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12.03.2001
Wochenspruch mit kurzer Auslegung (T.G.)

Letzter Sonntag des Kirchenjahres 22.11.1998
Laßt eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. Lukas 12, 35
Sprungbereit, in Aufbruchstimmung, wachen Geistes, wie Feuerwehrleute, so laßt uns sein. Sog nach vorne spürt der Glaube. Jedes „in diesem Augenblick“ ist Triebkopf Gottes – da, jetzt, in diesem Nu, entscheidest du mit, ob Freude wächst, Glück angezündet wird. Darum laß das Klagen, geh an die Arbeit. Beharrlich wandel das Unerträgliche, zeig dein gutes Gesicht, laß dich nicht verbittern, laß dein Licht leuchten. Gelegenheit macht Liebe. Die Zeit drängt. Schon wieder Totensonntag, gleich schon Advent – wie werden wir nach vorn gerissen.
 

Keitumer Predigten   Traugott Giesen   22.11.1998 Totensonntag

1. Korintherbrief 15, 35 – 49 in Auswahl und 13, 12:
Wenn du fragst: werden die Toten auferstehen? So bedenke: Was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt. Kommt das Weizenkorn zur Erde und stirbt, bringt es viel Frucht. – Mit der Auferstehung der Toten ist es so: Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib.
Und wie wir getragen haben das Bild des irdischen, so werden wir auch tragen das Bild des himmlischen Leibes. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel nur ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin, von immer her.
Paulus, der erste Lehrer der Kirche, hält die Auferstehung von den Toten für sonnenklar. Sonst hätte Jesus gar nicht auferstehen brauchen, wenn er nicht für uns den Pfadfinder gemacht hat. Und wenn wir nicht auferstehen, dann er auch nicht. Mit ihm fängt die Allgemeine Auferstehung an oder überhaupt keine – mit ihm fängt die Reihe der Auferstehenden Geschwister an oder seine Privat-Auferstehung ist folgenlos.
Denn eigentlich steht mit Zukunft für alles Leben Gottes Glück auf dem Spiel. Gott kann nicht zufrieden sein mit unserm verweslichen, kleinen Leben – das kann nicht alles gewesen sein, diese Bruchstücke Freude, diese Mühen, diese Verwicklungen. Ehe man mal ein Stück Frieden hat – dieser Aufwand für ein paar Stunden Ruhe mit Nächsten um einen Tisch. Ja, als Übung, wunderbar, das Leben, aber der Siebte Tag steht doch noch aus – da Gott mit allen seinen Werken d’accord ist.
Könnte denn noch mehr kommen? Entfaltung, Entwicklung, Neuschöpfung hinterm Sterben? Könnte Sterben was ganz anderes sein als „eine Rutschbahn ins Nichts“ (F. Dürrenmatt)? Daß wir nichts über unsern Tod hinaus sehen können, spricht nicht dagegen. Der Tellerrand unseres Todes begrenzt unsern Horizont, das ist normal: Das Korn sieht auch nichts von seiner herrlichen Ähre, die aus ihm hervorgeht. Das Korn kommt zu seiner wahren Bestimmung indem seine Selbsterhaltung zerrinnt. Das Körnlein vergeht, der Halm mit 40 Körnern je Ähre wird. So auch der Mensch. Der Körper vergeht durch das Nadelöhr physischer Tod hindurch. Und die Seele blüht zum Zauberbaum. Es kann sein, die Seele geht auf und kommt zu ihrer eigentlichen Geltung.
Gemessen daran ist das Irdische ein Jammertal, unser Sein verweslich, niedrig, armselig. – Die Skeptiker überschlagen sich geradezu im Schwarzmalen des Lebens. Auch in der Bibel erscheint irdisches Leben nur als „ein vergebliches Haschen nach Wind“ – doch mitten bei diesem dunklen Prediger steht ein Diamantsatz der Menschheit: „Gott hat uns die Ewigkeit ins Herz gelegt“ (Prediger 3, 11).
Das zielt in Richtung Paulus: Das Leben ist ein ziemlich beschlagener Spiegel, für ein nur dunkles Bild von uns selbst. Was sagt der Spiegel, die Natur – dir von dir: Du bist ein „nackter Affe“ (D. Morris), ein „intelligentes Schilfrohr“ ( B. Pasqual), nur „Schimmelpilzbefall“ (J. Monot) –
Aber gerade wenn wir unserer Toten gedenken, wissen wir, daß sie jedenfalls Bessere waren, und Hingabe ihr Leben prägte. Daß sie zu großer Energie fähig waren, zu Leidenschaft, auch zu Haß vielleicht, der auch ihnen ihr Antlitz verfinsterte, Idealismus verzerrte ihre Züge, vielleicht. – Es schien, auch sie haben zu ihrer Treue den wahren Herrn gesucht und auf Erden nicht gefunden, auch sie zielten doch auf sowas wie Gott. Sie sehnten sich auch nach Schönheit und Gutsein, nach Gewolltsein und Begehrtsein. Auch ihre Fragen waren größer als die Antwort aus der dunklen Natur: „Nur Gras bist du, das da frühe blüht und des Abends abgehauen wird und verdorrt“ (Psalm 90).
„Viele glaubhafte Äußerungen der Hoffnung und der Güte müssen wir finden, um die der Bitterkeit und des Zweifels aufzuwiegen, mit denen man so freigebig um sich geworfen hat“ – wohlwahr. Wie verklärt unser Erinnern schon die, die uns starben? Wir kleinen Menschen wollen sie nicht dem Nichts lassen, wir hoffen sie doch in Anderland gut und schön gemacht. Und wenn wir Kleinen für unsere Toten Glück brauchen, dann braucht Gott doch erst recht für seine Toten Leben – was wär das sonst für ein Gott?
Die Sehnsucht von Größerem und für Größeres gewollt, gerufen, erfunden, zu sein – ist doch das Menschliche an uns. Wohlwahr, wir sind aus brüchigem Material, ein Wörtlein kann uns fällen – aber auch sind wir aus auf ein Schauen von Angesicht zu Angesicht: als ein Ganzes wahrgenommen wollen wir sein. Und das steht aus, das ist unser Los: Hier haben wir keine bleibende Stadt, hier keine vollkommene Freude, hier nicht goldenes Zeitalter, hier nicht Himmel, hier nicht Gott – mit Irdischem ist unsere Sehnsucht nicht zu stillen.
Menschsein heißt jedes Werk für unvollkommen durchschauen müssen, jeden Menschen als Nichtgott zu entthronen, jede Freude hat ihren Trauerrand, der auch nicht weggeschminkt sein darf.
Vor allem: Weil das Vollkommene aussteht, sind wir alle unvollkommen und keiner schon fertig hier. Auch ist unser Wissen Stückwerk, unser Können unvollkommen. Und keiner ist zu schade für den Tod.
Nur eins von uns reicht über den Tod hinaus: Wenn das Vollkommene kommt, wird alles Stückwerk hinfällig, nur die Liebe bleibt. Die Bruchstücke Liebe werden gekrönt als die Brosamen des Ewigen, als Sternschnuppen, die unser Wahres Sein erhellten. „Ich war hungrig gewesen, und ihr habt mich gesättigt“ – sagt Gott in Christus und beschreibt damit die Schöpfungsqualität des Liebens: Die Sternschnuppen der Liebe haben uns erhellt, uns schön gemacht, geduldig, zart, haben uns einander erkennen lassen, wie wir von immer her gemeint sind.
Darum fehlen uns die Toten so sehr, um so mehr, als sie uns kleine Spiegel unseres Gutseins waren – oder sie fehlen uns, weil wir noch so viel Erkenntnis einander verweigert haben, und dann keine Zeit mehr blieb.
Man weiß erst, daß man ist, wenn man sich in anderen wiederfindet.
Goethes Wort rührt an das Geheimnis der Welt. Das Kind findet sich, spiegelt sich im Lachen der Mutter, im Lob des Vaters, im Treueschwur des Spielkameraden. Ich weiß, was ich gesagt habe, erst mit der Antwort. Meine Idee braucht deine Sicht der Dinge, um haltbar zu werden. Man weiß erst, was man denkt, durch den Widerspruch und Zuspruch des andern hindurch. Allein muß man „in ängstlicher Selbstverpanzerung erstarren“ (M. Frisch) – wie war die Liebe schon Rettung! Liebe hat uns immer als Teil eines Ganzen angesprochen, uns darum aus Vereinzelung erlöst, uns mitgenommen auf gemeinsame Fahrt, aufs Boot gemeinsamer Gefühle, Liebe hat uns teilen lassen Verantwortung und Träume. Liebe machte uns zu mehr, machte uns gut.
Außerdem, die sich lieben machen ihren Weg in die Unsterblichkeit, zuweilen sogar mehrmals; und sie müssen fortan fragen, wie sie dem Dauer verleihen könnten, was sie als etwas Ewiges durchlebt haben (R. Berthes); sie werden religiöser, weil sie auf den Geschmack gebracht sind an Ganzheit. Und seit man geliebt hat, schmerzt die Unvollkommenheit wie eine Wunde. Der, die Liebende weiß: „Alles, was ich ihm nicht sagen kann, tut mir weh“ (Johanna Walser). – Die Liebe sucht Brücken aus Worten und Blicken und Taten und braucht die Auferstehung. Die Liebe gebietet, das Abwischen der Tränen zu erhoffen und das Heilwerden dessen, was hier nicht zu einander konnte.
Man weiß erst, daß man ist, wenn man sich im andern wiederfindet. Darum fehlen uns die Menschen so, die uns starben, fehlen uns, je mehr sie uns die Liebe lehrten auch gerade durch ihr Gegenteil, die bittere Entbehrung. Man hat sich in ihnen gefunden, sie riefen uns ins Dasein. – Sie forderten uns Rollen ab, die wir ohne sie nie gekannt hätten. Sie trauten uns Fähigkeiten zu, die wir durch sie erst an uns kennenlernten. Wir haben sie noch bei uns als Abdruck ihres Körpers, als Textteile im Kopf, als der, die Passende – mit dem du ein Paar warst.
„Mit ihm war alles einfach“ auch das Schwierige, sagt die Liebe. – Ihr Wesen ist mit dem, der sich durch Tod entzog, in uns eingegangen. Vater, Mutter, Gefährte, Kind – wer auch uns abgeschält wurde, wir sind ein Stück sie selbst geworden. So bleiben sie mit einem und durch einen tätig. Sie haben uns geliebt und wir sie – sie waren uns schon Leuchtfeuer eines besseren Selbst, wir waren uns Sternzeichen einer Heimat, die nicht von dieser Welt ist, brachten uns die Klopfzeichen der Erinnerung an den Aufenthalt in einer vollkommenen Sphäre mit. Darum wissen Liebende ihre Toten im Haus von Licht. Und die Toten, denen niemand mehr nachsinnt, erst recht. – Gerade weil unser Wissen und Erinnern Stückwerk ist, gebietet die Liebe die Auferweckung von den Toten. Ihr trägt alles das Hoheitszeichen „Made in Heaven“, und jedes Lebendige ist Abbild von Ewigem. Die Liebe sieht nichts sich selbst überlassen. Jedes, auch die uns starben, gehört mit zu einem Ganzen. Was wir alle getrennt sind, ist Gott in einer Person. Sein „von Angesicht zu Angesicht“ hält uns existent, beschafft unserer Seele das Antlitz, das nie vergeht. – So sind auch die Toten unserer Sorge enthoben, und wir können uns den Lebenden widmen. Amen.
 

Wochenspruch vom 29.11.1998 mit kurzer Auslegung (T.G.)

Wochenspruch vom 06.12.1998 mit kurzer Auslegung (T.G.)


 



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