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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   31.10.1999&

Reformationstag

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So stehet nun fest und laßt euch nicht wieder in ein Joch der Knechtschaft zwingen. Galater 5, 1

Der Quellcode, mit dem Luther das Evangelium wiederfand steht im Römerbrief des Paulus Kapitel 3:
Kein Mensch kann durch die Werke des Gesetzes sich vor Gott gerecht machen. Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Aber die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, erreicht uns ohne Zutun des Gesetzes.
Gott recht sein, das kommt durch den Glauben an Jesus Christus.
Da ist kein Unterschied: Wir sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.
Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit. Gott ist gerecht und macht gerecht mittels des Glaubens an Jesus. Menschlicher Eigenruhm ist ausgeschlossen.
So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Heute wird in Augsburg eine zwischen Lutherischem Weltbund und Vatikan ausgehandelte „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ mit „Gemeinsamer Feststellung“ unterschrieben.
Eine Zeitung schrieb: „Kirchen von Gestern einigen sich über Streit von Vorgestern." Mag sein. Doch es schmerzt zu hören, daß Bruder Papst wieder einen mächtigen Ablaß 2000 verkündet, womit viele weiter von Sünden sich freizukaufen meinen. Aber Rom ist weit.
Und wir sind ja hier und die Erkenntnis Luthers ist ewig jung: „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“
Dieser Satz hat das Menschendenken weit nach vorn gebracht. Ein Mönchlein hat den Hebel gefunden, die alte Welt aus den Angeln zu heben. Bruder Martin rang, Gnade vor Gott zu finden. Aber die Bedingungen, mit Gott klar zu kommen, waren hart, jedenfalls für ernsthafte Sucher.
Die Kirche hatte eine Drei-Klassen-Gesellschaft. Ganz oben war Christus und die Heiligen: Die hatten viel Zufriedenheit bei Gott gesammelt und konnten noch Punkte abgeben an die gefallene Menschheit. Dann der Klerus, die Priesterschaft mit Papst an der Spitze: Sie durften das Gnaden-Guthaben verwalten, sollten aber auch selber noch Bonusse sammeln fürs Volk. Und: Die breite Masse der Sünder mußten mit Strafarbeit und Zahlungen die Vergebung flüssig machen. Die Kirche galt als die Clearingstelle zwischen Oben und Unten.
Viele Christen hielten immer schon dies Geschäftemachen mit Gott für unmöglich. Aber es war ein so eingespieltes Team am Ruder. Kaiser und Papst, die Fürsten, die Herren aller Sorten nahmen Teil an dem Kreislauf aus Angst und Ablaß. Und noch der kleine Bauer hatte in seinem Haus eine Strafmacht  gegen Frau und Kinder, Magd und Knecht. Die Angst vor der Hölle trieb die Menschen zum Gehorsam oder zum Sich-Freikaufen. Und alle beriefen sich auf die Bibel – die aber nur die Studierten lesen konnten.
Und dann kam Martin Luther, erst ein verzagtes Mönchlein, aber eben ein Mensch mit glasklarem Gewissen – er nahm die kirchliche Stufenleiter ernst, wie laut Kirchenlehre Gottes Anerkennung zu erwerben sei und damit Gottes Liebe. Luther exerzierte die Pflichten des angehenden Priesters, die Stundengebete, das Verbot privater Freundschaften, die Armut, die Mühen, ungeschlechtlich zu existieren und der Gehorsam gegen die Oberen, verbunden mit der Beichte, den peinlichen Verhören, die Wallfahrt nach Rom, das letzte Stück kniend. Luther unterzog sich gewissenhaft dem selbstzerstörerischen Kreislauf: Sich-schuldig-fühlen läßt nach mehr Strafe rufen: Selbstkasteiung, Frieren, Schlafentzug, Auswendiglernen.
Und alles um sich der Liebe Gottes, der Zugehörigkeit zu den Erwählten sicher zu werden? Das geht nicht mit rechten Dingen zu – Vaterliebe und Höllenstrafen, die Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche. Das ist nicht Jesu Evangelium, das spürt Luther beim Tiefenlesen der Bibel: Da wirkt doch ein liebender Gott, der seine schwierigen Kinder in Sicherheit bringen will, daß sie sich nicht selbst beschädigen. Luther lernt bei Jesus Gott verstehen: Der die Kranken aufrichtet und die Sünder herrichtet, der sich beim Ganoven einlädt, daß der seine Begabung zur Großzügigkeit wiederentdeckt – und am Kreuz bittet er für seine Quäler: Gott vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun.
Der Spitzensatz aber, der Rettungsanker überhaupt, ist Luther ein Satz des Paulus: „Wir werden vor Gott gerecht ohne Werke, allein aus Glaube!“
Luther hat damit den Menschen in Vertrauen gebettet und die Angst genommen, nicht zu taugen oder sich schämen zu müssen. Gott erklärt dich für richtig und ihm wichtig. Und jetzt leb dein Leben – mit Freude, du zu sein, mit Fürsorge, dem Nächsten zugut, mit Dank an Gott für die Freiheit, ein Mensch zu sein, niemandem untertan. Luther hat die Gewissensfreiheit wiedergefunden, hat damit eine neue Art von Kirche eröffnet – eine die menschenfreundlich und seelsorgend die Zeitgenossen mit Lebensmut stärkt. Und hat der Zeit zur Moderne die Tür aufgestoßen.
Aber ist Luthers Erkenntnis vom liebenden Gott heute noch frisch? Nutzen wir Heutigen sie? Brauchen wir dies: Du bist Gott recht, das Herz der Welt liebt dich?
Die Welt tönt anders: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen“. Goethes Erlösungsrezept praktizieren wir von der Wiege bis zur Bahre: Kinder belohnen fürs Artigsein, Arbeiter belohnen für Mitdenken, Gatten belohnen fürs Liebsein. Müh dich, dann gibt’s Kohle oder Streicheln oder Inzentives. Wer strebt, der hat was, der ist was.
Dazu paßt gut der Gott, der belohnt und bestraft. Der einem das Leben gibt, und dafür muß man ihm dienen, muß ihm opfern, muß Gottesdienst und Gebete leisten, muß Spenden geben, wenn man mal über den Leisten geschlagen hat. Der Gott ist dann ein Vertragspartner, den kann man schon fragen, warum hast du mich nicht vor diesem und jenem Malheur bewahrt? Und für eine Heilung schenk ich der Kirche einen Leuchter. –
Aber das geht doch so nicht. Das ist doch seit Jesus völlig unmöglich. „Gott handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so fern der Morgen ist vom Abend, rückt er unsre Übertretungen von uns ab. Wie sich Vater, Mutter über Kinder erbarmt, so erbarmt sich Gott über die, die ihn brauchen, sagt schon Israel in Psalm 103.
Es ist die schlichte Geschichte: Malen die Kinder Mutter ein Bild, weil Mutter sie lieb hat oder damit Mutter sie lieb hat? Viel zu viele Kinder meinen, sie seien den Eltern eine Last, sie ständen im Weg, sie seien schuld, daß die Eltern sich streiten. – Und dann machen sie sich unsichtbar, versuchen, klein zu bleiben, nässen vielleicht ein, oder helfen über die Maßen, nehmen Schuld auf sich, nur damit Frieden ist. Was da an Ängsten sich festsetzt, wie da die Seele von Verneinung verdunkelt wird, wie da Selbstvertrauen verloren geht, und sie fixiert bleiben auf Lob und Tadel der Großen – es ist ein Jammer. Die Kinder werden Bilder malen zur Begütigung, damit Mutter sie liebe. Aber es werden Bilder der Sehnsucht, daß sie von vornherein geliebt werden und nicht nur zur Belohnung.
Anders malen Kinder, deren Vertrauen zu den Eltern stabil ist, unerschütterlich, auch wenn die mal laut werden. Die Kinder haben Mut, sich zu erproben, die wachsen in Selbstvertrauen, weil sie gebraucht werden ohne überfordert zu werden. Sie werden Bilder malen, weil sie Lust haben, Mutter oder sich selbst mit Bildern zu beschenken. Sie malen Bilder, nicht damit sie geliebt werden sondern weil sie geliebt werden.
Dazu parallel jetzt Gott denken: Gott liebt dich, er hat dich ja geschaffen. Oder: Schaffe, daß Gott dich liebt. – Das geht nicht, hat Luther wiedergefunden: Dann müßtest du rödeln und schuften und knüppeln für himmlische Belohnungen, du müßtest dir Freude verkneifen, wie Kinder keinen Lärm machen dürfen. Wenn wir uns bei Gott das Leben verdienen müßten, Gesundheit, Zufriedenheit – wieviel müßten wir da ihm aufwiegen? Nach irdischen Maßstäben müßte man doch den ganzen Tag im Gebet zubringen, Opfer bringen ohne Ende, Prunkdome bauen ohne Ende, eine Priesterschaft anstellen, die Tag und Nacht Gott gnädig stimmte mit opernhaft aufgeblähten Messen – siehe Rom. Und hätte doch keine Ruhe, weil jedes Leid dich schuldig spricht: Aha, hast zu wenig dich um Gott gemüht, hast zuviel an dich gedacht, tu Buße. –
So kann es nicht gehen, wenn Jesus uns den Klartext sagt. Dann ist es so: Gott liebt dich, will dich, gibt dir Freudefühlen, die Klugheit gegen Ausgenutztwerden und den Freiraum für Gut und Böse, und braucht dich, und beschenkt dich mit Glück. Wenn du Menschen rettest, fällt die Freude auf dich zurück; wie du ja auch dich schämst, wenn du einen im Leid läßt.
Klar, daß bei aller Liebe wir auch arbeiten sollen. Gott schafft doch auch, wie sollte er uns gerne träge haben. Er hat uns ja von seinem Schöpferelan abgegeben, wir dürsten auch nach Anerkennung aus Leistung; unglaublich, was Menschen sich mühen, sich schinden. Nur die Felder sind verschieden und der Hunger nach Erfolg hat auch seine Jahreszeiten.
Im Kern ist die Rechtfertigung aus Gnaden ewig jung: Wenn wir nicht glauben könnten, daß Gott die Welt trägt und jede Seele bewahrt wie ein Spätzchen mit gebrochenem Flügel geschient und hochgepäppelt wird von lieben Menschen, wie könnten wir denn noch gern hier sein, ich sein auf dieser armen Erde.
Du bist beschenkt mit Bewahrung, bedacht mit Begabung, ausgestattet mit Vermögen, belehnt mit Erkenntnis, begeistert mit Lebensmut, angetrieben von Lust auf Nähe. Und weißt dir einen Hüter, „der dir deine Sünden vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst und dich krönen wird – mit Gnade und Barmherzigkeit“ (Psalm 103). Du – ein Glückskind Gottes aus Gnade. Amen.
 


 



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