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12.03.2001
Die restlichen Gebote

Die Zehn Gebote

 

Das erste Gebot (2. Mose 20,1.2)

  

 Die vielleicht wichtigsten Worte der Menschheit stehen im 2. Buch Mose 20. Kapitel ( auch 5. Buch Mose, 5. Kapitel), von Martin Luther in etwas geänderter Form mit Erklärungen als 3. Hauptstück in seinen Kleinen Katechismus aufgenommen und so Lernstoff aller evangelischen Generationen bis eben noch.

Die Gebote sagen den Willens Gottes in größtmöglicher Kürze:

1. Teil: Des Menschen Pflicht gegen Gott: Ihn ehren, kein Bildnis, seinen Namen nicht mißbrauchen, seinen Tag heiligen. 

2. Teil: Des Menschen Pflicht gegen seine Mitgeschöpfe, beginnend mit Eltern ehren, Schutz des Lebens, der Ehe, des Eigentums, der Ehre des Nächsten, Verzicht auf unrechte Machenschaften.

 

Umzirkelt wird der Raum, darin das Dreieck des Lebens: Gott, Ich, Wir gelingen möge: Die Gebote kennzeichnen das weite Land, darin wir frei und verbunden gedeihen. Der das Leben gibt, gibt auch die Gebrauchsanleitung.  Nicht Pflichtenkatalog sondern Handlungsanweisungen sind die Gebote. Sie sind Bestandteil der guten Schöpfung, nicht als Zwangsjacke angepreßt, sondern sie lassen sich rückerschließen aus dem verstandenen Lauf der Dinge. Die Wirklichkeit hat sie als Glanz bei sich, aus dem Geschehen leuchtet ihre Wahrheit. Es sind bis auf die fundamentalen Positionen Feiertag und Elternehrung und eigentlich nur die eine fundamentale Negation: Nimm nicht Seins!

 "Wo die Ungeheuer hausen"- hieß auf alten Landkarten die unbekannte Gegend. -Wo das Gute, das Lebensförderliche gefährdet ist, an den Rändern des Bewährten, blinken die Alarmzeichen. Aus Eigeninteresse hat der sie zu achten, der Gott angehört. Das Gebot ist nicht Last sondern Schutz, ja, ist eine Liebeserklärung - so hat Israel, das Volk des Gesetzes, die Gebote verstanden. Wer zu Gott gehört, der enthält sich bestimmter das Leben beschädigende Praktiken. Und wenn er fehlgeht, bittet er um Vergebung und sucht Wiedergutmachung; jedenfalls kann er zu seinem Versagen stehen. Die zehn Gebote sind denen gesagt, die im Leben als dem Haus Gottes wohnen; sie sind Hausordnung, nicht die Einlaßbedingung.

 Diese Zehn Gebote für das Leben wischen alles verkehrte Wesen fort.  Sie bilden ein Raster für Wahrheit das kurz, klar, wahr ist. Da weiß man, was Steuerflucht ist und was das Gebot der Elternehrung mit Füßen tritt. Da wird man die Seele wieder nähren mit Religion statt mit Monstern und Horror und Geisterbeschwörung und Mummenschanz (es gibt in Deutschland mehr hauptberufliche Wahrsager als Pastoren). Die Gott gehören, werden nicht in sakrale Räume gelockt, nicht mit Geheimwissen versiegelt, auf verschwiegene Praktiken eingeschworen, sondern sie werden zu hart arbeitenden und festlichen Menschen.

 Die Zehn Gebote sind Handlungsanweisung, sind vor allem aber Widmung: du bist Gott gewidmet, er widmet sich dir.

 

Das 1. Gebot stellt klar: Du Mensch findest dich nicht im Vergleich mit Pflanze und Tier, du definierst dich nicht aus dem Überschuß gegenüber der anderen Kreatur; du Mensch hast dein Wesen aus dem Anruf Gottes, du bist sein Du. Weil "Der Ewige" mit dir spricht, bist du unsterblich. Allein schon für ihn hörfähig zu sein, begründet ein Ähnlichsein, macht uns ihm kompatibel.

"Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft geführt hat, du sollst keine anderen Götter haben neben mir."-

Diese Urworte hat wohl die erste Generation der Kinder Israels gehört, die vor etwa 4000 Jahren unter Mose die Sklaverei verlassen durfte. Durchs Rote Meer, wo auch immer, sind sie gezogen und waren vierzig Jahre (oder 400?) auf dem Weg ins gelobte Land. Die Zehn Worte, der Dekalog,  wurde in der Wüste empfangen- ein dramatisches Bild: Die Verfassung, die Worte des Bündnisses Gottes mit seinem Volk, sind gegeben während der Passage zwischen  Nobody-Sein und Erhebung zu seiner "ersten Liebe". Sie sind Notverordnung, Oase, Kartierung von Lebensraum auf dem Weg zum  Land, "da Fried und Freude lacht."

 Wo immer Juden Bleibe hatten, säten sie die Gebote ins Wissen der Menschen. Auch die Christenheit hat bis heute die Gebote als "Wort Gottes" weitergesagt und sich auch an sie zu halten gesucht: Die Gebote wurden Grundlage der Menschenrechte und -pflichten der Vereinten Nationen. Wir durften die Zehn Gebote noch lernen. Ob unsere Enkel sie noch hören, hängt davon ab, ob wir sie uns noch sagen lassen.

 

 Eliphas sprach einmal seinem rebellierenden Freund Hiob: Wenn du mit Gott in Ordnung wärest, dann würdest du auch mit alle dem, was dich jetzt verstört, in Ordnung kommen. Mit den Steinen des Ackers (die deinen Pflug stören), stündest du im Bunde, und die Tiere des Feldes (die deine Saat fressen), wären dir befreundet und du würdest im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit" (Hiob 5,23. 26). Wenn du Gott vertrautest, wenn also du das Leben von Gott umgriffen wüßtest, dann wärest du gut dran. 

 Diese Weisheit will ich mir als Botschaft gefallen lassen und hoffe, du paßt sie dir auch an: Wir haben einen Grund. Wir sind gewollt, geliebt, gebraucht vom  Betreiber der Welt. Doch wir alle sind vierfacher Acker -nach einem berühmten Gleichnis Jesu (Markus- Ev. 4, 3-9), mindestens. Das Vertrauen zu Gott wird mir oft dünn, weil ich/ du  auch hartgetretener Weg sind- die schwarzen Vögel Selbstverneinung picken uns die Zeichen fürs Geliebtsein fort.                                                                         

Und wir sind auch Steiniges: Viel Wenn und Aber, Verachten, niedermachendes Argumentieren, Maulen über das Leben haben wir mitbekommen.  Da hat der Zuspruch an dich wenig Erde zum Gründen; unter der Hitze der Forderungen und Ablenkungen verdorrt die Verheißung, sie kann kaum Wurzel schlagen.                                                                                            

Und da sind bei mir/dir Dornen, Ranken die wuchern: Die Gier, gemocht zu werden; die Lust, gerühmt zu werden, überwuchern die Botschaft vom geschwisterlichen Gleichwertigsein. Wo ist die Frucht aus der gelassenen Gottzugehörigkeit. Hör die Verheißung: Auch dir fällt Etliches auf gutes Land und bringt Frucht, dreißig-,  sechzig-, hundertfältig.                                                      

 

"Ich bin der Herr dein Gott”- das ist keine Großwortruine" (Botho Strauß). Gemeint ist die zielführende Kraft, der Betreiber von Evolution, die Energie des weltweiten Schöpfungsvorganges. Mitbetroffen vom Werden und Vergehen ist er; er ist das alles Zeitigende; er ist auch der, die, das darin Reifende; der in uns Menschen die schöpferischen Leistungen beflügelt und an unserer Hybris leidet; Gott, der Ganze und alles Einzelne und der  Zusammenhalt von allem. Seine schönste Äußerung ist unser Menschlichsein: Auch Dein Lieben ist sein Strahlen. 

 

"Ich bin dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft befreit habe”  wer kann das zu mir/dir sagen? Der dir Lebendigsein ermöglicht, der dich aus dem Nichtsein erlöst hat, der dich mittels deiner Eltern zur Welt brachte, der dich freispricht zum eigenen Gewissen, dich zum Freigelassenen der Schöpfung will, dich zum Kooperator, zum Verbündeten macht: Der dir Zuflucht ist in allen Nöten; der, ob du schon im Finstern steckst, doch bei dir ist und deine Füße wieder auf weiten Raum stellt (Psalm 31,9).             

Dir sagen: "Ich bin der Herr, dein Gott” kann nur der, der nicht stirbt, sondern auch das Sterben Verwandlung sein läßt; der durch Abschiede dich hindurchzieht, hindurcherzieht ins Gültige; der dich aus deiner Knechtschaft freischaufelt.  Bist du in Verknechtung erstarrt? Siehst du dich beherrscht? Rede mit Gott, ob das so weitergehen soll. Atme, betrachte, überdenke: Wer ist es denn wert, daß du ihm gehorchst, dich vor ihm beugst? Gott will deinen aufrechten Gang.                                                    

Und wenn du dir das erste Gebot gefallen ließest nur zur Klärung, daß kein Irdisches dein Herr sein kann- wenn du das erste Gebot nur nähmest, um Dir klargestellt sein zu lassen: Ich weiß zwar jetzt nicht, wer Gott ist, aber was mir jetzt Leerstelle ist, will ich mir nicht füllen lassen von Irdischem. Das erste Gebot legt die Meßlatte hoch: Herr und Gott soll mir nur sein, wer mich aus meinem Ägypten losbindet, und die Menschheit, ja "die ganze Schöpfung freimacht von der Knechtschaft der Vergänglichkeit hin zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes" ( Römerbrief 8,21).

 Du sollst keine andern Götter neben mir haben, du sollst nicht töten, nicht stehlen  heißt mit dem Ohr des Zugehörens gehört: Ich bin Dein Gott, du mein Mensch: Du hast nicht andere Götter. Du tötest nicht, stiehlst nicht, basta.  Es ist, als verbürge sich Gott für uns, der Rest versteht sich eigentlich von selbst: Werde, der du bist!

 "Ganz nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen” (5. Mose 30,14). Das begründet, warum der Gott der Zehn Gebote  Maß der Dinge ist. Sein Wille ist in deinem Mund und Herz. Du denkst selbst so;  die Gebote werden nicht von einer Besatzungsmacht auferlegt sondern dein, mein Innerstes weiß: Gottes Wille deckt sich mit den Herzworten deines Gewissens. Nicht "du mußt", "du sollst"  sondern das Richtigleben wird dir geschehen: Du wirst dir nichts zum Abgott werden lassen: Lieben, ja, innig  und intensiv, bewundern, Autorität sein lassen diesen und jenen, aber kein Mensch ist so groß, daß wir ihm gehören, und keiner ist nur zum Dienen und Gehorchen geboren.                                                                                    Das erste Gebot leistet einen  lebenswichtigen Schutz: Gottes Platz darf nicht eingenommen werden von Mensch oder Sache. Das Alten Testament kann man lesen als Geschichte von Gottes Mühen, Israels, der Menschheit die Götzen auszutreiben. Und Jesus summiert (Matthäus-Ev. 22, 21) : "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist"- gebt nicht irdischen Instanzen, was nur Gott zusteht: Euch selbst - die Münze zeigte das Bild des Kaisers- also zahlt ihm die Steuer, aber was zeigt euer Antlitz, doch das Gehören zu Gott- also dienet ihm mit Freuden . 

 Wir sind in Glaubenssachen ausgedörrt und überschwemmt. Das erste Gebot ist Platzhalter für den Ewiggültigen, auch wenn er uns noch verborgen sein sollte inmitten von Natur und Geschichte.                              

Inmitten von Natur: "Das Meer ist eine alte Sprache, die ich nicht entziffern kann” sagt Jorge Borges; "in jeder Sekunde erschrickt und erschreckt alles, was lebt” sagt Emile Cioran; "die ganze sichtbare Welt ist nur ein unmerklicher Zug in der weiten Höhlung des Alls” sagt Blaise Pascal.  Die Natur ist kein denkendes Wesen, wie sollten wir sie anbeten- und doch ist unsere Seele leicht überschwemmt vom Glanz und vom Brüllen der Natur.    

Auch was geschieht, eignet sich nicht, angebetet zu werden. Geschichte ist wie der Stau: Wir meinen, wir stecken im Stau dabei sind wir der Stau. Wir sind die Geschichte, sind das Geschehende. Und doch kann es uns korkenleicht erheben auf einer Woge von Faszination, was vom lateinischen "Geißelung" kommt und nah an Besessenheit ist: Nationalismus und Blutrünstigkeit können schnell das Stück Humus der Humanität wegschwemmen. Es ist viel Beglückendes wirklich und viel Wirkliches beglückend, aber nichts ist es wert, daß du es zu deinem "Ein und Alles" erklärst, zu dem woran du dein Herz hängst.

 Der "Ich bin dein Gott, der ich dich aus der Knechtschaft erlöse”,  der "Ich bin”( 2. Mose 3, 14 - dort: Mein Name ist: "Ich bin der ich für dich da sein werde je und je") der  hat dir eine große Seele gegeben, eine so große, daß kein Irdisches sie zu füllen vermag. Darum "bleibt ja auch meine Seele unruhig in mir, bis sie ruht in Dir" (Aurelius Augustinus). Wenn schon kein Hund einen Hund zu seinem Herrn macht, sollte erst recht kein Mensch einen Menschen seinen Herrn sein lassen. Wenn wir kuschen, haben wir die Befehler gemästet; wir sind einander als Brüder und Schwestern zuge- wiesen, als "Gehilfen der Freude, nicht als Herren"- gerade auch nicht als "Herren des Glaubens" (2. Korintherbrief 1,24) .

 Unsere freigesprochene Seele respektiert sogar der Schöpfer dieser Wunders: Indem er unsern Ungehorsam riskiert, gibt er sich auch in unsere Hand. Aber er wollte uns eben nicht als "Instinktautomaten", er trägt  uns auf, zu erkennen, was gut und böse ist- das ist die Beute und Last des Menschseins jenseits von Eden. Dieser Auftrag bekam nicht nur der erste Mensch sondern jeder Mensch als erstes: wir werden  vertrieben aus der Kinderzeit, dem Schlaf der ethischen Blindheit, und es  werden uns die Augen aufgetan  zum verantwortlichen Erwachsensein.                                 

"Woran du dein Herz hängst und dich verläßt, das ist dein Gott. Dein Trauen und Glauben machen dir Gott und Abgott.”-  Sensationell ist dieses Wort Martin Luthers. Nicht zum Gehorchen und auch nicht zum Glauben sind wir fixiert: Es bleibt Spielraum eingeräumt, daß wir Gott ins Angesicht widersprechen können; ja, es kann uns sein, als ob es Gott nicht gäbe. Du/ich, wir  müssen nicht an Gott glauben. und es gibt Gründe, Atheist zu sein ("Ich glaube nicht an Gott, er versteht mich", sagte ein auf seine Weise frommer Mensch).                                                                                

 

"Ich bin der Herr, dein Gott"-höre ich als Zusage, daß Gott für mich da ist, auch wenn ich ihm weglaufe- so  auch die Geschichte von den verlorenen und wiedergefundenen Söhnen (Lukas-Ev.15,11-32): Der Jüngste verläßt Gott, der Ältere verkennt ihn- beide bekehrt er zu sich und zueinander.         Gott verwickelt uns in sein Werden für immer. Also wenn du dich umzingelt wähnst von Plagen, nimm aus dem ersten Gebot deine Herkunftswahrheit: Gott sagt, er ist dein Gott; du bist geliebt und gebraucht.  Der Lebendig-Wahre  trägt dich, du kümmere dich um Früchte der Freude. Und du brauchst Gemeinde, Freunde, Menschen, mit denen du teilst. Doch Abgötter brauchst du nicht, du Kind des einen Guten- Ganzen.      Triffst du Buddah unterwegs, oder wer sich dir zum Buddah oder Christus aufspielen will, rück ihn aufs Normalmaß zurecht. Du bist anspruchsvoll geworden durch den Umgang mit dem ersten Gebot.

 

 

53

 

 

b   - Das zweite Gebot: "Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen."

(2. Mose, 20, 4)

     

Ausführlicher:  Ich bin der Herr dein Gott, der ich dich aus dem Nichtsein erlöst habe, der ich dich ins Leben halte und zur Freiheit der Liebe berufe; du sollst dir von Gott kein Bildnis machen.

"Du, Großes Du, eingebettet wir in Dich und wir Dir auch gegenüber- Du redest mit uns, dann hast Du doch Mund. Du hörst, also bist Du Ohr ("der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören" ? Psalm 94, 9) Du, der Du uns siehst, also hast Du Augen, bist ganz Auge.  Du hast uns in Händen, wir sehen Dich uns auf Händen tragen.- Schon ist das Bild da vom universalen Gottvater, mit mütterlichen Zügen, versteht sich. Und Du         sagst, wir sollen von Dir uns kein Bildnis machen. Dabei drängst Du Dich uns doch auf, Du läßt doch in unserer Seele Bilder von Dir aufsteigen. Du brennst doch in uns das Feuer der Sehnsucht nach Dir ab. Wo Feuer ist, ist Rauch; der Rauch der Bilder,  Gebilde in den Farben der Ängste und Wonnen.-                                    

 

Ich meine nicht, ich hätte von Dir erst gehört durch die Eltern. Ich erinnere mich an ein sehr frühes Reden mit Dir. Vater war im Krieg, Mutter war mit uns Kindern auf einem Bauernhof untergebracht, und ein Hund war             gestorben. Unter Mutters Anleitung- Du weißt das ja alles, Dir brauch ich nichts erzählen- holten wir einen Leiterwagen, legten Zweige darein, dann den verstorbenen Hund darauf, ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber Du doch; und dann fuhren wir ihn in den Wald, da war ein Bombentrichter und darein beerdigten wir den Hund und weinten sehr, aber wir sangen:`In der Heimat, in der Heimat, da gibt’s ein Wiedersehn,` und das war so überzeugend unser Lied, es war eine offizielle Auskunft, eine Ansage, die die Verhältnisse klarstellte.  Ich meine ich hätte das Lied schon immer gekannt, hätte es aus dem Himmel mitgebracht, und war erstaunt, daß Mutter es auch noch kannte; will sagen, ich erinnere mich lange an Dich.

Später fand ich das Lied: `Ich steh an deiner Krippe hier` so schön; da kommt vor: `Eh ich noch nicht geboren war, da warst du mir geboren und hast mich dir zu eigen gar, eh ich dich kannt, erkoren`- also bin ich doch eher ein Bild von Dir entworfen, als daß ich mir Bilder von Dir entwürfe.- Was hier das Huhn und was die Henne ist, muß uns immer wieder klar werden; vielleicht darum die Mahnung: Mach dir keine Bilder von mir; du Mensch bist doch mein Bild, eins der vielen. In dir Mensch, suche ich mich.`                                        

 

Wenn Du so zu uns, zu mir sprichst, dann bist Du Gott, der Ganze; wir Deine Facetten. Wir sollen keine Bilder uns machen von Dir!  Aber Du hast doch uns viele Erinnerungen mitgegeben als Du uns ins Leben riefest, Hoffnungsskiz zen von Dir ohne Ende.

In einer Richtung versteh ich Dein Gebot: Keine Bilder. Ich stelle ja zu Hause auch kein Bild vor mich hin von meiner Frau, wenn sie neben mir sitzt. Das wäre ja verrückt, ich spräche mit einem Bild, das ich auf dem Tisch stehen habe, während sie da ist. Keine Bilder! sagt: Ich brauche keine Bilder von Dir, Du bist ja da.

 Ein Bild widerspricht der persönlichsten Gegenwart. Also brauchen wir auch keine schöne Gottvaterplastik z.B. in der Keitumer Kirche, keine Christusbilder, kein Kreuz im Schulzimmer.  Auch keine Geschichten von Mose, wie er mit Dir als Feuersäule durch die Wüste zieht? Auch keine Bildergeschichten vom Jesus, wie er das Brot vermehrt?

 Doch, als Bilder von dahingegangenen Verwandten dürfen wir die Geschichten schon noch in Ehren halten, darin ist ja auch viel Erinnerung verwahrt an Treffen mit Dir, früher. Aber wir sollen Dich nicht festnageln auf die Historie. Nur wenn wir heute das Zusammensein mit Dir völlig verloren hätten, dann müßten wir dich rekonstruieren an den Fotos von damals,  uns wie im Schneesturm im Gebirge zurücktasten an den verwehten Fußabdrücken, an den Erfahrungen von früher.

 

Kein Bild von Dir machen.  Du meinst also, wir wüßten innen schon, wer Du bist, Gott, der, die, das Ganze.- Aber einige scheinen ganz abgedreht von Dir, so grauenhaft scheinen sie jeden Anhalt an Dir verloren zu haben. Als blinde, verschlingende Triebenergien wildern sie durchs Leben. Wie kannst Du zulassen, daß sich Macht von Deiner Allmacht so losreißt und mordet und verhungern läßt? Du läßt Dir Leid antun.`Was wir getan haben einem unserer kleinsten Brüder und Schwestern, das haben wir dir angetan`, sagte Jesus (Matthäus- Ev. 25, 45), Dein Dir am nahesten aus dem Herzen sprechender Sohn.

 Wir sollen uns kein Bild von Dir machen. Aber was sollen wir denn machen  uns ist es doch von Dir ins Blut gelegt, daß wir Dich denken müssen? Baust Du in Mutter- Kind, im Paar nicht Dein Sein nach, und im Sehnen und Locken der Einzelnen? In den Liebenden baust Du Dein Für-Sein.  Das war doch der Name, den Mose vernahm da in der Wüste, am brennenden Dornbusch, das Bild hast Du doch den Menschen aufgesteckt: Das sich nicht verzehrende Feuer bist Du, so hast Du Dich uns ins Bild gesetzt. Und als Mose fragte, wie Dein Name sei, sollst Du gesagt haben: "Jahve",   zu deutsch  `Ich bin für euch da, wie ich für euch da sein werde` (2. Mose 3,14).

Auch darum also keine Bilder: Weil Bilder immer Vergangenheit festhalten und präsentieren. Sie präsentieren also gar nicht das Präsens, die Gegenwart, sondern dokumentieren das Verflossene. Der Augenblick des Festgehaltenseins ist schon nur Rückblick auf Abgeflossenes. `Ich bin in Deiner Gegenwart zuhaus`, sagst Du Gott mir zu. Keine Bilder, sie speichern nur Rückblicke. Du aber triffst uns hier und jetzt. Wir gehen mit Dir um, Du mit uns  Du bist auch jetzt hier als das Lebendige in uns allen. Und wir alle sind in Dir, sind Deine Blutkörperchen- wieder Bilder.

Doch ohne Bilder sind die Worte blind, ohne Worte sind die Bilderstumm. Also Bilder von Dir, wie wir auf Dich warten und wie wir Dir nachschauen?

Das erinnert an 2. Mose 33, 18 ff: Mose begehrt, die Herrlichkeit Gottes zu schauen. Und Gott sprach: `Mein Angesicht kann kein Mensch sehen, kann kein Irdischer aushalten. Aber ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des Herrn: `Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig`. Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Und wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten. Wenn ich vorübergegangen bin, will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen.`-  Dies Geschehen faßt doch ins Bild, daß wir Dich nicht pur schauen können, sondern eben nur Deine Wohltaten, das Schongeschehene, Deine Rückseite. `God was here`-  strapaziös und wunderbar.

 

Also Bilder höchstens als Piktogramme, Hinweiser, aber nicht Du selbst. Ich verstehe; Bilder schneiden ab, liefern nur Ausschnitte: z.B. das Bild vom Schöpfer, wohl eines der größten, Michelangelo malt Gott, der Adam schafft- (Wo ist Eva? Unter Gottvaters Arm lugt sie, gespannt-skeptisch was Vater ihr für ein Wesen zugedenkt). Aber das grandiose Bild ist eigentlich  ganz unmöglich: Du, als Renaissancefürst, als genialer, schöner Mann-Mensch. Kein Gemälde von Gott hat uns so geprägt, wie das in der Sixtinischen Kapelle  und steht doch auch unter dem Verdacht der Falschmeldung. Denn Du Gott, bist doch auch das Frauliche von allem und siehst doch nicht wie unsereiner aus. Du, so groß wie die Welt, bist auch noch im kleinsten Samenkorn ganz. Da reicht kein Bild ran. Darum reklamierst Du einfach das Recht an Deinem Bild. 

 

 Daß Du uns siehst, sichert uns das Sein. Wie auf dem Spielplatz: daß Mutter da ist, sichert dem Kind den Halt. Dann kann es auch aufhören, sich ständig ihrer Gegenwart vergewissern zu müssen. Das Kind kann sich und Mutter vergessen, es ist ja in einer Aura des Mütterlichen. So ähnlich, nur umfassender denk ich Dich und Dein schützendes Schauen,Du guter Blick.  Und daß Du uns zuhörst, ist Erhörtwerden. Nichts ist ins Leere gesagt. Und daß Du mit uns sprichst, verspricht ein unendlich geknüpftes Band.

Du sagst: Ich soll mir von Dir kein Bild machen. Weil Du selbst Dir noch ein Bild von Dir machst? Du entwickelst Dein Wesen in Geschichte hinein, Du wirst Fleisch, Natur, Zeit. Die Geschichte des Universums als der Gang Deinerselbst zur Vollendung? Du wirst uns versammeln von Angesicht zu Angesicht. Dann werden wir Dich sehen, aber bis dahin haben wir den Schatz nur in irdenen Gefäßen (1.Korintherbrief13.12; 2.K.4,7).

Ich soll mir von Dir kein Bildnis machen  soll mich an die Mitmenschen halten, wir seien transparent zu Dir, auf dem Grund eines jeden von uns Dein Code. Und wenn wir uns erkennen als Puzzlestücke Deiner Ganzheit, die als Paar, im Glücksfall, schon Seite an Seite anschließen, dann bist Du einmal mehr da;`von allen Deinen Boten spricht Eros am eindringlichsten zu uns,` so Max Brod. Und die Menschheit ist damit beschäftigt, immer neu im männlich  und weiblich Polaren auszuschöpfen und zu gestalten, daß Du uns Menschen zu Deinem Bild gemacht hast.  Du hast also Dein Einssein ausgedrückt als sprühendes Spannungsfeld zwischen Zweien- ein weites Feld; heilsam, wenn nicht einsam.

 

Dein Antlitz leuchtet uns, auch wenn wir Dich nicht sehen. Es ist wie mit Strom, den kann man auch nicht sehen, aber seine Wirkung merken um so mehr. `Gott erkennen, heißt seine Wohltaten erkennen`, sagt Philip Melanchton von Gott, von Christus. Wir sollen uns Deine Wohltaten merken  da haben wir schon viel zu sehen: Wer Deine Natur anschaut und sie am besten auch mitbearbeitet und mitbewahrt (1. Mose 2,15), der wird dankbar. Und wem der große Wurf gelungen eines Freundes Freund zu sein, der spürt Dich doch in Aktion.

 

Du willst wohl nicht pur, solo, ohne Erde gelobt werden, willst nicht ohne Irdisches ins Bild genommen sein. Das deckt sich mit dem Rat: `Schaue beim Loben nicht immer nach oben; schau mal zur Seite, dann  siehst du die Pleite` -das ist doch von Dir, das hast Du doch einem Dichter geflüstert. Wir hätten so gern Dich in Prunkglorien hochgejubelt, um uns damit auch zu schmeicheln. Wir vereinnahmten Dich zu gern zu unserm Maskottchen, unserm Vereinsheros und Nationalheiligen. "We trust in God” steht auf der Dollarnote,  das volle Konto als Bild für einen segnenden Gott?

 

Gut, kein Bildnis! Weil Du da bist. Aber Traumbilder von Dir, die dürfen wir haben  daß Du uns heilmachst und verknüpfst, uns blühen machst und herrichtest, ewiggut.`Gott schuf den Menschen zu seinem Bild` ( 1. Mose 1,27) heißt doch auch: Du schaffst noch uns nach Deinem Bild.  Du läßt Dein Angesicht über uns leuchten, hast uns in Arbeit. Danke."

 

 Noch dies:

Wohlmeinende haben Dein so einleuchtendes Gebot noch greller erleuchten wollen: `du sollst dir kein Bildnis machen, es nicht anbeten, ihm nicht dienen. Denn ich dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Sünden der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten` (v.4-6).- Nur nebenbei: Wenn Du das wirklich in den Griffel des Moses diktiert oder mit Deinem Atem eingeätzt hättest in steinerne Tafeln, dann hättest Du sicher die Väter bei ihren Sünden nicht ohne die Frauen und Mütter gelassen.- Ganz allein diese mannzentrierte Sicht ist mir Beweis gegen die Theorie der Verbalinspiration- als hättest du Dein Wort dem Schreiber unter Umgehung seines Denkens eingeflößt. Eher ist diese Theorie doch Waffe derer, die das überlieferte mannzentrierte Weltbild ausgeben als die von Dir gebotene Sicht der Dinge.     

Und was dachten die Wohlmeinen so herrisch von Dir, so von oben herab, als Besitzer, der droht: ´Solange du deine Beine unter meinen Tisch stellst, tu gefälligst, was ich sage.` Hatten sie mehr Angst als Vertrauen? Haben sie die leidvolle Erfahrung mit ihren irdischen Vätern an den Himmel projeziert? Aber Du wärest ja dann noch schlimmer, die elterlichen Sünden wären in Dir überlebensgroß, wenn Du bestraftest, die dich hassen und Güte schenktest nur denen, die dich lieben. Schon wir oft überforderten  Eltern wollen gerade nicht unsere Liebe zu den Kindern abhängig machen von ihrer Haltung zu uns. Du doch erst recht nicht.  

 Du hast die Geschichte  nicht als Belohnungs- und Bestrafungsanstalt eingerichtet. Wohl daß unser Gedächtnis an unsere Schuld uns Hölle ist, bis wir Frieden haben mit den von uns Beschädigten; und mit dir darin. -Du wirst uns nicht vergeben an unsern Opfern vorbei sondern wirst Opfer und Täter zueinander bekehren. Daß Du uns`dahingibst an die Folgen unseres Tuns` (Römerbrief 1,24)-`womit wir sündigen werden wir auch bestraft` (Weisheit 11,16)-, das muß wohl ein Stück wohl sein. Aber dann ist die Strafe Kehrseite der Tat, ist mitgesetzt in unserm Tun und nicht erst später per Gerichtsbeschluß verhängt.

 

 

Das andere zweite Gebot 

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht mißbrauchen                  

(2. Mose 20,7).

 

 Unser Denken muß Gott denken, sonst enthauptete sich unser Denken und dann kommt dabei raus, daß man sich selbst oder Traumgebilde für Gott hält. Gegen das Sich-Vermessen steht das Gebot: Mißbrauch den Namen Gottes nicht.

Aber diese Mahnung steht nicht allein sondern ist ein Satz aus einem langen Brief Gottes an dich, ein Liebesbrief, der dich speist mit Gewißheit: Du verknüpfst Köstliches mit seinem Namen, du gebrauchst Gottes Namen richtig, du brauchst Gott recht, rufst seinen Namen an in Beten, Loben, Danken; du sprichst mit ihm.

 Wir wollen bemerkt werden als tauglich, als interessant, als förderungswürdig, als liebenswert, als achtungsgebietend. Vielversprechend wollen wir scheinen, wollen nicht graue Mäuse sein sondern wollen "unser Wachstum zeigen", jedenfalls einigen, jedenfalls Gott. "Gott ist der Wille, der möchte, daß wir sind" (Eugen Drewermann). Erfunden, entwickelt, ins Leben gezogen, bei meinem Namen gerufen von ihm für immer, bin ich niemals ihm nur eine Nummer, sondern Individuum, unteilbares Ganzes in ihm, dem Ganzen. Wenn er mich bei meinem Namen kennt, bedeute ich ihm was. Und es ehrt mich, daß es ihm auf mich ankommt und wie ich wohl seinem Namen Ehre mache.

 Name ist unterscheidendes Kennzeichen, bei dessen Nennung mir sofort einfällt, was ich von diesem Wesen weiß. Hast du mit einem Menschen noch nichts erlebt, nichts für dich Wichtiges gehört, ist der Name "Schall und Rauch" (J.W. Goethe), aber sobald in einer Gesellschaft ein Name fällt, mit dem du Wichtiges verbindest, ist dieses mit dem Namen für dich aufgerufen und präsent.

 Was verknüpft sich für dich mit Gott? Welcher Name kennzeichnet, was du mit ihm erfahren hast? Du siehst die Wolken ziehen- er ist dir "Herr der Gezeiten"; du siehst deine Kinder- Gott ist die anvertrauende Seite des Lebens; du hast einen geliebten Menschen verloren- dann ist dir Gott auch die abverlangende Seite des Lebens und auch die bergende, einhüllende Kraft. Gott ist,"worauf du vertraust im Leben und im Sterben" (Heidelberger Katechismus). Vielleicht ist Christus dir die geniale Zusammenfassung all der Wirkweisen in einer Person, aber das muß nicht sein. Gott hat viele Namen. Daß er mein/dein Sinn ist, ist auch einer seiner Namen.

 

Wenn "Sinn" dein Name für Gott ist, wirst du kein Ding für deinen Sinn erklären. Du wirst nicht leben für ein Haus, für eine Firma, für einen Staat. Das alles kann dir Aufgabe, Pflicht, Freude und Arbeit sein, aber dein Sinn ist anderwärts gesichert. Dein Wesen ist: Gott liebt dich.  Darum wirst du nicht Besitz für dein Wesentliches halten; du wirst nicht deinem Geld vertrauen, wirst es fließen lassen; anwenden wirst du es zum Guten. Du wirst Geld nicht zum Götzen machen, sonst müßtest du ja leben um Geld zu vermehren- so ein jämmerlicher Sinn. Du wirst nicht Irdisches zu Gott hochstilisieren, du nicht.

 Auch ein Mensch wird dir nicht ein und alles. (Dennoch, von "Ein feste Burg ist unser Gott" sing ich, so völlig unbedroht, nicht die Strophe: "Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib- laß fahren dahin...", dieses Bekenntnis ist gnädige Eingebung in  höchster Not und sollte nicht auf Vorrat gesungen werden.) Ja, laß dir  Niemanden  zu "sowas wie Gott" werden,  keinem sage: "Du gehörst mir"; du wirst ihm auch nicht sagen, "ich gehöre dir, mach mit mir, was du willst"; Leibeigenschaft ist doch abgeschafft. Ja, Im Liebesgeflüster zwischen Traum und Tag kann sowas vom Kissen ins Ohr träufeln aber dahinter weißt du doch, daß du dem Unendlichen gehörst. Und darum lockst du auch keinen auf eine falsche Fährte, du fändest etwa Gefallen  an seinen Machtgelüsten- wieviel Anmaßung und Gewalttat lodern auf um zu imponieren- und mit schuld ist der, der anstachelt durch Beifall statt Ekel zu zeigen.

Dein Verlangen nach Zugehören kann dich einem nahe bringen, doch du wirst ihn nicht vergöttern, wirst ihm nicht sagen, ohne ihn könntest du nicht leben; wenn du ihm gut sein willst, stärke sein Selbstbewußtsein auch  mit Kritik; halte ihn auf dem Teppich. Der Nächste darf dir Engel sein, Gefährte, Anhalt für Gott, sein Griff, aber nicht Gott selbst.

  Dir ist Gott "Schutz und Schirm in allem Argen". So wirst du mit Gottes  Namen keinem  Angst machen. Auch wenn du mit Heiligem zu tun hast, wirst du dir nicht die Hände küssen lassen. Du betrügst dich nicht durch Verehrtwerden. Du machst deinen Dreck alleine weg. Selbst Jesus lehnte ab, sich "guter Meister" nennen zu lassen ( Markus-Ev. 10.18). 

  Du wirst Religion nicht mißbrauchen zum Furchteinflößen, etwa mit der Drohung: "Gott sieht alles", oder er liebe nur, die ihn verehren, oder Vaterlandsliebe sei sein Gebot. Du verdammst niemanden. Wenn du (d)eine Untat Sünde nennen mußt, sage, daß dieses Tun Gott verdunkele aber auch als Umnachtete läßt uns Gott nicht fallen. Dir ist Gottes Name voll Güte, du glaubst, er versteht dich auch mit deinen verqueren Gefühlen. Du brauchst ihn als Fluchtpunkt deiner Reue.

 

Du wirst Gott nicht mißbrauchen als Leistungserpresser bei anderen. Wo mit Gottes Namen Furcht eingeflößt wird, da wird sein Name mißbraucht. Wie konnte nur so viele Male Angst und Schrecken verbreitet werden im angemaßten Namen des Herrn? Der sagte von sich: "Ich bin nicht gekommen zu richten sondern zu retten" (Johannes- Ev. 12,47).

 Du hast Halt in Gott, hältst Irrungen und Wirrungen hier aus: Wer wir sind, was uns ausmacht, ist dir jenseits von Menschen garantiert. Also wirst du endlich nicht mehr Beleidigungen für bare Münze nehmen und auch  anderen ihre Ehre bewahren helfen.

 Auch hältst du die Unsichtbarkeit Gottes aus, belegst also nicht Sichtbares mit Gottes Namen. Du hälst das Auf-dem-Weg- sein aus, bezeichnest kein Hier und Jetzt als dein endgültiges Zuhause. Du übst das: "An keinem wie an einer Heimat zu hängen" (nach Hermann Hesse).

 Du hältst den in die Mühen verwickelten Gott aus, du suchst keine Gemeinde der Lichtgestalten, die alles Böse auf  "die da draußen" schieben.  Du nennst nicht einen Einzelnen "Hort der Wahrheit", einfach schon weil dein Inneres auch von Gott weiß.

 Du wirst keinen mästen durch Nach-dem-Munde-reden oder Anhimmeln. Teenager, Girlies dürfen noch in Ohnmacht fallen vor Kinderbands. Erwachsen geworden wissen wir, jeder Mensch ist hilfsbedürftig, keiner ist komplett. Kein Mensch ist die  Unterwürfigkeit eines einzigen Menschen wert, wir sind alle der Vergebung bedürftig. Und wem viel anvertraut ist, dem wird viel abverlangt (Lukas-Ev. 12,48); Also verdirb niemanden durch zuviel Verehrung.

 Du wirst dir von keinem Menschen sagen lassen, was im Namen Gottes, gut und böse sei.  Alles sei dir Vorschlag, Erfahrung, Information, Rat soll dir zu denken geben: "Prüft alles, und  das Gute behaltet",  sagt Paulus (1. Thessalonicherbrief 5,21) und hält so fest, daß du die Instanz bist, zu prüfen, was dir als gut und böse einleuchte. Du wirst also auch keine Kirchenleitenden Ämter erstreben, in denen ständig die Gefahr lauert, daß du anderen vorgibst, was sie für gut zu halten haben.

 

Der Freispruch zum eigenen Gewissen als letzter irdischer Instanz lädt viel Verantwortung auf. Darum wünscht sich manch einer den  Führer, den Guru, den Unbestrittenen, der sagt, was gottgefällig sei. Dieser Wunsch hofiert die Mißbraucher des Namens Gottes- die beuten aus unser vielleicht vorhandenes Bedürfnis nach Strafe und Unterwerfung, die ketten an ihre Person, sie führen in Vorschriften gefangen. Sie mißbrauchen den Namen Gottes über die Maßen, weil sie mit einem Horror-Gott ängsten. Sie schinden  Seelen statt mit Jesus zur Freude, zur Heilung zu helfen.

  Ein wichtiger Name ist "der Gott der Geduld und des Trostes" (Römerbrief 15,5). Ihm vertrauend, bezeichnest du  nicht anderer Menschen Leid als Strafe. Viel Böses bleibt auf Erden ungesühnt, viel Wohltat unbemerkt. Du wirfst dich nicht zum Beurteiler auf. wir haben noch nicht den Überblick, sehen nicht aus der Vogelperspektive auf die Geschichte herab. Sicher gibt es Leiden, die sind Folgen unseres Tuns, aber andere Gebrechen gehen mit dem Menschsein einher, bei einem mehr, beim andern weniger. Du kannst dir  deine Krankeit Strafe sein lassen; Du kannst deinen Schmerz dir als Buße gelten lassen für deine Schuld. Aber du wirst anderen nicht ihre Krankheit deuten als auferlegt und verhängt. Und wirstdoch erinnern an das Wesentliche am Christsein: wir dürfen die Vergebung der Sünden glauben als geschehend. Krankheit soll in Gottes Schöpfung nicht sein, sonst hätte Jesus doch nicht heilen dürfen. Vom vermeintlich strafenden Gott freisprechen, war Jesu Beruf.

Mir erscheint jedenfalls die Vorstellung lästerlich, Gott züchtige mit gezielt ausgeteilten Plagen.

 

 "Du soll den Namen Gottes nicht auf Wahnhaftes setzen!"- so Martin Buber:  Du kannst zwischen Träumen und Alpträumen unterscheiden.

Du weißt die Toten in Gott geborgen. Du beschwörst sie nicht, rufst sie nicht herab, du versuchst nicht, dich in Trance zu versetzen. Du respektierst die Grenze. Du kannst dir Schicksal geschehen lassen, kannst loslassen. Du weißt, daß der geliebte Mensch Gottes Geschenk war  auf Zeit.

 Gegen sogenannten Teufelsaustreibungen oder Geistheilungen sei skeptisch. Diese sakralen Exotismen vermehren wirkliche Leiden, weil sie wieder den Kranken beschuldigen oder zum  Werkzeug erklären, und "bedienen sich des Kreuzes wie eines Wurfgeschosses"(Albert Camus). 

 Auch wolle nicht wissen, was in der Zukunft für Dich bereitet wird.   Du meinst nicht, mit  irgendwelchen Praktiken den Schleier über der Zukunft heben zu können. Wer angeblich hellsehen kann, den brauchst du nicht. Mondkalendergläubig wirst du auch nicht. Und wer meint, sein Schicksal sei im Laufe irgendwelcher Sterne verlautbart, dem winke ab. Was an "Engeln, Mächten und Gewalten auch noch so da sein sollte, ist unter Gott- nichts kann uns von ihm scheiden". "Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten" (Römerbrief 8,38.28) . Auch dienen sie ja dem Kommenden zum Besten, und lassen sich das Kommende zum Besten dienen.  Geradezu kontraproduktiv wäre, den Ausgang der Aktionen schon vorher zu wissen. Denn wüßte ich vom garantiert Heilankommen bei der Autofahrt, würde das mich fahrlässig machen- und so würde ich gerade das Gegenteil der Prophezeiung betreiben.- Daß uns alles zum Besten diene, ist verheißen. Solch ein Vertrauen eröffnet weiten Raum, bis hin zu der verwegenen Aussicht: "Und kommt es anders, als wir erbitten, kommt es besser" (Martin Luther). Du kannst akzeptieren, was war.  Und was ist, ist dir noch zur Bearbeitung anvertraut.

  Den Namen Gottes nicht mißbrauchen  heißt auch: Keine Formeln verpflichtend machen, keine auswendig gelernten Gebete, kein gestanztes Glaubensbekenntnis als Ausweis für richtigen Glauben fordern. Wir sagen es zur verbindenden Erinnerung,  auch als ein Kennzeichen unserer Kirchenzugehörigkeit; aber damit alle mitsprechen können im Gottesdienst, sollten wir mit den alten Worten der Kirche die Grundlagen christlichen Glaubens "benennen", nicht "bekennen". Überhaupt: Gott bekennen nur im Eisenkleid biblischer Zitate, das hieße, die Macht, das Lebensgeheimnis, die Persönlichkeit hinter allen Personen zu verkennen.

 Auch Predigt ist nicht schon Wort Gottes, weil sie von der Kanzel kommt. Möge das Wort neue  Erfahrung mit Gott dir in deinem Seelengrund entzünden- dein Ich mag dann sagen: Amen, ja, das ist mir gute Botschaft geworden. Auch,  ob ein Bibeltext dir als Evangelium aufleuchtet, das wird sich dir zeigen. Ob ein Konfirmationswort dir zum Segen geworden ist, wird sich weisen. Dann ist es dir Gottes Wort geworden und nicht Papier dir geblieben.

Wieviel Predigten Mißbrauch des Namens waren- jeder Prediger kann nur bitten, daß ein Körnchen Wahrheit mit ausgestreut ist zwischen all den Richtigkeiten, dem Wortgedrechsel. Ob eine Predigt "Brücke wird vom alten Wort ins neue Leben" (Theodor Fontane), ist Sache des Heiligen Geistes.

 Auch die Bezeichnung "Wort Gottes" für den Wortbestand der Bibel ist nur eingeschränkt richtig. Denn Gott redet doch auch heute, in Sprache von Heute, und zitiert sich nur eher selten. Seine Offenbarung ist auch heute mitten unter uns im Anbruch.

 Ich brauche Gott als den Adressaten meiner Buße, meines Dankes, meiner Klage; ich sehe darin geradezu die Pointe seiner Existenz für mich.

 

 

"Du sollst den Feiertag heiligen"- Das dritte Gebot

 

 Ausführlich: " Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht der Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn" (2. Mose 20, 8-11).

 

I  Zeit für Tun und Lassen

II Das Leben heiligen: Schatzhaus Kirche 

 

 

 

 Dem dritten Gebot haben viele Generationen Begründungen nachgeliefert, darum ist es so lang. Der Kern des Sabbatgebotes ist:  Diene Gott. Sechs Tage Herden-oder Felddienst, dann ein Tag Dank- und Bittdienst dem Geber von allem, das mag früh der Rhythmus gewesen sein. Denn man wußte: "Wenn du, Gott, ihnen gibst, so sammeln sie...verbirgst du dein Antlitz, so erschrecken sie, nimmst du weg ihren Odem, so werden sie wieder zu Staub" (Psalm 104, 28f); die Verbindung zur Gottheit mußte gepflegt werden. Er schien seinen Anteil von der Ernte abbekommen zu wollen, er schien den Rauch-Duft von Weihrauch und Widder zu genießen.

  In der Geschichte von Kain und Abel und auch noch später, richten die Menschen persönlich ihre Bitt- und Dankopfer aus, je nachdem, was vorlag. Vom Mondkalender her und  wegen der Abfolge von Saat und Ernte feierte man seit Menschengedenken in Gemeinschaft; und mit Priestern, die die so kompliziert scheinende Verbindung zum Allmächtigen handhabten. 

 Das Sabbatgebot hat seine letztliche Formulierung erst erhalten, seit  eine Priesterschaft am Tempel formiert war, die den exaktem Kalender der Feste und Feiern führte und ausbaute, die auch die Opfer und Gebete in ausgeklügelten Gottesdiensten mit ausgefeilten Liturgien  gestaltete (und sich auch damit wichtig machte).  Auch brauchte es die ausgeführte Schöpfungsgeschichte, die für ihre Zeit wissenschaftlich exakt, die Abfolge der Werke darstellte (und zwar Schöpfung als Entwicklung).

 

 

Der siebte Tag als Ruhetag gefaßt, beschreibt Gott sehr menschlich, als den Töpfer (z.B.), der auch mal seine Ruhe haben muß. Hochtheologisch ist eine andere Idee: Früher war Voraussetzung für gute Zukunft die gute Herkunft. Gott kann und wird einst von allen seinen Werken ruhen und mit ihm alles Geschöpfte, weil er schon anfangs, im Ursprung ein Abbild davon geliefert hat. Im Altertum lag das "goldene Zeitalter" immer am Anfang, im Ursprung der Dinge, darum wird es auch wiederkommen-nach dem Motto: Wunderanfang, (darum) herrlich Ende.

 Der Sabbattag bildet ab, nimmt vorweg, ahmt nach und entwirft voraus das Künftige (und das Ursprüngliche) in der Gegenwart; das Fernziel "ewiger Friede" kommt "en miniature" im Nahziel als Sabbat. Der Sabbat ist Vermählungstag mit Gott, da ist man schon eins mit allem- da sind wir auch untereinander gleich, da spielen soziale Unterschiede keine Rolle mehr, auch das Tier darf ausruhen, auch der Fremde ; da wird jeder zum priesterlichen Menschen.                                                            

 Zu Jesu Zeit war das Sabbatgebot gewuchert zu einem Katalog von Verboten, Jesus wird Gesetzlosigkeit vorgeworfen, weil seine Freunde am Sabbat sich ein paar Ähren raufen und die Körner auspulen- aber Jesus stellt das Gebot vom Kopf wieder auf die Füße: "Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, nicht der Mensch um des Sabbats willen" (Markus-Ev. 2,27).

 Der Sabbat, den Christen der Sonntag- der Auferstehungstag des Christus- ist eine der ersten sozialen Großtaten, die der Menschheit eingegeben sind: Neben der Ablösung des Menschenopfers durch Tierdarbringung (Isaaks Opferung,1. Mose 22) und der Umwandlung der unbeschränkten Rache in eine gezähmte ("Auge um Auge", mehr nicht- 2.Mose 21,24), hält das Sabbatgebot fest: der Mensch ist mehr als Arbeiten und Essen- er ist auch, was er denkt: Um Gott sich kümmern, ernährt die Seele.        

   

Es wächst die Zahl derer, denen zu "Gott” nichts mehr einfällt, die ihn auf sich beruhen lassen. So muß man auch jeden Gottesdienst ganz von vorn denken, muß fragen:  Auf welcher Ebene spielt sich Gott ab, bei mir, bei den anderen? Wann  ist "Gott" nennen überhaupt am Platz? Doch, wenn es um den Sinn geht, ums Ganze! Ist das Wort "Gott" nicht die geniale Abkürzung von Allem? Gott ist jedenfalls das Herz von Allem. "Wer lebt es denn? Lebst Du es Gott, das Leben” (Rainer M. Rilke)? Ist ein Sinn, der nicht vergeht und "dessen Natur es ist, aus nichts etwas zu machen” (Martin Luther)? - Der dann auch die Proportionen gibt?

 

 Der Floh mißt sich am Hund; der Hund mißt sich am Menschen. Der Mensch mißt sich an? Messen wir uns an Vätern, Müttern, Kapazitäten, Helden  dann müssen wir immer mit hängender Zunge leben. Denn es gibt immer welche, die besser, schneller, reicher, klüger sind. Wenn wir unterworfen wären der Hitparade irdischer Werte, müßten wir rackern ohne Ende, müßten zu Schönheitsoperateuren, müßten fitter und klüger werden, immermehr, und könnten nur seufzen: "Wann werd’ ich erlöst aus diesem Mäuse-Laufrad-Leben?"

 Doch wir haben eine zentrale Instanz, an der wir unser Maß nehmen dürfen. Das ist kein Fremdes. Wir verzehren uns ja nach einem Auge, das uns überblickt, das mein/dein wahres Wesen ans Licht befördert. Das ist das Christenwissen im Kern: Es ist einer da, der dich erhebt wie eine köstliche Perle, der dich freispricht zu deinem Maß. Wie du gern leben willst, so geschehe dir im Rahmen der Umstände.                          

  Das passende Gebot dazu  heißt:

Arbeite mit, daß das Leben dir seinen Ertrag gibt. Aber den Feiertag sollst du heiligen.

 

 

Wir sind "eine  Gesellschaft mit beschränktem Arbeitsbedarf” (Botho Strauß). Wir lernen wieder, daß es uns gut tut, arbeiten zu dürfen.  Es ist in uns eingepflanzt vom Schöpfer die Lust, selbst was zu erschaffen.- (Darum scheinen auch Frauen, weil sie (potentielle) Gebärerinnen sind, schon vom Ursprung her einen Vorsprung Selbstgewißheit vor dem Mann zu haben, der erst mal was zustande bringen muß.) Ein Haus bauen, Brot backen, Bäume pflanzen- ist unmittelbar einleuchtende, sinnvolle Arbeit.                                                                               Aber fragt man, wo die Werte geschaffen werden, denken wir natürlich an Industriearbeit und Handwerk und Landwirtschaft, also an das produzierende Gewerbe.  Heute wird ein Vielfaches pro Arbeitskraft hergestellt, wir brauchen für die Produktion immer weniger Zeit: Vor 100 Jahren wurde der Eiffelturm aus 7000 Tonnen Stahl gebaut. Heute, käme man mit 2000 t aus, weil haltbarer. Heute kann ein Arbeiter so viel Stahl produzieren wie damals dreißig.  Also müßte man heute mehr als 100 Türme bauen um gleich viele Menschen zu beschäftigen wie damals für den einen Turm. 

 Das läßt uns achten auf die Berufe, die Dienste leisten: Die pflegen, verteilen, verkaufen, unterrichten, leiten, unterhalten, bewirten: Die dienstleistenden Berufe besorgen auch Werte. Fürsorge, Ordnung, Wissen, Recht, Bildung, Frieden sind doch wahrlich auch Werte.

 Und die nicht dem Erwerb dienende Arbeit muß wieder zu Ehren kommen: Kinder erziehen, ein Zuhause erarbeiten und erhalten auch für andere; jeden Tag durch Putzen, Spülen, Einkaufen, Kochen den alten Zustand wieder herstellen; und Menschen behüten, pflegen, sie in ihrer Würde bestätigen, ist Arbeit am Gelingen von Gemeinschaft.

 Die ehrenamtliche Arbeit ist kostbar -und  unbezahlbar. Wir müssen uns die Arbeit zurückholen von den Hauptamtlichen, den Fachleuten. Besser gesagt, die Fachleute müssen wieder ihre dienende, zuarbeitende Rolle einnehmen. Die Unbezahlten müssen das Sagen haben, in Politik, Kirche, Kunst, die Bezahlten werden (wieder) weisungsgebundene Zuarbeiter.

Es ist ja nicht so,  als ginge uns die Arbeit aus, wir alle brauchen doch Hilfe von allen. Hilfe macht Arbeit. Und auch die Liebe macht Mühe. "Man müht sich, um das, was man liebt. Und nur, worum man sich auch müht, liebt man” (Erich Fromm). Bedenk nur, welches Fest du zuletzt gegeben hast. Schon lange nicht mehr? Du klagst über zu viel freie Zeit? Lad ein  zum  Nachbarschaft-Fest, eben so.

 Es ist ein Glück, daß wir zu eigener Hände und Gedanken Arbeit berufen sind. Es ist Gnade, selbst anpacken zu können und hoffentlich eine Tätig keit zu haben, die die Fähigkeiten des Ausübenden steigert. "Hindern dich Umstände an der Entfaltung deiner Tätigkeit? Dann wirke auf die Änderung der Umstände hin und du hast darin deine Tätigkeit” (Ludwig Hohl).

Herrlich, "wenn der Bauer die Ernte eingebracht hat vor dem Regen und  ins Bett fällt wie ein Stück Fracht” (Uwe Johnson). Es gibt auch Tage, da man enttäuscht von Vergeblichkeit ist. Da hat sich viel angesammelt an unterdrückter Wut, z. B. bei Taxifahrern,  die die  Ungeschicklichkeit der Privatfahrer täglich stundenlang aushalten, oder bei Lehrern. Die   Bande oft eigenmächtiger, vom vielen Fernsehen und Computerspielen  fast autistischer, ausgelaugter Kinder fordert viel. Und dann kommt ein Daddy oder eine überbehütende Mutter und sie beschimpfen den  Lehrer, wollen ihm Pädagogik erklären, dabei beklaut sie zuhause  deren Prinz/Prinzessin nach Strich und Faden.

 Ja es ist auch Mühsal mit der Arbeit verbunden, vor allem wenn sie nicht ankommt gegen den Hunger der Kinder und Obdach kaum besorgen kann.  Arbeitskraft verbraucht sich, Geldkraft vermehrt sich- dies ist der  Fels der Ungerechtigkeit. Daß wir, wenn wir gut bezahlt kriegen für unsere Arbeit, auch gut für die Gemeinschaft löhnen, sollte das Mindeste sein. Steuern wegdrücken, hast du das nötig? Letztlich vermehrst du nur dein Erbe, und zwar für die , die  vielleicht nur  abgelenkt werden von ihrer Sache. - Steuern zahlen, auch für die Kirche- gut, wer's kann. Er soll ruhig ein wenig stolz drauf sein.

 

 Das Wichtigste beim Thema Arbeit aber ist: Der Gott, der selbst noch am Werk ist, die Schöpfung zu vollenden, ruhte am siebten Tag. Stark dieses Bild: Wir sind befreit vom Rackern und Sorgen am laufenden Band. Mindestens ein Tag in der Woche ist uns vom Herrn der Zeit zur Ruhe verordnet.  Wir dürfen müde werden, Verantwortung abgeben, wir dürfen feiern und fröhlich sein und es uns gut sein lassen. Auch nach getaner Lebensarbeit den Kindern, den Enkeln, wenn’s gewährt ist, vom Balkon des Lebens aus zuzuschauen  und sie  loben, anerkennen, sie fördern was das Zeug hält, das sei uns gegönnt.

 Wir sind verantwortlich und zuständig im Rahmen unserer Begabungen und unseres Wissens. "Einer trage des andern Last (mit)" (Galaterbrief 6,2); "was ihr euch wünscht von anderen, das tut ihnen auch"(Matthäus-Ev.7,12)! "Arbeite, auch um dem Bedürftigen was abgeben zu können" (Epheserbrief 4,28). Aber du sollst den Feiertag heiligen, du sollst auch ruhen. Gott hat das Leben so eingerichtet, daß von 168 Wochenstunden ein Drittel Arbeit, ein Drittel Schlaf, ein Drittel Gemeinschaft, Freude, Nachdenken und Spiel sein darf. 

 Den Feiertag heiligen, heißt nicht zuerst Kirchgang als wäre der Gottesdienst eine Arbeit, mit der wir Menschen Gott dienen. Sicher freut sich Gott an unserm Dank, aber Dankveranstaltungen schätzt er wohl nicht, es sei denn, wir brauchen sie. Wenn wir danken dem Lebenshintergrund- oder wie du Gott nennst- ehren wir uns damit selbst zuerst, weil wir zeigen, wir sind keine Klotzköpfe, die sich nur selber auf die Schultern klopfen. Aber Gott ist am meisten damit gedient, daß seine Schöpfung gern ist, was sie ist: also du gern du bist und andern hilfst, gern sie zu sein. Dann entringt sich unsern beseelten Körpern wie von selbst ein "Lobe den Herrn” in vielen Strophen. Ja, auch wenn wir arbeiten: Aber Gott ehrt uns, wenn wir arbeiten, doch er liebt uns, wenn wir spielen (Rabindranath Tagore). 

  

Drei Felder zum Beispiel, wo Feiern gelingen möge:

Fußball: Mitjubeln, mit enttäuscht sein,  am besten im Stadion, jeder ein  Glied am Vereinskörper, man bildet die Lunge für die Kämpfer da unten,  leidet mit, siegt mit: Und geht dann hoffentlich wieder gern an sein Eigenes.

Oder das festliche Feld Musik:  Wenn wir große Musik hören, sehen wir Gott aufkeimen, "Bachs Werk ist doch gottgebärend, nach einem Oratorium, einer Kantate muß Gott existieren (Emile M. Cioran). Auch deine Seele ist von Musik unterkellert. "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum”

( Friedrich Nietzsche).

Und das weite Feld des Liebens: Es ist, als schöpften wir aus einem Brunnen, der uns beiden gehört, und wir reichen uns zu trinken, immer wieder, ohne daß unser Durst nachließe oder das Wasser fad schmeckte... Die Wechselseitigkeit, die zwischen uns ist, ist die Liebe, das Wasser des Lebens. Liebe bessert einen (so schwärmt Peter Nadas).

 

Fußball, Musik, die Liebesumarmung- Felder von Ganzheit tun sich auf. Und der Gottesdienst zelebriert dies Zusammengehören, feiert den "Freudenmeister" Gott-Christus und  benennt Gut und Böse, Geborenwerden und Sterben, Brechen und Bauen als die zwei Seiten des einen Ganzen. Gottesdienst bringt zur Sprache, was wir auf den Feldern des Lebens tun.

 Den Sabbat, den Sonntag heiligen, den Tag des Herrn achten, das geschieht, wenn wir daraus Kräfte des Zusammenhaltes ziehen. Beten ist doch mich in Gott reindanken oder reinweinen, je nachdem wie mir’s ist. Gottesdienst tut gut: Kirchenlieder lassen einem das Herz aufgehen; Texte der Bibel klären weiten Horizont, eine Predigt kann stärken, standzuhalten; und  ich fühle mich in der Gemeinde als Glied der Menschheitsfamilie.

 Vielleicht hat einer auch beim Angeln umfassende Gedanken, aber Trost oder Mahnung der Natur hören- da muß man schon zwischen den Zeilen der Natur lesen können. Ja, "lieber in Krog setten un an God denken als in Kark setten un an Krog denken," diese norddeutsche Weisheit stimmt schon, aber wer will im Krog sein Kind taufen, wer dort mit andern deut- lich beten? Wir brauchen doch Lebensmut, Gottvertrauen, die Zusage: Gut, daß du da bist und du bist, und zwar geschöpft aus Texten mit heiligem Gedächtnis. Wir können unsere Gotteskarätigkeit nicht aus dem freundlichen Respektiertsein des Wirtshauses ablesen, auch nicht aus unserm Besitz.

 Alles Wichtige ist nicht zu kaufen. Geld kann uns ernähren, Leben muß man erleben. Da ist der Schiedsspruch "Du darfst Feiertag halten” eine Offenbarung. So lädt der großzügige Gott ein, du darfst jeden Tag deinen Feierabend halten. Und jede Stunde nimm dir deine drei Minuten Auszeit: Bewußt atmen ist schon eine Art Gottesdienst; augenblicklich spürst du, wie Gott für dich arbeitet, du brauchst nur mitzumachen. Du brauchst nur hören, wie es in dir atmet- wie Gott in dir Atem schöpft-  und auf dem Grund deiner selbst ist Ruhe.  Und aus der Ruhe  kommt die Kraft.

 Heute wird viel von der gesellschaftlichen Bedeutung des Sonntags gesprochen. Wohl wahr, der Rhythmus der Woche mit dem freien Wochen- ende oder -anfang hat verbindende Kraft. Aber in unserer arbeitsteiligen Welt ist schon jeder dritte Arbeitsplatz gleitend. Die katholische Kirche unterstützt die Forderung nach Kirchgang durch häufiges Angebot. Wir Evangelischen müssen auch irgendwo in der Nähe wochentags Gottesdienst mitfeiern können. Wenn unsere Kirchen geschlossen sind aus Angst vor Vandalismus, kann doch ein freiwilliger Dienst stundenweise die Kirche offenhalten, und der Pastor, die Pastorin richten da ihre Sprechstunde aus, bestellen in die Kirche Menschen zu Gesprächen, die Jugend bekommt auch einen Seitenraum und der Organist, die Organistin üben bei geöffneter Kirche. Kerzen sind entzündet, auf dem Altar leuchten frische Blumen und ein Gästebuch hält Platz bereit für Gebete und vor allem steht die Kirchentür weitauf. Wir werden die Kirchengebäude den Menschen zurückgeben; ein Gebäude für zwei Stunden Nutzung in der Woche ist nur Verschwendung und Denkmal der Phantasielosigkeit.   

 Es bestand für die Evangelische Kirche nie eine Chance, den Bußtag als staatlichen Feiertag  zurückzuerstreiten, nachdem die Kirche selbst diesen Feiertag blutleer liebelos bloß abgehakt hat. Aber das Getöse um diesen Tag schützte vielleicht die Feiertagsruhe für den Sonntag ein wenig mehr. Im Übrigen sind wir zur Freiheit berufenen Christen doch wohl auch fähig, den persönlichen Rhythmus zu finden. "Heilige den Feiertag" ist auch Einladung: Such für Arbeiten und Beten, Feiern und Lieben dein  Gleichgewicht.

 

 

 

 

 

 

II Das Leben heiligen: Schatzhaus Kirche 

 

 Kirche mit Zentrum Gottesdienst manifestiert, gestaltet, sichert das Zusammengehören der vielen Facetten des Lebens.  Den Feiertag heiligen, daraus Kräfte des Zusammenhaltes ziehen- das ist vorzügliche Aufgabe der Kirche. In der schnell-lebigen Zeit zur Seite gerückt, ist sie nötiger denn je zuvor. Sie besorgt Lebensmut, Wertewissen, Zusammenhalt. Kirche bürgt für das Wesentliche:  Nicht Familie, nicht Volk, nicht Besitz, nicht Egomanie machen uns aus, sondern  Kindschaft bei Gott und was daraus folgt: Talent zu leben.

 "Darin liegt die Schuld dieser Zeit, daß sie immer des Schmerzes und des Zwanges bedarf, um eine Wahrheit zu erahnen, die sich auch im Glück findet, wenn das Herz seiner würdig ist", sagt Albert Camus. Das kann die Substanz der Kirche ausmachen: Die Wahrheit starrt  uns quälend an, wenn wir mit unsern eigenmächtigen Entwürfen an die Wand geknallt sind und zur Demut hingerissen  werden durch Schmerz- aber Kirche hilft,  "würdigen Herzens" im dankbaren Dasein die Wahrheit zu finden.

 Kirche gibt dem Lebensbogen Halt. Dem zur Welt Gekommenen gibt sie mit   der Taufe das Zeichen der Gottgehörigkeit; Jugendliche konfirmiert sie in Vertrauen und Verantwortung, Paare bestärkt sie im Glauben, einander anvertraut zu sein; beim Begräbnis verkündet sie das Nachhausekommen. In Unglücksfällen, wo das Lebens-und Gottvertrauen zu zerreißen droht, beschwört sie Gottes Beiunssein. Auch der Staat, bei Polizistenmord z. B., sucht den Gottesdienst, um die Sinnlosigkeit zu bannen.  

Kirche hält auch die Fragwürdigkeit des Augenscheinlichen offen und  stiftet an   zur Wahrheitsuche; "Nur Bares ist Wahres"-  da hält sie gegen, auch gegen "Alles, was machbar ist, muß auch gemacht werden. Kirche stiftet an, die Menschenwürde zu schützen, sie  pflegt Frömmigkeit und Ehrfurcht, ruft den Staat auf, den Respekt vor dem Einzelnen zu sichern  gegen die Allgewalt des Marktes.

 Kirche ist vom Wesen her Hort der Freiheit, weil der Gott der Liebe die Freiheit seines Geschöpfes Mensch will. Darum ist nur freiwilliges Zugehören möglich. Natürlich hat auch Treue, Anhänglichkeit, Solidarität mit Kirche ihren Wert, auch eine Kulturverpflichtung ist achtbar-"Ich finanziere ja auch Opernhäuser mit, ohne daß ich hingehe", sagte einer und ein anderer: "Gerade, weil ich Kirche zur Zeit nicht brauche, will ich , daß sie da ist für diejenigen in Not. Kirche ist doch für Krisen da." Und ein anderer: "Ich bin religiös nicht musikalisch, doch es könnte ein Mangel sein. Darum trag ich Kirche mit."

 

Kirche muß letztlich Freude machen, muß Zugewinn an Freundschaft bringen, Heimatgefühl wahren, Trost bereit haben. Früher hatte die Kirche "die heiligen Gnadenmittel", die Vergebung in den Sakramenten zur Verfügung. Heute hat das Evangelium von der bedingungslosen Liebe Gottes gegen alle Kreatur die Menschen erreicht, jedenfalls soweit, daß keiner mehr zur Kirche muß, um sich das Jenseits zu sichern.

  Zweifel an der Existenz Gottes gehören zur Allgemeinbildung. Aber der  Kinderglaube hat sich meist durchgehalten und mit technischer Intelligenz vermischt zu eigenwillig zweckvoll- frommen Weltbildern: Der Eigennutz profitiert davon, daß der andere am gemeinsamen Geschäft weiter Interesse hat; Engagement für die eigene Tasche und Verzicht auf grobe Steuerhinterziehung werfen auch Soziales ab. Fairneß, Rücksicht, Toleranz ist in Maßen vorhanden, auch Freundschaftlichkeit. Es wird beachtlich viel gespendet. "Leben und leben lassen" und "Es muß doch alles gut werden"-sind noch als kleine Münzen ehemals großer Glaubensschätze gültig.  "Dienen" gewinnt wohl wieder an Stellenwert, Pflege der Kunden braucht gehörig viel Menschenliebe, ohne soziale Kompetenz ist kein Aufstieg. Es stimmt wohl: "Weit über die Blässe des offiziellen Kirchentums ist die Welt eine Christuserfüllte Welt" (Eugen Rosenstock-Huessy).

Aber man will sich selten als aktiver Christ outen, allzu viel Engagement hat Sektenanstrich. Regelmäßiger Kirchgang riecht verdächtig nach Heuchelei-dabei ist es doch so: Früher war der Kirchgang konform, heute das Zuhausebleiben.- Als Anmaßung gilt, daß kirchliche Instanzen über geschlechtliche Dinge Urteile fällen, die doch nur die Betroffenen selber angehen.

  Es gibt Anzeichen, daß Kirche nach zwei Jahrtausenden von vielen in die "Abteilung für tote Ideen" abgestellt wird und mangels öffentlichen  Interesses und Geldes ganze Arbeitszweige  absterben. Es gibt die These, daß in den östlichen Bundesländern die Zukunft der Kirche schon Gegenwart ist.

 

In den östlichen Bundesländern sind noch 25 Prozent der Bewohner in der Kirche, in Westdeutschland noch 75 Prozent. Während nur jeder zehnte Westdeutsche jede Form von Gottesglauben ablehnt, soll dies im Osten bei jedem Zweiten der Fall sein. Der letzte gesamtdeutsche Kirchentag vor der Mauer versammelte in Leipzig 1954 noch 650.000 Menschen zur Schlußversammlung; den Abschlußgottesdienst des ersten gemeinsamen Kirchentages nach der Wende 1997 feierten gerade 90.000 Teilnehmer, nur zu  einem  Viertel aus Ostdeutschland.  Mehltau scheint über dem einst urreformatorischen Kirchenland zu liegen. Der Protestantismus scheint seine kulturelle Kraft verloren zu haben, die in den Jahren der SED doch die geistige Opposition nährte.  

 Die staatliche Kirchenfeindschaft von 1933 bis 1989 hat zwei, drei Generationen mitgeprägt, jegliche öffentliche Äußerung von Religion war verachtet, biblisches Wissen wurde aus dem Kanon der Allgemeinbildung getilgt, Christen waren von gesellschaftlich relevanten Berufen ausgeschlossen, die westdeutschen Kirchen als NATO-Kirchen niedergemacht. Die Jahre zählten nicht mehr  "nach Christi Geburt", sondern "nach unserer Zeitrechnung". Volker Kreß, der sächsische Bischof erzählte von einer Begegnung mit einem Schweriner Paar in einer Kirche; das Paar wunderte sich über das Kreuz im Altarraum: "Würden Sie uns mal sagen, was diese hängende Figur bedeutet?" Aber für Deutschland insgesamt forderte Bischof Lehmann  Religionsunterricht mit Leidenschaft, damit nicht mehr und mehr "Golgatha mit Colgate verwechselt werde." 

 

 In ganz Deutschland lassen weniger Eltern ihre Kinder taufen, weniger Jugendliche gehen konfirmiert ins Leben, weniger Paare lassen sich trauen, weniger Menschen werden mit Vaterunser zu Grabe getragen. Weniger Kirchensteuern werden gegeben, Pfarrstellen werden zusammengelegt, diakonischen Einrichtungen dezimiert, Kirchenpresse mangels Abonnenten eingestellt. Die große Steuerreform wird scharfe Schnitte besorgen und die Europäische Gemeinschaft könnte gar das ganze  Kirchensteuersystem kippen. In Zukunft werden Kirchenvereine erblühen, wo Menschen Kirche von Herzen wollen. Anderswo werden Kirchen schließen, Seelsorgende müssen von weiterher herangerufen werden. Daß  man noch seinen Pastor, seine Pastorin hat, ist schon heute nur noch ein Sonderfall. Bald wird zum Betreten der Kirche ein Geldstück erbeten, eine "church-card" ist von besonders smarten Hirten schon auf den Weg gebracht. Dann ist der Pastor nur für seine (zahlenden) Mitglieder da. Er wird sich tummeln müssen, denn er wird auf Prämienbasis bezahlt, Eintritte werden Prämien bringen, Austritte schlagen auf sein Konto als Minus durch. Dann wird er gezwungenermaßen  kundenfreundlich, oft über seine Kraft. Er macht der Gemeinde Freude oder er wird vom Vorstand  entlassen.

 Unternehmerische Mitmenschen sehen in der Vereinskirche auch eine Chance: Die Gemeinde kümmert sich, sie stellt was auf die Beine oder passiert anderswo. Der Pastor wird mehr Zugpferd, Anleiter, Trainer, Veranstalter, Unterhalter, Anreger,  Anzetteler von Gemeinschaft. Er wird mehr Hausbesuche machen, mehr Jahrestage bedenken, mehr Feste  festlich gestalten. Jedenfalls werden sich Gemeinden  menschenscheue oder linkische, schweigsame oder schwierige Pfarrer immer weniger gefallen lassen- wer Menschenfreundlichkeit nicht zeigen kann, dessen Aufmerksamkeit zählt nicht. Zukünftige Seelsorgende werden erfolgreich sein oder weggeschickt; sie sind frohe Kunde für die Menschen oder werden gekündigt.  

Aber was ist Erfolg bei Kirche? Wahrheit ist nicht mit Beifall zu messen. Eine volle Kirche ist noch kein Beweis für Nähe von Heiligem Geist, eine leere Kirche allerdings auch nicht. Aber eins ist klar: Wahrheit ist nie langweilig. Wenn also Menschen in der Kirche sich langweilen, verfehlt der Pastor/ die Pastorin leider diese Menschen und hat darum für sie keine Verheißung und ist auch keine.      

 Vorbei sind die Zeiten, wo der, der mit Heiligem umgeht, für heilig gehalten wird. Immer mehr wird die Person das Amt tragen, die Menschlichkeit des Seelsorgende wird das Amtliche, wo es noch nötig sein sollte,  erträglich machen Kein Taufwunsch wird bald mehr abgelehnt,  weil Eltern nicht der Kirche angehören- dieses Amtliche war immer herrisch verderbt, endlich ist es kraftlos.  

 

Noch kann Kirche flächendeckend wirken, kann in Dorf oder Stadtteil die Service- Station sein fürs Seelische und Soziale. Gut, wenn die Kindergärten noch bei der Kirche sind und die Sozialstationen wenigstens in der Nähe. Die Ausgliederung der Familien-, Ehe-. Abhängigen-Beratung in diakonische Zentren war aus Kostengründen unvermeidlich, beraubte aber die Gemeinden und nahm den Mitarbeitenden ihren Wurzelgrund Ortsgemeinde- In manchen Großstädten sollen weniger Menschen zum Gottesdienst gehen als es dort kirchliche Mitarbeiter/innen gibt- ein Alptraum, wenn das stimmte.

 Noch ist Gottesdienst und Seelsorge fast nebenan zu haben; ob sie noch erneuert und reformiert werden können, ist die Frage. Sonst wird vieles platt gemacht von der großen Walze Effektivität. Zurecht bezahlt die Gesellschaft nur, was sie braucht. Aber  der Markt richtet nicht alles. Bibliotheken, Öffentliches Fernsehen, Theater, Konzerte rechnen sich nicht und doch sind sie wichtig. Einander verstehen; merken, was wir einander antun, für Innen sorgen-  das muß sein.        

 Sicher nutzt man Kirche in verschiedenen Lebensphasen verschieden und über Jahre hin vielleicht auch gar nicht. Aber daß Kirche bleibt, dafür sind die allermeisten Mitmenschen. Allein schon, daß in Urlaubszentren doch fast jeder auch den Dom betritt und mit einiger Andacht die hohen Hallen und ernsten Antlitze auf den Bildern mustert; allein schon, daß man sich in eine Bank setzt und Stille in sich einkehren läßt, das entbindet in  uns doch Gefühle von Ganzheit und Zugehören. Kirchen müssen sein als Heilorte allerorten. Noch daß Kirchen mit oft menschenverachtenden Parolen beschmiert werden, zeigt ihren hohen Stellenwert als Klagemauer und als Beschwerdestelle, die noch zu Gott einen Draht hat.

 Wichtig ist im Wohnquartier eine Stelle, die für Menschlichkeit zuständig ist  neben Arzt und Laden, Schule, Polizei und Nachbarn. Wo man reden kann und weinen, sich Rat holen kann und Vergebung, Lebensmut und Selbstvertrauen- also Seelsorge. Und wo die Quelle für Lebensmut und Lebensmaß sprudelt, wo das Feuer der christlichen Überlieferung Wärme abstrahlt:          Gottesdienste fördern das heiße Medium Gottvertrauen,  verflüssigen unsere Inneres durch Musik und Gebet. Menschen singen und beten mit, sprechen sich vor Gott aus und gehen gesegnet wieder an ihr Eigenes.

      

 Schlüsselfigur auch der Kirche der Zukunft bleibt wohl der Pastor, die Pastorin; der  Hirte, die Hirtin; nicht kirchenbeamtet unbedingt, aber geistvoll, menschenfreundlich, zuhörfähig, verbindend, Spezialist für Lebensläufe -der gute Mensch von nebenan. Je weniger Volk und Familie die Menschen zentriert und je mehr als wichtigste Fähigkeit die Zahlungfähigkeit gilt, desto flacher verwurzelt in sich sind die Persönlichkeiten. Wir brauchen das Eingebettetsein in ein Gutes Ganzes, wofür der priesterliche Mensch der Bürge ist.

Wir brauchen seelenkundige Mitmenschen, die Spezialisten sind für beschädigtes Leben; und Predigende, die Fröhlichkeit verströmen und Lebenskunst uns beibringen anhand des Vorbildes Jesus und ernst uns auf die christliche Pflicht zur  Nächstenliebe hinweisen. Sie müssen hinhören, auf die Mitmenschen, auf die Erinnerung geschehener Gottesbegegnungen und auf den inneren Dialog, der sich (hoffentlich) in ihnen mit dem Ewigen begibt. 

 Auch wäre  ihnen ein Hauch Charisma zu gönnen, womit selbst  Dämonen in den Dienst des Guten zu zwingen sind. Sie sollen  nicht gutheißen, was Tand oder Schlimmeres ist; sollen nicht segnen, was Verderben bringt; Fachmensch für Beziehung sollen sie sein mit einer unsichtbaren Nabelschnur zum Heiligen, offen sollen sie sein, zugewandt  und verschwiegen. Nach Besuch bei ihm soll man sich besser fühlen, weil man einen Menschen traf, der Prediger, war und Ratgeber, Tröster Geschwister  und Im-Selbstbewußtsein-Stärkender.

Die Schwierigkeit, Pfarrer/in  zu sein, liegt in der Übereinstimmung von Person und dem, was er/sie mitteilen soll. Immer weniger trägt das Amt die Person, immer mehr überzeugt nur der Mensch. "Brief Christi"  sind nach Paulus (2. Korintherbrief 3,3) die Christen, Salz sollen sie  sein, Licht (Matthäus-Ev. 5,13f). Was Nietzsche den Christen vorwarf: "Erlöster müßten sie aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben soll", gilt erst recht für die Hauptamtlichen.

 Ein anderer Schmerz der Pastoren ist:  "Als Bürge für morgen klopfen sie an die Tür und als Bürge für gestern werden sie eingelassen" (Ernst Lange). Aber in der hetzenden Zeit, wo so viel Bindungen reißen, ist ein vertrautes Gesicht schon eine vertrauensbildende Maßnahme des Lebens. 

 

 Den Feiertag heiligen- wenn Kirche dafür was tun will außer Sonntagsarbeit zu verpönen, dann soll sie Gottesdienste halten, die eine Lust sind. Aber weil man das nicht "machen " kann, werden soviel Verlautbarungen produziert und immer noch Liturgien zelebriert, als müßte ein orientalischer Gottkönig  besänftigt werden. 

 Wahrheit will eine gemeinsame Sphäre erzeugen (Peter Sloterdijk). Und die darf nicht langatmig sein. Was jeder für sich ist, in seiner Einmaligkeit und dann noch, was wir zusammen sein sollen, das ist wunderbar, ergreifend, ansteckend. Aber Farben, Töne, Bilder, Bewegung müssen hinzu, damit wir uns fühlen können und  Denknahrung und Erlebnisse mit nach Hause zu nehmen sind. Wenn die Kirche aus ist, fängt der Gottesdienst der Woche an; mit aufgetankter Seele, hoffentlich.

Die Gemeinde hält Gottesdienst und Seelsorge; der Pastor, die Pastorin ist nur erster Diener, erste Dienerin der Gemeinschaft- was zuallererst an den Ehrenamtichen sich zu bewähren hat.   Alle Mitarbeitenden haben hoffentlich ein von Freundschaft erleuchtetes Wesen. Die Damen und Herren des Kirchenvorstandes betreiben Gemeinde mit anderen, die zu Arbeitsgruppen und Spiel, Denk-und Nachbarschafts- Projekten sich zusammenfinden. Und so nötig ist es, die Kinder einzuweisen in die Mutmachgeschichten der Christenheit.   

 Der allerwichtigste Rohstoff für Zukunft ist das Wissen, daß wir dem gehören, der die Quelle der Zeit ist. Gott, die lebendige Mitte, steht zu uns in lebendiger Beziehung und wir zu ihr; und darum wir untereinander auch.  Dies Wissen bewahren und gestalten, dafür ist Kirche da und wird im Rahmen dieser Sorge immer nötig sein. Darum keine Angst, kleine Kirche.

 

 

 

Du sollst deine Eltern ehren, du sollst deine Kinder ehren. -Das vierte Gebot

 

I "Du sollst Vater und Mutter ehren" (2. Mose 20,12).

            "Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser; Eltern verachten bringt                            Schande   über dich selbst" (Jesus Sirach 3,11.13).

            "Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht" (Epheserbrief 6,4). 

II  Kinder als Segen

III Muttertag- Elterntag: Rückblick im Dank

 

 

I "Du sollst Vater und Mutter ehren" (2. Mose 20,12).

 

 

 "Das Gebot fordert", so Martin Luther, "daß man die Eltern für herrlich und wert halte als den höchsten Schatz auf Erden. Darum man in Worten auch züchtig mit ihnen spreche, sie nicht böse anfahre, nicht gegen sie poltere sondern man lasse sie recht haben und beiße sich auf die Lippen, wenn sie auch mal den Bogen überspannen. Und man diene ihnen mit Leib und Gut, helfe und besorge wenn sie alt, krank, gebrechlich oder arm sind, und solches nicht nur gern sondern mit Demut und Ehrerbietung als für Gott getan. Laß sie nicht Not leiden sondern setze sie über und neben dich und mit ihnen teile, was du hast und vermagst."

 Dagegen Marie Luise Kaschnitz in ihren Aufzeichnungen: "Es ist, als läge kein Segen mehr auf der alten Eltern-Kinder-Beziehung, wobei man an die äußersten Fälle, wo Söhne ihre Väter verprügeln oder Mütter ihre Kinder im Dreck ersticken lassen, noch gar nicht einmal zu denken braucht. Eine Gnadenlosigkeit liegt im allgemeinen über Eltern und Kindern heutzutage."

 

Ja, es häufen sich die "weggeworfenen Eltern"  so nennt man in den USA die Altgewordenen, die arm oder verwirrt ohne Fürsorge der Kinder ihr Leben fristen müssen. Das "Granny Dumping", das Verstoßen alter Menschen, wird es zynische Gewohnheit? Schon 1978 war die Annonce zu lesen: "Welche Familie mit Kindern adoptiert Großeltern?"

 Immer wohl war es strittig, wieviel Achtung und Versorgung den machtlos gewordenen Eltern noch zustehe. Immer schien Dank unsicher: "Eine Mutter kann zwar acht Kinder großkriegen, aber acht Kinder nicht eine Mutter fürsorglich altbekommen",sagt man ja. Um nicht der Gnade von Kindern anheimzufallen, hielten in vielen Kulturen die Alten ihren Besitz fest bis zur bitteren Neige: "Man zieht sich nicht aus, bevor man sich (endgültig) zu Bett legt", heißt ein Warnwort unter niedersächsischen Bauern.

 

Argwohn der Alten gegen die Jungen und Argwohn der Jungen gegen die Alten begleiten die Menschheit. Kaiser Alexander fand die Wünsche seiner Mutter so überspannt, daß er sich zum wohl bösesten Sohneswort hinreißen ließ: "Du läßt dir das Quartier von neun Monaten aber teuer bezahlen." Immer hofften die Hoferben auch auf baldigen Abschied der Altvorderen. Aber in Zukunft belasten die Renten die wenigerwerdenden Jungen außerordentlich, Wenn auf einen Jungen ein Aller kommt, wird der Generationen-Vertrag die junge Generation überfordern.

 Viel Liebe und viel Mißverstehen, Eifersucht, Rivalität ist zwischen den Generationen. Väter und Söhne ist ein Kapitel; Mütter und Töchter, Väter und Töchter, Mütter und Söhne sind andere Kapitel  unendlicher Irrungen und Wirrungen. Mit einem Machtwort ist da nichts ausgerichtet.

 

 "Du sollst Vater und Mutter ehren" ist übrigens der erwachsenen Gemeinde gesagt; du  Starker sollst deine altgewordenen Eltern ehren.  Kinder und Jugendliche gehorchten selbstverständlich. Kinder waren ja  wie das Vieh Besitz.- Doch im Neuen Testament heißt es auch: "Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn" (Epheserbrief 6,4). Und Jesus glasklar: "Wer ein Kind zum Abfall verführt, für den wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft  würde im Meer, wo es am tiefsten ist" (Matthäus-Ev. 18,6).-Sicher auch ein Drohwort gegen Kinderschändende- sie vergiften den Opfern das Lieben möglicherweise fürs Leben, reißen ihnen das Vertrauen ins Leben aus dem Leib und verführen so zum schlimmsten Abfall: sich selber für Abfall, Abschaum zu halten.

 Das vierte Gebot meint sicher: Du sollst deine Eltern ehren, du sollst deine Kinder ehren. Schon in früher Zeit Israels  war ja das Kind das Ziel des Lebens: Abraham und Sarah sollten ja Eltern des Gottesvolkes werden, ihr einziges Wichtigsein war die Hervorbringung Isaaks. Durch die Jahrtausende galt: Nichts war schlimmer als ausgebliebener Kindersegen. Die Ehre wurde weitergegeben in die nächsten Generationen oder es ist,"als wäre man nie gewesen".                                                            

 

Im 1. Buch der Könige 3. Kapitel wird eine weitere Schlacht für das Recht des Kindes geschlagen: König Salomo setzt zur wahren Mutter diejenige Frau ein, die dem Kind dient-  Die lieber das Kind losgibt, als daß es in Stücke gerissen werde zwischen den streitenden Frauen.  Das gewichtigste Argument zur Privilegierung der Kinder aber ist wohl,  daß sie weitergeben werden, was sie selbst erfahren haben. Geehrt, werden sie ehren, einst verachtet, werden sie verachten; das ist wohl die Regel. 

 

Auch dieses vierte Gebot hat der Schöpfer in uns gelegt. Wir wissen es von innen her,  gerade wenn wir die Eltern verachten oder wir dem  Kind weh tun, wir wissen: In gleißenden Buchstaben  ist in uns geschrieben: Du sollst ehren, Vater, Mutter, Kinder.

 

Kinder ehren als Kinder Gottes, das wäre es. Nicht sie für Besitz und Lebensinn halten: "Ich hätte so gerne Kinder gehabt, vor allem eine Tochter, ich kann so gut nähen." Nicht als Verlängerung stolzer Eltern zur Weiterführung der schon so lange im Familienbesitz befindlichen Apotheke, nicht als Produkte eigener Fortpflanzung, die dann willfährig deren beste Qualitäten veredeln sollen. Gegen diesen Elternhochmut redet Jakob an (zum Knecht  Elieser in "Joseph und seine Brüder" von Thomas Mann): "Der Zeugende ist nur Werkzeug der Schöpfung, blind und weiß nicht, was er tut. Da wir den Joseph zeugten, zeugten wir nicht ihn, sondern irgend etwas, und daß es Joseph wurde, das tat Gott. Zeugen ist nicht Schaffen, sondern es taucht nur Leben in Leben in blinder Lust; Er aber schafft."

 "Ehren wir doch gebührend das fremde, herüberkommende Wesen, das noch anderen Mächten nachlauscht, die es zur Welt brachten. Begrüßen wir doch den plötzlich Eintretenden, den wir nicht kennen. Er wurde aus unendlicher Weisheit vertrieben" (Botho Strauß). In uns soll er Engel, Helfer, Gottes Gefährten finden. Es gelte: "Ehre die Eigentümlichkeiten und die Willkür deiner Kinder, auf daß es ihnen wohl gehe und sie kräftig leben auf Erden” (Friedrich Schleiermacher).

 

Wir dürfen sie keinen Augenblick anzweifeln. Sie erfreuen, sie beschützen wollen, im Schlaf sie besehen; sie im Horizont ihrer künftigen Chance halten: daß sie mündig sein werden, für sich selbst sprechen können, ihnen nicht befehlen, möglichst nie, das wäre gut. Ja. Eltern, Lehrern, Ausbildende- ihnen gehen auch die Nerven durch. Erziehende sind ja selbst nicht Wohlerzogene durch und durch;  sind oft überfordert damit, Vorbild sein zu sollen und zu wollen. Wenn uns dann das Kind entlarvt: "Papa, Mama, Du hast mir ein billiges Fahrrad gekauft, ich weiß, was es gekostet hat", dann kann man schon hassen, das Kind, sich, die Umstände.

 Wir Erwachsene sollen Gefährten, Helfer, manchmal Diener des Kindes sein, niemals Herrscher; wir sollten unser Einsehen als Vorschlag hin stellen. Den Willen des Kindes ehren, ihn nie brechen, ihn in Verhandlungen locken, ihm entgegenkommen, das wäre gut. Unser Zorn stammt aus unsern eigenen Konflikten, wir wissen es. Wir wollen nicht das Kind dafür verantwortlich machen. Wir wollen Fehler eingestehen, Schuld  zugeben lernen. Unser Wort soll auch gegen uns gelten.

 Bestaunen wir die lebendigen Gefühle des Kindes, lassen wir uns an unser eigenes Kindsein erinnern, entdecken wir unser inneres Kind wieder an der Hand des Kindes und der Enkel. Unsere Launen wollen wir als Marotten kennzeichnen, daß sie den Kindern nicht Grundsätze werden, unsere Manien nicht ihnen Gesetz. 

 Wir wollen keine Fallen stellen, keine List anwenden, nicht ver- schleiern, nicht ängstigen, nicht Liebe entziehen, nicht isolieren, nicht Mißtrauen säen, nicht demütigen. Wir wollen aufhören, vor anderen über unsere Kinder abfällig zu reden, wollen sie nicht beschämen; eher sich den Mund zunähen, als vor anderen sie bloßstellen. Und keine Gewalt anwenden, bitte, niemals Gewalt anwenden (siehe auch Alice Miller, Am Anfang war Erziehung).

Wenn man bedenkt,daß gute Erziehung fast unmöglich ist, dann sollte man wohl Kinder nicht mutwillig ins Leben rufen, sollte allerhöchstens, , wenn alle äußeren Umstände bestmöglich geordnet sind, Zeugung geschehen lassen . Kinder sind Gabe und Aufgabe. Keiner kann verantworten, einfach Kinder zu machen.    

Elternsein ist riskant. Kinder lernen, was in der Familie wichtig genommen wird und was nicht. In Kindern haben wir Zeugen, Teilnehmer und Teilhaber am Privatesten. Daß wir gewürdigt sind, Gottes Kinder zu erziehen, ist grandios. Und daß wir es wert sein sollen, unsere Maß- stäbe weiterzugeben, diese Ehre muß uns stärken, die Kinder sie selbst sein zu lassen. 

 Deuten wir mit ihnen Erfahrungen, stärken Mitleid auch mit King-Kong. Sie mögen ihr eigenes Urteil bilden, in ihrem Gewissen vor Gott sich verantwortlich fühlen, schon sehr früh freigesprochen von uns. Kinder ehren heißt zuerst: "Schaffet die vielen Tränen der Kinder ab. Langes Regnen ist den Blüten schädlich" (Jean Paul). Was da Großeltern Gutes tun können an ihren Enkeln und diese an ihren Großeltern, ist noch ein Kapitel für sich, eines der glücklicheren im Buche des Lebens.

 

Dann aber auch: Du sollst Vater und Mutter ehren! Sie haben dich nicht ausgesucht, dich nicht erwählt, sie haben dich empfangen, sie bekamen dich anvertraut als Gabe und Aufgabe. Sie haben dir ins Leben geholfen, haben für dich gesorgt, sie waren dir als Eltern bestimmt. Ehre sie als Boten Gottes, als seine ersten Mitarbeiter an deinem Werden. Sie waren dir die besten, die erstbesten Eltern, die Gott für dich hatte; sie gaben dir, was sie konnten. Und was sie dir schuldig blieben, haben sie wohl schon selbst entbehrt.  

 Ehre sie vor allem damit, daß Du, erwachsen geworden, sie nicht mehr verantwortlich machst für deine Zukunft. Klage nicht, was sie dir eingebrockt hätten. Stattdessen aufersteh und frag: was mach ich aus dem, was in mir angefangen ist. Du bist nicht blinde Verlängerung deiner Eltern sondern spätestens von nun an dein Autor.  Spätestens von heute an schreibst du dein Drehbuch selbst. Du ehrst die Eltern, wenn du sie endlich freisprichst; ihr niemals endendes schlechtes Gewissen  beute nicht mehr aus. Egal wie alt, wollen sie glückliche Kinder, aber sie  sind nicht mehr für dein Glück und Unglück zuständig, sag es ihnen, zeig es ihnen.

 Und, wenn es für deine Selbstfindung sein muß, reiß dich wie Franz Kafka los, der 36-jährig, fünf Jahre vor seinem Tod an seinen Vater schrieb," er sei ihm so übermächtig , daß er noch im Lehnstuhl die Welt regiere, und gar nicht aufhören könne, recht zu haben."

 Aber im Laufe des Lebens brauchen die altgewordenen Eltern die Kinder. Einst waren sie gefangen im Kraftfeld der Bedürftigkeit des winzigen Wesens (Updike), jetzt dreht sich das Verhältnis um und die Kinder werden eingefangen vom Kraftfeld der bedürftigen Eltern. Nur Recht ist es, ja Glück ist es, ein Stück Liebe zurückerstatten zu können. Es ist wirklich voller Verheißung, "aufdaß es dir wohl ergehe auf Erden”. Denn Eltern begleitet haben, jedenfalls ihnen nahe gewesen sein bis zu ihrem Tod, das gibt einen Tiefgang sondergleichen für das eigene Altwerden. Es kann dann geschehen, daß man noch  zum Lieben finden, so innig und einverständig, wie es vorher nie gelang.

 Nicht selbstverständlich fallen die alten Eltern in die Obhut der Kinder. Gut, daß viel stellvertretende Zuneigung und Sorge in der Welt ist. Kindern obliegt es, die Pflege der Altgewordenen sicherzustellen im eigenen Haus oder im Altersheim; man muß sehen, was richtig ist.

Meistens fällt die bezahlte Pflege leichter als die geschuldete. In bezahlter Obhut werden die Menschen älter, weil sie nicht zur Last fallen. Rund-um-die-Uhr-Pflege ist ohne professionelle Hilfe nicht zu schaffen. Vergleiche mit Früher taugen kaum, schon weil die Großfamilien voriger  Zeiten  mit den vielen Helfern vergangen sind.

 Wir tun uns selbst keinen Gefallen, wenn wir unsere Kinder, sofern wir welche haben, bedrängen, uns mal nicht ins Heim zu geben. Richard Dehmel dichtete schon 1893: "Und wenn dir einst von Sohnespflicht, mein Sohn, dein alter Vater spricht, gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht!"

 Aber die Zeit macht die Kinder zu Sorgeverpflichteten/Sorgeberechtigten ihrer im Alter bedürftig werdenden, vielleicht auch kindisch werdenden Eltern. Für sie da zu sein ist Menschenpflicht, und daß Geschwister es einander lohnen, wenn einer einspringt, ist eine Frage der Ehre.                                                  

Die Jungen meinen, mit ihnen beginne die Geschichte; die Alten meinen, mit ihnen höre sie auf.  Das ist der Pfahl im Fleisch der Generationen. Aber wir geben doch die Fackel des Lebendigen weiter. Ehren wir einander (1. Petrusbrief 2,17) als Glieder der Kette, die das mühsam schöne Menschsein bildet.

 

 

 

 

 

II Kinder als Segen

     Die Stärkung durch die Taufe, Jesus läßt sich von Kindern stärken 

 

Die Missetaten der Eltern setzen sich fort bis in die dritte und vierte Generation; Barmherzigkeit pflanzt sich tausendfältig fort an denen, die Gott lieben und achten (2. Mose 20, 3).

 "Der Eltern Segen baut den Kindern Häuser, ihr Fluch reißt sie nieder" (Jesus Sirach 3,11).   

Tut euren Welt-Dienst mit gutem Willen, letztlich als Gott getan und nicht nur den Menschen. Ihr wißt: Was ein jeder tut und läßt, das tut er im Dialog mit Gott. So erzieht auch eure Kinder. Väter, Mütter, lehrt sie die rechte Beziehung zu Gott, reizt sie nicht zum Zorn. Laßt das Drohen (Epheserbrief 6, 4-9).

"Und Mütter brachten Kinder zu Jesus, damit er sie anrühre. Die Jünger aber wiesen sie ab. Als das Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Laßt die Kinder zu mir kommen, verwehrt es ihnen nicht; denn ihnen gehört das Reich Gottes. Ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht aufnimmt  wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie" ( Markus-Ev. 10, 13-16). 

 

Die Jünger wollen den Meister schonen, sie halten Jesus für zu groß als daß Mütter mit ihren Kleinen ihn stören sollten. Gleich hat er schon wieder Termine, der Gott und Mensch Verknüpfende- da steht Politik und Tempel  auf dem Spiel- da muß er geistesgegenwärtig sein- also: Frauen mit eurer Brut- trollt euch.

Aber Jesus, sollte er geschlafen haben, hellwach wird er jetzt. Ein Sturm läßt ihn im Schiffchen herrlich schlummern, aber wie die Jünger zischelnd-herrisch  die Frauen vertreiben, das brachte ihn hoch.  Denn wie wir dem Kleinen, dem Schwachen begegnen, das entscheidet über Himmel und Hölle hier. Und Kinder sind Bürgen des Reiches Gottes; sie haben die Eierschalen des Himmels noch bei sich, so verstehe ich Jesus, sie haben das Leuchten Gottes noch auf ihren Antlitzen.

 Kinder schlafen sehen- zu schön. Das Stärkendste überhaupt für Mütter, Väter, Menschen:  Kinder gucken- Sie scheinen im Schlaf noch die Erinnerungen von Glückseligkeiten träumend zu wiederholen- soviel Lächeln geschieht ihnen und so viel Greifen hin, doch festzuhalten, was verweht.

 

Wenn nicht jede Generation aufgescheucht würde durch Kinder, von unten her aus den Angeln gehoben- wie würden wir versteinern im Perfektionieren einer matten Zufriedenheit. Kinder fallen uns in die Wirklichkeit. Sie zwingen uns und berechtigen uns, für ein Anderes zu sorgen, sie stecken uns mit Zukunft an; sie nötigen uns, zu planen und endlich erwachsen, nämlich verantwortlich zu werden. Sie fördern uns, das Vertrauen wieder zu lernen, also fromm zu werden.

Vielleicht geht uns die ganze Wunderbarkeit von  Kindern erst als Großeltern auf, wenn man ihnen viel nachsinnt.  Vorher hat uns die Wucht der Kinder in Bann gezogen, es gibt nichts Realeres als ein weinendes Kind. 

 Kinder machen wichtig, was wir denken. Auf einmal ist nicht mehr mein Reden nur Privatmeinung, die Kinder formen unsere Wörter nach, führen unsere Gesten vor, mit Kindern kommt es auf uns an. Wir werden geehrt und gebranntmarkt,  zu überliefern, was uns wichtig ist. Und denken (hoffentlich) neu über Gut und Böse nach. Wir bekommen Zeugen; nahe, nicht abzuschüttelnde Teilnehmer unseres Lebens; ja, wir werden Teilnehmende ihre Lebens für lange. .Sie werden uns beim Wort nehmen, uns konfrontieren mit unsern eigenen Unarten, sie werden  uns mal fragen: "Warum hast du das getan"?  Kinder erziehen zu mehr Menschlichkeit.

 Wie wir unsere Eltern ehren oder eben nicht, so werden unsere Kinder es sich merken, wie man zu Eltern sich verhält. Und wie der Mann  die Frau/ die Frau den Mann achtet oder eben nicht, sondern ihn/sie  heimlich oder offen verachtet- ihn/ sie depotenziert eben durch Verspotten oder Darüberhinwegbügeln, was der Partner auch sagt; oder ob sie mit Wohlwollen einander zugetan sind - das lernen sie.  Ob wir Respekt haben vor der Einzigartigkeit des Andern, ob wir das Fremde für gleichwertig achten oder ob wir fremdeln aus Unsicherheit, das gucken sie uns ab. Sie übernehmen auch die Muster, wie zuhause gestritten wurde: Sich ducken oder auftrumpfen, oder aber ein um Fairneß bemühtes Streiten, das besseres Zusammenleben erarbeitet und jedem hilft, sein Gesicht zu wahren. Wenn wir sie viel ermahnen, werden sie vor allem das Ermahnen lernen. Aber wir werden geehrt von Gott, seine Kinder ins Leben zu geleiten. Es ist das Größte, das uns anvertraut werden kann.

 

"Ihr, die ihr doch schwierig  seid, könnt dennoch euren Kindern gute Gaben geben“ (Matthäus-Ev. 7, 11) - damit sagt Jesus  einen der tröstlichsten Sätze der Menschheit. Bitter nötig ist dies Aufrichten bei all den Fehlern, die wir zwischen Verwahrlosung und Überbehütung machen, bei all den Fehlern, die unsere Eltern an uns machten. Nötig ist dies Aufrichten auch, weil eine Reihe junger Erwachsener keinen Mut zum Kind mehr aufbringen.

 

 Mut zum Kind ist ja was Neues. Erst seit eben ein, zwei Generationen ist es daran, daß hier sich Menschen entscheiden können und müssen für Kinder-  Und es gibt gute Gründe, nicht Eltern werden zu wollen.  Jedenfalls ist der Auftrag aus der Frühzeit der Menschheit: "Seid fruchtbar und mehret euch" (1. Mose 1, 28)- erfüllt. Man schätzt, daß es damals vor vier, fünftausend Jahren vielleicht zwanzig Millionen Menschen gab, über eine leere Erde verstreut- gefährdet durch Hunger und Seuchen und wilde Tiere.- Heute gibt es genug Menschen und genug Kinder; gesucht bleiben mütterliche, väterliche Menschen, Paten, Pflegeeltern, Behütende, Chanceneinräumende. .Nicht  Zeugen und Gebären sondern Sorgen in Liebe macht Elternschaft. Hauptsache für jeden Menschen ist, daß er Kinder fördert und sich ihrem  ihrem Elan aussetzt- wie dosiert auch immer. Das vollständige Fehlen von Kindern im Altenheim und auf Kreuzfahrten und im Gefängnis machen diese Aufenthalte jedenfalls in einer Hinsicht ähnlich.

 Es gibt gute Gründe, auf eigene Fortpflanzung zu verzichten. Vielleicht kennt man sich zu gut, will sich nicht verlängern, will nicht im Kind sich noch einmal begegnen.

Aber Jesus erklärt: Ihr Schwierigen könnt doch Gutes geben; könnt vor allem  Gutes nehmen: Kinder bringen ja Besserungskraft mit, sie bringen die Energien mit, die sie kosten. Sie wickeln  in uns Ungeahntes aus: am Kind und mit dem Kind können wir unser eigenes Kind in uns wieder zum Leben erwecken. Wir können das Leben neu denken mit den Augen unserer Kinder, können unsere Angst vor Spinnen uns aberziehen durch den spielerischen Umgang des Kindes mit den Spinnchen- wenn die Kinder nicht schon vor aller eigenen Erfahrung den spitzen Schrei  "iii" haben gellen hören. Wir können auch unsere Ehrerbietung vor Prominenten abstreifen durch den herrlich respektlosen Umgang der Kinder, wenn sie nicht schon verschüchtert gemacht worden sind. Sie geben noch ihr Bonbon von Mund zu Mund und zeigen, das nichts "an sich unrein ist" - so auch Paulus im Römerbrief 14,14; und das freistellende Wort::"Dem Reinen ist alles rein" (Titus1,15). 

 

Aber wir Schwierigen haben auch viel zu geben: erstaunlich, wie aus ego- istischen Töchtern pflichtbewußte Mütter werden, und aus Rabauken zärtlich Väter- Es ist eben in uns ein Ahnen, daß wir Himmlisches anvertraut bekommen. Kahlil Gibran sagt das so: "Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Es sind die Söhne und Töchter von des Lebens Verlangen nach sich selber. Sie kommen durch euch, doch nicht von euch..."

 Aus der Gottes-Herkunft bringt das Neugeborene ja auch sein großes Vertrauen mit: "Ich besitze das Recht, hier geachtet zu werden, wie ich bin. Und ich habe ein Recht, von vielen Menschen willkommen geheißen zu werden." -

 

Was ist die Taufe anders als das deutliche "Willkommen, Du! Gut, daß du da bist!" Die Taufe ist eine stilisierte Wiederholung des Geburtsvorganges: Aus den Wassern gezogen ins Leben, höre Kind: " Fürchte dich nicht, auch hier bist du  nicht in der Fremde, auch hier bist du in Gott, bei seinen Engeln, bei Eltern , für dich erwählt, und sie werden dich begleiten, werden dich schützen und fördern."

 Die Taufe ist sowas wie  Gottes Unterschrift: "Ich habe Dich aus dem Nichtsein erlöst, ich habe Dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein" (Jesaja 43,1). Richtig, daß Eltern ihre  Kinder zur Taufe bringen, auch um ihre Rolle zu justieren: Nicht Inhaber oder Macher oder Schöpfer sondern Engel, von Gott eingesetzt, seinen Kindern die irdischen Eltern zu sein.

 Richtig auch, daß die Frauen von damals die Kinder zu Jesus brachten. Sie wollten Gebet um Segen von ihm über diese Kinder. Aber brauchte nicht Jesus auch das "Gebet" der Kinder? Vielleicht stärkte sich Jesus mit ihnen,  fand in ihnen sein Vertrauen wieder, ihr Geborgensein von guten Mächten, ihr Unbefangenheit aus Vertrautheit, ihr Unbeschämtsein stärkte ihn hoffentlich auch. Sein Bescheid: "Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder"möchte ich auch als Lektion der Kinder an Jesus lesen; wenn ihr nicht im tiefsten Angewiesene und Erhobene seid, könnt ihr das Leben nicht packen. Ich denke mir, daß Jesus selbst mal als  Kind schreiend vor einem Hund weggelaufen ist hin zur Mutter und dann  von  ihren Armen aus den Hund verlachte, ihm eine eine lange Nase zeigte. Dies "Erhobensein" mag als inneres Bild lebenslang bei ihm geblieben sein und ihm geholfen haben, den Machthabern kontra zu geben.

"Sehet die Kinder", heißt doch: Lernt von ihnen wieder das Geborgensein von guten Mächten, seht  ihre Unbefangenheit aus Vertrauen, nehmt ihr "Unverschämtsein" als Beispiel: "Bittet, suchet, klopfet an" (Matthäus-Ev. 7,7)!

 Sie leben ihr von Gott, vom Leben Geliebtsein, sie müssen sich nicht erst zurechtmachen, um Gott recht zu sein. Und genau das will ich auch glauben dürfen und schau es ihnen ab. Sie sind noch näher an unser aller Ursprung. 

 Das sagt Jesus ja auch: Zum Reich Gottes gehören, das passiert so wie die Kinder zum Leben gehören: so wie man zum Haus der Eltern gehört, so gehören wir zu Gott; er ist der Hintergrund auf dem unser Schicksal läuft.

Frieden mit Gott können wir uns nur geschehen lassen, nur in Gebrauch nehmen.- Das sollen wir von den Kinder abgucken.

Wir Erwachsene sind aufgerufen, Mitarbeiter am Glück der Kinder zu sein.  Sie sollen höchste Priorität genießen, Eltern sollten, wenn die Paar-Liebe verloren gehen sollte,  ihretwegen sozial zusammenbleiben,- wie das geht, weiß ich nicht, es fordert viel Verzicht. Aber Kinder sind aller Mühe wert. Wir sind für sie ausgesucht. Nicht sie müssen sich unsern Vorstellungen von einem wünschenswerten Kind nähern. Sie sind eigene Persönlichkeiten mit eigenem Auftrag.  Wir können ihre Persönlichkeiten nur hüten und hegen, daß ihr Schicksal aufgehe zu seiner Zeit.

 Und da ist es einfach Realität, daß die Sünden der Eltern sich wie Viren fortpflanzen, aber Gott sei großer Dank, eben die Guttat der Eltern auch, und die noch stärker. - Da braucht es gar nicht spezielle Strafaktionen- es ist Segen des Schöpfers, daß im Verhältnis von vier  zu tausend (heimsuchen bis in die vierte Generation, guttun tausenden) vielfältig mehr Gnade, Wohltat, Freude durch die Generationen Gestalt gewinnt.

 Wir dürfen schon um unserer Kinder willen Gott nicht verschweigen und erst recht nicht ihn hassen, wir dürfen es einfach nicht, weil wir den Kindern damit ihre ganze Existenz verdunkeln können. Während wir, Gott hassend, irgendwie uns diesen Haß letztlich nicht glauben (außer, wir hätten es auch schon von Zuhause) und Gott auch für zu klug halten, als daß er  unsern Haß für unser letztes Wort halten könnte - aber die Kinder, sie sind auf uns so angewiesen und ihre Seelen sind noch so weich wie Wachs, wenn wir da mit unseren glühenden Wut-Eisen reinfahren, können wir sie beschädigen fürs Leben- sodaß sie Gott und sich mit ihrem ganzen Sein ablehnen.

 

Hilfreich wäre, daß wir in Gegenwart der Kinder so wenig wie irgend möglich spotten oder lügen. Und so wenig wie möglich überlisten, verschleiern,  ängstigen, Liebe entziehen, isolieren, sie nicht zappeln lassen, ihnen nicht mißtrauen, sie nicht demütigen. Und keine Gewalt. Nie- Ach bitte, Gott hilf.

Kinder kopieren uns, siehe Tischmanieren- später interpretieren sie uns, übersetzen uns in ihre Sprache, in die Sprache ihrer Freunde, setzen sich von uns ab, um eigene Menschen zu werden. Dann brauchen sie uns als Reibeisen und als Helfer, sich in wachsender Freiheit zu bewähren und noch länger brauchen sie uns als selbstlose Sponsoren. 

 Was wir verehren oder entblättern, was in unserer Familie wichtig genommen oder verachtet wird, geht weiter. Ungeheuerlich ist die Berufung, ein Kind Gottes erziehen zu dürfen; fürchterlich, wenn wir uns an Kindern vergreifen; glückhaft, wenn sie bei uns wachsen dürfen. Und wir mit ihnen.

 

 

 

III Muttertag- Elterntag: Rückblick im Dank

 

"Ehre die Eltern, auf daß es dir gut gehe und du lange lebest in dem Land, von dem Land, das Gott dir gegeben hat" (2.Mose 20, 12).

 "Höre auf deine Eltern und schütze sie, verachte sie nicht, wenn sie alt sind. Laß sie sich freuen, mach die fröhlich, die dich geboren hat" (Sprüche 23, 22. 25).

 

 Muttertag- natürlich hat man seinen Kindern gesagt, daß da nichts draus gemacht wird. Und doch freut man sich, wenn die Kleinen aus dem Kindergarten ein Gemälde mitbringen, neuerdings ausdrücklich für Mama und Papa, wenn vorhanden,"oder wer sonst sehr lieb zu Euch ist"; und wenn die Größergewordenen mal heute anrufen oder Blumen schicken oder vorbeikommen mit Kuchen, wäre das auch ganz nett.

 Und man ist ja selbst Kind einer Mutter. Wenn sie noch da ist, soll man sie drücken, ihr danken? Wenn sich das Verhältnis umgedreht hat, die Kinder den Altgewordenen jetzt Vater/Mutter sein müssen? Hoffentlich sendet dann der Bruder der fürsorgenden Schwester einen schönen Strauß, oder auch umgekehrt: Der fürsorgende, näherdran Wohnende wird heute von den andern bedankt.

 Wenn die Eltern schon im Himmel sind, dann schickt man jedenfalls gute Gedanken; geht mal zum Friedhof, sorgt für das Grab oder läßt es besorgen- vielleicht kommen die Enkel mehr als die Kinder..- Jedenfalls, je älter wir werden, desto heller strahlt das Licht der Erinnerung an die Eltern.

 

 Das Schmerzlichste überhaupt ist, verwaiste Mutter, verwaiste Eltern zu sein. Wer ein Kind zurückgeben mußte, weiß: Mutter/Vatersein ist das Intensivst-Lebendige ihres Daseins gewesen. Auch ein Kind nicht ausgetragen haben, bleibt bei einem. Drängend fehlt das Verlorene; das sehnend Gewünschte leuchtet am stärksten.

 Muttersein, auch Vatersein prägt stark. Nach und mit dem Frausein/ Mannsein greift Elternschaft am meisten in uns. Wir werden umgegraben und befruchtet, bringen Frucht und werden abgeerntet im Mutter/Vater- sein.

 So ist auch der Verzicht auf Kinder einschneidend. Eine  Familienministerin

meinte ja, kinderlose Paare würden sich der Zukunft verweigern,  höhere Zahlungen an die Rentenkasse sollten sie leisten. Vielleicht ist es ja ganz anders. Sie bescheiden sich, nehmen sich zurück, wollen gern mütterliche, väterliche Menschen sein, sorgen für Kinder auf andere Weise, aber wollen, können nicht Eltern sein: Halten sich nicht für die Retter der Menschheit; meinen, keine Heilande zu gebären.

 Muß das nicht aber vorausgesetzt werden? Wer bewußt Elternschaft will, der muß doch glauben: Mein, unser Kind ist nötig, ist einzig, ist wunderbar, ist das Schönste, wird das Klügste, es wird glücklich, wird ein Segen sein.

 Muß nicht jedes Kind, spätestens, wenn es sich ankündet, zum Wunschkind werden? Ist nicht jedes Kind vom Himmel abgepflückt?

Muttersein, Elternsein ist die innigste Mitbeteiligung an der Schöpfung, und sicher ist die Frau als Gebärende die Vorarbeiterin der Schöpfung und reich an Macht, ihr Kind zu nähren; Vatersein heißt Schützen. Elternschaft ist wunderbar und hochgefährdet. Kind sein, Kind gewesen sein, wie war das für dich?

 Der französische Literaturprofessor Jaques Lusseyran, sagte über seine Kinderzeit: "Meine Eltern  das war Schutz, Vertrauen. Noch heute, im Alter, spüre ich das Kinderzeit-Gefühl der Wärme über mir, hinter mir, und um mich; dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern mich ganz auf andere zu stützen. Meine Eltern trugen mich auf Händen, und das ist sicher der Grund, warum ich in meiner Kindheit wohl niemals den Boden berührte. Ich lief zwischen Gefahren und Schrecknissen durch wie Licht durch einen Spiegel dringt. Das ist es, was ich als Glück meiner Kindheit bezeichne, diese magische Rüstung, die, ist sie einem erst einmal umgelegt, Schutz gewährt für das ganze Leben” (aus: "Das wiedergefundene Licht”).

 

 Anderen ging es anders. Viele leiden bis heute an der blutenden Zeit ihrer Kinderangst, an Mißhandlungen,  auch an den giftigen Streitgesprächen der liebelos gewordenen Eltern; die Drohungen von Scheidung gellen noch. Und es zerreißt das Kind in dem Wunsch, beide zusammenhalten zu können, und daß endlich Ruhe einkehre, wie auch immer.

 Kindheit, Vater, Mutter Großeltern- was ließ uns wachsen, was ist uns eingewachsen  an Stärkung oder Schwächung? Eine beschützte Kindheit hilft, Anforderungen und Gefahren zu dosieren gemäß Einsicht und Aufnahmevermögen. Sie lehrt Vertrauen, auch mittels der Mühe, daß Versprechen und Absprachen eingehalten werden. Gut, wenn uns gezeigt ist, daß man mit Fairneß durchs Leben kommt und allem Lebendigen Ehrfurcht zusteht und die Umwelt Freundesland ist. Gelingende Erziehung teilt Beurteilungen mit, Meinungen, Wertungen; gibt zu denken, bettet ein in gewisse Urteilssicherheit der Eltern. Sie hilft, daß man Ethik vorfindet,  nicht: "Mach, was du willst"; nicht: "Beurteile nach Lustgewinn"  also Fernseher als Nuckel; nur als Beispiel.

 

 Mit Lust mögen Eltern lernen, was dem Kind in seiner Entwicklung gedeihlich ist- zunächst natürlich liebevolle Nähe, Schutz, Nahrung, Verläßlichkeit; die Eltern sind da oder kommen zur rechten Zeit wieder, Regelmäßigkeit ist wichtig, ein Rhythmus von Schlafen, Essen, Nähe, Spielen.  Dann lernen in Gemeinschaft, schon früh spüren lassen, daß das Kind auch gebraucht wird und Herrliches zu geben hat.

 Kinder haben ein Recht auf Erziehende, die wissen, daß sie vorbildlich sind  in Stärken und Schwächen. Spaßig-seufzend gesagt: Was nützt die beste Erziehung, die Kinder machen doch alles nach.

 

 Vater, Mutter sind Rollen, in die wir mittels der Kinder reinwachsen, Kinder erziehen uns schon sehr. Was zur Hilfe kommt, sind Muster aus   dem Menschheitsgedächtnis, die unsere kleines eigenes,  schwieriges Elternsein  tragen. Wir sind nur die Spitze des Eisbergs "Vater /Mutter";  "Vater” ist ein Urbild von Beschützen und Sagen, was richtig ist.Selbst  Gottvater strahlt was ab auf den kleinen Erdenpapa. Auch in unserer Mutter leuchtet das Mütterliche Element, das Nährende, das Erzählende, die die Fäden des Lebens Webende, Göttin- gleich. Die Brust der Mutter ist die Leinwand der Welt; später geht uns die Einheit verloren, bis wir als Himmel sie wiederfinden.

 Vielleicht haben Töchter für die Gloriole des Vaters mehr Sinn und Söhne spüren die Schutzmantelrolle der Mutter mehr. Väter und Söhne sind oft sehr ungeschickt miteinander, sehr zum Leid der Mütter, die sie ja beide lieben; ja, einen im andern.

 

 Eltern sind groß, weil ihre Aufgabe groß ist, ja heilig. Sie sind vom Himmel her erwählt, sind dem Kind Schicksal. Hoffentlich wissen sie ihre Berufung. - Früher waren die Rollen von Vater und Mutter eisern, heute dürfen und müssen wir die Lebensformen sehr weit selbst gestalten. Wer Mutterschaftsurlaub nimmt, wer das Zuhause bestellt, ob Hausmann oder Hausfrau, oder geteilt oder in Etappen, das müssen und dürfen heute die Eltern selbst entscheiden; sicher bei immer noch ungerechten ökonomischen Verhältnissen. Und ein Jammer bleibt die mit Kindern sitzengelassene Frau. -Für das stille Heldentum dieser Frauen gibt es auf Männerseite wohl wenig Parallelen.

 Heute kommt die ideelle Vater/Mutterschaft mehr zum Tragen. Auch Männer können umsorgen, pflegen, schmücken, singen, kochen streicheln. Auch Frauen können verhandeln, ordnen, viel Geld verdienen, klare Kante ziehen, Wächter über die Lebenschancen ihrer Kinder sein. Wichtig ist, wieder neu zu sehen, wie dramatisch die Zeit der Kindheit ist, wie der Anstieg von Jugendkriminalität in einem Jahr um 12 Prozent Alarm ist.  Wie die Jungen, die ohne Ausbildung und Arbeit bleiben, sich zurückziehen müssen in ihre Familien und da auf den Geist gehen oder sich hinter Computerspielchen oder Alkohol unsichtbar machen oder sich gewaltbereiten Cliquen anschließen, die ein Stück Bedeutsamkeit ihren Mitgliedern beschafft, allein schon damit, daß sie gefürchtet werden.      Wir Erwachsene müssen uns anbieten als Helfende, als Paten, als Babysitter, müssen beistehen denen, die heute Eltern sind. Welch Treue derer, die im Sport die Jugendlichen zu Teamgeist anleiten, in der Jugendfeuerwehr oder bei den Pfadfindern! Und in der Schule, wie ehren wir Pädagogen? Auch unter denen, die den Schulbus fahren? Wer hat Kraft zum Bewährungshelfer?

 Dank an die Mütter, an die Eltern ist auch ein Dank an Gott, denn es war doch Gnade, daß so viel Freude und Wachsen trotz allem gelang; Muttertag oder Mutters, der Eltern Geburtstage,  nimm sie wahr, nimm sie als Erntedankfest für die Früchte der Erziehung. Meist durften wir anfangen mit einem Goldenen Zeitalter. Elan ist uns mitgegeben, daß auch mit uns, durch uns "etwas in der Welt entsteht, das allen in die Kindheit scheint und worin noch keiner war: Heimat” (Ernst Bloch).

 

 

 

Du sollst nicht töten      Das fünfte Gebot

(2. Mose 20,13)

 

  I   Die Würde des Menschen ist unantastbar

 II Töten zerreißt Zusammenhang, Volkstrauertag, Feindesliebe

III  Unsere Mitgeschöpfe, die Tiere

 

 

I   Die Würde des Menschen ist unantastbar

 

Martin Luther: "Wir leben unter vielen Menschen, die uns Leid antun, so daß wir Ursach kriegen, ihnen feind zu sein. Dir geht es gut, er neidet, du wütest. Da geht es hin und her bis zum Morden. Das Gebot soll beschirmen, sichern, jedermann vor Gewalt.

Daß man niemand ein Leid tue, auch um eines bösen Stücks willen nicht, ob er es auch hoch verdiene. Das Gebot vor Augen und uns darin spiegeln, so wirst du Gott das Unrecht befehlen, den Zorn stillen lernen.

Und: Wenn einer erfriert und du hättest ihn kleiden können, so hast du ihn erfrieren lassen. Siehst du jemand Hunger leiden und speist ihn nicht, so läßt du ihn Hungers sterben. Siehst du einen in Not und rettest ihn nicht, obwohl du Mittel und Wege wüßtest, so hast du ihn getötet. Du hast ihm die Liebe entzogen, dadurch er am Leben geblieben wäre. Es ist, als sähe ich einen in ein Feuer gefallen und könnte ihm die Hand reichen und ihn rausziehen und tue es nicht  dann bin ich sein Mörder. Wir sollen Gott glauben, daß wir unserm Nächsten kein Schaden noch Leid tun sondern ihm helfen in allen Leibesnöten (aus dem Großen und Kleinen Katechismus).

 

 Du sollst nicht töten. So rigoros, ganz ohne Einschränkung steht das auf den Gesetzestafeln der Menschheit  als sollte es auch das Töten von Tieren verneinen. In Indien heißt das Gebot: Nichts Lebendigem sollst du den Atem nehmen. Aber wir werden Ehrfurcht für Tiere wohl erst mit der Achtung für den Menschen lernen.

 

Als Gesetz ist das "Du sollst nicht töten” einleuchtend.  Schon aus Eigeninteresse muß ich hochhalten die Verpflichtung, einander nicht ans Leben zu gehen. Aber woher die tiefere Begründung? Wenn Menschen sich bedroht sehen oder sich für die Stärksten halten, wenn sie über die durchschlagendsten Waffe verfügen und nicht eingebunden sind in einen Kranz von Verträgen mit kristallklaren Straf-Androhungen, dann sind wir  leicht vergeßlich. Viel Krieg führen Menschen gegeneinander aus Hunger, aus Arroganz, aus Angst, sie müßten dem andern zuvorkommen. Und Mord um Mord geschieht, wenn Leben wenig gilt, das eigene wie das des Nächsten, oder aus Verzweiflung, im Wahn, in Verblendung.  Dünn ist die Stimme der Vernunft: Weil ich nicht getötet werden will, töte ich auch nicht. Die Stimme erreicht den nicht mehr, der sich schon tot fühlt, zombiehaft, seelenlos, maschinengleich gedrillt und abgerichtet ist oder vom Hunger belehrt ist, daß die Satten ihn schon nicht mehr auf der Rechnung haben, dann kann sich der letzte Lebenswillen aufmachen und Brot holen, egal, wer sich entgegenstellt.

 

 Die Überzeugung vom unverbrüchlichen Schutz des Lebens muß aus tieferen Quellen sich speisen. Warum ist dir völlig klar: Du tötest nicht; und hoffst ganz fest, niemals einen Unfall zu verschulden, und bittest ganz innig, auch in Notwehr keinen zu töten; wirst also auch keine Bewaffnung für den Notfall dir besorgen. Warum willst du Leben erhalten?  Ja, es gehört Gott. Du würdest dem Lebendigen was Eigenes wegnehmen.

 

Ein Schüler fragte den Rabbi: Es ist uns geboten: Liebe deinen Nächsten dir gleich. Wie kann ich das erfüllen, wenn mein Nächster mir Böses tut? Der Rabbi antwortete: Du mußt recht verstehen: Liebe deinen Nächsten als etwas, das du selber bist. Denn alle Seelen sind eine. Jede ist ein Funke von der Urseele. Sie ist ganz in all den Funken, wie deine Seele in allen Gliedern deines Leibes ist.- Es kann schon mal sein, daß sich deine Hand vertut und schlägt dich selber. Wirst du da einen Stock nehmen und deine Hand züchtigen, weil sie keine Einsicht hatte, und wirst du so deinen Schmerz vermehren? Nein  also, wenn dein Nächster, der eine Seele mit dir ist, aus mangelnder Einsicht dir Böses tut, vergib ihm. Vergiltst du ihm, tust du dir ja selber weh. -Der Schüler fragte weiter: Und wenn ich einen sehe, der vor Gott böse ist, wie kann ich ihn dann lieben?-Weißt du nicht, sagt der Rabbi, daß die Urseele Gottes Seele ist und daß jede Menschenseele ein Teil Gottes ist? Und wirst du dich nicht seiner erbarmen, wenn du siehst, wie einer von Gottes heiligen Funken sich verfangen hat und am Erlöschen ist (Luise Rinser, Lesebuch)?  

 Das ist das Grundwasser aller Brunnen aus denen sich die Menschenwürde speist. Der Mensch ist darum wunderbar, weil jeder eine Scherbe von dem Ebenbild Gottes ist, selbst wenn die Seelen der fürchterlichen Menschen ganz in Dunkel gehüllt scheinen. Darum ist dem Kain Gottes Mal auf die Stirn gegeben, daß keiner sich an ihm vergreife (1.Mose 4, 15). Das zielt gegen unsere Neigung, das Böse in einzelnen Menschen zu orten, es da, weit weg von mir einzukreisen, diese Menschen dann zu richten und zu strafen, sie wegzuschließen  und man hält sich selbst für einen guten Menschen, weil man ja gegen das Böse gekämpft hat.                              

Daß wir endlich von der Todesstrafe abgekommen sind, ist ein Hauch dieses Wissens vom Zusammenhang aller Seelen. Keiner darf einen aus dem Leben drängen, auch nicht zur Strafe. Denn unsere Ichs bilden ein Heiliges. "Von Natur weder gut noch schlecht, haben wir die Fähigkeit zu Gut- und Schlechtsein; ja, zum einen mit dem anderen” (Hans Jonas). Gott erbaut mit  uns sein Reich, seine Zukunft. Weil wir an Gottes Werk beteiligt sind und seine einzigen Zeugen  sind, darum sind wir heilig. Darum sollten wir nicht niedermachend vom Menschen reden.

 

Es gibt viel zynische, verächtliche Beschimpfung der Menschen: Mißgriff der Schöpfung, Störenfried der Natur, "nur ein vorübergehender Schimmelbefall der Erdkruste" (Jacques Monot) seien wir, nur "ein Mistelzweig am Lebensbaum” (Botho Strauß).  Es kann und soll uns auch bange werden vor unserm Zerstörtrieb und unserer fürchterlichen Gleichgültigkeit.

 An einem Unfall, die Polizei ist da- vorbeifahren, weiterfahren, in den Urlaub, zum Dienst, alles geht weiter, wir machen weiter unser Ding- man müßte aussteigen und auf die Knie fallen, noch leben zu dürfen und eine Sammlung in die Wege leiten für die Opfer und den Führerschein abgeben, oder, oder. Und von alledem tue ich nichts, ich setze meine Fahrt fort, wohl mit einem "Gott sei Dank", auch zunächst mit gedrosseltem Tempo- aber die Flamme "Ich" sorgt für sich, will weiterbrennen, will weiter. auch das ist ein Stück Scherbe vom Ganzen, ausgerüstet mit Lebenswillen und der Begabung, abzublenden die Forderungen; Augen zu und durch- diese Strategie ist auch ein Stück Leben, das ist, was es ist.    

 Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf, denken wir manchmal dem Bibelwort (1. Mose 8,21) nach, wenn wir deprimiert sind über uns selbst und das Heulen kriegen über Menschenleid und -schuld. Kleinlich-egoistisch, "fürs Naheliegende scharfsichtig, fürs Ganze so blind" (Robert Musil)- ist das mit "böse von Jugend auf" gemeint? Denn Gott hat nichts rein Böses gemacht, das weiß ich und halte mich an eins der Traumworte der Bibel, (im Anhang des Alten Testamentes: Weisheit 11, 23 ff):" Du erbarmst dich über alle; denn du kannst alles, du übersiehst die Sünden der Menschen, daß sie sich bessern sollen. Denn du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von dem, was du gemacht hast; denn du hast ja nichts bereitet, gegen das du Haß gehabt hättest..Du schonst aber alles; denn es gehört dir, du Freund des Lebens."   

 

 Gut, vom  klaren Grundwasser des Glaubens zu trinken; ich schmecke es in dem Psalmwort: "Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest, Gott, was ist des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?" Zerbrechlich ist er, von Staub genommen. "Doch du hast ihn wenig niedriger gemacht, denn Gott (als dich selber). Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt” (Psalm 8, 5.6). - In unserm Lieben und Mühen nimmt Gott Gestalt an. Das weißt auch du von innen, weißt es, wenn du einem  Kind ins Antlitz blickst oder in ein Gesicht voll Falten, voller Lebenserfahrung. Dann siehst du den Menschen als gekrönt: "Da, im Menschen hat der Staub Feuer gefangen”. Darum schneidest du kein Leben ab.

Und du beleidigst auch weniger, gemäß Jesu Wort: "Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist schuldig; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist sehr schuldig; und wer sagt: Du mieser Typ, der ist der Hölle schuldig. Versöhne dich mit deinem Geschwister; vertrage dich mit deinem Gegner" (Matthäus- Ev.5, 22-25).

Und warum noch ist Menschenleben dir heilig? Weil du doch siehst dein und vieler Menschen Mühen; siehst, wie Menschen, wie wir  kämpfen und uns schinden. Und wie sie nicht aufgeben, etwas aus sich zu machen, sieh die Mädchen, egal wie arm- mit einem Fetzen Stoff und Blumen im Haar spielen sie große Dame, sieh die Jungen, wie sie sich in Pose werfen, ihre Räder, Mofas, oder sonst was kunstvoll beherrschen, mit irgendwas müssen sie glänzen, sie müssen doch wahrgenommen werden. Und wie Menschen sich dem Tod entgegenstellen und nicht verfallen und verelenden wollen. Und wie sie hoffen und Freundschaften schließen und Blicke tauschen und Streicheln und Worte und Scheine. Herrlich, die Menschen und ihre Künste, Wege sich zu bahnen in der Gefahr. Alle große Kunst zeugt von diesem Trieb, nicht weggewischt zu werden sondern Spuren im Lebendigen zu hinterlassen.  Du hältst viel von Menschen, darum förderst du, unterstützt, räumst ihnen mehr Möglichkeiten ein. Du tötest nicht.

  Das ist dir verheißen. Was du zum Leben brauchst, wirst du unter Mühen aber ohne Gewalt dem Leben abgewinnen. Das verlangt auch die Mitarbeit am Rechtsstaat, der jedem sein Recht auf Leben sichert. -Wenn Menschen meinen, ihr Existenzrecht sich erst besorgen zu müssen, wenn sie sich drangsaliert sehen, kann ich ihr Steinewerfen nicht verdammen. Es steht mir nicht zu, die Handgranate der Flugzeugentführer zu verurteilen; ich komme ohne dies Druckmittel aus und zwar ohne eigenes Verdienst (nach Max Frisch). Wenn die Hungernden dieser Erde uns mit Gewalt das Brot abfordern, das wir ihnen freiwillig nicht gaben, werden wir über die vorgehaltene Pistole nicht lamentieren dürfen.- 

 Dir, mir ist das fünfte Gebot ein Schutz geblieben. Du, ich, wir sahen uns noch nie in der Lage, zu meinen, wir müßten töten, wir gnädig Davonge- kommenen bis jetzt. (Oder haben wir den Krieg mitgemacht und überlebt, weil wir schneller schossen oder geschickter uns totstellen konnten?)

 

Wir sind auch wohl nicht bis auf den Grund gequält von  einem der beiden stärksten Antriebe für Mord (Eugen Drewermann):  Voll Angst steht einer einem gegenüber, der ihm chronisch den Weg zu seinem eigenen Leben versperrt, und es hat sich soviel Haß und Wut aufgestaut, daß es sich mörderisch entlädt. Oder daß einer von unterdrückten Sexualenergien getrieben ist, zugleich  innerlich so verletzt ist und so verächtlich von sich denkt, daß er meint, nur ein Mensch könne ihn noch lieben, der verwandelt ist in etwas Totes, eine Sache, derer man sich bemächtigen kann als ein Objekt.

 Wer umbringt, ist vorher kleingemacht, geschändet und verachtet worden, hält sich selbst für nichts wert, so daß er anderes Leben entwertet.  Der Menschheit ganzer Jammer packt uns an.  Wir gedenken der wie zufällig gegriffenen, aus dem Leben gezerrten Kinder und Frauen.

"Wo Totschlag verboten ist, da ist auch alle Ursach verboten, daraus Totschlag entspringen mag", sagt Luther. Und da haben wir viel mit zu schaffen.

 

 

 

 

 

 

 

     II  Töten zerreißt Zusammenhang, Volkstrauertag, Feindesliebe

 

Jesus spricht: "Liebet eure Feinde; bittet für die, die euch verfolgen. Und wenn dich jemand auf deine rechte Wange haut, dann halte ihm auch die andere hin. Ihr sollt erkannt werdet als Kinder Gottes. Der läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen für Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nur liebt, die euch  lieben, tut ihr doch nichts Besonderes. Ihr sollt vollkommen sein, ganz sein, wie euer Vater im Himmel ganz ist" (Matthäus-Ev. 5, 39,44-48).

 

 Ganz sein  das wünscht uns Jesus, ungeteilt, vollständig,  nicht vollkommen im Sinne von fehlerlos, sondern ungeteilt in mir mit Gott , zugehörig Allem, ganz in der Liebe, auch die Feinde in sie einbezogen wissend.

 Wenn wir aber töten, dann zerreißen wir Zusammenhang. Wir schaffen uns vom Hals, aus den Augen, was uns bedroht, wir wollen die Welt lieber ohne den Andern. Jeder hat sich schon einen tot gewünscht  aus Rache, aus Habgier, aus Neid, aus banalem Ärger, einfach so; nicht er soll seins haben sondern ich will seins.

In uns ist neben viel Licht auch viel Schatten. Sehen wir uns zurückgesetzt, dann sind wir gekränkt, sehen wir uns von Gott, vom Schicksal, von den Eltern, von Mitmenschen ungerecht behandelt, dann kann sich unsere Restmacht aufbäumen, ich kann verschlagen werden, giftig, um mich zu retten. "Dann” so Marie L.Kaschnitz "war ich es selbst nicht mehr, die sprach, es war der böse, mürrische Geist der Rechthaberei, der über mich gekommen war und mich so ausfüllte, daß für nichts Gutes mehr Raum blieb".Die Macht des Negativen kann in uns mächtig werden als kleinliche tückische Beinstellerei um ihrer selbst willen. "Manche, die sich einmal liebten und jetzt hassen, tun das auf ganz  ungeheure Art” (Erich Kästner).

 

 Haß ins Riesige vergrößert haben wir Deutschen. Wir oder die Generation davor, versanken in den Wahn, daß uns die ganze Erde zustände. Man muß nur die alten Wochenschauen sich ansehen, wie sie Hitler zujubelten, sich im darboten, unsere Väter und Mütter oder deren Nachbarn. Wir/ sie waren gebannt von dem bösen Geist der Gewalt und Rohheit. So überzogen Deutsche fast alle Europäischen Länder mit Krieg, schlugen, vertrieben, erschossen, erhängten, hetzten ins Gas, vernichteten durch Zwangsarbeit, quälten mit sogenannten medizinischen Experimenten. Sechzig Millionen Menschen kamen im Zweiten Weltkrieg zu Tode. Die Rache der Sieger war furchtbar aber wohl nötig wenn man bedenkt, daß nach dem 20. Juli 1944, dem Attentat auf Hitler, mehr Deutsche zu Tode kamen als in den vier, fünf Jahren Krieg vorher. Wir waren besessen vor Rechthabewahn oder Selbstvernichtungswille und die Mordmaschine war so infernalisch allesverschlingend angewachsen, daß zu "Halt, aus, vorbei!" kaum einer die Kraft hatte, wohl auch aus Ahnung, daß unsere Schuld unermeßlich sei. Und daß "die Weltgeschichte kein Amtsgericht ist", hat Gustav Heinemann, der  Bundespräsident von 1969 bis 1974, gesagt im Blick auf Grausamkeiten auch der Alliierten zur Erzwingung der Kapitulation Deutschlands damals. 

 Volkstrauertage halten, ist uns aufgegeben. Wir müssen uns erinnern, dürfen nicht verdrängen das Wissen von Gräuel und Verwüstung, das Leid, das durch unser Volk über die Menschheit gebracht wurde und an dem wir selber ausgeblutet waren.- Wir trauern um die Schuld, trauern uns am Gebot "Du sollst nicht töten”  so vergangen zu haben, daß einer dichten mußte: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland” (Paul Celan). Und die wir Tod säten, ernteten Tod, Vertreibung, Verwüstung und Diktatur über weite Teile Europas, erlebt bis eben. 

Jedes Lebendige trägt die unauslöschliche Widmung: Gehört Gott, gehört Gott”. An jeder Stirn steht in ehernen Lettern: "Du, Kind Gottes”. Darum sind auch die, die an uns starben und die uns starben, nicht auf den Totenäckern geendet, sind nicht zu Asche endgültig verglüht. Sie sind "vorweggenommen in ein Haus von Licht" (Marie L. Kaschnitz). Sie sind ergänzt, genesen, versöhnt, bekehrt,  sie sind schön und ganz gemacht. Sie sind in Gott. Wie sie auch zu Lebzeiten waren, eine Milde, eine Sanftmut geht doch von uns zu ihnen, und von ihnen zu uns- doch um alles in der Welt, hoffentlich.

Die Bestimmung "Du gültig für Gott, immer” schafft Hoffnung. Ohne Zukunft für die Toten, wie sollten wir gedenken können, auch an das Entsetzliche unseres Volkes und  unserer selbst? Unser Herz müßte doch stehen bleiben vor dem Grauen! 

 Letztlich darum, weil Gott die Opfer zu den Tätern  kehrt und sie versöhnt, sie verschwistert, können wir uns als Einzelne, , als Volk, getrauen, uns der Schuld zu stellen und um Vergebung bitten und sie erwarten und als erhoffte schon wirksam sein lassen: Dank sei für alle  Erkenntnis, alle Bitte um Vergebung, alles Mühen um Wiedergutmachung Dank für alle Großzügigkeit und Neuen-anfang-wagen.

 Leben lebt vom Leben anderer. Wir alle ernähren uns vom Leben, das groß genug ist für alle. Krieg aus Hunger und Durst ist auch unser Versagen. Du sollst nicht töten, ist allen gesagt, aber den Mächtigen erst recht, die für Lebensmittel sorgen können.

 In uns ist die Lust, zu verwöhnen was wir lieben  und am Rande zu lassen und an den Rand zu schieben, was wir nicht mögen. Je mehr Machtmittel wir haben, desto mehr Kommandogewalt auch, und um so mehr kann unser Verachten und Hassen beschädigen. Weniger hassen- wie kommen wir dahin?

 Selig die Sanftmütigen, sie sollen die Erde besitzen, sagt Jesus (Matthäus-Ev 5,5). Die uns fremd sind, sind es, weil wir ihnen feindlich sind. Das ist doch Christenwissen, daß wir die erdumspannende Menschheitsfamilie glauben. Was zählt, ist der Mensch und seine Sehnsucht, sein Mangel, sein Bedürfen, nicht ob er zur Sippe gehört, zum Freundeskreis, und unabhängig von Geschlecht, Religion, Volk. Wenn ihr die liebt die euch lieben, das ist noch nicht ganzheitlich gelebt

 Den anderen erst mal für interessant und unbösartig halten, bei ihm auch im Streit mit Einlenkbereitschaft rechnen. Und phantasieren, imaginieren, wie schön sein Gesicht wird, wenn man gemeinsam was zu lachen hat. Einen Menschen dankbar stimmen, das gibt ihm Hoffnung zu taugen, gibt ihm Geschmack, noch gern wieder er selbst zu sein. Dank fühlen macht unmittelbar Gottes Gutsein anfaßbar. Glücklich der Mensch, der merkt, wie sein Leben voller Danksignale ist und wie er  versöhnlich gestimmt wird, vom Himmel her.

Ich erinnere mich an einen russischen  Film: "Wenn die Kraniche ziehen”. Er zeigt das Schicksal einer großen Liebe einer Frau zu ihrem Bräutigam. Er zog in den Krieg, beide hatten lange nichts voneinander gehört. Dann sollte der Zug ankommen mit den Gefangenen aus Deutschland. Er sollte darin sein. Und sie kam mit einem großen Blumenstrauß zum  Bahnhof, und alle Erwartung und alle Hoffnung spielten auf ihrem Gesicht. Und immer mehr Heimkehrer entstiegen dem Zug, sie wurden empfangen von Bräuten und Müttern und Schwestern, die dann überglücklich abzogen. Und immer weniger waren noch im Zug und kamen heraus, und sie fragte und stürzte von einem zum andern: Wo ist meiner, wo ist er? Sie sagte den Namen. Sie waren alle mit sich so beschäftigt. Und dann stand sie allein auf dem Bahnhof, allein mit einigen anderen, die auch vergeblich gewartet hatten. Und sie richtete sich auf und verteilte ihre Blumen an die, die auch allein blieben. Sie verknüpfte die Allein- gelassenen mit dem Hoffnungsband, daß keiner der Liebe verloren gehe.

 Du sollst nicht töten. Dies Gebot schließt den Krieg ein. Krieg soll nicht sein, er ist ja das tausendfache, millionenfache Töten.- Aber die Ressourcen sind begrenzt, Wasser, Öl, Bildung-Wenn die Besitzer Menschen, Völker verdursten, verhungern lassen, wenn immenser Reichtum an Fawelas und Kanisterstädte  stoßen, wenn ein im Westen geklautes Auto im Osten eine ganze Familie ein ganzes Jahr ernährt, während sonst der Mann nur das Jammern der Kinder, das Klagen der Frau, das Wimmern der Alten hört; wenn Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden, dann: wehe uns Besitzenden.Wenn wir  den Habenichtsen vorzuwerfen, sie drohten mit Gewalt, dann ist das zynisch- denn wir benutzen doch Gewalt, um die Hungernden uns fern zu halten Den Krieg verhindern, heißt, Frieden schaffen, indem Habende abgeben. Gegen berechtigte Forderungen sich hochgerüstet taub stellen, das ist Krieg.       

"Du sollst nicht töten" ist auch Versprechen: Du wirst nicht töten. Du, ich, im Angesicht von viel verrückt gewordenem Jähzorn und gewaltbereiter Sucht, haben wir doch noch viel zuzusetzen, können Dankprämien fürs Durchgetragenwordensein geben. Auch "Brot für die Welt" ist eine Frage der Ehre. Ich muß was vom Überfluß abgeben. Einigen das Leben retten- das ist doch Gnade, es zu dürfen. Ganz abgesehen von der politischen Diskussion, auf welche Kosten wir in den ökonomisch so effektiven Ländern leben, wir mit unsern hohen Zöllen und dem Energieverbrauch.- "Es muß nicht schmerzen, aber ich solls merken"-soviel jedenfalls abgeben aus Erbarmen, das muß sein, sonst ist doch alles Christentum gelogen.Wenn ich denke, ich müsse noch vorsorgen, könne noch nicht abgeben, dann muß ich noch Lohnknecht des Lebens sein- und jeder Bettler, der lachend mit einer Stange Brot und Rotwein mit  Kumpeln das Leben feiert, hat mehr begriffen als der reiche arme Schlucker.

„Freude nehme bei uns ihren Anfang, Haß komme bei uns zu Ende”  wenn uns das mehr gelänge, dies Sichhinhalten, dies Unmut vom andern abziehen- Pfeile von Verachtung ablenken, in die Bresche springen, Schuld auf sich nehmen. Gewalttätige ansprechen und sie lassen sofort von ihrem Opfer ab, halten sich an dich, mich, gemessen an den Schlägen, die andere schon einstecken mußten, habe ich noch was abzukriegen. Du auch? Sie ist verheißen, "die wunderbare Gegengabe des Schwachen, daß dieser den Starken zart mache” (Robert Musil).  Wir müssen sie aber wollen.

 

Das Fernsehen ist voll von Massakern, gestellten und realen. Der Heckenschütze, der Schläger mit Nazislogans, der Killer mit irren Liedern oder Gebeten auf den Lippen im Klassenzimmer,  sie sind auch Konzentrate von allgemeiner Gewalt oder schauen sich beim Morden zu als wären sie im Film, sehen sich zum erstenmal ernst genommen weil im Fernsehen. Wenn wir keinen guten Gott mehr haben, dem wir gehören, dann kann das Verlangen übermächtig werden, selber Allmacht zu spielen und Gericht zu vollziehen. Das kann eine furchtbare Umkehrung sein des Entsetzens, daß es auf mich überhaupt nicht mehr ankomme. Auch, weil man sich wie den letzten Dreck behandelt sieht, hält man sich dann auch für solchen und verwandelt Schönes in Dreck und zerschlägt, was funktioniert.

 Das einzige was hilft, ist Liebe. Und wieviele Drachen besänftigt wurden, wieviele wandelnde Bomben nicht zur Sprengung kamen, weil Dämpfung aus Freundlichkeit gelang- ach, Gott, laß uns noch Zeit, daß wir Sympathie unter die Flügel geben, selbstheilende Kräfte anschieben, sanftmachen dadurch, daß bei uns sich der Sturm legt. Und jeder möge einen haben, der ihm zeigt: Gut, daß du da bist; gut, daß du du bist.

 

 

 

III Unsere Mitgeschöpfe, die Tiere

 

 Aus einem Brief von Frau Brigitte A. aus Odenthal: "Ich habe auch das Sylter Tierheim besucht, dort saß und sitzt u. a. ein Schäferhundmischling namens „Sly” ein, von seinem vorigen Besitzer abgemagert und ungepflegt abgegeben. Trotzdem trauerte der ca. 8-jährige Hund diesem Menschen, der sein Zuhause war, nach. Ich würde mir für diesen inzwischen wieder lebensfrohen braven Kerl, der seine Aufgabe als treuer Behüter von Haus und Familie erfüllt, ein gutes Zuhause wünschen. Ich weiß, es gibt einen Platz für ihn, bitte helfen sie mit, ihn zu finden."

 Ich will wieder mehr Achtung vor Tieren haben. Sie gehören wie wir zur Schöpfung: In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt.” (Hiob 12, 10). Und Martin  Luther versichert: "Ich glaube, daß auch die Hündlein und Belferlein in den Himmel kommen, und daß jede Kreatur wahrhaftig eine Seele habe." Ja,"ganze Weltalter voll Liebe werden notwendig sein, um den Tieren ihre Dienste und Verdienste an uns Menschen zu vergelten" (Christian Morgenstern).

Vom Ursprung her hat Gott Mensch und Säugetier an einem Tag, in einem Schöpfungsabschnitt geschaffen und uns an den gleichen Tisch der Gaben Gottes gewiesen. Nicht durch Gottes Gebot ist Töten und Schlachten in die Welt gekommen, zunächst sollte der Mensch sich nähren von den Früchten des Feldes. Auch später  war Fleischverzehr den Reichen vorbehalten, Fleisch gab es an  Festen und waren dem Opfer vorbehalten- Gut, daß wir wieder bewußter essen lernen. Unser Verbrauch von Tieren ist sündhaft.-

 Gott hatte ursprünglich die Menschen in den Garten gesetzt, ihn "zu bebauen und zu bewahren" (1. Mose 2,15- herrlich, schon hier der ökologische Auftrag.) Der Baum mitten im Garten zentriert die Welt um Gottes Willen, die Tiere führt er zum Menschen, auf daß er mit ihnen rede und ihnen Namen gebe, sie sich zuordne. Noch in der Sintflut werden die Tiere paarweise mit der Menschenfamilie gerettet. Und das Ruhen am Sabbat gilt auch für die Tiere. Aber mehr und mehr werden die Tiere zum Besitz, der auch verzehrt werden kann und der Befehl: "Macht euch die Erde untertan” (1. Mose 1,28), wurde mißverstanden als Freibrief, sich der Natur rücksichtslos zu bedienen, was die Tiere zu Rohstoff oder "Biomasse” herabstufte.

Einsamer Rufer blieb im Christentum der Heilige Franziskus, der zur Verwandtschaft mit Sonne und Mond fand, den Tod als Bruder anredet, der die Waldtauben zähmt durch seine Worte und milden Augen auch den wilden Wolf von Gubbio ohne Angst ansprach und den Fischen predigte. -Albert Schweitzer, der Urwaldarzt von Lambarene, großer Orgelspieler und großer theologischer Wissenschaftler, später  Friedensnobelpreisträger, erzählt, wie Tiere zu seinem Alltag gehörten: "Zum Glück nicht Schimpansen, die die Schrankschlüssel blitzschnell drehen und dann wegwerfen, die sich in jedes Bett legen und die Hühner jagen", so erzählt er.  -"Alle Tiere benehmen sich zurückhaltend, außer den Affen. Man spürt, daß der Mensch nicht fern ist” ( C. Michael Cioran)-. Aber die Papageien Suku und Kudeku, der Hund Caramba, die Antilopen, und das zahme Wildschwein Josephine gehören zur Familie. Im Zusammenleben mit den Tieren hat Schweitzer das Gesetz gefunden, das uns allen einleuchten müßte: "Du bist Leben, das Leben will, inmitten von Leben, das Leben will.”

Doch wir sind noch weit von diesem Respekt entfernt. Gedankenlosigkeit und Profitgier sind uns nah: Die Haustiere, die nach Weihnachten abgegeben werden oder  in der Urlaubszeit einfach auf dem Rastplatz ausgesetzt werden; die Höllenfahrten der subventionierten Schlachtvieh transporte in den Nahen Osten, und nur eine Information: Haifische, rund 350 Arten, vier davon können dem Menschen gefährlich werden. Sie ernähren sich von Algen, Krebsen, Fischlarven, die sie mit ihren Kiemen wie mit einem Sieb aus dem Wasser fischen; Sie sind ohne Schwimmblase, ihre riesige ölhaltige Leber verschafft ihnen Auftrieb. Die Schwangerschaft der Dornhai-Weibchen dauert 22 Monate; erst mit 20 Jahren werden sie fortpflanzungsfähig.  Jedes Jahr sterben wohl 10 Menschen durch Haie, aber 50 Millionen Haie werden durch Menschen getötet und zu Fischmehl verarbeitet. Das Schlimmste: Die Flossen bringen auf Asiens Märkten pro Kilo 100 Dollar. Für die begehrte Suppeneinlage schneiden Fischer den Haien bei lebendigem Leibe die Flossen ab. Die bewegungsunfähigen Tiere sinken auf den Meeresgrund und verenden erbärmlich (Mensch und Tier 1/97)- Und die afrikanischen Elefanten und Nashörner, die vietnamesischen Kragenbären, und der BSE-Wahn und die Tierquälerei an Rennpferden.

 

Dank an die leidenschaftlichen Mitmenschen, die die Öffentlichkeit aufrütteln. Oft braucht es wochenlange Recherchen. Nur wenn Mißstände an die große Glocke kommen, kann es wenigstens kleine Erfolge geben: Nach langem Ringen ist jetzt die Frischzellentherapie verboten und bei der Kälbermast ist ab jetzt die Haltung in Einzelboxen untersagt.

Dabei, was verdanken wir den Tieren nicht alles.  Als wir Kinder waren, hat das Meerschweinchen, das Häschen uns doch wunderbare Gefühle gemacht, das erste Lebendige, das uns anvertraut war. Und die Gespräche zwischen Herrchen bzw. Frauchen und Hund: Wie sie ihre Stirn in Falten legten, uns zum Durchhalten ermutigen; wie sie von Träumen geschüttelt scheinen und wie sie seufzen und vor Behagen grunzen, wie sie so herrlich geregelte Verdauung haben und einfach so sind, wie sie sind, auch so hocherfreut, wenn man zurückkommt und so wachsam knurrend gegen den gemeinsam Nichterwünschten. "Wer warst du, ehe du Hund wurdest?”  könnte man fragen und schon Anhaltspunkte finden für Seelenwanderung. "Jeder Hund ist besser als kein Hund", sagt Konrad Lorenz. 

Oder die Katze: "Mißtrauen, Wollust, Egoismus, ich möchte sagen, das konzentrierteste Tier. Und die Selbstachtung der Katze ist außerordentlich,” sagt Christian Morgenstern; und Fernando  Pessoa: "Ich habe Katzen den Mond anschauen sehen, und ich weiß nicht, ob sie ihn nicht für sich haben wollten."

 Auch Jesus hält uns die Natur als Lehrstück vor: Schauet die Vögel, sehet die Lilien (Matthäus- Ev. 6, 26, 29) lernt von ihnen, sie sind im Zusammenhang, aber ihr seid nicht mittig, ihr seid verrückt. Dies Unrundsein des Menschen hat natürlich damit zutun, daß unser Innerstes uns oft voran ist in Vorsorge oder Vorfreude , oft auch hinter uns zurückbleibt in Nachsinnen. Jesus lockt nicht zurück auf die Bäume..- Aber bei all dem Grübeln und Zersorgen könnten wir etwas von den Tieren annehmen- etwas von der wunderbaren Fähigkeit, jetzt hier zu sein, im Augenblick ganz da- und das "Leben und Leben lassen."

 "Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere"-  das Wort des Alten Fritz zeugt auch von Selbsterkenntnis und Menschenverachtung. Und verwechselt einiges. Liebe zum Tier ist ohne Konflikte, ohne Entwicklung, idyllisch, ist  nicht von gleich zu gleich. Der Hund ist seinem Herrn treu, nicht einem andern Hund.  Hat der Mensch nichts anderes, dem er treu sein kann, ist das auch Armut. Aber ein Hund, dein Hund meint schon dich persönlich; Homer erzählt von Odysseus, der seine vielen Kriege und Irrfahrten hinter sich gebracht hat und nach Hause kommt und nur von seinem Hund Argus erkannt wird. Es ist auch das Sterben für beide Seiten ein großer Schmerz; wer ihn erlebt hat, verzichtet oft auf ein neues Tier.

 Auch gedacht sein soll an die unendlich viele Arbeit der Kaffernbüffel, Pferde, Esel, Elefanten, Kamele. Und sie  machen Jammer- die Legebatterien, Lachskäfige und Schweinefleischfabriken, die Testformationen. In der Frühzeit wußten die Menschen noch, daß sie sich für das Töten ihrer Jagdbeute zu entschuldigen haben. Wir müssen wieder die Mitgeschöpflichkeit lernen, wieder mal Vieh auf der Weide anschauen, uns vertiefen in die Augen einer Kuh- dann werden wir sehen, wie das Tier eine Seele und ein Schicksal hat.

Der Satz irgendeines alten Theologen: "Deus est anima brutorum- Gott ist die Seele der Tiere” (Fernando Pessoa). Animal, auf Lateinisch: das Tier, überhaupt das Lebewesen; und anima heißt ja die Seele- die Verknüpfung birgt was Geheimnisvolles.  In der Bibel heißt es: Gott ist das Lebendige in allem Fleisch (4.Mose 16, 22).

 Jedenfalls bleiben die Tiere den Menschen auf der Spur, wir bleiben verwickelt in eine gemeinsame Zukunft: Noch ist Mühe und Seufzen, aber, sagt Paulus: "Auch das ängstliche Seufzen der Kreatur wartet auf die herrliche Freiheit der Kinder Gottes" (Römer 8, 18). Und die Friedens- sehnsucht hat wohl kein schöneres Bild gefunden als das des Propheten Jesaja, 11. Kapitel: "Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen, und ein Kind wird Kälber, Löwen, Mastvieh miteinander hüten und Löwen werden Stroh fressen und nirgends wird mehr gesündigt und das Land ist voll Erkenntnis Gottes."

 

 

Du sollst nicht ehebrechen -  Das sechste Gebot (2. Mose 20,14)

       Liebe und schütze Ehen

 

 

Und Gott baute aus der Rippe des Einen die Andere. Da sprach der Mensch: Das ist ja  Bein von meinem  Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Darum wird jeder Mensch Vater und Mutter verlassen und an seinem Gefährten hängen und werden die zwei ein neues Ganzes (1. Mose 2, 22. 24).

  In einer Diskussion über die Ehe sagt Jesus: "Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden." Die Pharisäer  halten Jesus entgegen: "Und warum hat Mose einen Scheidebrief erlaubt?" Jesus antwortet: "Wegen der  Härte eurer Herzen; vom Ursprung her, vom Wesen der Liebe her, ist es anders gedacht"( (Matthäus-Ev. 19,6-8).

 

 Das Ehebruchs-Verbot stellte in Israel die Ehe des andern Mannes unter Schutz. Einer sollte nicht den andern um seine Frau berauben. Du sollst ihn nicht töten und nicht an sein Eigentum gehen- die nächsten Gebote zählen das Eigentum nach der (damalige) Gewichtigkeit auf: Ehefrau, Ehre, Haus, "und alles, was sein ist"; im zehnten Gebot  taucht die Frau nochmal auf mit und vor Knecht und Vieh.

Es ging im sechsten Gebot nicht um den Schutz der Liebe, auch nicht um den Schutz der Frau. Die Frau ließ sich leicht wegschicken; ihr einen Scheidebrief ausstellen, das ging jederzeit- man hat sie ja mal den Eltern abgekauft. Eine neue Frau heiraten oder einige noch dazu sich beigesellen durfte der Mann jener Zeit, wenn er wohlhabend genug war.

"Ehebruch war die Verletzung von Rechten des Ehemannes durch den Ehebrecher. Untreue des Ehemannes war juristisch unerheblich" (Uwe Wesel). Als Schutzsatz für des andern Ehebesitz ist das Gebot gänzlich abgetan. Keiner gehört einem. Wir bleiben auch in der Ehe je eigene Personen, eigenes Rechtssubjekt. Auch ließe dieses Gebot, wörtlich genommen, alle Unverheirateten ohne Weisung.

 Vielleicht heißt das sechste Gebot eigentlich: Du sollst lieben. Oder als Zusage: Du, Gottes Mensch,  liebst. Und wenn du einen derartig liebst und von ihm so geliebt wirst, daß ihr eine Sache miteinander machen wollt, bis daß der Tod euch scheide, dann ist das Ehe, aus der du dich nicht brechen willst, die du nicht zerbrechen willst und auch keinen anderen willst du  aus seiner Ehe brechen. Aber Ehe muß der Liebe dienen.

 

Ja, der Traum vom Paar, das in ewiger Liebe einander anvertraut ist, dieses Bild ist vom Ursprung her uns mitgegeben. Und die Katholische Kirche wagt diesen Traum in der irdischen Ehe zu institutionalisieren; das Paar gibt einander die Eucharistie, sie geben einander den Leib Christi, von dem sie ein Teil sind als das ewig für einander zugeschnittene Menschenpaar; darum ist Scheidung auch prinzipiell unmöglich. Evangelische Kirche traut auch Geschiedene, sie macht auch die Ehe nicht zum Sakrament- zu riskant ist für ein Sakrament  diese Verknüpfung von Menschenwille- der auch purer Eigensinn sein kann- und Gottes Wille. Für Luther ist Ehe ein "weltlich Ding", das sicher Dank und Fürbitte haben soll- einen Gottesdienst anläßlich der Eheschließung- aber kein Eid, kein Gelübde soll gegeben werden,  wohl eine Willenserklärung unter Gebet, daß diese Beiden sich annehmen wollen  aus Gottes Hand, bis daß der Tod sie scheide- dazu Bitte um Segen; vor allem, daß die Liebe bleibe.

 Evangelische Kirche gibt keine Garantie, daß die beiden das Paar sind, das vom Himmel bestimmt ist zur ewigen Liebe. Wohl ist in uns das Bild vom Paar gelegt, doch dieses verkörpern in Gestalt der Ehe bürgerlichen Rechtes ist ein anderes Ding. Und wenn die Zwei sich eins wissen, immer wieder einig werden zu wollen, ist das ihr Wille; und sie dürfen ihn als Gottes Willen glauben- und der Pastor/die Pastorin dürfen über ihnen sagen: "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden."

 Doch den einen verwirklicht sich der Traum vom Paar in einer lebenslänglichen Ehe, anderen mehr in Gestalt eines Reigen. Paulus riet energisch zur Ehelosigkeit. Diese  aber muß ja nicht geschlechtslos gelebt werden; nachdem zuverlässige Empfängnisverhütung möglich ist, ist der einzige Grund für "Keuschheit" als Tugend dahin.-Eine  persönliche Entscheidung zu  zeitweisem oder dauerndem Verzicht auf Liebe mit Leib und Seele kann erhellende Freiheit für andere Intensität bedeuten. Aber das Sich-körperlich-vermeiden als ethische Leistung, als "gutes Werk" ausgeben, ist Willkür.

 Enthaltsamkeit hat im biblischen Rahmen sowieso einen schlechten Stand. Im zehnbändigen Wörterbuch zum Neuen Testament steht zu "enkrateia”, -Selbstbeherrschung, geschlechtliche Enthaltsamkeit: "Es ist auffällig, welche äußerst geringe Rolle in der biblischen Religion die Enthaltsamkeit spielt. Das Wort taucht in der Bibel nur an drei Stellen auf (u.a. Galaterbrief 5,22) Durch den Schöpfungsglauben war der Weg in die Askese verstellt. Judentum und frühes Christentum erkannten in der Welt mit ihren Gaben Gottes Schöpferhand.” Auch Jesus als asexuelles Wesen zu denken, ist verstiegen, wenn nicht doketistisch, also irrlehrend, als habe Gott nur scheinbar Menschenverkleidung angenommen. Wenn in Jesus "das Wort Fleisch wurde" (Johannes-Ev 1,14) und er "den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde" (Philipperbrief 2,7), dann gehört Geschlechtlichkeit selbstverständlich zu Jesus- auch wenn offen ist, wie er sie gelebt hat- Für jüdische Theologen ist ein "Rabbi" selbstverständ lich verheiratet und Vater vieler Kinder- wäre das bei Jesus nicht der Fall gewesen, hätte er nicht als "Rabbi" gegolten. Maria-Magdalena war ihm gut und er ihr, von einem Jünger heißt es, "daß er ihn besonders liebhatte" (Johannes-Ev 13,23)- die Abendmahlsbilder mit Johannes innig an JesuSchulter bewahren sicher eine liebevolle Wahrheit- wie auch immer,  mein Jesus hat mit Leib und Seele geliebt und ist auch umfassend geliebt worden.   

 

Das sechste Gebot gebietet zu allererst mal Aufmerksamkeit für das weite Feld der irdischen Liebe. Es ist  Gottes schönste Erfindung und innigster Vorgeschmack auf Himmel und Vollendung. Sie steht nicht nur der Ehe zu,  Liebe in Freundschaft und Ehe ist Thema des sechsten Gebotes.

 Liebe war schon, als Ehe noch gar nicht war, und da wir alle Liebe brauchen, suchen, geben, finden, auch vor oder nach Ehe, auch ohne Ehe und oft auch neben der Ehe, ist erst zu reden über das Lieben und dann auch über Ehe als eine Form, eine Liebe zu schützen und zu entfalten.

 Unsere Anschauung von der Liebe ist unverlierbar geprägt durch die Schöpfungsgeschichte, die einer mal "die wahre Sage” genannt hat. Gott schafft den Menschen als Mann und Frau, sodaß einer beim Anblick des andern jubelt: das ist ja meins, das ist ja Ich noch einmal, noch einmal anders.

Das Paar ist  auch die Entdeckung  der schönste Gestalt , wie Zusammen-

gehören irdisch abzubilden sei: Die Zwei die beisammen sind nicht in Unfreiheit, auch nicht in Freiheit (im Sinne von Gewährenlassen bis zum Desinteresse) sondern  in Verbundenheit (nach Martin Buber).  Gott steckte den Menschen mit  Paarlust an; die fühlt schon bei Pflanzen und Tieren hauchweise vor; man denke an die Blüten und die Schnecken.

 

Aber dann, in den Menschen kommt die Lust, sich zu verknüpfen zu lichterloher Bewußtheit. Eins "erkennt" den andern- so das alttestamentliche Wort für Miteinanderschlafen (z, B 1. Mose 4,1). Der Mensch findet erst in Rücksicht auf des andern Sein zu seiner eigenen Seele, zu seinem eigenen Leib.  Eins hilft dem andern als Spiegel, sich zu finden.

 So ist die Liebesumarmung ein heiliges Geschehen, ein neuer Schöpfungstag immer wieder, zwei Bruchstücke erleben sich als verwandt, sie reichen sich einander als Brot und Wein der Communio (Novalis),  sie schmecken sich und können sich riechen, sie fühlen sich eine Strecke weit ausgebootet aus der Pflichtzeit, Puzzles, die schon wenigstens an einer Seite zum Ganzen gehören; Zwei verschmolzen für Augenblicke Ewigkeit. Da gelingt das Wunder von Ganzsein, wo keiner mehr an sich denkt, sondern beide aufgehoben sind zu einer Kugel in Gottes Händen. Es könnte dies ein Gleichnis sein für das Wieder-zur-Einheit- Zurückfinden, das uns mit dem Himmelreich ja bevorsteht. Weise Juden sagen: "Es sind drei Beweise für die Existenz Gottes: "Die Sonne, der Sabbat, die Liebesumarmung." Und Marie L. Kaschnitz: "Die Blüte irdischer Liebe gabst Du mir zum Pfand fürs Reich des Geistes und der Güte."

  Und noch inniger, eigentlich nicht zu sagen, nur gewahrzuwerden im Lieben: "Gott schuf den Menschen zu seinem Bild als Mann und Frau" (1. Mose 1,27). Gott, der Ganze hat in seine Menschen die Suche nach Ganzwerden eingesät, hat uns als fiktive Hälften geschaffen, die ihre Ergänzung immer suchen, sie immer auch für kurze Zeit genießen dürfen, wie brüchig auch immer Doch auch diese Findezeiten sind erst und nur Ouvertüren, begnadete Anfänge, Schlüssellochblicke in Richtung Einganzeswerden mit Allem und Jedem.       

 Was von Leib zu Leib gelingt, ist gefährdet; Hilde Domin sagt es : "Du und ich/ Von Warm nach Kalt/ wie schnell das geht/ Haut und Gänsehaut.” Schnell kann Argwohn das Paar zerspalten. Daß zwei sich lieben, bestätigt: Gut daß du da bist, gut, daß es dich gibt; erst mal ganz unabhängig, wie lange und wie oft sie sich gut sind, sie werden von einander gehen, gestärkt in dem Wissen: Ich bin liebenswert, ich bin liebesfähig.

Auch wenn ein Lieben endet, nimmst du doch mit diese wunderbare Gewißheit: du hast zum Glück mindestens dieses einen Menschen beigetragen. Und der fand Liebenswertes an dir. Wenn ihr euch verliert, dann bleibe euch mindestens als Essenz des Gemeinsamen:  Geliebthaben, Geliebtwordensein bleibt bei einem jeden von euch und wird die nächsten Phasen der Liebe mit färben.

 

Das Lieben ist unsere Bestimmung.In diesem Sinne sagt Peter Handke: "Jeder Kuß ein Segen." -Vielleicht  werden wir dermaleinst  Rechenschaft geben müssen für die versäumte, ausgelassene, nicht gelebte  Zartheit-  den Kindern, dem Ehegefährten und jedem Menschen, der unsere Nähe gebraucht hätte; aber wir waren zu solistisch, zu angepaßt, eifersüchtig, blind, dogmatisch, träge, phantasielos. -Sicher gibt es auch voreilige Küsse, aufgezwungene, leere, heiße Luft eben, und der andere hat es als Versprechen genommen. "Mit der Liebe spielt man nicht", könnte auch meinen: "Du sollst nicht geliebt sein wollen, wo du nicht liebst" (Friedrich D. Schleiermacher).

 Wundersam, daß in der deutschen Sprache nur ein Wort da ist, wo die Griechen viele haben: Eros, Agape, Filia, Epithymia- Erotik, Nächstenliebe, Freundschaft, Leidenschaft; wir haben nur: "Liebe”.  Und wie wahr: Auch Nächstenliebe ist doch eine Abteilung der Liebe; Liebe womöglich die höchste Stufe und extremste Form von Nächstenliebe” (Peter Nadas)? Die Wechselseitigkeit ist das Köstliche am Lieben, glückhafte Liebe gibt  beim Nehmen und  nimmt beim Geben. Im Ideal anzuschauen beim Kind an der Mutterbrust- wer stillt da wen?

 Liebe als Quelle der Freude dürfen wir genießen in vielen Formen und Farben; die umfassendste ist sicher die Ehe  aber auch ein gelingendes Gespräch, ein befreiendes Wort in peinlicher Situation, ein versöhnliches Lachen, ein gemeinsames Tafeln, ein Beten, Freundlichkeit aller Art ist vom Schatz der Liebe genommen. Deren köstlichste Perlen aber schenken ein umfassendes Ja; zwei  suchen eins im andern so was wie Unterkunft ,wenn nicht gar Heimat.

 Es gibt viele Bindekräfte; die Sexualität aber ist Kern des Magnetfeldes, das uns zueinander hinzieht. Es ist wohl Gottes menschenfreundlichste, aber auch tiefgründigste Erfindung; "Wir sind Engel mit nur einem Flügel. Wenn wir fliegen wollen, müssen wir uns umarmen” sagt Bellavista.

 

 Auch die vielen anderen  Farben sind enorm kostbar und anziehend : Die intensive Sympathie, mit dem anderen zu leiden, weil sein Leid als Stich ins eigene Fleisch empfunden wird; mit dem anderen sich freuen, noch die Fußballspieler mitbejubeln, oder die Baumhäuser der Kinder mitbauen. Gemeinsames, das mehr Möglichkeiten eröffnet,  und das Schöne -  Mozart, Picasso, das lächelnde Antlitz des Passanten- bestätigen doch den Glauben an ein Gutsein des Ganzen.

 Also nicht der Einzelne im Meer von Fremdheit, bis er seine Dublette gefunden hat und die beiden dann in einem Zweipersonenböötchen auf einem Meer des Grauens sich aneinander festklammern. Sondern Liebe entwickelt das Bild vom polar getönten Kosmos, von einer auf Freundschaft gestimmten Menschheit, die Jesus ausruft, eben auch, indem er nicht heiratet, nicht Familie gründet.

Jesus ruft die Familie Gottes aus: die patriarchalischen Druckmittel zerbröselt er: "Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder und Schwestern und wer der Größte unter euch sein will, sei Diener aller" (Matthäus-Ev. 23, 8,11). Er drängt auch die matriarchalischen Begehrlichkeiten zurück. Zu Maria sagt er einmal: "Frau, was gehts dich an, was ich tue" (Johannes-Ev. 2, 4). Und "Bruder, Schwester, Mutter sind mir die, die den Willen Gottes tun" (Matthäus-Ev. 12, 50). Der sterbende Jesus bzw. der auferstandene Christus sagt zu Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen: "Frau, das ist dein Sohn; Johannes, das ist deine Mutter" (Johannes 19, 26f). Sie werden zueinandergestellt, einander anvertraut; nicht mehr Genetik oder Juristik verbindet sie sondern die Liebe, die das Zuständigsein füreinander lebt. Liebe ergänzt das Bedürftigsein auf eine sehr persönliche Art von Angesicht zu Angesicht. Aber auch das Rote Kreuz oder der ADAC lieben: Helfen ist doch die Mutter der Liebe.

 

 Ehe ist Institutionalisierung des Wunders - Ehe will sich annehmen aus Gottes Hand, sich lieben und ehren , in Freud und Leid nicht verlassen, bis daß der Tod sie scheidet. Dabei ist Liebe nicht zu bannen. Aber muß es so aufgeteilt sein: "Es gibt das sinnliche Verlangen, sich mit einem andern Wesen zu vereinen, und das vernünftige Verlangen, einen Lebensgefährten

zu haben"- Albert Camus sagte das, aber er sagte auch: "Ehe ist die einzige Liebe ohne Illusion, nämlich die Liebe mit der Bereitschaft, gemeinsam alt zu werden."  Generell läßt sich wohl nur sagen: Ehe muß der Liebe dienen. Aber sie kann es auch. Ehe ist  Bleiben; was heute nicht gelingt, gelingt vielleicht morgen oder nächstes Jahr- Ehe ist auf Dauer angelegt, will ein gemeinsames Haus aus Sprache und Erinnerungen, Projekten,  will gemeinsames Konto,  Bestehen von Mühen und Schrecknissen, Bereiten von Glanz und Festen.  Gemeinsame Kinder, wenn möglich; sie gemeinsam erziehen und irgendwann sie in ihre eigene Zukunft laufenlassen.

Ehe ist Kenntnis vom Andern, inklusiv dem Verschwiegenen und Nichterfragten; ist wissen was ihm gut tut und ihm weh tut- wissen wie weit man nicht zuweit gehen darf- das Wissen, was im Konflikt Priorität hat, und daß es den den gemeinsamen Gewißheitskern zu schützen gilt. Ehe sucht zu vermeiden, was das Bleiben zerstörte.

  Ehe ist zutiefst Freundschaft und gutes Verhältnis zur Zeit- die Bedürfnisse wandeln sich; wohl den Beiden, wenn sie sich Geleit geben, ohne alles  an Ergänzung von dem einen zu verlangen. Ehe findet im Laufe des Weges zu der ganz bestimmten, höchst individuellen Wahrheit- gerade den Geliebtesten braucht man ja am meisten, ihn will man am wenigsten enttäuschen, darum wird viel geschont- und geschönt eben auch. "Man hat immer einen Zeugen"(Javier Marias). Das ist nicht jedes Menschen Sache. Sich nah sein und doch sein Eigenes machen, will gelernt werden."Sag einfach, wie es mit dir ist" (Ruth Cohn)- aber selektiv authentisch-alles zur richtigen Zeit. Und viel Lachen auch über sich selbst, sich komisch finden, langsam auch Verwandtschaft im Humor. Und eine Streitkultur finden, die beiden Raum läßt und immer neu austariert, welche Nähe, welche Distanz jetzt bekömmlich ist. Und viel  Vergebung, besser noch, nicht so viel schuldig machen durch Vergeben sondern den eigenen Anteil mit übernehmen, und sagen, denken: "Nicht leicht du zu sein, ich zu sein; zusammen gehts."   

 Großzügigkeit im Laufe der Zeit , durch die Finger gucken, nicht verhören, nie Fallen stellen;  nur fragen, was man muß und abwarten können, bis er/sie selber sich regt. Aus der Mengenlehre gelernt haben: Viel gemeinsame Schnittmenge, aber auch je eigene Teilmenge. Jedem auch sein eigenes Stück Garten, das der andere nur eingeladenerweise betritt. Und "Hauptsache: Du bist glücklich; das Zweitwichtigste: mit mir."

   

Und die Beute an Geld, Erfolg, Freude draußen mit nach Hause bringen, umgemünzt. Und wachsende Gelassenheit, was Freundschaften hinzu angeht. "Wir müssen uns frei machen von der Vorstellung, als mache sexuelle Treue schon eine gute Ehe oder ohne diese sei eine gute Ehe unmöglich", weiß  Max Frisch. Wie Entbehrung und Mangel bestanden werden, auch die verschiedenen Tempi und daß die Körperfreude  möglicherweise dem einen sehr wichtig, dem andern eher weniger wichtig ist- wie das "Einer trage des anderen Last mit" (Galaterbrief 5,2) in dieser Ehe gelebt wird, bleibt die Arbeit dieses Paares. "Liebe ist: nicht zuviel vom andern zu erwarten"- wie die Beiden das umsetzen, wie die Gezeiten der Liebe in der Ehe ausgehalten bleiben, das macht jede lebendige Ehe zu einem Wunder.

  

 Es ist Frucht einer zweitausend Jahre alten Christentumsgeschichte, inklusiv der von Kirche teils ungeliebten Aufklärung, daß die Würde des Einzelnen unantastbar ist, auch in der Ehe. Dazu gehört, daß jeder Mensch Zweck in sich selber ist und nicht zum Zweck gemacht werden darf. Darum sind auch alle Ehekonzepte absurd geworden, die den Zweck der Ehe in Kindern siehen oder/ und in der Kasernierung des Triebes. Ehe muß der Liebe dienen, das ist Wiederfinden der Wahrheit des Ursprungs.  

   Die Schriftgelehrten gehen im Streit mit Jesus (Matthäus-Ev. 19) das Thema ganz anders an: Ehe ist für sie eine juristische Körperschaft wie Nation oder Firma mit Gesetzen und Klauseln. Und wer der Stärkere ist, der hat von Klauseln und Kleingedrucktem immer mehr Nutzen als der andere. Und ganz klar, die Schriftgelehrten von damals waren Männer, und die Männer wollten ihre Herrschaft in der Ehe nutzbringend anwenden: Wohl ist die Frau Herrin des Hauses, aber doch in des Herren Haus und doch von des Mannes Gnaden, und wenn sie Zicken macht, muß es möglich sein, sie loszuwerden ohne große Abfindung. Sie ist die Mutter seiner Kinder; es bleiben seine Kinder. Sie ist ja abgekauft dem Schwiegervater, jetzt soll sie sich bezahlt machen. Darum war auch selbstverständlich  die Steinigung als Strafe für die Ehebrecherin (Johannes-Ev.8) Jesus kann die Richter (diesesmal ) bekehren zur Einsicht, daß sie selber gelüstende Gedanken haben: "Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."-Jesus entzieht den Männern ihr  Besitzdenken als Ehebasis- und lockt sie heim in Richtung Liebe. Die Pharisäer hielten es für Männerrecht, die Frauen austauschen  zu können. Jesus sagt, wegen eurer Herzenssklerose ist euch die Möglichkeit zur Scheidung von Mose eingeräumt. Ihr denkt bei Ehe an Besitz . Aber Ehe beleiht doch den Traum vom Paar, Ehe hat doch mit Liebe zu tun; die ist vom Wesen her ewig und überhaupt kein Feld für Machtworte.  Eheleute sollen sich nicht scheiden lassen. Der Glaube, Gott habe sie zusammengefügt und gebe die tägliche  Ration Liebe, der soll sie gemeinsame Sache machen lassen, bis daß der Tod sie scheide . Aber wenn dieser Glaube sie verläßt, sind sie schon von der Liebe Verlassene, und dann muß nach langem Mühen  ein Auseinandergehen möglich sein.

 

Paulus sieht Ehe nur verkniffen, nur als Notinstitut gegen umtriebiges Liebesleben- "Es ist gut für den Mann, keine Frau zu berühren. Aber  um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede frau ihren eigenen Mann... besser heiraten als sich in Begierde zu verzehren... Aber jeder hat seine Gabe, der eine so, der andere so. Jeder soll so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie er einen jeden berufen hat" (1. Korintherbrief 7,1.2.7.9.17) -Doch darum, Paulus, schade, daß du sagst es sei gut, daß keiner den andern anrühre.  Es hat doch jeder seine, jede ihre Gabe , der/die eine so, der/die andere so. Dabei hast du tief geblickt: "Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann und der Mann verfügt nicht über seinen Leib, sondern die Frau" (v.4) und empfiehlst , nach Symphonie zu streben (v.5) und nicht einander sich  zu entziehen und du hast mit   1. Korintherbrief 13. Kapitel das gewaltige Gedicht von der Liebe( ...mit Menschen- und mit Engelszungen..) eingegeben bekommen. Warum du so abwertend von der irdischen Liebe denkst, wer weiß, was du erlebt hast,  warst ja auch ein gehetzter Mensch, ein Missions-Workaholic;  dachtest, gleich ginge die Welt unter.

 Für Martin Luther ist die Ehe ein emanzipatorischer Akt, er beweist sich und anderen den Bruch mit dem Papsttum; verneint einen Sonderweg für Kleriker, bestreitet ihnen, auf eine weihevollere Ehe mit Kirche und  Maria versiegelt zu sein. Auch Luther sieht die Ehe nicht als Projekt der Liebe sondern als Status des freien Christenmenschen und als Projekt für anständigen Nachwuchs: "Gott ehrt den Ehestand damit, daß er ihn durch sein Gebot bestätigt und bewahrt... Denn es liegt ihm alle Macht daran, daß man Leute heranziehe, die der Welt dienen."

Die Wahrheit ist: Die Ehe muß der Liebe dienen. Gott implantiert in uns ein Stück seines Wesens. Sein Wesen ist Liebe, Zuneigung, Empfindung für das Andere, Wille zur Gemeinschaft. Mit dem anderen, der anders ist  aber ähnlich,  communio herstellen, das ist Gottes Anliegen. Und so schafft Gott einen Kosmos, der auch wieder so gebaut ist, nämlich polar, in Gegensätzen, die zueinander gehören. Mann und Frau ist eines dieser Gegensatzpaare, in denen Gott sein "Im- anderen- sich- Wiederfinden” nachbaut, nachstellt, nachfühlt.  Gott setzt dem Menschen diese kleine Flamme seiner eigenen Liebeskraft ein: seine Polarität.

Und so muß der Mensch auch wieder zum anderen hin, muß im anderen sich finden, mit dem anderen gemeinsame Sache machen, sich sättigen daran, daß er ihm seinen Hunger stillt, muß sich an seiner Freude entzünden, an seiner Wärme sich erwärmen Und wenn einer die Kälte des anderen auftaut, dann macht ihn dies Auftauen zum Frühling. So sehnt sich jeder Mensch nach einem Du als Hilfe. Und sucht den Einen/die Eine. Da ist die Angst, den geliebten Menschen nicht zu finden oder ihn zu verpassen, ihn zu verschrecken, ihn zu enttäuschen, ihn nicht halten zu können; da ist die Angst, ihn zu verlieren. Es ist die Angst vor dem Vergleich, das Zittern, verlassen zu werden, oder daß die Liebe überhaupt erkaltet, die Angst vor dem Tod der Liebe.

 Die Ehe nun ist dazu da, die Liebe, eine Liebe, die wichtigste Liebe zu schützen. Jesus sagt, was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Wenn zwei von der Liebe zusammengefügt sind, wissen sie, daß Gott sie für einander meint; die Liebe ist ja Gottes Atem, Gottes Treibkraft, zuständig zu werden füreinander.

 Ehe soll die liebste, die längste Liebe schützen, indem sie die beiden kennzeichnet: Dieser Mensch, zu ihm will ich mich bekennen, seine Einmischung erbitten, von ihm begleitet und behaftet sein- gemeinsames Schicksal,  gemeinsames Konto, Erbschaftsregelung eingeschlossen.

 Sicher war früher die Fortexistenz der Sippe das Wichtigste, darum waren  Kinder und Mehrung des Besitzes nötig, darum Ehe selbstverständlich für freie Bürger. Heute bezieht der Einzelne sein Personsein nicht mehr davon, daß er Glied einer Kette ist.  Jeder Mensch ist wunderbar, hochwichtig. Nicht erst die Zugehörigkeit zu  Ehe, Familie oder Staat machen zum Menschen. Das haben wir begriffen.-Bald zweitausend Jahre brauchte dieses Jesuanische Wissen, daß es Wurzelgrund einer Ethik der Achtung werde.

 

Was das Rechtsinstitut Ehe im Gesamtpaket beschafft, kann heute auch  ohne Standesamt einzeln vor dem Notar geregelt werden. Und doch- jede Liebe will dauern und gewinnt durch Dauer. Sie gewinnt durch Wiederholung, durch Riten Institutionelles. Es ist doch nicht so, daß wir uns jeden Tag von Grund auf neu entscheiden zu einer Liebe. Wenn sie die große Liebe ist, hält die Liebe, bis daß der Tod sie scheidet. Wenn sie die große Liebe ist, ist sie von Gott verfügt. Wenn sie verfügt ist, merken es beide. Wenn es nur einer merkt, ist es nicht Gottes Wille, sondern Illusion und Traurigkeit. Ist es aber die große Liebe beider, ist es Tragik, wenn sie nicht gelebt werden kann.

 Auch eine bestehende Ehe kann zerbrechen um der großen Liebe willen. Es ist ja eben nicht so, daß durch eine rechtliche Eheschließung oder durch eine kirchliche Trauung oder gar beides zusammen garantiert würde, daß Gott sie zusammengefügt habe. Die Trauung ist Hoffnung, aber keine Bescheinigung des Willen Gottes. Die Paare kommen zum Pastor, zur Pastorin und sagen, sie wollen heiraten, wollen den Segen, wollen mit Kirche heiraten, hoffend, daß Gott sie für einander meint. Sie haben ein Recht auf die Trauung, wenn das Standesamtliche geregelt ist. Aber ob es die durchtragende Liebe ist, das wird sich erweisen. Und nur, wenn es die große, die langwährende Liebe wird, die "alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles duldet dem Nächsten zugut" (1. Korintherbrief 13,7) hat Gott sie füreinander für so lange gemeint. Jedenfalls hat sie Gott nicht für die Qual gemeint. Und darum ist es gut, daß Scheidung möglich ist.

 Oft bleibt ja Zuneigung; und Befreundung kann wieder wachsen, wenn man sich, fürsorglich ausgerüstet, in die eigene Biographie entläßt. Wenn sie sich nicht mehr verstehen, befruchten, befeuern, nicht mehr einander die Schwächen tragen helfen sondern  einander ihre Fehler verdoppeln; wenn sie  häßlich werden und von einander gelangweilt- dann hatte die Liebe ihre Zeit.. Die Beiden sollen eine Durststrecke aushalten, das sind sie ihrer Geschichte schuldig und der Liebe, die ein großer Brunnen war-ist- war, das wird sich zeigen; wenn sie sie erst mal auseinander rücken.

  Aber wenn der Vorrat von lebendigem Wasser erschöpft ist, wenn nichts mehr den andern schön macht- dann, wenn die Ehe der Liebe nicht mehr dient, nicht mehr die Liebe behaust, diese aufgezehrt ist und die Ehe nur noch kaltes Gehäuse, wird; Gefängnis wird, wo (nach Martin Walser) die beiden wie Chirurgen aneinander rumschneiden und immer besser wissen, was weh tut-  dann müssen sie von einander lassen, bei aller  auch weiterhin gebotenen Fürsorge.

 Die Ehe kann der Liebe helfen, aber die Ehe kann die Liebe nicht garantieren, wie ja der Eid auch nicht die Wahrheit garantieren kann und Jesus typischerweise den Eid verbietet.

Ehe ist die besondere Kennzeichnung einer Liebe; die eine umfassende Lebensgemeinschaft gestaltet. Und sind Kinder gewährt, dann trägt man erst recht mit das Gewicht der Welt- wer da Ehe zerbricht, macht die Liebe nicht groß. Die Liebe macht die Ehe groß, soll sie groß machen. Das Bild von dem Paar, das altgeworden auf der Bank sitzt und alle Stürme miteinander bestanden hat, ist wohl das Urbild von Glück in unserer Seele.

  Aber auch das Paar, das sich gefunden hat, nachdem beide ihren Lebensweg fast schon hinter sich gebracht haben, und die jetzt völlig ohne soziale Verpflichtung in reiner gegenwärtiger Liebe im Altenheim gut sind füreinander auch dieses Paar bietet ein starkes Bild. -

 

Alle von der Liebe zueinander Verfügten soll der Mensch nicht scheiden. Es ist großer Schmerz dabei, wenn der weite Horizont "bis daß der Tod uns scheidet” einstürzt. Es ist Wehmut und Schuld und Wut dabei, aber keiner will nur Treue, jeder will ja Liebe. Und die ist Wunder, ist nicht zu versprechen. Darum sagen sie bei der Trauung auch: Ich will dich lieben und ehren”, nicht: Ich werde...” Was wir tun werden morgen, wissen wir erst im Laufe des morgigen Tages. Es kann sein, daß man auch seinen Ehegefährten lassen muß, wenn einer meint, daß er seine große Liebe woanders blühe.

  Manche Brautpaare fragen, ob man "bis daß der Tod euch scheide" durch eine flexiblere Formel ersetzen könne, weil ja die Dauer unabsehbar ist. Aber gerade dieser weite Horizont der Ehe schützt die Liebe- soweit wünschen wir uns einander; bis an den Horizont: Tod wollen wir uns begleiten. Und wir brauchen die Zeit, um Liebende Menschen zu werden, mindestens bis ans Grab, wenn nicht darüber hinaus. Ob es gewährt sein wird- man muß es leben, um es zu sehen.

 

Die Liebe, die nicht aufhört (1. Korintherbrief 13,13), ist Gottes Zusammenhaltefreude, ja, die Liebe, die nicht aufhört, ist Gott selbst. Unser Lieben ist begrenzt, ist endlich; schon wenn wir eingeschlafen sind, träumen wir jeder seins.

 Unser Lieben hat viele Gestalten, hat Phasen und Farben, hat Höhen und Tiefen, hat Sehnsucht nach dem/der Einzigen und  auch nach dem/der Unbekannten- Homer erzählt von Odysseus, als er nach langer Irrfahrt zurückgekehrt war zu seiner ersehnten treuen Ehefrau Penelope: In der Fremde hatte er Heimweh nach Zuhause und hier hat er auch "Heimweh nach der Heimatlosigkeit".

 In keiner Verbindung werden wir rund und ganz, immer ist das Ganze mehr als die Teile unseres Liebens. Unsere Bruchstücke Liebe aber sind Gestalt von Segen.

 Auch homosexuelle Liebe ist Gabe Gottes und muß endlich von Argwohn und Verachtung freigehalten werden. Nicht jeder ist von eindeutigem Geschlecht. Wir sollten aufhören, Angst zu haben vor Andersartigem. Die Meinung, nur Heterosexualität wäre gottgewollt, stammt aus der Zeit, da Fortpflanzung als Sinn der Sexualität galt, da schwächten gleichgeschlecht- lich Liebende nur das Vaterland. Wir leben aber in anderen Zeiten und  sind im christlichen Glauben auch freigesprochen zu unserm eigenen Gewissen in sexuellen Angelegenheiten.

 Auch geht die sexuelle Orientierung des Nächsten mich gar nichts an, es sei denn, wir gehen uns sehr an. Geschlechtsleben unter Erwachsenen hat jedem öffentlichen Interesse entzogen zu sein. Wer dies Privateste zweier Menschen auf den Markt zerrt, der begeht ein Sakrileg, "der schmeißt Perlen vor die Säue" (Matthäus-Ev 7,6). Das gilt für Vorgesetzte und Kollegen, Nachbarn, Freunde und Freundinnen, auch für Zeitungen und Lesende. Es gilt zu bedenken: "Die größten Schwierigkeiten hat man nicht mit den Menschen, denen man Unrecht tut, sondern mit den Zeugen der Angelegenheit, die sich freiwillig zum Richter aufwerfen" (Honore' de Balzac). Aber auch Dank an alle, die Diskretion walten lassen.

  Früher war Sexualität fürs Kinderkriegen da, die Freude gab’s hinzu als Spesen für die Mühe der Aufzucht. Durch zuverlässige Empfängnisverhütung ist uns ein anderer Umgang mit der irdischen Liebe eingeräumt und geboten. Das schöne Zusammenschwingen von Körper und Seele ist uns von Gott geschenkt zum Feiern der Liebe, zum Fühlen der Güte des Lebens. Wer abwertend von "Trieb” redet, lästert den Schöpfer. Das Zärtlichsein, das die Liebenden erfreut, ist gute Gabe des Lebens. Gut, wenn zwei Sichzugetane die "Komplizenschaft im Verlangen" (Albert Camus) dankbar annehmen als eine ihnen zugestandene und auch zugemutete Gestalt der Liebe. Eine Freundschaft hat ihr Recht und ihr Glück in sich, wenn sie Dritten nichts wegnimmt, nicht sich an einander versklavt, sich stärkt für Alltag und Nötiges.-

Zwei bilden ein Paar in den Bedingungen und Grenzen; sie empfinden miteinander Frieden und Dank. Sichern wir unser Selbstbestimmungsrecht, indem wir das der anderen verteidigen. Haben wir doch Mut, zueinander zu finden und die Welt stehen zu lassen. Wer liebt und geliebt wird, der liebt auch Gott und die Welt, liebt und ehrt einfach alles wieder mehr, findet auch das Eigene erneuert und farbenreich und geht gestärkt wieder an sein  normales Gute.

  Die Liebe, die bleibt, ist Gott selbst. Unser Lieben sind Fasern, Verkörperungen Gottes in der Zeit, gegossen in Leib und Willen und Vorstellung von uns Menschen, mit kurzen und langen Phasen. Segen sucht Gestalt, wie kurz oder lange unser  Zugehören auch währt. Es gibt die Liebe eines Augenblickes, es gibt die Liebe einer Nacht, die sein mußte wegen dieses in dieser heiligen Stunde  ins Existieren gerufenen Kindleins; es gibt Drei-Tage-Lieben, die  nach langer Verschlossenheit  jetzt die  Welt umrundet, es  gibt Drei-Jahres-Lieben, die beide hinreichend verwandelt hat, sodaß sie von einander lassen können ; es gibt  lange eigentümliche Parallelgeschichten, und Lieben, die  erst nach langen Ehen und Scheidungen jetzt  gelebt werden können. Es gibt Ehen ohne Liebe, viel zu viele; und Lieben ohne Ehe, zum Glück auch viele, es gibt die Liebe neben der Liebe. Und es gibt gelingende Ehen, das Bündnis, mit diesem Menschen für immer alles, fast alles, zu teilen. Und es werden auch Diamantene Hochzeiten gefeiert mit den frischen Generationen; und wenn einer am Krankenbett des andern sitzt, Hand in Hand und einer betet still, der ander möge doch noch bleiben dürfen; und der andere betet still, Gott möge dem Zurückbleibenden beistehen, dann lieben sie sich inniger denn je.

Also schütze Ehen, deine, andere, überhaupt und lebe dein Lieben, such dein Dich-Verflechten, wie es dir selber gefällt. 

 Und Gott schützt die Liebenden. In je ihrer Form liebevollen Beieinanders gehe ihnen auf, wie ihr Gemeinsames -auch auf kleiner Flamme- etwas hat von der Energie, die die Gestirne bewegt. Da wir stets uns selbst zum Trotz geliebt werden wollen, das aber nur Gott in Gänze  geben kann, erleben wir liebend, geliebt, ja Atemzüge (Inspiration=Beatmung)  von seinem Wesen. Und können in Hochzeiten sagen. "Ja, lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod  und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und ist eine Flamme des Herrn" (Das Hohelied Salomos 8,6).

 

 

 

  Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten -Das achte Gebot

(2.Mose 20,26)

 

Du sollst kein falsches Gerücht verbreiten; du sollst nicht einem Schuldigen Beistand leisten , indem du ihm falscher Zeuge bist (2. Mose 23,1)

Du sollst nicht als Verleumder umhergehen; du sollst nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben (3. Mose 19, 16).

Halte dich ferne von einer Sache, bei der Lüge im Spiel ist; du sollst dich nicht bestechen lassen, denn Geschenke machen blind und verdrehen die Sache derer, die im Recht sind ins Unrecht (1. Mose 23,7f).

Das ist´s aber was ihr tun sollt: Rede einer mit dem andern Wahrheit und richtet recht, schafft Frieden in euren Toren, und keiner sinne Arges in seinem Herzen gegen seinen Nächsten und liebt nicht falsche Eide; denn das alles hasse ich, spricht der Herr (Sacharja 8,16f)

Leite mich in deiner  Wahrheit (Psalm 25,5)

Sende dein Licht und deine Wahrheit (Psalm 43,3)

Seine Wahrheit währet für und für (Psalm 100,5)

Wenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaft meine Jünger und ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen (Johannes-Ev 8,31f)

Der Geist der Wahrheit wird euch in alle Wahrheit leiten (Johannes 16,13).

Die Liebe freut sich nicht über die Ungerechtigkeit , sie freut sich an der Wahrheit (1. Korintherbrief 13, 6)

 

Martin Luther: Wir sollen Gott lieben, daß wir nicht lügen, betrügen, afterreden oder bösen Leumund machen, sondern den Nächsten entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

 

 

Falsch Zeugnis reden wider den Nächsten- der erstrangige Ort dafür ist das Gericht; als falscher Zeuge auftreten und mit einer Lüge den Täter freireden, das Opfer um sein Recht bringen, ist sträflich, ist Abschneiden der Ehre.  Neben dem Schutz des Lebens, der Ehe, des Besitzes ist Jedem der Schutz der Ehre des Nächsten aufgegeben.Wie einer in der Öffentlichkeit dasteht, das ist weitgehend Sache seines Rufes. Der Ruf aber ergeht einem, ist Meinung der anderen- sicher mit Anhalt an der Person, aber wie wir den andern scheinen, das ist ihre Meinung, das ist ihr Bild, das ist unser Ruf.

  Damals gab Ministerpräsident Barschel sein Ehrenwort, (mit der Steueranzeige gegen Engholms  nichts zu tun zu haben), aber "man" glaubte ihm nicht, vorverurteilte ihn als Lügner und deutete seinen Tod als Eingeständnis, als Selbstmord, obwohl die Umstände, ob Mord oder Selbstmord nie geklärt wurden.

 Ein anderes Drama um Wahrheit und öffentliche Meinung und verbindet sich mit  dem Unfalltod der Prinzessin Diana. Zu Tode gehetzt von gierigen Reportern- behauptet ihr Bruder, obwohl Trunkenheit des Fahrers und viel zu hohe Geschwindigkeit feststehen.. Doch das Ausmaß der Trauer rund um die Erde kommt wohl aus einem Ahnen, daß wir alle(?) ungebührlich viel abhaben wollten von dieser "Königin der Herzen", und sie formten nach unserer Fasson .

 Die Zeitungs- und Fernsehmeldungen haben, schon weil Bilder verlangt werden, einigen Anhalt an der Wirklichkeit. Doch per Computer kann jede Information als wirklich ausgerufen werden, per Internet produziert ein Gerücht selbsttragende Realität, jede Information kann wie ein Virus sich ausbreiten. In der Natur sind Viren genetische Codes, verpackt in eine Proteinhülle; Sie dringen in den Körper ein und bringen die angrenzenden Zellen dazu, deren Code  zu reproduzieren. Ist ein Virus erfolgreich, wird die menschliche  Zelle zur tödlichen Virusfabrik. - Ein Medienvirus ist eine Information, die attraktiv verpackt, Medienkonsumenten mit schwachem Abwehrverhalten zu begeisterten Vervielfältigern dieser Information machen, die dann angereichert und ausgeschmückt, ein selbsttragendes Medienereignis wird, wobei die Ursprungsmeldung oft nicht mehr erkennbar ist (Die Zeit 40/97).

 Wir sollen kein falsches Zeugnis von der Wirklichkeit geben, weder in aufgebauschten Geschichten aus der Nachbarschaft, noch in ehrabschneidenden Andeutungen über Kollegen; weder als Anschwärzen eines Geschwisters bei den Eltern, noch als selbsternannter Rächer mit Anzeigen meines Feindes wegen Steuersünden; auch nicht mit  Jubelarien auf Poititiker; auch nicht mit "Falschmeldungen aus dem Himmel" (Max Frisch) und  auch nicht als  dubiose Wissenschaftsartikel.

  Aber die Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit  und die Freiheit der Kunst sind kostbar- das Gebot, nicht falsch Zeugnis zu reden, muß ergänzt werden: Sei wachsam, kritisch, sei nicht dösig, sei nicht gierig, belogen zu werden. Du selber bist mit verantwortlich, daß man dir und anderen nichts vorgaukelt. Du sollst die Lügner nicht mästen, die Rattenfänger sollst du entlarven helfen. Vor allem in der Religion, in der Politik und im Essen haben wir ein Recht auf Erkenntnis, was dran und drin ist.

 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, heißt auch: du sollst dir kein falsches Bild von andern machen.  Wenn wir uns von Gott kein Bild machen sollen, wir Menschen sind aber ihm ähnlich, dann ist es sicher nah an der Wahrheit, daß wir auch vom Nächsten uns kein Bild machen sollen. Immer neu und staunend sollen wir ihm begegnen. Aber doch wenigstens zu Nächsten brauchen wir Vertrautheit.

 Bei Begegnung mit Fremden beleihen wir immer Bilder der Erfahrung, wissen "auf den ersten Bick", ob er uns sympathisch ist oder wir ihn lieber meiden sollen- der Körper weiß es vor unserm Bewußtsein. Diese Technik hat die Menschheit überleben lassen- gespeichert sind eigene Erfahrungen aber erst recht die der Vorfahren- dauern greift ein inneres Sensorium die Raster ab und gibt Signal: geh näher ran, der/die hat was Gutes für dich; oder halte Abstand.  Alle, die wir lieben, versammeln die Vorgeliebten; Sie schwingen mit und unterfüttern die aktuelle Liebe mit Purpur des vormals Geglückten. Und was uns abstößt hat schon eine lange Geschichte- schon beim Suchen von Namen für die Kinder kommen viele nicht in Frage, weil sie für uns besetzt sind von Menschen, die uns  nicht begeistern.

 Gerecht ist dies Auswählen nach Symphatie nicht. Das rührt an einen schmerzlichen Bruch in der Menschheit. Wir sind so abhängig von Lust und Nase. Der große Regisseur Visconti sagte, man sähe sich Filme nicht mit den Augen an sondern mit dem Bauch. Der erste Blick der Männer auf Frauen gilt ihren Augen, der erste Blick der Frauen auf Männer soll deren Zähnen gelten- wer weiß warum. Um so wichtiger ist, daß wir einen zweiten Blick wagen, neue Erfahrung zulassen, uns neue Bilder wünschen.  Und wo es um Glück oder Unglück des Nächsten geht, wo es um seine Würde geht, eben auch vor Gericht ,daß wir uns da um Wahrheit mühen.

 Wahrheit setzt sich zusammen aus Fakten und Bedeutung, eine Sache ist das Objekt,  das Spuren hinterläßt , ein anderes ist Meinungen, Deutungen, Einschätzungen. Das eine sind die Tatsachen, meßbare, zählbare; das andere sind Interessen, Gefühle, Wertschätzungen, Ängste. Eins ist der geldschein, ein anderes, was ich damit mache. Die Sachen sind Auslöser von Bedeutung. Was aber bedeutet wem was und warum, das gehört zum Bereich, wo was als wahr gilt. Und wer sagt was, darf was sagen? "Nicht die Tatsachen sind wichtig, sondern was über die Tatsachen gesagt wird" (Aristoteles). Darum sind die Meinungsmacher so wichtig und  gefährdet, die der Vergebung wohl bedürftigste Zunft. 

 

"Sag´s ehrlich, lüg nicht rum." Wir haben die Forderung noch im Ohr, sie war, sie ist demütigend, läßt keinen Ausweg, man steht nackt da, überführt, die Beweise liegen offen.-

Aber wer hat ein Recht auf mein Ehrlichsein. Bill Clinton ist von einer Frau wegen sexueller Belästigung vor Gericht gebracht worden.Und abgesehen davon, daß ein Beschuldigter nicht gegen sich aussagen muß, lautete die erste Frage des Staatsanwaltes, ob er je  mit einer anderen Frau außer seiner Ehefrau geschlafen hätte. Ich hoffe, Bill Clinton oder seine Verteidiger haben dem Gericht die Unzulässigkeit dieser Frage klar machen können. Denn wer, außer höchstens der Gatte, die Gattin hat ein Recht, zu wissen, mit wem (noch) der/ die Angetraute  innige Nähe pflegt. Einer Anzeige wegen Gewaltanwendung muß sich jeder stellen, aber die Frage, ob Clinton außerehelich geliebt hat, erbringt nichts zum Thema Gewalt, soll aber das Publikum schon gegen ihn einnehmen. Wer hat ein Recht  auf meine/deine  Ehrlichkeit?

 Der Lehrer fragt den Jungen höhnisch: "Na, hat dein Vater heutenacht wieder betrunken im Straßengraben gelegen"? der Junge verneint:"Mein Vater war zu Hause und ist heute morgen zur Arbeit gegangen, wie sonst auch."-Der Junge hat die Wahrheit gesagt,  er hat  der Liebe zwischen Vater und Sohn die Ehre gegeben. Der Lehrer hat die Wahrheit beschädigt, weil er den Jungen nötigte, seinen Vater dem Spott auszusetzen( Das Beispiel stammt von Dietrich Bonhoeffer).

Anrührend ist auch Jurek Becker's Geschichte "Jakob der Lügner"-der gibt an seine verzagten jüdischen Mitgefangenen im Warschauer Ghetto Durchhaltekraft aus; geschöpft aus völlig geheim abgehörten Radiosendungen. Die melden, daß die Alliierten täglich  näherrücken und die Befreiung stehe unmittelbar bevor. Mit dem erlogenen Radio hat Jakob viele aufgerichtet.

 "Was ist Wahrheit?” fragt Pilatus den Jesus  es gibt doch nur Meinungen, schwache und bewaffnete eben. Ein freundliches Wort und ein Gewehr überzeugen mehr als nur ein freundliches Wort, so Pilatus.  Aber Jesus schweigt, dies Machtwort knackt ihn nicht. Die Substanz, die Seele von allem, die Wahrheit  ist Gottes Lieben. Lieben ist die Essenz von allem, bildet das Wesentliche von mir uns dir, baut das Beziehungsgeflecht. Darauf spricht Jesus den Pilatus an; der trumpft auf: "Weißt du nicht, daß ich Macht habe, dich loszugeben oder dich zu kreuzigen?" Und Jesus: "Du hättest keine Macht, wenn sie dir nicht von oben her gegeben ist"- also wende deine Macht an, wie du es dich "oben" zu verantworten getraust (Johannes-Ev 18,38f).

 Jesus verspricht, in die Wahrheit zu leiten und sie werde uns frei machen. Das ist ein Nachhauskommwort, ein Netz des Zusammenhaltes spannt sich auf, darin sind wir getragen über Wassern der Angst. Statt verworfen zu werden und nicht zu taugen, gehören du, ich  zu einer Wirklichkeit, die dein, mein Bleiben für wichtig hält. Dies sei dein, mein wichtigstes Wissen: Du bist Angesprochener, du bist auf Wechselseitigkeit mit Gott geeicht, du bist Jesu Bruder, Schwester, auch Geschwister des Petrus, der dreimal verleugnete und Jesu Blick fängt ihn auf: Ich weiß, du konntest nicht anders. Du willst mich retten und willst dich retten- dich Sünder liebe ich Jesus/ Christus/ Gott.

 Wenn das die Wahrheit ist, in die wir geleitet werden, dann haben wir den Punkt  für den Zirkelfuß der Wahrheit. Du hast Stand in der Gewißheit: Gott liebt dich und deinen Nächsten auch. Das schlage um dich/euch  einen Raum der Wahrheit. Wir sind einander anvertraut und zugemutet, sind einander gegeben um  zu lieben und  einer dem andern die Last mitzutragen (Galaterbrief 5,2) und unterwegs einander siebenmal siebzigmal zu vergeben (Matthäus-Ev 18,22). Und dann gehört zur Wahrheit auch das Ungesagte.

 Wie weit reicht der Schirm der Wahrheit? Über die Ehe hin und die Freundschaft?   Liebe kann Verschwiegenheit brauchen  und Freunde, die Gerüchten entgegentreten. Wer an einem Gerücht Anteil hat, weiß ja etwas, das andere (noch) nicht wissen.  Er wird Vertrauensperson und entscheidet selbst darüber, wen er wiederum ins Vertrauen ziehen will.- Er hat damit Macht, Anteil zu geben. Diese Macht nicht  zu nutzen, ist hoher Verzicht; manche bringen die Größe auf und schützen mit Stillschweigen  ein Geheimnis, das gehütet, Frieden stiftet, das aber vor alle Augen gezerrt, Skandal wird.

 Freundschaft bewährt sich gerade darin, daß man die Macht des Mitwissens nicht mißbraucht, sondern die Schwäche, das Geheimnis in seiner Brust verschließt. "Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren"- das ist  wunderbarer Freundschaftsdienst, zur Not mit einer "Notlüge", damit Unberufene nicht ihre Nase weiter reinstecken, sondern sie sich trollen. "Liebe deckt der Sünden Menge" (Sprüche 10,12), auch unter Freunden und Freundinnen.

 Der Schirm der Wahrheit möge auch unsere Arbeitsverhältnisse schützen. Vertrauen wir einander, setzen voraus, daß jede/r es gut machen will. Hier betrügt keiner- das soll  die Basis sein bis das Gegenteil schreiend vor Augen liegt. Schon, wenn der Arbeitgebende fragt, ob die Frau schwanger sei, ist er nicht unter dem Schirm der Liebe: die Frau darf lügen, weil die Frage eine verbotene Geschlechterdiskriminierung darstellt (Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz, AZ 2Sa 103/97). Die Kehrseite könnte sein, daß jemand generell nur Ältere einstellt, weil diese überraschungsfrei ihre Arbeit tun. -So  kann, was zum Schutz gedacht ist- das Verbot der Frage nach Schwangerschaft- ausschlagen zu Diskriminierung aller jungen Frauen. 

 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden- ist positiv gewendet der Lockruf : "Vertraue und sei vertrauenswürdig." Wenn wir mißtrauen, dann reden wir schon nicht mehr miteinander sondern duellieren uns, hören nicht sondern verhören, sprechen nicht sondern lauern auf Versprecher.

Dann, wenn wir uns nur weh tun mit Wahrheit, dann laßt uns lieber wieder lügen (Martin

Walser).Wahrheit als Waffe  zum Fertigmachen ist schlecht. Aber sie kann wenigstens mit dem Rücken an die Wand bringen, und endlich werden wir ehrlich.

 Unter dem Schirm der Liebe halte (nach Max Frisch) die Wahrheit hin wie einen Mantel, um hineinzuschlüpfen. Das Zusammengehören als die Wahrheit glauben, wäre die Rettung. Wir könnten uns mehr anvertrauen, dürfen mehr wir selbst sein, würden uns weniger verstellen. Doch  wir sagen nicht oft, was wir meinen, sondern sagen, was wir von uns gedacht haben wollen (Max Frisch). Gerade der Nächste soll nicht wissen, wie bedürftig man auch ist; Liebe will schonen; gerade der Liebste soll gut von einem denken, .man will ihn schonen und sich auch, will allein damit klarkommen, redet nicht über die Schulden, die Krankeit; oder die verschwiegene Freundschaft hält man verborgen, weil man dem andern nicht klar machen kann, was sie einem selbst bedeutet- und daß sie nicht aus Unzufriedenheit zustande kam sondern  Schicksal ist. Unter dem Schirm der Liebe kann auch die Lüge in der Wahrheit sein. 

  Wir sind komplex und kompliziert. Wir würden gerade den Liebsten gern den Helden geben, gern  verwöhnen, sie einmal mit der Goldenen Kreditkarte zum großen Shopping schicken, und den Kindern, Enkeln die Reitstunden zahlen; einmal König sein in den Augen der andern-, "als Schnecke sich an einen Menschen drücken und zur Anakonda werden" (Botho Strauß),  vieles wogt und webt in uns.

Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis: "Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest  wie ein Gutsherr aus seinem Schloss... Bin ich das wirklich , was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie

ein Vogel im Käfig,...Wer ich auch bin, du kennst mich,  Dein bin ich, o Gott."-

 Das meine Wahrheit sein lassen; Gott weiß. Und wir sind da, um uns das Leben zu erleuchten, nicht zu verdunkeln. Ob wir uns auf Menschen eingelassen haben, das werden wir gefragt, und wieviel Freude wir bringen mit dem, was wir verbrauchen, das bestimmt die Voltzahl unserer Person als Leuchtkörper der Gottesliebe.

Und die Wahrheit wird euch frei machen- dies Versprechen Jesu braucht unsererseits Vertrauen in Gott. Das macht zum freien Menschen; macht auch frei, zu sehen und zu hören, was wirklich ist- nicht, was sein sollte. Das läßt mich sagen, was ich denke- nicht, was ich denken sollte; fühlen, was ich wirklich fühle; nicht, was ich fühlen sollte; fordern, was ich möchte, nicht immer erst auf Erlaubnis warten, und ich lerne, das Risiko einzu- gehen, zu enttäuschen und enttäuscht zu werden und dann auf einer neuen Ebene der Erkenntnis mich wiederzufinden.

 Du bist frei zu sagen,was für dich wahr und falsch ist.  Du darfst echt werden, ehrlich werden, den aufrechten Gang lernen, zu dem stehen, der/ die du bist. Du darfst authentisch sein- aber selektiv, mit Rücksicht auf das Geflecht, vermeide möglichst die furchtbaren Anfälle von Aufrichtigkeit. Du darfst Wut haben, auch niedermachende Gefühle, aber du bist für die Folgen mit verantwortlich. Und alles hat seine Zeit (Prediger3).

 Wir sollten  sparsam sein mit Täuschen. Jeder ist freigesprochen, selbst zu entscheiden, was er/sie meint, verschweigen zu müssen. Was dir schwerwiegend genug ist, um ein Geheimnis zu sein, mußt du allein tragen. Aber es ist ein großes Glück, angenommen zu sein als der/die man ist. Und es ist harte Arbeit, mehrere Rollen zu spielen; aber manchmal bleibt dir keine Wahl als beide Seins aufrechtzuhalten und doch falle dir die Wirklichkeit nicht  in Sein und Schein auseinander, sondern von allen Seiten gottumfangen, kannst du sie hoffentlich in dir koordinieren, "klug und ohne Falsch" (Matthäus- Ev 10,16).

 Der Schirm der Liebe hilft auch am Krankenbett in die Wahrheit. Der Kranke hat das Recht zu bestimmen, was er wissen will und wann. Du hast nur das Recht, dem Kranken nah zu sein, wenn er es will. Nähe ist dann die Wahrheit.- Wir sind verschieden. Der eine muß immer wissen, wo er dran ist, der andere nimmt es, wie es kommt; der kann auch seinem Vertrauten einfach den Durchblick  seiner Krankengeschichte überlassen, will gar nicht vom bevorstehenden Sterben reden, will nur die Hand halten und hören: "Es wird gut, es wird schön, wir haben noch viel vor." Und wenn man von der nächsten gemeinsamen Reise erzählt oder vom gemeinsamen Geschäft, das gut läuft, weil der Kranke alles so gut eingefädelt hat, oder man redet von den Enkeln oder dem Hund zu Hause, dann ist die tieferliegende Botschaft auch da, die heißt: "Du geliebt, du gebraucht." Und das ist die Wahrheit, die den Himmel mit meint, auch wenn er mit Tapeten des Alltags bebildert ist. Oder nimm Musik mit ans Bett des Sterbenden - das Ohr stirbt als Letztes- vielleicht Mozarts A-Dur Klarinetten- konzert, soviel Sehnsucht spielt da auf, vielleicht kommen auch die Filmbilder dazu: das Liebespaar in "Jenseits von Afrika"- im klapprigen Flieger über der Serengeti- und man fliegt dahin, wo die Freiheit  grenzenlos sein muß- und Gott küßt einem die Seele fort.

 Ein Mensch kann wissen, daß seine Uhr hier abgelaufen ist, aber er wird von den Angehörigen festgehalten; und so muß er bleiben über die Zeit, weil er meint, nicht alleinlassen zu dürfen. Das kann er aber nicht sagen, um nicht dem geliebten Menschen  Egoismus vorzuwerfen; das könnte auch höchst ungerecht sein, weil der Nächste ja zeigen muß und will, wie schön es wäre, noch uralt zusammen werden zu dürfen. Und so ist irdisches Lieben oft auch eine seltsame Schleife - beide nehmen sich zusammen über ihre Kraft, weil keiner den andern einsam lassen will- und sind in der Wahrheit auf ihre Art. 

 

 Unter dem Schirm der Liebe gilt auch: "Du sollst nicht schwören" (Matthäus-Ev.5,34). Du sollst nicht Gott zu Hilfe holen, um glaubwürdiger zu scheinen. Ja, der Staat möchte sich gern in der Flut der lügenhaften Wirklichkeit eine Insel von Wahrheit sichern und degradiert gerade durch diese Umzirkelung alles außerhalb als Lügenwerk.

 Und Du sollst auch nicht den Schwur verlangen. Staat und Kirche holen sich Gott zum Wachdienst, bedrohen mit Gottes Zorn. Den Eid verlangen oder das Gelöbnis, soll Gefolgschaft sichern. Wer den Eid verlangt, will nicht vertrauen, sondern will festnageln können. Gut, daß wir in der Trauung keinen Eheeid ablegen. Wir dürfen frei sagen, was wir wirklich, von Herzen wollen, aber wir sind nicht die Herren über den morgigen Tag, wissen noch nicht, wer wir morgenabend sein werden.

 

 Damit ist auch Gott als Treiber des Werdens ernst genommen. Der ist die ganze Wahrheit, wir aber haben und sind nur Bruchstücke. Darum müssen  wir unser Vertrauenswissen und unser Sachenwissen zusammentun. Wir müssen kooperieren, müssen das eben jetzt Gewußte, Gefühlte, Geglaubte zusammenwerfen. Und  müssen es zum jetzt für uns Kooperierende gültigen Bild annähernder Wahrheit  zusammensetzen. Dies Bild hat viel mit einer Landkarte gemeinsam. Erstens sind ständig neue Auflagen nötig, weil ständig sich in der Wirklichkeit was ändert und weil die Darstellung immer zu wünschen übrig läßt. Vor allem: Die Landkarte ist nicht das Gelände. Alle Absprachen, was heute als wahr gilt, kann durch eine Liebe, eine Schicksal für die Betreffenden umstürzen. Und auch was "Ich" ist , ist mir nur ein Anhalt, und dem Nächsten doch wohl auch. Wir müssen leben mit vorläufigem Wissen, das falsifizierbar ist; das also an Bedingungen geknüpft ist, die sich ändern werden und dann ist auch dieses Wissen überholt.

  Stendhal sagte: "Was ist das Ich? Ich weiß es nicht. Ich bin eines Tages auf dieser Erde erwacht, ich finde mich an meinen Körper gefesselt, an einen Charakter, an ein Geschick. Soll ich mir vergeblich die Zeit damit vertreiben, sie ändern zu wollen, und dabei vergessen zu leben? Blösinn. Ich unterwerfe mich ihren Fehlern." Und ich sage hinzu: "Gott weiß, das genügt."

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Stehle nicht , giere nicht, raube nicht. Nutze deine Talente.    

      Das siebte, neunte und zehnte  Gebot (2. Mose 20,15.17.)

  

    "Du sollst nicht stehlen" (2. Mose 20,15).

    "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh, noch alles, was sein ist (2.Mose 20,17 ).

        Dazu Martin Luther in kurzen Worten: "Wir sollen Gott achten und                                 lieben, daß wir unserm Nächsten sein Gut nicht nehmen sondern es ihm helfen bessern und behüten."

 

"Stehle nicht" ist in der Bibel (2. Mose 20,15) zunächst gegen Menschenraub gesagt. Im neunten und zehnten Gebot ist dann das Eigentum insgesamt unter Schutz gestellt. Das zehnte Gebot sollte so nicht mehr weitergesagt werden- in patriarchalen Zeiten zählten Frau und Personal zum Eigentum des Mannes; auch schien es nur nötig, den Mann vor der Gier eines andern Mannes in Schutz zu nehmen. Für unsere Ohren ist das siebte Gebot umfassend: Stehle nicht. Dazu: Mach dich nützlich.

Aus Gebot neun und zehn sollte das "begehre nicht" aufgenommen werden  im Sinne: giere nicht, neide nicht, bringe nicht mit Betrug an dich. Gewarnt ist vor Stehlen mit noch mehr krimineller Energie. Dazu der Auftrag: Nutz deine Begabungen und fördere die deines Nächsten.

 

 Du sollst nicht töten- es ist die schärfste Form, wegzunehmen; Aber auch einen Menschen aus seiner Ehe brechen, und die Ehre (guten Ruf) wegnehmen und Eigentum nehmen- beschädigen die Person: Zu wem ich gehöre, was ich gelte, was ich habe- das gehört nah zu meinem Wesen. So bereiteten in Nazi-Deutschland auch das Ehrabschneiden, Berauben, die Ehe-bzw. Rasse-Ghettoisierung das kalte Ermorden der Menschen jüdischen Glaubens. Das Deutsche Reich entging immer wieder dem Staatsbankrott durch Aneignung jüdischen Vermögens.-

Haben oder Sein läßt sich so klar nicht auseinander halten. Sachen sind nah beim Menschen. Gewalt gegen Sachen greift bald auch die Menschen an, die sie schützen- das Problem aller Demonstrationen, die gewaltfrei bleiben wollen.

  Israel glaubte in kurzer, idealer Zeit, nur Gott kann sagen: "Mein ist das Land" (3. Mose 23,25); uns Menschen ist es nur geliehen- zu gutem Nutzen; darum ja Erntedankfeste; dem Geber der Gaben sei Dank- ihm werden die Erstlinge der Ernte gewidmet. Im  System der Erbpacht steckt noch das altisraelische Landrecht: Nach 49 Jahren fällt das Land wieder zurück an den Tempel, dann wird  Grund und Boden erneut ausgeliehen- Aber die Ausleihe an Bedürftige ohne Ansehen der Person verlor sich; auch  nahmen  Könige  und andere Herren in Besitz und setzten  Rauben mit Verheeren durch.

 Nomaden konnten mit Weiderechten- mal hier, mal da- auskommen, aber der Bauer muß wissen, daß er auch nächstes Jahr Anspruch auf das Land hat, wie sollte er sonst mit Lust den Acker bestellen zur neuen Ernte.

Wohl nie waren wir Menschen ohne Besitzdenken; aus dem Tierreich mitgegeben ist der Trieb, das eigene Revier zu sichern, Nahrung zu erbeuten und zu sammeln, dem Nachwuchs die Versorgung  sicherzustellen; Nächste zu verteidigen. All das ist von früh an Teil des Überlebenswillens, der uns zu gedeihen hilft. Auch die Lust an Werkzeug, an Material zur eigenen Verfügung war früh schon bei uns; die Lust sich zu schmücken; was Besonderes zu haben auch, um so als was,wer Besonderes zu gelten. Vielleicht fingen die Familienbande damit an, wichtig zu werden, daß die Männer ihre Lieblingswaffe weitergeben wollten ihrem Lieblingssohn, und darüber begannen sie zu fragen, wer denn überhaupt wahrer Sohn sei.

 Auch zahlte es sich früh aus, geschickt das Eigentum zu mehren. Genüßlich erzählt die Bibel vom törichten Esau, der so gern jagte und sein Erstgeburtsrecht für ein dampfendes Linsengericht vergab (1. Mose 27)- Jakob dagegen wurde der Stammvater vieler, auch dadurch , daß er bei seinem Schwiegervater die Herden nach geschicktem Vertrag so raffiniert vermehrte, daß er zuletzt reicher war als eben Laban, dem er 20  Jahre diente.      

 Das alte Israel hatte nichts gegen Besitz; im Gegenteil, er galt als Segen, der allen Dank wert war, der allerdings auch zur Barmherzigkeit verpflichtete. Materieller ist vom Segen wohl  nirgends  gesprochen als durch Jakob: "Wird Gott mich behüten auf dem Wege, und mir Brot zu essen geben  und Kleider und mich mit Frieden wieder heim bringt , so soll er mein Gott sein und ich will ihm einen Stein aufrichten als Haus. Und von allem, was du mir gibst, will ich dir den zehnten Teil geben" (1.Mose 28,20-22).

 

 Jesus sagte von sich: "Die Füchse haben Gruben, aber des Menschen Sohn hat nichts Eigenes, wo er sein Haupt hinlege"( Matthäus-Ev. 8,20). Dies sagte er nicht als Klage gegen die egoistische Welt; Jesus hatte genug Menschen, die sich drängten , ihn und seine Jünger aufzunehmen.- Lukas (8,3) berichtet von "vielen Frauen, die ihm dienten mit ihrer Habe:" Ich verstehe Jesus so, daß er es nicht für seine und der Jünger Sache hielt,  Besitz zu sammeln, sondern eben Menschen fürs Reich Gottes suchte, "Menschenfischer" sollten, wollten  sie sein.

 Es gibt Warnungen die Fülle gegen Geiz, Habsucht; Lockrufe genug zu Güte und gerechtem Teilen. Aber das Heimrecht im Reich Gottes muß nicht erst erworben werden durch gute Taten. Der Mensch wird nicht Gott recht durch Werke sondern ist Gott recht. Das ist Kern der Botschaft Christi. Gottvertrauen macht dann auch anderes wichtiger als Besitz, stimmt zur Güte, zur Freude, läßt hier schon teilhaben am beginnenden Reich Gottes. 

 Auch Jesus hat dem reichen Jüngling eigentlich das Reich der Freiheit eröffnen wollen- "er hatte ihn lieb" ( Markus-Ev.10,21f)- "der aber hatte viele Güter."- Ist das zu verstehen im Sinne: Er kam nicht los von seinen Pflichten, oder er hing an seinem Reichtum?

Durch die Christenheit ziehen  zwei Wege, Geld und Wohlstand einzuschätzen.  "Propagandistisch" ist das Bild vom schmalen Weg des Verzichtes und dem breiten Weg des Reichtums und Wohllebens ausgemalt als Schreckensbild der Erziehung früher. Dabei läßt  Jesu Gleichnis (Matthäus-Ev. 7,13 f) von der engen Pforte. die zum Leben führt,  die Füllung offen.   

 Jesus spricht in gewisser Weise frei von Versorge/ Versorgtsein-mentalität und lockt zu einer unbesorgten Art, das Leben zu führen. Wer sich  Jesu Freispruch gefallen läßt, muß sich um

nichts anderes mehr kümmern, als um Freundschaft und Nachfolge Jesu; "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch alles andere zufallen" (Matthäus- Ev. 6,33).

  Vom Kopf auf die Füße gestellt zu haben scheint Jesus sein Wort im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. (Matthäus-Ev. 25, 14-29). Dort heißt es ja: Trachte  nach Umsatz, Arbeit, Erfolg, dann wird dir das Reich Gottes schon zufallen.

 Die Geschichte geht so: Ein Besitzer rief seine Leute und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Talente  (eine griechische Münzeinheit damals, etwa fünf Zentner Silber), dem andern zwei, dem dritten einen; jedem nach seiner Tüchtigkeit. Macht das beste daraus, sagte er, ich gehe auf Reisen.

Nach langer Zeit kam der Herr zurück und forderte Bilanz. Da trat herzu, der fünf Talente empfangen hatte und legte freudestrahlend weitere fünf dazu. Sein Herr sprach: Gut so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; komm mit zum Fest. Es trat auch herzu, der zwei empfangen hatte, und sprach stolz: Herr, ich habe zwei weitere gewonnen, hier hast du vier zurück. Auch ihn lobte der Herr, gab ihm Verantwortung über mehr und lud ihn zum Fest.

Dann trat herzu, der ein Talent Silber empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wußte, daß du ein harter Mann bist: Du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst , auch wo du nicht ausgestreut hast; ich fürchtete mich, ging hin und versteckte dein Silber an sicherem Ort; gut, daß du wieder da bist, hier hast du das Deine.

Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wußtest du, daß ich auf Meins so achte, dann hättest du mein Geld wenigstens zur den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Nehmt ihm das eine ab und gebt es dem, der die zehn hat.- Es ist so: Wer nutzt, was er hat, dem wird gegeben, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht nutzt, was er hat, dem wird auch was er hat genommen werden. 

 

 Aus dieser Geschichte ist das Wort "Talent” in unsern Sprachschatz eingegangen für "Begabung”. Die Währung steht für Vermögen aller Art. Wie der Besitzer den Leuten sein Gut  anvertraut, so gibt Gott an uns aus, was wir "vermögen". Begabungen sind Gaben, sie gehören zum Kräftehaushalt der Schöpfung, wir sollen sie nutzen, sollen das Beste daraus machen. Und wir  werden gefragt, was wir zustandegebracht haben, dermaleinst. Diese Einladung, Rechenschaft zu geben würdigt uns. Wir sind zu einem Werk fähig und es ist ganz und gar nicht egal, ob ich was zustande bringe oder nicht.

Offenkundig ist auch die Wirklichkeit so veranlagt, daß wir sie gestalten, kultivieren, veredeln, bearbeiten sollen. "Kultur" stamm ab von colere: lat: beackern und anbeten. "Bete und Arbeite", der berühmte "ora et labora"- Mönchsauftrag hält auch das Wesen menschlichen Schaffens fest: Kultur ist, den Acker bestellen und den Kultus pflegen-die Religion.

 

Arbeiten macht meist Freude, obwohl wir eine Neigung zum Trägesein auch haben. Darum gut, daß uns unser Hunger auf die Beine bringt und Kopf und Hände in Schwung hält. Das Auskommen will erarbeiten sein aber auch Wohlstand und Vorsorge, Bequemlichkeit und  Effekivität , Arbeitserleichterung und Kunst wollen erworben sein, kosten also Mühe. Auch Reisen und Vergnügungen und Personal  zwecks Ausweitung des Betriebes haben ihren Preis und fordern Können- aber Wirken und Bewirken ist in uns angelegt.

 "Machen" und "Macht" wachsen auf einem Holz.  Wir haben auch Verantwortung dafür, daß Macht zum Nutzen vieler verwendet wird. Nur abwinken und die Macht fliehen, kann auch ein Stehlen , ein sich aus der Verantwortung Stehlen sein.

Wie wollen gern was machen und bewirken und bewegen- das bedarf nicht erst der Ermahnung. Es ist uns in die Wiege, ins Blut gelegt, etwas hervorzubringen und bringt ja auch stattliche Früchte. Zur Erstausstattung jedes Menschen gehört die Kraft, die Mutterbrust herbeizurufen; dann die Lust, Mutters Lachen zu gewinnen, dann zu nützen und was zustande zu bringen, Lob zu empfangen, ein Stück Stolz zu fühlen.  Der Weinbauer im Schwäbischen macht es vor: Wenn einer mosert über den sauren Wein, dann weist er die Schuld von sich: "Isch halt, wie der Herrgott hat's wachse lasse.” Lobt man aber den guten Tropfen, kröppt der Wirt sich auf: "Isch halt moi G’wächs.”

 Warum gingen die beiden ersten Kreditnehmer aus Jesu Erzählung tatendurstig ans Werk? Und der Dritte vergräbt seine Talente, warum? Es ist großer Schmerz dabei, wenn einem Menschen der ursprüngliche Elan abgewöhnt ist: Ängstliche Eltern können lähmen mit ihrem: "Tu dies nicht, tu das  nicht”. Um Phantasie und Neugier enteignet, entmutigt durch schnellere, durchtriebenere Geschwister, eingeschüchtert von großmäuligen Kameraden, auch hinerzogen auf Versorgtsein und Liebsein oder überfordert durch frühe Dressur zur Leistung tritt der mit dem einen Talent erst gar nicht zum Wettkampf an.

 Wer nicht arbeiten will, der kann es meist nicht (mehr), der ist früh gelähmt worden, vielleicht ist was geschehen, das ihn so entsetzt hat- über seiner Tat  blieb einem geliebten Menschen das Herz stehen, oder ein Brand brach aus- und er lernte, am besten sich rauszuhalten und nicht im Weg zu stehen indem er sich am besten unsichtbar machte. Oder der kleine Mensch wurde einfach nicht bemerkt, er konnte machen was er wollte, die Aufmerksamkeit bekamen immer andere, sie konnten alles besser. -Vielleicht war der Dritte, der mit nur dem einen Talent ja so dran- daß er bloß nichts falsch machen wollte- und der Herr hat gut reden- er hätte es auf die Blank bringen sollen- bei den Bankenpleiten überall. Aber so ist das Leben, es bestraft den, der sich unsichtbar macht, der sich dem Leben nicht hinhält, nichts riskiert. 

Was sollen denn die Begabungen, wenn ich sie nicht auf den Markt bringe, ich bleibe dem Leben meinen Einsatz schuldig und veröde; nur wer was macht, wird darin besser. Das nicht genutzte Talent, die vergrabenen Begabungen gehen verloren, wie Muskeln bei langer Bettlägerigkeit.  Dann braucht es eine(n) Masseur(in).

 Hätten die Begabten den Schüchternen an die Hand nehmen sollen? Sicher brauchen wir Lehrer und was Hänschen nicht lernt, kann Hans endlich nachholen. Wir haken ja nicht wie Schallplatten fest in einer Rille, wir sind noch lernfähig bis zum letzten Atemzug.

 Wenn Jesus Zeit gehabt hätte, dann hätte er sicher die Geschichte noch um einen Vierten ergänzt; der macht riskante Geschäfte, stieg hoch aber stürzte ab "als eine Teuerung ins Land kam"-(wie beim verlorenen Sohn-Lukas-Ev.15,14.). Hätte der Herr ihn umarmt, ihm seinen Einsatz vervielfacht? Es sähe Jesus ähnlich, so großzügig vom Gott  zu reden. Denn  das könnte die wahre "Sünde wider den heiligen Geist" sein (Matthäus-Ev. 12,32) aus Argwohn Gott für geizig zu halten- wie der ältere Bruder ja auch den Vater verkennt: "Du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden hätte fröhlich sein können". Und der Vater/ Gott, ohnmächtig vor verkannter Liebe, sagt: "Was mein ist, ist doch dein."

  Der mit dem einen Talent sah nur den harten Dealer, und wollte mit dem nichts zu tun haben, wollte sein kleines Leben im stillen Winkel. Aber das Leben will geliebt und gepflegt sein, eben kultiviert sein, von jedem, "seinen Fähigkeiten gemäß".  Das Leben läßt Irrtum zu, ja: "Versuche und irre"- und korrigier und versuche weiter- das ist  auch die Gangart Gottes in der Evolution, ist der Rhythmus des Lebens überhaupt. Darum ist die Wirklichkeit auch fehlerfreundlich, wieviele Irrtümer, und Sünden sind dir geglättet worden! Aber wer gar nicht kommt oder meist  zu spät, den bestraft wohl  das Leben tatsächlich.

 

 Du sollst nicht stehlen- ist die Kehrseite der Medaille: "Du kannst genug, um deinen Lebensunterhalt zu beschaffen und den der dir Anvertrauten dazu." Steht dies Versprechen irgendwo geschrieben? Mit deinem Geborensein ist dir das Recht, gebraucht zu werden und daraus dein Auskomen zu haben, mitgegeben- inklusiv der Grenzziehungen und des Auftrags für die  Not: "Bittet"!  Auch wenn Geldsorgen und Künmmernisse immer auch bei dir sein sollten, sei du  gern du, gern hier. Nimm das als geschrieben und gesetzt. Und stehle nicht.

 Aber bis kurz vor der Grenze, wo Stehlen anfängt, bis dahin nutz das Leben als Revier, ihm Lebensmittel abzuringen;  Biete dein Können an, sei fleißig; mach gut, was du tust, ob die Straße kehren oder Zähne behandeln oder noch pfiffigere Programme für Computer tüfteln. Und wenn du Pizza backst, soll es die Knusprigste weit und breit sein  mit frischen Champignons- du verfeinerst solange, bis die Leute von weither kommen.-

  Sei kundenorientiert, hilf Probleme zu lösen, dann sollte genug für dich hängen bleiben. Denk nicht an zuerst an Geld sondern habe Lust, Menschen entgegen zu kommen, ahne ihr Bedürfnis voraus, denke für sie, versteh sie besser als sie sich- dann "gibts der Herr den Seinen  im Schlaf" (Psalm 127,2),  eben wie nebenbei .

 Mit Fähigkeiten, deinen und der Mitarbeitenden, gehe ökonomisch um, also haushälterlich. Und fordere als Tüchtiger nicht, bevorzugt zu werden, das brächte Streit. Und schmücke dich nicht mit Kostbarkeiten, so ziehst du ja Diebe förmlich an, dich zu erleichtern. Und bediene die Forderungen, die gerecht sind- Schulden bleiben kleben- laß dich nicht gelüsten, durch Tricks dich zu entwinden, du reizt ja sonst dein Gegenüber zu härterer Gangart. Und was erst sportlich anfängt kann leicht ausufern zu boshaften, dann  kriminellen Machenschaften. Alle Sorten Fahrerflucht sind  nur schäbbig, bezahle, was du beschädigt hast oder bestellt hast; bestell nicht, ehe du zahlen kannst; sei verläßlich. Enttäusche nur im Notfall. Offenbare dich vorher; jeder Chef/jede Chefin, wenn du gut bist, will dich halten, wird dir in der Not was zuschießen, wenn die Not einsehbar ist; sie werden dir jedenfalls einmal helfen, schon damit du nicht in Versuchung gerätst, etwas zu entwenden.      

 Vertrauen ist ein kostbares Gut. Wenn du stiehlst, bestiehlst du dich selbst um deinen freien Blick, um die Achtung.  Denn du selbst, auch wenn du nicht erwischt wirst, weißt, was du getan hast, und "das Gewissen, das alte Krokodil, es beißt und beißt" (Marie-L. Kaschnitz).

 

 Natürlich dürfen wir begehren, was nicht unser ist. Die Kirschen in Nachbars Garten, des andern  chromglitzerndes Motorrad, das schöne Haus, das in der Glücksspirale zu gewinnen ist,  ihr Aussehen, ihre Bildung, sein Charme- wir dürfen uns eingestehen, was wir auch gern hätten. Wir sollen uns sogar klar werden, was unsere Wünsche sind- dazu kann im Idealfall auch die Werbung helfen, aber die macht uns oft den Mund wässrig nach Sachen, die uns nicht bekommen oder die wir uns nicht leisten können.- Aber darum sollte man Werbung nicht verdammen, man sollte helfen, resistent zu werden gegen Gier, gegen Habsucht, gegen Neid.

  Begehren also im Sinne von Wünschen, ja;  aber nicht im Sinne von Habgier und Neid; die verdrehen uns den Kopf, die unterwerfen uns , daß wir kriminell oder verrückt darüber werden können. Wir begehren. Und wir sind Nachkommen von Überlebenden, die begehrten; die gerade darum auch sich fortpflanzten, weil sie begehrten. Begehren macht, daß ich mich mühe. Begehrend nehme ich wahr, was ich dringend brauche-Aus Begehren wird die meiste Arbeit getan.  Aber was mußt du so dringend haben, daß du es stehlen muß?

 Welche Sache ist denn so wertvoll, so dringend, daß ich sie an mich bringen muß, egal wie? Essen, Trinken, Dach überm Kopf, ärztliche Versorgung? Keiner darf verhungern. Wir Besitzenden wissen um unsere Mitschuld am Hunger in der Welt- keiner würde den Bedürftigen vor seiner Tür abweisen, er würde ihm zu Essen geben. Wir werden auch noch viel mehr Menschen aufnehmen müssen, die hier mit Nichts als ihrem nackten Leben und ihrem riesigen guten Willen ankommen.    Jesus drängt geradezu: "Bittet, suchet, klopfet an, so wird euch aufgetan" (Matthäus-Ev. 7,7) In der Not müssen wir bitten und betteln, sonst machen wir die andern schuldig. In wirklicher Not, zu der die  Unfähigkeit, zu arbeiten sicher gehört, ist das Betteln harte, echte Arbeit. Denn es ist Arbeit, Wohltaten locker zu machen und Menschen zu bekehren, ihr Glück zu merken, daß sie nämlich in der glücklichen Lage sind, geben zu können. Und wer den Bittenden recht versteht, der bedankt sich, wie in Indien, daß er die Gabe angenommen hat.

 Wir stehlen schon oft genug- nicht nur Gott seinen Tag, wenn wir nicht geliebt haben; wir nehmen schon mit unserm schnellen Melden in der Klasse dem Bedächtigen den Raum zu reden, mit unserm geschickten Auftreten nehmen wir andere für uns ein, was diese wieder anderen abziehen- denn wir haben ja nicht unbegrenzt viel Aufmerksamkeit.Weil man sich von uns mehr verspricht, werden wir eher bedient, unsere Sprachgewandtheit setzt den andern ins Unrecht, unser Geld kauft den Entwicklungsländern ihr Land weg. "Nicht Stehlen" hat viele Seiten. 

   Ist Abwerben auch Diebstahl? Du sollst nicht begehren deines Nächsten Mitarbeiters, ist das Gebot? Heute haben wir, Gott sei's gedankt, Vertragsfreiheit. Wenn ein Gemeinde-Kirchenrat von auswärts zu einem  Pastor käme und wollte ihn für seine  Gemeinde gewinnen, würden wir

doch den Vorstand loben, daß er sich die Mühe macht.- Und selbst, wenn  dann viele traurig wären am Ort, dürfte der Pastor doch gehen, wenn er sich davon mehr (Wirksamkeit, vollere Kirche, schöneres Pfarrhaus, größerer Mitarbeiterstab oder auch bessere Pension oder sein Gefährte bessere Chancen in seinem Beruf ) verspricht. Nein, abwerben ist legal im Normalfall; es hilft, produktiver zu werden.- 

 Als Besitzende haben wir interessante Gaben, die wiederum Begabungen Anderer für uns locker machen. Geld lockt, die Menschen werden höflicher; sie mühen sich, an mein Geld zu kommen, wie ich hoffentlich mich auch anstrenge, mein Bestes zu geben.   

 Aber Geld ist ein besonderer Saft- es hat eine Eigendynamik, die den Besitzer leicht zum Besessenen verdirbt. Geld ist ja flüssiges Zahlungsmittel, ist gemünzte Fähigkeit, anderer Leute  Fähigkeiten zu verflüssigen und Sachen zu tauschen- auch Vorsorge zu sammeln gemäß dem klugen biblischen Satz: "Geld beschirmt" (Prediger 7,12). Aber Geld kann seine dienende Qualität verlieren und Selbstzweck werden- es hat dann den Eigen-Sinn, sich zu vermehren und wir werden zu Geldknechten. Das meint Jesus wohl mit: "Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon" (Matthäus-Ev. 6,24) und:  "Macht euch lieber Freunde mit dem ungerechten Mammon" (Lukas-Ev. 16,9)

 Jesus verteufelt Geld nicht, er warnt nur, ihm nicht zu dienen, sondern uns seiner zu bedienen und Gutes damit zu tun. Es zählt mit zu den Gaben Gottes, es ist gemünzte Energie, die wir hoffentlich mit guter Ware, mit hilfreichem Tun, mit klugen Gedanken an uns bringen. Aber solange es Arme gibt sind wir Reichen auch Diebe- weil wir mehr nehmen als wir müssen-(anders der Weise: "Armut und Reichtumgib mir nicht, sondern meinen bescheidenen Teil laß mir zukommen" (Sprüche 30,8).

  Wir halten doch viel zuviel für uns zurück im Angesicht der Hungernden und Bedrohten- wir im reichen Norden bemühen uns, unsere Grenzen abzuschließen gegen die Habenichtse des Südens und Ostens- es ist ein lächerliches, chancenloses Unterfangen. Für einen Abgewiesenen kommen zehn neue Menschen und wololen hier ihr Glück machen und haben ein Recht darauf. Es sei denn, wir helfen ihnen, in ihrer Heimat ihr Auskommen zu finden. Gegen Hungernde "Deutschland den Deutschen"  laut oder leise zu brüllen, ist beschämend. Und aussichtslos, denn"was ihr nicht gebt aus Gehorsam gegen Christus, das fordert euch die Zeit mit

Wucherzinsen ab"-so Martin Luther.   

  Nicht stehlen- Arbeit, Wissen, Kapital. Gerecht handeln wir erst, sagt Bernhard Shaw, wenn einer für mich mit seinem Talent und ich für ihn mit

meinem Talent eine Stunde arbeitet- das gibt es ja in der Familie und in Ansätzen auch unter Freunden und Nachbarn. Aber wer an jemandem verdient, der soll ihn auch gut bezahlen, sonst ist das auch Diebstahl. Es reicht nicht mehr: "Du  sollst dem Ochsen, der da drischt , nicht das Maul verbinden" (1. Korintherbrief 9,9). Wir stehen in der Schuld so vieler Menschen.  

 Menschen vieler Generationen, vieler Länder haben gearbeitet, und ich ernte davon Kenntnisse,  Früchte, Rohstoffe,  Energie, Unterhaltung. Wieviel  Menschen in Jahrtausenden  haben an Zahlen rumgerätselt, an Buchstaben- bis sie die uns heute selbstverständlichen fanden, Mönche haben die Heiligen Schriften abgeschrieben, wieder und wieder bis sie endlich gedruckt und vervielfältigt und an uns heute gelangen. Wieviele haben unter Qualen große Kunst hervorgebracht und ich darf sie schlendernd genießen. Wir leben vom Leben, das lange vor uns gepflanzt wurde, wir ernten ungeheure Wohltaten, weil uns sich das Wissen der Generationen kumuliert, da sollte von uns auch was bleiben für die nächste Generationen und zwar mehr als Müll.   

 Eine besondere Gabe, die es  mehr noch zu entwickeln gilt, ist: das Leben  deuten als hoffnungsvoll.- Unter den Mäusen gab es eine besonders hilfreiche: Es rackerten und ackerten die Mäuse und brachten Korn für Korn ins Winterquartier.  Nur Frederick saß müßig und ließ sich von der Sonne bescheinen, sehr zum Ärger der Fleißigen. Als dann aber der Winter lange kein Ende nahm und die Körner immer weniger wurden; da, als die Mäuse schon beinahe starr wurden vor Hunger und Kälte, da sang ihnen Frederick Lieder von der warmen Sonne und malte Bilder von üppigen Feldern voller Weizen und aus Sehnsucht hielten sie durch  bis der Frühling kam (Leo Lionni).- Gegen inneren und äußeren Mangel stellt Kunst und Religion die Bilder vom Gelingen vor Augen. Und die Mäuse um Frederick, verstanden das Wort des Jesus: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein sondern von einem jeglichen Hoffnungswort, das aus Gottes Mund geht” (Matthäus-Ev.4,4).

 

Es gibt soviel zu tun. Stiehl dich nicht dem Leben. Feuer die Liebe an ,

wecke Gefühle der Freude, entfache Elan. Laß nicht zu, daß Menschen in deiner Nähe sich abfinden mit ihrem "wunschlosen Unglück" (Peter Handtke). Mit  Musik, Sprache, Spielen   bring die Verhältnisse zum Tanzen; lade ein, sporne an, daß sie für einander kochen, abwechselnd; daß sie die Vorgärten und  Hauswände, wenn verwahrlost, wieder streichen; daß man mit Konfirmanden ins Pflegeheim geht und ganz behutsam werden Alte und Junge sich finden.

Nicht stehlen! Das Gegenteil davon ist: Erkenn wieder, wieviel du hast; und entwickel deine Begabungen- mach was aus dir und anderen.

 Wenn auch für industriell hergestellte Ware immer weniger Hände gebraucht werden, so ist Arbeit da in Fülle. Die reichere und tiefere Gestaltung der menschlichen Beziehungen ist nie fertig und der wichtigste Rohstoff steckt in den Hirnen- denk und tu was.

Eine besondere Begabung ist es heute, Arbeit verkaufbar zu machen. Da sind Unternehmerinnen/Unternehmer gefragt, die eine Vision haben, die Bedürfnisse erfühlen, bevor sie Bedarf werden; die Vorsorge treffen, und ein Projekt effektiv betreiben. Die vor allem Mitarbeitende einstellen, ihnen fachliche Fähigkeiten beibringen, sie zu einer Mannschaft mit Erfolgslust erziehen, sie zu schonendem Umgang mit der Zeit anderer Menschen anhalten, Kostenbewußtsein schüren, Material und Energien sparen helfen, Informationen für alle erreichbar machen. So werden die Mitarbeitenden auf allen Ebenen fähig, mitentscheiden zu können,  beteilige an Einspargewinnen, laß Verluste  auch mittragen,ein Stück weit. . Das Eigeninteresse der Mitmenschen anzuspornen, die Zustimmung der Mitarbeitenden zu gewinnen, ist die Kunst.

 Es gibt noch so viel zu tun, die Arbeit verkaufbar zu machen, eben dadurch, daß jeder sie möglichst ökonomisch tut und sozial kompetent dazu. Der Kunde will Achtung, will als gute Botschaft genommen werden  und tatsächlich: Es ist doch erstaunlich, daß Menschen deine/meine Arbeit noch wollen, ich ihnen nützlich sein kann, sie sich von diesem Laden  was versprechen. 

In Japan bei Öffnung der Kaufhäuser, steht vom Chef bis zur Putzkolonne die ganze Belegschaft angetreten zur tiefen Verbeugung und Begrüßung. Das braucht’s nicht ganz zu sein, aber spüren soll’s der Kunde, die Kundin:  Gut, daß du da bist, wir wollen dir Wünsche erfüllen, ein Stück Nächstenliebe nimm. Und laß dann auch was da.

Eine der größten Gaben ist ja, die Begabungen anderer zu fördern. Erziehen, entwickeln, auswickeln; durch Zeigen und Anerkennen verbessern, im Durchhalten bestärken, erst mal dem andern beibringen: Du taugst, du bist gut, gut für mehr.  Einen Kuß allen fördernden, engagierten Menschen. Sie sehen förmlich die Kräfte wachsen, wie der Bauer das Korn wachsen sieht, sie sind Hebammen der Begabungen Gottes, die er in uns eingesät hat.

Menschen in Arbeit bringen, daß sie ihr Auskommen selbst erarbeiten  können, ist Kooperation mit Gott, erster Klasse. Einmal wird Gott von Jesus mit einem Weinbergbesitzer verglichen, der alle drei Stunden ins Dorf geht und die Leute, die noch Arbeit wollen, in seinen Weinberg schickt (Matthäus-Ev.20,1-15). Einem Arbeit beschaffen, das besorgt Freiheit, Hochgefühl, Lebenswillen, Besitz; und auf den Gedanken zu stehlen, kommt man immer weniger.

 


 



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