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Keitumer Predigten   Traugott Giesen   08.08.1999

Gegen die Unheilprophetien: Wachet!

Am 11. August werden wir zum Himmel blinzeln. Denn um die Mittagszeit schiebt sich der Mond vor die Sonne. Es wird im Süden so dunkel wie in einer hellen Nacht. Die meisten nehmen es als Spektakel, als eine Art besonderes Feuerwerk. Ein Lichtkranz erstrahlt um die schwarze Mondscheibe, dann kehrt das Sonnenlicht wieder. Die Schüler gehen wieder in ihre Klassen, der Verkehr läuft weiter für die meisten.
Doch einer Reihe von Zeitgenossen bereiten die wenigen Minuten Sonnenfinsternis Schmerz, sie sehen ihre Grundfesten schwinden. Sie fürchten, es werde finster für immer. Wir sollten diese Panik nicht verlachen, sie erhält Nahrung durch Seher wie Nostradamus und Geistheiler wie Swedenborg, alle längst abgeschieden, aber doch noch gelesen. Und religiös Begeisterte tauchen auf in Fülle; sie sehen sich als Medien dramatischer Nachrichten genutzt. Hinzu kommt die Jahrtausendnähe. Wenn wir schon unsern 60. oder 80. Geburtstag, unsern 25. oder 50. Hochzeitstag festlich begehen, können wir auch 2000 Jahre Christentum feiern oder – ja was feiern wir Silvester 1999? ein anderes Thema. – Jedenfalls war der Jahreswechsel 999 zu Eintausend hin hochgradig besetzt mit Weltuntergangserwartung und Anbruchshoffnung einer neuen Zeit. – Die Sonnenfinsternis jetzt gibt empfindsamen Naturen höchst zu denken.
Ein Grundtext für Weltuntergang, die sogenannte kleine Apokalypse, steht im Markus-Ev. 13. Kapitel, daraus die Verse, 24 - 27, 30 - 33:
Aber zu jener Zeit, nach viel Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein verlieren,
und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
Und dann werden sie sehen den Menschensohn kommen in den Wolken mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Und dann wird er die Engel senden und wird seine Auserwählten versammeln von den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.
Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Doch wisset:
Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Seht euch vor und wachet! Denn ihr wißt nicht, wann die Zeit da ist.
Der heiße Atem eines ungeduldigen Weltenverwandlers ist da zu vernehmen, dann aber auch wieder abwiegelnd die Warnung vor falschen Propheten (Vers 22) und „Wachet, keiner weiß wann!“
Im Kern kann es ein Flugblatt aus der Zeit, bald 10 Jahre nach Jesu Tod, sein. Der römische Kaiser Caligula hatte sein Standbild im Tempel in Jerusalem aufstellen lassen. Das galt den bilderlosen strengen Juden als Anfang vom Ende, gemäß der Prophezeiung Daniels: „Wehe euch, auf den Altar kommt der Greuel der Verwüstung zu stehen“ (Daniel 9, 27). – Es zerriß die Frommen: Wie kann Gott zulassen solch Schändung seiner Heimstatt? Gleich muß der Himmel einstürzen, die Sonne sich verfinstern, und die Sterne werden auf die Erde fallen. – So weit vielleicht die alte Befürchtung.
Und jetzt wird die Sonne wieder mal verfinstert, sicher wieder nur für kurze Zeit. Aber genau weiß man’s erst dann. Grauslich ist wohl diese schwarze Sonne, weil ein Widerspruch in sich, etwas Fahles, Ausgezehrtes steht über uns. – Nein, kein Anbruch von Weltuntergang.
Und doch stillen die physikalischen Auskünfte keine Ahnungen.
Die Sonne, etwa 150 Millionen km von uns entfernt, hat einen Durchmesser von 1,4 Millionen km, wiegt wohl 333000 mal soviel wie die Erde. Jeder Quadratzentimeter ihrer Oberfläche strahlt jede Sekunde eine Energie von 1500 Kalorien ab. Im Inneren herrscht eine Temperatur von rund 15 Millionen Grad. – Wenn man ein stecknadelkopfgroßes Stück Materie aus dem Mittelpunkt der Sonne herausnehmen und auf der Erde aufstellen könnte, dann würde seine Hitze einen Menschen noch in 150 km Entfernung umbringen. Was bei uns nach acht Minuten Reise als Strahlung eintrifft, ist nur ein matter Abglanz der ursprünglichen Gewalt, aber gerade das bekömmliche Maß – das Licht und die Wärme, die wir brauchen um zu gedeihen (nach Hoimar v. Ditfurth: Kinder des Weltalls).
Und jetzt wird für kurze Zeit der Mond zwischen Sonne und Erde gerückt, alles berechenbar, alles natürlich. Und doch: wo die Wunderbarkeit der Himmelskörpers mit Wissen erhellt ist, wird alles noch viel erstaunlicher, noch unselbstverständlicher. Je mehr wir wissen, desto grandioser nimmt das Schöpfungswerk Sonne uns doch für den ein, der Himmel und Erde gemacht hat. Und die schwarze Sonne dröhnt in die Augen. Wir kriegen wohl Gänsehaut, fassen uns an den Händen, es ist ein Rumoren, ein Fragen: Könnte Gott das Leben abbrechen lassen?
Das Einzelleben ja schon. – Einmal geht über jedem die schwarze Sonne auf und saugt uns die Seele aus dem Leib. Einmal sieht wohl jeder Gott winken „komm wieder Menschenkind“ (Psalm 90, 3). Und dann schauen die andern nach uns, aber sie finden nur den Körper, der unser Ich beherbergte. Wir selber sind hinweggehoben. Zu neuen Erfahrungen? Jedenfalls das Abbrechen des Lebens kommt, es kommt glücklichenfalls als Stehenbleiben – tired with all these / the restful death I cry (Shakespeare: All dessen müde, rufe ich nach dem friedlichen Tod). –
Etwa an diesem Punkt der Predigtvorbereitung brachte mir ein lieber Mensch Sonnenblumen aus seinem Garten. Ich stellte sie nah vor mich und sah viele Male über die Blumen hin auf mein Geschreibe. Ich nahm sie als Versprechen, daß die Sonnenblumen den Sonnenfinsternissen standhalten. –
Könnte Gott das Leben hier abbrechen? Alles Irdische ist sterblich, Himmel und Erde werden vergehen, sagt Jesus sehr nüchtern. Was bleibt ist mein Wort: Nicht ein paar Zitate, sondern „Ich geb dir mein Wort“: Ich geb dir Mein-für-dich-da-sein. Gott wird für dich da sein. Gottes Für-dich-da-sein wird ewig bleiben. Das laß dir genügen.
Es kann Geschichte so katastrophisch sein, daß ein Ende mit Schrecken besser scheinen mag als ein Schrecken ohne Ende. Und daß dann Menschen um Abbruch der Geschichte schreien, darf sein. Aber Frevel wäre, den Abbruch der Geschichte herbeizuführen. Himmelfahrt organisieren durch Mord – ob mit Gift, wie bei den Sektentoden, oder durch die H-Bombe – steht uns nicht zu. Wir sind doch zum Lieben da, zum Mitarbeiten, zum Reifen, zum Bauen von Reich Gottes.
Und wer hätte denn schon alle seine Energie in Güte verwandelt? Die Menschheit hat so viel Kaputtes bei sich, wir brauchen doch noch Zeit zum Reparieren und Chancen teilen – auch Gott braucht noch Zeit.
Anders dachten die Frommen zu Jesus Zeit: Sie drängten Gott, diese mißratene Schöpfung in Klump zu hauen und mit den Gerechten eine neue zu bauen. Aber Jesus sah, wie in dies Leben die Körner von Reich Gottes eingesät werden; zu den Kindern sagt er: Das Himmelreich ist bei euch. Mit euch ist Himmel hier. Also ist das Leben voll Verheißung, es kann noch heil werden, hier.
Jesus setzt auf Entwicklung. Ausgewickelt in die Zeit wird sein Schöpfungswille, der auch in deine Gene eingeschweißt ist als Verantwortung für Gemeinschaft: So bist du ein Kraftfeld mit eigenem Namen, du, Person, eine Chance des Lebens, Schätze ans Licht zu bringen. Du, wie ein neuer Mann auf dem Fußballfeld, der dem ganzen den Dreh geben kann. Du darfst mit entscheiden, was wird aus dem was jetzt ist, du bildest Zusammenhänge und Parallelen, Ketten und Verknüpfungen.
Jesus gibt einen Auftrag aus: Wachet! Also es kommt auf dich an wahrzunehmen, was Wachstum hindert in deinem Machtfeld. Wache! Also nimm Gelegenheit wahr, laß Freude mehr werden, mach was, mach was draus, vor allem aus dir. Arbeiten, Beten, Schmausen – mit andern arbeiten, beten, schmausen – und nicht auf Weltuntergang setzen. Du lebst und kämpfst auch morgen noch, das solltest du allmählich lernen.
Hege deine Lust, das Auf-der-Welt-sein zu preisen. Du darfst leben als Du, zeig dich dafür erkenntlich. Du spürst eine schöpferische Kraft, das Leben gut zu finden und es ein Stück zurechtzurücken.
Nein, du keine Sehnsucht nach Weltuntergang, keine Titanic-Gelüste, keine Zerstörgier wie Geschwister manchmal, kein Tintenklecks über dein Lebensheft kippen und dann mit vandalischer Lust alles für nichtig erklären. – Wohl ab und an ein Hauch Melancholie, ein schwarzes Zwinkern der Sonne eben. Objektiv fällt der Schatten des Mondes auf die Erde – aber uns wird es sein, als hielte das Universum den Atem an, und als könnte es sein, das Herz der Welt bliebe stehen. – Aber dann geht die Sonne uns wieder auf, Gottes leuchtendes Pfand. Und wir dürfen weiter im Text – doch wir haben uns wieder erkannt als Ausgelieferte, Angewiesene, Bedürftige, als Vermissende und eben wunderbar Beschenkte, erleuchtet. Amen.
 


 



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