte des anderen Selbstverborgenheit. Zerr nicht ans Licht, was unter Ausschluß der Öffentlichkeit ertragbar bleiben muß. Es ist eine Stärke, Ohnmacht zu tragen. Wenn aber Außenstehende diese Ohnmacht meinen rächen zu müssen, dann wird Scham entblößt. Behüten wir einander vor Beschämung, helfen wir einander, das Gesicht zu wahren.

Aber Scham empfinden zu können, ist Geschenk - sie schützt gegen kränkendes Gefühl der Demütigung. Ich muß mich erträglich wissen. Dazu dient jeder Blick, jedes gute Wort, jedes kleine Glück: Winke des Himmels - geben wir sie.


 




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