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Predigt 25. März 2005

Keitumer Predigten Traugott Giesen 25.03.2005

Karfreitag

Und Christus sprach: "Es ist vollbracht!" (Joh. 19,30)

Das Geschehen von Karfreitag scheint uns Heutigen so fremd - da geht man besser nicht hin, das soll auch so nicht geschehen sein: keine Todesstrafe kann Gott gewollt haben, also kann auch Jesus seinen Tod nicht gewollt haben. Also sollen auch keine Kruzifixe mehr hängen in Schulen, bei Gericht, in Kirchen. Auch sollen die Zeiten für immer vorbei sein, da sich Soldaten in den Krieg stürzen unter Hinweis auf heilige Pflichten, sich zum Opfer bringen dem Jesus nach, der auch sich opferte für seine Freunde.

Es war mal denknötig: Gott beschafft auf der Waage der Gerechtigkeit Ausgleich für die Menschheitsschuld. Er gab er seinen liebsten Sohn, darin sich selbst, er übernahm für uns Sünder die verdiente Strafe, gab sich zum Opfer, auf daß wir Frieden hätten.- So hat man mal denken müssen: wenn bevorsteht das jüngste Gericht, und es ergeht nach unsern Werken - wer kann da sagen, er sei nichts schuldig geblieben. Also brauchte jeder eine Scheibe aus dem Heilsvorrat, den der unschuldige Jesus für alle erwarb. Der Opfergang des Jesus war mal eine echte Rettung. Doch heute haben wir von Christus den direkten Zugang zu Gott gelernt. 2000 Jahre in der Sprachschule des Jesus lehrt uns eine Sohn-Tochter-Stellung zu Gott und eine geschwisterliche zueinander. Wie aber die leben in schwierigster Lage? Wie diese, ich sag mal, würdige Haltung durchhalten, nicht unterwürfig, nicht herrisch - obwohl bedrängt von Gewalt, von Zweifeln, von Schwäche, von hochfahrendem Gehabe?

Johannes beschreibt Jesu Leben und Tod als königlich. Seine erste Wohltat, typisch: die Hochzeit zu Kanaa: Er macht, daß das Fest ohne Blamage gelingt, er ist großherzig, unauffällig, keinem zu Diensten als dem unbedarften Paar, das nicht weiß, wie ihm geschieht. Jesus ist nicht Knecht der Umstände, nicht geängstet von Gewalt und darum auf Macht aus. Er hat ein unmittelbares Verhältnis zu Gott, er sieht sich in Gottes Hand, auch mit seiner Angst vor dem Sterben, sieht er sich geborgen. An Revolte gegen die Römischen Besatzer hatte er kein Interesse, an Gehorsam gegen die Priesterschaft auch nicht - er will eine innere Freiheit, eine innere Königsherrschaft für dich und mich. Johannes stellt das Verhör durch den römischen Gouverneur Pilatus dar als Gespräch zumindest unter Gleichen. Die Kreuzigung vollzieht sich dann als Hingang zum Vater, nicht als Opfergang und Vernichtung, sondern als Thronbesteigung. So leben können, frei und vertrauend, uneingeschüchtert, und mit weitem Horizont sterben können, am Leib verlöschend, am Geist wachsend - das ist Nachfolge im Sinne Jesu, da will uns Christus mit anstecken.

Unabhängig von religiöser und weltlicher Obrigkeit, unabhängig von Menschenehren und Geldvermehren, mit einer großen Seele liebend gern leben, das tat Jesus. Sein Grundwissen war: Es gibt keine den Menschen eigenständig gehörende Macht. Alles Vermögen ist ausgeliehen und anvertraut. Hat einer Gewalt, von dir eine Meile Begleitung zu verlangen - etwa ein römischer Soldat, konnte einen zwingen, seine Last eine Meile zu tragen - so denk doch, ob du ihm nicht zwei Meilen weiter hilfst (Matthäus 5,41). Diese innere Freiheit zu tun, was dir selbst nötig und geboten scheint, will Jesus mehren.

Im Verhör fragt Pilatus: „Wer bist du?“ Und Jesus gibt keine Antwort. Er will damit wohl sagen: frag die andern, wer ich sei, wie soll man selbst sich definieren? Aber nicht sehr verbindlich kommt das Schweigen an - eher als Zeichen: zu Gewalthabern sollte man Abstand halten. Da wird Pilatus fuchsig: „Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen?“ Jesus antwortete: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre.“ Also wenn du mich in den Tod schickst, dann nicht du, sondern Gott verlangt es von mir, also werde ich mich nicht wehren. Aber weißt du, ob es Gott will? Oder will es deine Angst vor dem Kaiser. Damit taktiert Jesus nicht. Er will nur bei dem bleiben, was für ihn stimmt: er steht für den Gott der Liebe ein, auch wenn der ihm verdunkelt ist im Schmerz.

„Bist du der Juden König?“ fragt Pilatus.- Und Jesus: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Er will keine irdische Macht, er will die Herzen gewinnen, nicht die Fäuste. Darum ist später auch der Vorwurf der Christen an die Juden infam, diese hätten Jesus nicht als Messias anerkannt. So, wie die Christen den Jesus als Herrscher vor sich hertrugen, als Vorwand für Überlegenheit und Gewissensdruck, so war Jesus falsch verstanden. Er will für die Welt nicht andere Herren, sondern keine; er will eine andere Welt. Denn in der, wie sie jetzt ist, wird Liebe zuviel gekreuzigt. Pilatus ahnt was von dem Zeugen für eine neue Welt, er spürt, daß der nicht Macht an sich reißen will. Aber Pilatus hat auch keine Lust, sich die Priesterherrscher zum Feind zu machen, die schon das Volk aufgewiegelt hatten. Er versuchte zu beschwichtigen: den, der heilte und liebte, den ließ er auspeitschen, stellte ihn hinfällig und erbarmenswürdig da: „Ecce Homo“ - "Seht, welch ein Mensch" - laßt es gut sein, laßt ihn laufen, “es langt“ (E. Drewermann). Aber die Idee verfängt nicht. Es scheint eine Lust in uns, den Außenseiter zu strafen, in uns scheint ein Keim rücksichtsloser Gewalttätigkeit, der kommt hoch, wenn wir guten Gewissens uns als Gerichtsvollzieher betätigen können: „Geschieht ihm recht“!- Die Hohenpriester und das gaffende Volk verlangen die Kreuzigung. Die wird nach Johannes nicht vollzogen an Jesus, sondern Jesus begeht die Kreuzigung, vielleicht wie nach ihm und ihm nach Menschen des 20 Juli aufrecht und gefasst zum Galgen gingen, als entlarve sich das Schuldregime mit diesem Mord endgültig.

Jesus stirbt in der Form eines erhörten Gebetes (E. Drewermann); er erfüllt seinen Zeugenauftrag, sein Leiden ist höchste Passion, höchste Leidenschaft, für Gott einzustehen und zu ihm zu gehen.- Im Johannes-Evangelium fleht er nicht vor Gott mit den Worten, die noch im Markus-Evangelium (15,34) stehen: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Gerade dieser Aufruf wird immer wieder als der Entsetzensschrei eines Gottverzweifelten gedeutet. Aber es handelt sich um den Anfang des 22. Psalmes, der mit der Nähe der Gottesherrschaft endet. Markus wollte wohl nur sagen, daß Jesus diesen Psalm gebetet hat, es gab noch keine Nummerierung, sondern der Psalm hieß: Mein Gott, warum? Er hat viele Strophen, die von der Klage zu höchstem Lob finden. „In deine Hände gebe ich meinen Geist“- Jesus stirbt im Vertrauen zu Gott. Wohin er stirbt - das nennt er Vater, Mutter, er gibt sich in gute Hände. Zuletzt sagt er: "Es ist vollbracht", was wohl meint: "Ich hab getan, was ich dachte, daß es dein Wille ist, Gott mach daraus, was Deins ist."

Ob man noch unter äußersten Schmerzen liebevoll an Nächste denken kann? Jesus sieht seine Mutter und seinen Lieblingsjünger unterm Kreuz. Er weist sie aneinander, vertraut sie einander an. Er gründet seine Art von Gemeinde, nämlich daß wir mütterlich geschwisterlich einander annehmen, einzelne, wenigstens einzelne. Vielleicht ist es auch ein Auftrag an Juden und Christen. Du, Judentum, bleibst die Mutter des Reiches Gottes, aber nimm die Christen als Adoptivkinder. Und ihr Christen, laßt euch Israel anvertraut sein. Auf Golgatha endet eine Lebenszeit jenseits der Angst, und das war schon der Anfang von Auferstehungsleben hier. Jetzt Jesu Vertrauensleben mitgehen, an unserm Ort, mit unsern Nerven, mit unserer Kraft. Das Hiersein als feierliche Tatsache wissen, mit Neugier die lebensvollen Augenblicke erwarten und sie herauffühlen und jeweils die Lage für beide erträglich machen - immer haben wir einen Nächsten, der uns bestimmt ist, mit ihm die Lage jeweils für beide erträglich zu machen. Und erst, wenn das Dasein aufgetragen ist, greif auf den Himmel kräftig zu.


 



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