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Keitumer Predigten   Traugott Giesen 14.11.1999

Dies ist der Tag, den der Herr macht. Laßt uns singen und fröhlich in ihm sein (Psalm 118, 24)

Das ist eine schöne Überschrift für christlichen Glauben. „Dies ist der Tag, den der Herr macht.“ Also: Gott schiebt die Zeit vor, macht den Lauf vom Damals über Heute nach Übermorgen. Und die Zeit gräbt sich in unsere Gesichter ein, richtige Landschaften hat die Zeit geformt auf den Antlitzen der Alten. Ja, Oma, Uroma, warum bist du schon so alt? Warum hast du schon so viel Geschichte? – Fragen die Jungen nicht, aber meinen es doch.
Hast du auch schon viel Geschichte? Jan, Tim, Jana, Michelle – Konfirmanden, ihr habt auch schon was hinter euch. Habt ihr euch als Krabbelkinder auf dem Video gesehen? Ihr erinnert noch frühe Ängste. Jetzt könnt ihr schon lesen und computern, geht allein in die Stadt. Ihr habt schon Jahre hinter euch, also habt schon Geschichte. – Und die Zeit vor euch gehört auch zu eurer Geschichte. Könnt ihr denken, die Zeit davor, als ihr noch nicht auf Erden wart und eure Eltern noch Kinder, eure Großeltern noch Kinder? – Geschichte ist auch das Gewordensein der Generationen.
Generation – das ist so ein Wort, das uns was sagen muß, um Geschichte fassen zu können. „Einzelne Stufe der Geschlechterfolge“ steht im Lexikon, also Kinder, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern – vier Stockwerke; alle 25 Jahre kommt eine neue Generation dazu und eine alte wird von den Lebenden aus den Augen verloren, aber bitte mit Ehre.
Geschichte ist, was geschehen ist, die Zeit vor Jetzt. Jetzt gerade geschieht, was einmalig so ist; so schaust du nicht noch mal, so sind wir nie wieder in St. Severin zusammen – jetzt versinkt das Ebengesagte ins Vergangene. Aber vorne ist eine Menge noch nicht gefüllter Zeit.
Heute ist der Tag, den der Herr macht – wie das denken? Er stellt den Zeitraum zur Verfügung. Also ich mach, du machst ihn wirklich nicht. Zeitraum, ein riesiges Wort: Jeder hat seinen Zeitraum, und wir haben jetzt in St. Severin zum Gottesdienst einen gemeinsamen Zeitraum. Wenn zwei sich lieb haben, haben sie einen einzigen Zeitraum, das ist wirklich wie in einer Hülle, die neben die normale Zeit gerutscht ist. Und wir, zur gleichen Zeit auf Sylt, haben dadurch viel Gemeinsames. Oder die in einem Flugzeug – man schaut sich so von der Seite an, als Schicksalsgenossen für einen Zeitraum. Und die in einem Land wohnen haben Gemeinsames, zum Beispiel die Sprache.
Geschichte nennt man besonders die Zeiträume der Völker. Und wir Deutschen haben einen besonders intensiven Zeitraum in der Menschheit inne.
Das deutsche Volk hat viel Unheil angerichtet, hat Völker unterworfen und Millionen Menschen wegen ihres Anderssein an Herkunft oder Religion oder Aussehen umgebracht.
Jahrzehnte war Deutschland geteilt, und dem östlichen Teil verlangten die Russen, denen die Deutschen unsägliches Leid zugefügt haben, viel Wiedergutmachung ab. Jetzt gehört Deutschland wieder zusammen. Das ist in seiner Wunderbarkeit gar nicht auszuschöpfen. Denn Europa wächst jetzt wieder zusammen. Und wir Deutschen können in guter Nachbarschaft ringsum leben – was unsere Vorfahren lange nicht konnten.
Dieser Tag steht im Kalender als Volkstrauertag, also neben allem Privaten und Persönlichen haben wir heute auch ein Stück gemeinsamen Zeitraum. Trauer. – Trauer über das Unrecht, das wir oder unsere Vorfahren getan haben. – Trauer auch, als Gedenken der an Gewalt Gestorbenen, der Gequälten und Geschundenen und Vertriebenen – weil Menschen Menschen vernichteten, sie zu Nichts vernichteten. Und Trauer um Menschen rund um die Erde, die wieder durch Kriege zerrissen werden. Trauern heißt auch flehen zu Gott, daß bei ihm die Toten geborgen sind und die Seelen heimgefunden haben in die Liebe, in ein ganz Anderes. Vollkommenes, jenseits von dem, was wir uns irdisch, beschädigt, flüchtig, hilflos schon Gutes tun.
Heute Trauer und Wehmut für die, deren Leben abgerissen wurden aus Menschenschuld. Und heute auch Dank. Eben zehn Jahre nach dem Mauerfall haben wir auch zu danken fürs gemeinsame Deutschland. Daß Christen so maßgeblich die Wende friedlich zustande brachten. Die Montagsdemonstrationen gingen von der Nikolaikirche in Leipzig aus, die dann das SED-Regime gewaltlos hinwegfegten. Da haben die Christen wirklich die Geschichte als Treffpunkt Gottes mit seinen Menschen verstanden.
Heute ein Tag, den der Herr macht. Und er macht, daß seine Menschen den Tag mit ihm machen. Wir treffen Gott ja eher In der Natur. Im Sonnenaufgang glänzt und in den Rosen duftet der Schöpfer. Der gestirnte Himmel über uns und die Stimme des Gewissens teilen uns das Ewige mit – auch die Musik, die Kunst überhaupt ist Botschafterin Gottes. Und sieh ein Kind an und du schaust Gott ins Angesicht. – Die Geschichte ist das Gemeinschaftsprojekt Gottes mit den Menschen überhaupt .Dies ist der Tag den der Herr mit uns macht.
Geschichte merken, wahrnehmen, was geschieht. Daß was zugange ist, was im Werden ist spüren. Aber was ist im Gange? Wichtig: Im Gange, meint auf dem Weg. Etwas noch nicht Seiendes ist im Werden. Die Natur läuft im Kreis, wird und vergeht – die Jahreszeiten, herrlich: Aber die ewige Wiederkehr des Gleichen ist ohne Hoffnung, ist die Schlange, die sich in den Schwanz beißt, oder der ewig zu und abnehmende Mond.
Dagegen der Gott Abrahams. Hört aus 1, Mose 12:
Und Gott sprach zu Abraham: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und deiner Mondreligion in ein Land, das ich dir zeigen werde. Und ich will dich zu einem großen Volk machen, dir einen großen Namen machen; ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Und Abraham ging davon mit seiner Frau Sara und durchzog das Land bis an den Ort Sichem. Dort erschien ihm Gott und sprach: Dieses Land will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und Abraham baute Gott dort einen Altar (1 - 4, 6, 7).
Geh in ein Land, das ich dir zeigen werde. Das ist Befehl zu Aufbruch und Neuanfang mit dem Herz der Welt, das jedem neuen Tag einen neuen Takt schlägt. Christen haben Israel nach den Gott des Weges. Der macht Geschichte, läßt Neues kommen, erschafft noch die Welt weiter. Und heute mit dir, mir will Gott einen neuen Glücksmoment entwickeln, ein Trostfeuer entzünden, ein paar Stiefel dem Frierenden schenken.
Viele Generationen, viele Stockwerke baut Gott, das Leben am Menschenhaus – mit uns, mit den Verstorbenen und mit den noch nicht Geborenen. Und was wir heute wissen, das haben die vor uns entdeckt, gefunden, ausgedacht unter Entbehrungen. Wir bauen auf ihrem Wissen weiter. In einem Auto, in einem Computer ist die ganze Geschichte der Physik drin enthalten. Und so ist es mit dem Verhalten auch. In den Jahrtausenden haben die Menschen gelernt, friedlicher und gerechter mit einander umzugehen. In uns ist der Haß kleiner und die Nächstenliebe größer – wenn wir nicht wie Kampfhunde dressiert werden wieder auf Haß, z. B. per Gewaltvideos und unberechenbare Menschen. Immer gibt es Rückfälle, einzelne Menschen werden zu Mördern, und Völker – eins jagt das andere von gemeinsamem Boden.
Geschichte ist, was seinen Gang geht. Aber was geht in der Geschichte seinen Gang? Vielleicht eine menschlichere Welt geht ihren Gang? Und wir sind glücklich dran, einen Hauch gütiger, freundschaftlicher sein zu können? Mußt du heute, jetzt belastet, belastend sein? Heute ist der Tag, den der Herr macht mit unserem Dazutun. Laßt uns fröhlich darin sein. Einen Ruck fairer, einen Zug gerechter. –
Unsere Vorfahren hatten große Bilder von der Jahrtausendwende. 1000 Jahre zuvor war die Christenheit in einer Massenhysterie drauf und dran, sich selbst zu zerfleischen und hinzurichten, um Höllenqualen auszuweichen. Die wurden erwartet zum Jüngsten Gericht, zur Jahrtausendwende. Wir dagegen lassen den Zeitraum 2000 sehr gemächlich kommen. Das hat was von abgeklärter Frömmigkeit – jetzt ist der Tag, den der Herr macht, und Sylvester auch. Aber erst mal heute. Heute eine kleine Himmelfahrt der Seele, die das Sinnwidrige verringert. Heute du in Rede und Antwort mit dem Ewigen. Das schafft dir ein wichtiges Ich. Und der Zeitraum: Dieser Tag – gestalte ihn zum Glückstag. Amen.
 
 


 



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